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„Wir haben in der SPD ein krasses Filterblasen- und Echokammer-Problem.“

Nils Heisterhagen Foto: Privat


Interview mit dem Sozialdemokraten Nils Heisterhagen zu seinem neuen Buch „Verantwortung“.

Ihr neues Buch heißt Verantwortung. Vermissen Sie die in der Politik?

Nils Heisterhagen: Ja. Ich meine Politik ist schwer. Wer Komplexität nicht anerkennen und nicht bewältigen will, hat in der Politik nichts zu suchen. In der Politik laufen zu viele gescheiterte Politikwissenschaftsstudenten herum, die immer genau wissen, was zu tun ist, aber eigentlich von nichts eine Ahnung haben. Verantwortung heißt, Komplexität bewältigen zu wollen und vor allem über Wege zu reden. Mir ist zu viel Haltung und eigene Echokammerbefriedigung in der Politik. Man sieht zunehmend nur noch schwarz und weiß und vergisst Fragen zu stellen. Der Punkt, der mich aber am meisten nervt, ist, dass das Operationale, das eigentlich zentral in der Politik ist, langsam verschwindet.

Was meinen Sie mit „das Operationale“?

Man ist oft nur noch auf der Metaebene unterwegs, begibt sich aber nicht mehr in das Kleinteilige. Geisteswissenschaftlichen Hokuspokus auf Social-Media mit großer Verve zu verkaufen, ist halt keine Politik. Das ist vor allem bei Jusos ein Problem. Mein Eindruck ist, dass da auch kaum noch gelesen wird. Stattdessen verrenken die sich auf Social-Media mit halsbrecherischer Symbolpolitik. Die Mutterpartei SPD ist davon angesteckt. Welcher normale Mensch soll das denn wählen? Ich will eine Politik des gesunden Menschenverstands. Eine Politik für die normalen Leute, und Spitzenpolitiker, die im Stoff sind und wissen wovon sie reden. Welche Jungpolitiker sind denn noch im Stoff? Die hängen doch auch nur noch auf Instagram und Twitter rum. Der Politiker-Typus Sigmar Gabriel, Helmut Schmidt und Wolfgang Schäuble stirbt doch gerade aus.

Sie fordern Ihre Partei, die SPD, dazu auf, zu einem „linken Realismus“ zurückzufinden. Was verstehen Sie darunter?

Mit dem „linken Realismus“ ist ein Dreiklang gemeint: Links in der Steuer- und Sozialpolitik, pragmatisch in der Wirtschaftspolitik und realistisch in der Migrationspolitik und bei der Inneren Sicherheit. „Starker Staat“, aber das konsequent durchgezogen. Ich bin gegen eine Marktwirtschaft, die sich selbst überlassen wird. Der Staat soll steuern, aber nicht dominieren. Links, aber vernünftig. Das ist meine Philosophie. Sachorientiert, an den Themen arbeitend, Symbolpolitik weitgehend unterlassend. Man muss eben wissen, wovon man redet. Man muss generell etwas zu sagen haben. Die SPD hingegen meint seit Jahren, sie macht eine geile Kommunikationskampagne und dann wird alles wieder gut. Man muss aber politisch was wollen. Man muss eine Agenda haben. Und die sollte auf die Realität antworten. Linker Realismus ist also auch eine Methode: Man fragt „was ist“ und sucht dann Antworten. Wer nur mit Ideologie und Haltung kommt und diese verkaufen will, der wird scheitern. Linker Realismus ist also eine ganze Philosophie. Es ist mehr als ein „Kurs“ oder eine „Strategie“. Es kann im Übrigen auch einen „christdemokratischen“ oder „freidemokratischen“ Realismus geben.

Große Teile der heutigen Linken begeistern sich sehr stark für Identitätspolitik. Für die SPD halten Sie das für eine Sackgasse.

