Wissenschaft ist vorläufig – das ist ihre Stärke

Universität Oxford – Eines der Zentren der modernen Wissenschaft Foto: Nikos D. Karabelas Lizenz: CC-BY 4.0

Wissenschaftliche Erkenntnisse sind zwar zumeist etwas langlebiger als die Ministerpräsidentenschaft von Thomas Kemmerich, aber wie diese sind sie von vorneherein dazu gedacht, in Frage gestellt und möglichst bald durch etwas Besseres ersetzt zu werden.

Wenn Herr Kemmerich also das Laschet-Zitat twittert („Wenn Virologen alle paar Tage ihre Meinung ändern, müssen wir in der Politik dagegenhalten“), dann beschwört er die Idee, es sei irgendwie mannhaft  oder konsequent, zu einer Meinung zu stehen, die inzwischen überholt ist. Dabei ist eben das Gegenteil der Fall. Es ist redlich und erfordert Mut, seine Aussagen zu revidieren, sobald neue Tatsachen ans Licht kommen. Dies ist in der Wissenschaft der Normalfall (auch wenn das nicht heißt, dass es dem einzelnen Wissenschaftler nicht manchmal schwerfällt, diesen wissenschafltichen Normalfall


auch in Bezug auf die eigene Forschung zu akzeptieren). In der Politik ist der Normalfall, das eigene Handeln als unfehlbar darzustellen. Politiker verwenden große Mühen darauf, möglichst nichts Konkretes zu sagen, dies aber mit großer Überzeugung. In der Wissenschaft ist es umgekehrt. Hier werden sehr konkrete Fakten dargestellt, jedoch mit allerhand Einschränkungen und „Abers“.

Laschets Formulierung ist entlarvend: Virologen hätten eine „Meinung“, die sie ändern. Dabei haben sie – jedenfalls, wenn sie wissenschaftlich redlich arbeiten – lediglich einen Satz Fakten, den sie interpretieren müssen. Im Allgemeinen tun Wissenschaftler das mit großer Vorsicht. Und dennoch müssen sie, wenn Entscheidungen anstehen, mit diesen Fakten arbeiten. Es nützt ja nichts, sich irgendeine „Meinung“ auszudenken und zu dieser zu stehen, wenn wenigstens ein paar Erkenntnisse da sind, die in eine Richtung deuten. Dann sollte man vorläufig dieser Richtung folgen und den Kurs korrigieren, sobald neue Tatsachen eintreffen. Das ist eben das diametrale Gegenteil von dem, was ein Politiker tut. Dieser behauptet als erstes, zu wissen, wo es lang geht und der kompetenteste Steuermann von allen zu sein. Am liebsten legt er sich dabei auf gar keinen Kurs fest sondern sagt Dinge wie „hier müssen wir ganz entschieden an die Bürger denken und unbeirrt Strukturen verbessern“. Wenn er aber mal doch etwas Konkretes gesagt hat, dann will er auf keinen Fall wie ein „Umfaller“ dastehen.

In den AfD-nahen Feuchtgebieten der Blogosphäre geht derzeit ein „satirischer“ Text um, der süffisant auf die Widersprüche der wissenschaftlichen Empfehlungen hinweist (etwa, geschlossene Räume zu meiden, aber zuhause zu bleiben). Das einschlägige Publikum in den Kommentaren amüsiert sich köstlich, schließlich sieht es in jeder Inkonsequenz eine Schwäche, sehnt sich nach starker – sprich widerspruchsfreier – Führung und hegt einen tiefen Hass auf die bestehenden Machtverhältnisse, die auf die Integration von Widersprüchen und Diversität ausgerichtet sind. Autoritäre Persönlichkeiten können es nur schwer ertragen, wenn man sie mit einem „ja, aber“ oder einem „sowohl als auch“ konfrontiert. Die Tatsache, dass Erkenntnisse vorläufig, uneindeutig oder widersprüchlich sind, wird hier als Waffe gegen die Wissenschaft (und jene, die sich an ihr orientieren) eingesetzt. Und das gleiche gilt in esoterisch-alternativen Kreisen. Wer mit Homöopathen diskutiert, landet ganz schnell bei Ausführungen darüber, dass man ja die Dunkle Materie auch noch nicht durchschaut hat. Die (zutreffende) Tatsache, dass man vieles nicht weiß, wird also als Argument eingesetzt und zwar nicht nur, um das in Frage zu stellen, was man weiß (die Wirkung von Homoöpathie konnte nicht bewiesen werden). Das wäre ja noch legitim. Sondern auch, um zu begründen, wieso man einfach irgendetwas glaubt. Wenn nicht wissenschaftliche Methoden der Erkenntnisfindung meine Richtschnur sind, dann kann ich völlig beliebig Dinge zu Fakten erklären und was sich durchsetzt unterliegt dann den Fragen des persönlichen Geschmacks und vor allem des Marketings.

Es ist ja wahr: Wissenschaftliche Methoden werden benutzt – sagen wir missbraucht – um Ideologien zu stützen, um Meinungen zu bestätigen und um Zeug zu verkaufen. Es ist ja völlig richtig, dass man Aussagen der Pharma-Industrie oder anderer Hersteller kritisch prüft. Die haben ein Interesse (auch wenn das Interesse nicht gerade sein kann, etwas völlig wirkungsloses oder lebensgefährliches zu verkaufen, das kommt nämlich irgendwann raus und kostet dann Milliarden) und die werden die Widersprüche der Forschungsergebnisse in ihrem Sinne interpretieren. Darauf kann und muss man mit noch besserer Wissenschaft reagieren. Wenn die Behauptung (sagen wir: „Medikament X ist das Beste auf der ganzen Welt“) nämlich nicht stimmt, dann ist dies ein Fakt, der nachgewiesen werden kann. Nur deswegen werden Pharma-Skandale aufgedeckt, werden Medikamente wieder vom Markt genommen, werden Fachinformationen ständig angepasst. Aber genau jene, die „die Pharmaindustrie“ (teilweise zu Recht) kritisieren, werfen ihr Geld ungeprüft einer anderen, „alternativen“ Industrie in den Rachen, die stattdessen gar nicht erst versucht, ihre Methoden zu begründen.

Im Übrigen sind es üblicherweise nicht die Wissenschaftler, die irgendwelche Erkenntnisse als einfache oder absolute Wahrheiten darstellen. Die „angeblichen Experten“ zu kritisieren, die vermeintlich die Richtung vorgeben, ist eine kleingeistige Haltung, die den Prozess von der Forschung bis zu deren gesellschaftlicher Wirkung unberücksichtigt lässt. Wissenschaftler, sofern sie nicht medien-geschult und hungrig nach Aufmerksamkeit sind, äußern sich zumeist sehr zurückhaltend. Die sagen „in dieser Studie konnte ein Zusammenhang unter Berücksichtigung von blablabla nicht nachgewiesen werden“. Es sind die Medien, mit ihrer Obsession für knallige Überschriften, es sind die Marketing-Abteilungen mit ihrem Zwang nach verkaufsfördernden Vereinfachungen, es sind die Politiker, mit ihrem Bedürfnis nach Legitimierung des eigenen Handelns, die aus den Aussagen der Wissenschaftler simple Rezepte machen.

Vieles, was wir momentan entscheiden, tun, unterlassen, wird sich im Nachhinein als falsch oder wenigstens nicht optimal herausstellen. Das liegt in der Natur der Sache, wenn eine neue Bedrohung auftaucht. Das einzige, was wir tun können, ist unser Handeln wenigstens auf die Basis der Erkenntnisse zu stellen, die an diesem Tag vorliegen. Und es anzupassen, sobald wir neues Wissen haben. Mannhaft, mutig und konsequent ist es dieser Tage, wenn man dazu steht, dass man improvisiert. Jedem, der behauptet, seine Meinung nicht alle zwei Tage zu ändern, sollte man zutiefst misstrauen.

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5 Kommentare

  1. #1 | Kees Jaratz sagt am 4. Mai 2020 um 09:51 Uhr

    Ich füge dem letzten Satz hinzu, man muss jedem misstrauen, der die Unterscheidung zwischen Meinung und wissenschaftlicher Erkenntnis verwischt.

    https://zebrastreifenblog.wordpress.com/2020/05/02/erkenntnis-ist-nicht-meinung/

  2. #2 | Lutz sagt am 4. Mai 2020 um 22:06 Uhr

    Zu sagen: "Wissenschaft ist vorläufig", ist ein absoluter Schmarrn. Ich jedenfalls hoffe sehr, dass Wissenschaft auch in Zukunft existiert und nicht, zum Beispiel, von Ideologen und Glaubensfanatikern jeglicher Couleur, verdrängt oder verfolgt wird. Die Autorin hat das ja "eigentlich" (hoffentlich) auch gar nicht so gemeint. Gemeint ist offensichtlich, dass wissenschaftliche Erkenntnisse allenfalls Anspruch auf "vorläufige Wahrheit" erheben können. Das jedenfalls lehrt die wissenschaftstheoretische Konzeption des Kritischen Rationalismus, wie sie Popper in seinem zentralen Werk "Die Logik der Forschung" ausbreitet (selbstverständlich gibt es andere wissenschaftstheoretische Ansätze). Im Zentrum bei Popper steht die "Falsifizierbarkeit" von Aussagen bzw. Hypothesen. Diese muss intersubjektiv möglich sein. Das setzt vor allen Dingen voraus, dass solche Aussagen in einer Weise formuliert sind, dass sie – durch Konfrontation mit der Empirie – widerlegt werden können. Letzteres bedingt aber auch gewisse Anforderungen an die Sprache, in der Aussagen (wissenschaftliche Hypothesen und Gesetze) formuliert werden. Zentrale Schriften sind "Die Logik der Forschung" und "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde". Im deutsch-österreicheischen Sprachraum ist Hans Albert (Traktat über kritische Vernunft) Vertreter des Kritischen Rationalismus. Unter den Politikern in Deutschland war Helmut Schmidt ein bekennender bis glühender Jünger dieser Wissenschaftstheorie.