Natürlich. Identitätspolitische Kämpfe sind oft sinnlose Grabenkämpfe, die Polarisierung befördern, anstatt irgendwas zu lösen. Politik sollte handlungsorientiert sein. Das ist für mich eine Verantwortungslinke. Eine haltungsorientierte Diskurslinke hingegen löst keine Probleme, die möchte oft einfach nur gerne Recht haben. So entstehen Sekten. Bist du bei mir oder nicht? Vor allem verliert sich Identitätspolitik zu oft im Partikularen. Es geht doch auch darum, über das Gemeinsame zu reden. Universalismus. Das ist, was die klassische New-Deal-Linke antreibt. Die postmoderne AstA-Linke will sich aber eher moralisch exponieren. Mir ist das fremd und ich halte das für zersetzend für den demokratischen Diskurs und auch für selbstschädigend was die eigene Wählbarkeit durch ganz normale Leute angeht.

Besonders spannend fand ich den Abschnitt in Ihrem Buch, in dem sie auf Hegel eingehen. Sie schreiben „Hegel hat in seiner Rechtsphilosophie, maßgeblich niedergeschrieben in den »Grundlinien der Philosophie des Rechts«, die Idee der Sittlichkeit eingeführt. Es war nicht nur Ziel des Staates, zum Vernunftstaat zu werden, gemäß Hegel war er es bereits. Die politische Wirklichkeit war für ihn vernünftig – geworden. Dabei seien die Sitten und die Sittlichkeit eigentlich etwas objektiv Vorhandenes, das man sich nur noch zu eigen machen müsse. Man müsse sich als Individuum nur diesen Sitten unterordnen. Die Individuen seien so eher als Ausführorgan der Sitten zu verstehen. Das ist wenig liberal oder individualistisch. Im Gegenteil haftet diesem Denken der Hauch des Holismus, ja ein gewisser Autoritarismus an“ und schlagen dann eine Brücke zum Denken der Grünen. Haben die Grünen Ihrer Ansicht nach ein so autoritäres Staatsverständnis wie Hegel es hatte?

Naja, die Grünen sind schon überwiegend paternalistisch und bevormundend. Sie sind mit dem moralischen Zeigefinger und der Demonstranz eigener Vortrefflichkeit immer sehr vorne mit dabei. Natürlich stehen da manche Sozialdemokraten ihnen in nichts nach. Es ist zu viel Hegel im Zeitgeist. Ulf Poschardt, der Chefredakteur der Welt, hat sich letztens über „nationalmoralistische Eliten“ echauffiert. Natürlich kann man nun sagen: Poschardt macht die Moral an sich verächtlich und dann könnte man ihn als rechtspopulistischen Trittbrettfahrer beschimpfen. Man kann aber auch mal fragen: Warum will man erwachsenen Menschen eigentlich ständig vorschreiben, was richtig und was falsch ist? Gesinnung kann politische Urteilskraft auch verdrängen. Das wusste schon der Philosoph und zeitweilige Sozialdemokrat Hermann Lübbe – der ja gerade eine gewisse Renaissance feiert. Man sollte den Menschen das Recht lassen, mündig zu sein, sie aber dazu auch ermuntern. Wer Hegel und den Grünen folgt, kann dazu neigen, das „Vernünftige“ nur noch auszuführen. Mündige Bürger sind hingegen zu einer offenen Debatte darüber in der Lage, was dieses Vernünftige eigentlich ist. Wir brauchen mehr Offenheit! Ulf Poschardt nennt sowas Liberalismus. Ich nenne es Republikanismus.

Sie beklagen sich darüber, dass Parteifreunde wie Kevin Kühnert gerne vom Sozialismus reden. Das hat man in der SPD, und besonders bei den Jungsozialisten, doch aber immer getan und niemand, selbst ihre Genossen, haben das selbst jemals wirklich ernst genommen. Ist das also heute wirklich mehr als sinnentleerte Folklore?

Ich kann nicht verstehen, wen man mit einem folkloristischen Kinder-Sozialismus erreichen will. Wen? Und wozu soll das dienen? Ist das wieder nur Symbolpolitik? Was ist da das Ziel? Ich verstehe es nicht. Diese unsinnige These von Kevin Kühnert von der BMW-Kollektivierung: Was soll das? Davon abgesehen, dass man sich lieber mal bei der Partei entschuldigen sollte, wenn große Betriebsratsvorsitzende sagen, wegen Kevin Kühnert sei die SPD nicht mehr wählbar, sollte man als Medienprofi doch eigentlich in der Lage sein zu erkennen, wenn eine eigene Idee so vollkommen auf eine Anti-Haltung stößt. Nur Ideologen machen dann noch weiter. Kevin Kühnert muss diesen Sozialismus – und bei der Kollektivierung ist es wirklich Anti-Kapitalismus und nicht nur Kapitalismuskritik – einfach mal tot machen. Sozialismus schadet der SPD massiv. Es sollte auch in Kevin Kühnerts eigenem Interesse liegen, nicht für ein naives politisches Kind gehalten zu werden. Saskia Eskens Interview im „Spiegel“ zum demokratischen Sozialismus war im Übrigen auch so überflüssig wie ein Interview nur überflüssig sein kann.

Sie sehen in diesem neuen Sozialismus also eher etwas Naives als eine ernstgemeinte Position?

Sagen wir so: Ich verstehe nicht wie man so tun kann, als ob man das wirklich ernst meint. Auf ihrem letzten Bundeskongress haben die Jusos da die Vergesellschaftung der Produktionsmittel gefordert. Was soll das? Wir leben im 21. Jahrhundert. Das ist schon naiv und einfach realitätsfern. Folklore pur. Natürlich musste die SPD mit dem Gerhard-Schröder-Kurs brechen. Aber sie soll doch bitte auch nicht vollkommen durchknallen. Viele Jusos, und ja auch ihr Vorsitzender, überspannen es aber und drängen die SPD gerade auf den Weg der französischen Sozialisten. Die sind bekanntermaßen vollkommen untergegangen. Will die SPD das? Ich kann der SPD nur raten, sich nicht zu radikalisieren. Eine Juso-Sekte wird mittelfristig genau da landen, wo die französischen Freunde schon sind, irgendwo bei 7-10 Prozent. Aber ja: Ein Mitte-Mitte-Mitte-Kurs hilft der SPD auch nicht weiter. Deswegen ja „linker Realismus“. Links, aber vernünftig. Natürlich ist mein linker Realismus auch links. Ich finde das traurig, dass ich das immer wieder sagen muss. Manche Jusos halten mich für den Ober-Seeheimer und schicken mir FDP-Mitgliedsanträge. Ich solle doch in die FDP eintreten. Es ist eine große politische Dummheit, wenn man glaubt, nur demokratische Sozialisten wären wirklich links. Das ist echt politische Bildung auf dem Niveau von Jugendlichen. Aber diese Infantilisierung übernimmt ja immer mehr und selbst bei eigentlich vernünftigen erwachsenen Leuten verrutschen da die Kategorien.

Die SPD hat Ihrer Ansicht nach, das Gespür für die Zukunft verloren. Ist das so etwas Neues? Der Scherz, die letzte Technik, deren Einführung die SPD befürwortet hat, sei der Farbfernseher gewesen, ist ja auch schon ein paar Jahrzehnte alt.

Tja, Ingenieure und Technikfreunde hat die SPD ja auch kaum mehr in den eigenen Reihen. Die werden von dem Übermaß von geisteswissenschaftlichem Hokuspokus ja auch verschreckt. Natürlich sind Techniker und Ingenieure nüchterner. Das kommt auch vom Studium. Die befremdet es, wenn sie in der SPD sind und dann ständig Fahnenappelle zu diesem und jenem leisten sollen. Politikwissenschaftler und Soziologen, und ja auch manche Juristen, haben aber oft einfach keine Lust auf Technik. Ökonomen sind da noch aufgeschlossener. Aber seitdem die SPD es auch geschafft hat, Wirtschaftsthemen nahezu komplett aus der eigenen Programmatik zu drängen (was sich gerade wieder etwas ändert), seitdem fehlen einfach die Leute, die für eine Technik-SPD stehen könnten. Die deutsche Technik-Partei ist heute die FDP. Wenn irgendwer Interesse für Technik zeigt, und für Technologieoffenheit wirbt, dann die FDP. Ich finde, die SPD muss wieder mehr zu einer Technikpartei werden. Lust auf Zukunft hat sehr zentral mit Lust auf neue Technik zu tun. In den 1970er Jahren hatte die SPD das. Und auch deswegen hat sie da ihre besten Zeiten gehabt. Ich finde es jedenfalls heute ziemlich lächerlich, wenn ich irgendwelche Appelle von Sozialdemokraten für Zukunftsoptimismus höre, diese Sozialdemokraten aber zugleich weder Ahnung von Technik haben, noch Bock darauf. Natürlich ist es anstrengend komplexe Themen wie Wasserstoff oder neue Kerntechnik zu verstehen. Aber nur solche Leute würden auch gewählt. SPD-Social-Media-Symbolpolitiker braucht hingegen kein normaler Bürger.

Sie sprechen sich für eine allgemeine Dienstpflicht aus. Was ist daran für Sie sozialdemokratisch? In der SPD finden Sie ja nicht viele Anhänger für solche Ideen.

Gut zwei Drittel der Deutschen befürworten die Idee einer allgemeinen Dienstpflicht laut ZDF-Politbarometer. Auch fast Zwei-Drittel der SPD-Anhänger, ja sogar fast genauso viele der angeblich so freiheitsliebenden FDP-Anhänger. Da gibt es eine unglaublich breite Mehrheit. Nur die liberalen Eliten finden das doof. In ihrem Hedonismus kommt es ihnen nicht in den Sinn einen Dienst an der Gemeinschaft zu tun. So eine Dienstpflicht schafft aber mehr Gemeinsinn – und den zu fördern halte ich für sozialdemokratisch. Durch so eine Dienstpflicht kommen aber auch ganz unterschiedliche Menschen mit verschiedenen Herkünften zusammen und ins Gespräch. Natürlich tut es einem Rich-Kid sehr gut mal ein Jahr lang mit einem Hauptschüler aus einem Hartz-IV-Haushalt in der Pflege zu arbeiten. Vielleicht werden sie sogar Freunde. Wir parzellieren uns zu sehr und wir entfernen uns immer mehr voneinander – habituell wie finanziell. Ich werde immer ein Sozialdemokrat sein, der für mehr Gemeinsinn wirbt. Wenn Annegret Kramp-Karrenbauer für diese allgemeine Dienstpflicht Partner und Unterstützer in der SPD sucht: Ich stehe an ihrer Seite. Nach dem sie ja jetzt quasi ihre politische Karriere beendet hat, kann sie ja auch noch freier diese Dienstpflicht fordern. Wäre ich SPD-Vorsitzender, würden wir das Gesetz dazu noch vor 2021 machen können. Das unterschreibe ich sofort.

Sie fordern, dass die Linke wieder eine Handlungslinke wird, die die Welt verändern will und kann. Und damit fordern Sie die SPD auf, sich zu ändern. Hand aufs Herz: Ist bei der SPD nicht längst die Messe gelesen? Gibt es da überhaupt noch das Personal, dass so einen Wechsel umsetzen kann?

Ich bin dieser Tage reichlich pessimistisch. Und auch etwas verbittert. Leistung und gute Arbeit zählen heute weniger in der SPD. Was zählt, sind Networking und braves Liken der Parteifreunde – wie Lemminge verhalten sich die Sozis. Wir haben in der SPD ein krasses Filterblasen- und Echokammer-Problem. Auf dem letzten Parteitag der SPD spottete ein vernünftiger Sozialdemokrat mir gegenüber, dass man vor dem Eingang in den Saal ein Schild aufstellen sollte: „Achtung, Sie betreten jetzt eine Filterblase.“ Das stimmt halt leider. Diese esoterische Selbstbespiegelung ist ein fundamentales Problem der SPD. Ich weiß aber auch nicht mehr, wie die SPD da rauskommen will. Sie scheint mir längst auf dem Weg in eine selbstreferenzielle Selbstzerstörung.

Was meinen Sie mit selbstreferenziell?

Viele Sozialdemokraten sind nicht mehr in der Lage von außen drauf zu sehen. Sie können sich kaum mehr in die Lage normaler Wähler hineinversetzen. Sie reden für ein internes Publikum und suchen ihre Anerkennung nicht durch den Wähler, sondern durch ihre Parteifreunde. Wenn ich ehrlich bin: Das Einzige, was helfen kann, ist, dass linke Realisten auch beim Personal Spitzenämter übernehmen. Diese momentane SPD ist von unten durch „Dialog“ und „Debatte“ nicht mehr rettbar. Wir haben jetzt jahrelang die gleichen sinnlosen Debatten mit den gleichen Argumenten gehört. Strategisch ist die Sache aber längst entschieden: Realisten gewinnen Wahlen. Man braucht über Strategie nicht mehr reden. Es wird jetzt Zeit, dass man sie umsetzt. Die SPD hat keine Zeit mehr rum zu diskutieren. Sehr viele Mandatsträger und viele ihrer Mitarbeiter könnten 2021 ihre Jobs verlieren. Ein Absturz der SPD auf 10-11 Prozent ist nicht unrealistisch. Es muss sich jetzt was ändern. Nach der Hamburg-Wahl muss die SPD über ihren Weg reden. Momentan jedenfalls ist kein Kurs und keine Strategie erkennbar. Einfach Laufenlassen ist keine Option. Ich bin das Warnen und Mahnen auch satt. Sozialdemokraten müssen selbst wissen, was sie wollen. Als Möchtegern-Sozialisten oder linksliberale Ästhetiker werden sie aber einfach keinen Blumentopf gewinnen. Da werden sie einfach nur ihre Jobs verlieren.

 

Vielen Dank für das Interview Herr Heisterhagen.

 

Zum Buch beim Dietz-Verlag: http://dietz-verlag.de/isbn/9783801205690/Verantwortung-Fuer-einen-neuen-politischen-Gemeinsinn-in-Zeiten-des-Wandels-Nils-Heisterhagen

Nils Heisterhagen

Verantwortung                                                                                                                       Für einen neuen politischen Gemeinsinn in Zeiten des Wandels

224 Seiten
Broschur
19,90 Euro
ISBN 978-3-8012-0569-0

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14 Kommentare zu “„Wir haben in der SPD ein krasses Filterblasen- und Echokammer-Problem.“

  • #1
    Werntreu Golmeran

    Wow, welch geballte Sachkompetenz schlägt einem da denn entgegen!? Politologe, ja! Aber abgeschlossen mit Promotion, da weiss man, wie es in der wirklichen Welt vor sich geht.

    Politiker wie "Sigmar Gabriel, Helmut Schmidt und Wolfgang Schäuble" vermisst der Herr. Meint er den Sigmar Gabriel von der Deutschen Bank? Den Kriegstreiber Schäuble, der 1998 seinen Stuhl als Vorsitzender der CDU räumen musste, weil er sich vom später verurteilten Waffen-Lobbyisten Karlheinz Schreiber 100.000 DM hat zustecken lassen, weil der sich davon versprach, dass die Bundesregierung unter Helmut Kohl das Bear-Head Waffendeal mit Kanada unterstützen würde? Meint Herr Heisterhagen den Herrn Schmidt, der Ende der 70er Jahre die progressive Jugend aus der SPD vergrault hat und damit zum Geburtshelfer der Grünen würde? Unsympathischere Apparatschiks, die sind ihm wohl nicht eingefallen.

    Vielleicht muss ich Politologie studieren, um diesen Gedankengängen zu folgen. Logisch ist das jedenfalls nicht.

  • #2
    Wolfram Obermanns

    Ob ich Gabriel, Schäuble und Schmidt als Beispiel gewählt hätte, weiß ich auch nicht. Aber immerhin haben alle drei eine von meinen Auffassungen abweichende Politik betrieben, über die sich diskutieren lässt.
    Kühnerts Politik wirkt dagegen wie die Dinoskelette im Museum für Naturkunde, die Kinderphantasie anregende eyecatcher aber tot. Boryans und Eskens hingegen regen die Phantasie von fast niemanden mehr an. Ich gehe aktuell davon aus, daß in etwa acht Jahren die SPD die 10%-Grenze testet. Dann sind viele alte Genossen ein paar Jahre im Ruhestand und neue Posten sind nicht mehr zu vergeben.

  • #3
    Werner Schmidt

    @Wolfram Obermanns

    ist ja mittlerweile hinreichend bekannt, dass du ein (Tarnkappen-) Rechter bist. Da braucht es kein weiteres bashing von Kevin Kühnert, Boryans und Eskens.

  • #4
    Arnold Voss

    Links sein und Vernunft soll also neu zusammengeführt werden? Und wie ist das mit rechts. liberal oder fascho sein? Müssen diese drei politischen Richtungen auch wieder zur Vernunft finden? Oder ist damit nur gemeint, dass der Autor ein Garant für Vernunft ist und deswegen alles was er zum links sein schreibt, vernünftig ist und das was andere dazu denken nicht?

  • #5
    Berthold Grabe

    Man muss schon unterschieden zwischen Umsetzungs- und Realitätskompetenz, Opportunität und realistische Machtoptionen.
    Das ist nicht alles unter einen Hut zu bringen und Grund, warum Menschen zu den Grünen überliefen und Leute wie Kühnert lieber solche Phantasien bedienen.
    Gabriel hatte an der Parteispitze nicht den Mut diese Linie trotz besseren Wissens durchzuziehen,
    Aber Kompetenz besaß er.
    Schmidt hat den Mut dazu, aber die ehrgeizige arrogante Dummheit der damaligen noch jungen Haltungspolitiker ist ihm nicht gefolgt.
    Und bei Schäuble ist die Kompetenz unbestreitbar, allerdings ebenso wie seine Überheblichkeit.

  • #6
    Werntreu Golmeran

    Ja, Herr Schäuble war einer der kompetentesten Innenminister die wir in Deutschland hatten. Ich glaube eines seiner ersten Gesetze, das Wahlgesetz für die erste gesamtdeutsche Wahl 1990 war teilweise verfassungswidrig, die Voratsdatenspeicherung, sein Luftsicherheitsgesetz fiel alles beim Bundesverfassungsgericht durch. Die Liste ließe sich noch fortsetzen, weswegen Herr Schäuble auch gerne mal die Kompetenzen des Bundesverfassungsgerichts beschneiden wollte bzw. die Verfassung ändern wollte. Toller Typ!

  • #7
    Nina

    Den Gemeinsinn zu fördern finde ich gut, denn ich denke wir haben in den letzten Jahrzehnten Gemeinschaften verloren und mangelnde Bindungen werden als eine mögliche Ursache ausgemacht, warum Menschen nach Orientierung suchen (und dabei vielleicht auf die Falschen treffen). Aber muss das unter Zwang ("Dienstpflicht") geschehen?
    Online wird der Gemeinsinn längst gefördert und zeigt Früchte, Zuckerberg hat das Problem vor der Politik erkannt und mit Facebook eine Möglichkeit geschaffen, Gemeinschaften zu bilden. Wenn die "Dienstpflicht" die offline-Antwort in unserem Land sein soll, ist es schade weil autoritär und verkürzt gedacht (leider eben nicht komplex gedacht).

  • #8
    Berthold Grabe

    @6
    Es ist halt ein Unterschied ob man kompetent oder gleichzeitig auch prinzipientreu ist.
    Kompetent ist Schäuble, aber weder verfassungsloyal noch prinzipientreu.

  • #9
    Werntreu Golmeran

    Ja, da hat die Nina toootal Recht!
    Seit es das Facebook gibt, geht es den Leuten in den Krankenhäusern, Altenheimen und anderen Einrichtungen, in denen früher Zivis gearbeitet haben, viel, viel besser. Wieso soll ein junger Mensch seine Zeit mit Waschen und Hintern abputzen verschwenden, wenn es doch Facebook und Co. gibt. Das sind so tolle Tools, da stört es doch nur, wenn Omi und Opi im Heim durch so sinnlose Dinge wie Gespräche, Waschen, Wenden etc. abgelenkt werden.

    Es reicht doch, wenn man per Facebook darüber informiert ist, wenn Omi oder Opi den Löffel abgeben hat, damit man dann online eine "digitale Kerze" aufstellen kann und Online-Steuerberater und Finanzberater mit der optimierten Anlage des Erbes zu betrauen.

  • #10
    Wolfram Obermanns

    #7 Nina
    Ihr Posting verstehe ich nicht.
    Social-media Gemeinschaften sind immer etwas Gutes?
    Zuckerberg arbeitet daran, daß Gemeinsinn entsteht? Bis jetzt hatte ich angenommen, der arbeitet an einer Datenbank für personalisierte Werbung.

  • #11
    Wolfram Obermanns

    #4 Arnold
    Das Thema des besprochenen Buches ist die SPD und nicht FDP oder CDU. Der "Realismus" letzterer findet sich darum nur in einem Seitenschlenker des Interviews. Außerdem ist für unser Land der Absturz der SPD aktuell das drängendere Thema, weil sich die FDP ohnehin dauerhaft in prekärer Situation befindet und die CDU an der Wahlurne doch noch weniger gebeutelt ist.

    Meine These von den 10% in acht Jahren oder der bereits gelesenen Messe von Stefan werden, falls es denn so geschieht, die Realität in den Parlamenten in einer Weise ändern, von dem uns Thüringen gerade nur einen Vorgeschmack bietet. Das Abrauchen der SPD ist ein Institutionsversagen in unserer parlamentarischen Demokratie.
    Als Therapie der der SPD-nahestehenden Milieus nehme ich nur Gesundbeten, Leugnen der inhaltlichen Krise, Salafisten-Romantik (back to the roots), eine allgemeine, unglaubliche intellektuelle Trägheit und in Sachfragen atemberaubend selbstgefällig, nachlässige Bräsigkeit wahr. Man könnte meinen DER SPD-Deligierte und seine Unterstützer stünden unter Drogen.
    Vergleichbare Idiotie findet sich auch in anderen Parteien, aber die SPD scheint es am schlimmsten erwischt zu haben.

  • #12
    Jürgen Voß

    Die voreilige Etikettierung des Autors als "rechts" bestätigt nur seine Ausführungen. Was nützt das ständige Beschimpfen der anderen Meinung bis hin zur persönlichen Ausgrenzung? Die Folgen sind Resignation und Wahlenthaltung. Ich kann als alter Ruhrgebietsjunge und klassischer SPD-Wähler (über 50 Jahre) mir gar nicht mehr vorstellen, diese Partei noch einmal zu wählen. Und wenn die SPD glaubt, mit kleinen berufslosen Patenschwätzern, die sich nur persönlich endlich so etwas wie eine Existenz ohne Arbeit verschaffen wollen, aus der Misere herauszukommen (die beiden neuen Vorsitzenden wären auch noch eine kritische Inaugenscheinnahme wert) , ist sie wirklich schief gewickelt.

  • #13
    Nina

    @#10 Wolfram Obermanns:

    In dem Interview geht es u.a. um mangelnden/rückläufigen Gemeinsinn und die Antwort der SPD lautet Zwang ("Dienstpflicht"). Ich lehne solche Zwänge ab und ich mag nicht, dass die Generationen nach mir vom Staat zu etwas verpflichtet werden, was sie vielleicht nicht wollen. Es ist schön, wenn angeblich eine Mehrheit das anders sieht, aber diese Mehrheit ist auch fein raus und vermutlich nicht in dem Alter, das es betreffen könnte.
    Ich halte Gemeinsinn auch für sehr wichtig und habe das Beispiel Facebook genannt, stellvertretend für alle Möglichkeiten des Gemeinsinns in der online Realität. Zuckerberg ist komplexer als er scheint, er ist einer der Unternehmer, der neben dem Geld verdienen tatsächlich Gemeinsinn fördert indem er Möglichkeiten für communities schafft. Dies ist online sehr erfolgreich.
    Es freut mich, dass die großen Parteien ebenfalls nach Optionen suchen, in der offline Realität Gemeinsinn zu fördern. Aber Zwang kann nicht die Antwort sein.
    Ich denke an Optionen im Bereich Wirtschaft (Stichwort Pflege, Stichwort Vergünstigungen für Niedrigverdiener) und Bildung (Stichwort neue Lerninhalte betreff Ethik und Digitalisierung sowie Resilienz).

  • #14
    Wolfram Obermanns

    #13 Nina
    Könnten Sie, könntest Du mal ein Beispiel nennen, was mit den Online-Communities gemeint ist. Ich stehe immer noch auf dem Schlauch.
    Tatsächlich halte ich Zuckerberg für einen primär und vor allem anderen dem eigenen finanziellen Vorteil verpflichteten Wicht und weiß von keiner sozialen Initiative seinerseits.

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