  3. #3 | Antifeminismus 2020 - vermeintlich von links - Feuerstein sagt am 3. Dezember 2020 um 11:55 Uhr

    […] ist ein Grund für diese Ereignisse. Dies mag auch an einem Unverständnis darüber liegen, wie Wissenschaft funktioniert. Derzeit wird bei gewissen, emotional aufgeladenen Themen nicht argumentiert oder debattiert, […]

  4. #4 | Walter Stach sagt am 3. Dezember 2020 um 14:25 Uhr

    Zustimmung meinerseits zu den "Kernaussagen" im Kommentar und zu den bisherigen 2 Beiträgen dazu.
    Anderes zu denken, zu begründen und auszusagen erscheint mir objektiv unmöglich.

    Solange allerdings in der Gesellschaft -in der "unseren"- es die Meinungen, richtiger wohl "die " Meinugsmache (r) sind -jenseits und oftmals in Widerspruch zur "Wissenschaft"-, die primär das Tun bzw. dass Unterlassen der Menschen , ihrer gesellschaftlicher Organisationen und der staatlicher Organe bestimmen, ist das stets in jedem Diskurs mitzudenken, ansonsten wäre es ein irrealer. "Soweit so gut oder soweit so schlecht".
    Nachdenklich macht mich folglich ehe meine Wahrnehmung, daß seit "einiger Zeit" in die Medien mehr und mehr eine "faktenfreie", eine "faktenwidrige", eine gezielt "wissenschaftsfeindliche" Meinungsmache zu dominieren scheint In der Vergangenheit galt das für die sog. Printmedien nur partiell -sh. vor allem die BILD -, derzeit jedoch zunehmend auch für viele "andere" Blätter in Folge ihrer Anstrengungen, den permanenten Auflageschwund zu stoppen, Dieserhalb sind allerdings für mich die Printmedien -leider- ein zu vernachlässigender Faktor angesichts der meinungsmachende Dominanz der sog. sozialen, richtiger wohl der a – sozialen Netzwerken. Wenn ich das bedenke, muß ich zugleich und folgerichtig fragen, ob die "Kernaussagen" im o.a. Kommentar und in den o.a. Beiträgen -einschließlich des Inhaltes der dortigen Verweisungen- letztendlich nicht "ins Leere gehen". Läßt sich daran etwas ändern? Wie ließe sich daran etwas ändern? Das Nachdenken darüber führt zwangsläufig zu der Frage ,ob die Meinungsbildung in der Gesellschaft und die darauf bezogene Meinungs- und Entscheidungsmacht in einem als freiheitlich -demokratisch ratie organisierten Gemeinwesen dem Grunde nach in Frage zu stellen ist. M.E. ist das unumgänglich notwendig, wenn es darum geht, darum gehen sollte, das Fundament einer Gesellschaft, die freiheitlich und das Fundament eines Staates, der demokratisch sein will. substantiell zu erneuern bevor sie zerbrechen. Und dazu beitragen kann ein Kommentar wie der obige und Beiträge wie die zu -1- und zu -2-.

  5. #5 | Berthold Grabe sagt am 3. Dezember 2020 um 16:43 Uhr

    Ich kann der Kritik nicht so vorbehaltlos folgen, auch wenn es nicht auszuschließen ist, das der Autor richtig interpretiert, was Laschet gesagt hat.
    Es ist aber auch eine andere Lesart plausibel, nämlich das Wissenschaft sich nicht um praktische Probleme schert, die planbare Aussagen brauchen.
    Es reicht eben nicht alle Nase lang neue Theorien in unsicherer Erkenntnislage zu produzieren, die schon morgen das Geschwätz von gestern sind.
    Der Drang sich abzusichern ist hier kontraproduktiv, wenn auch verständlich in Zeiten wo es zum Prinzip gehört gegenteilige Meinungen notfalls sogar herbeizuzerren um sich kritisch zu demonstrieren.
    Manchmal muss man sich festlegen auch wenn es sich am Ende als falsch erweist, weil die Unsicherheit viel größeren Schaden verursacht.
    Was ja gerade bei Convid 19 gerade exemplarisch vorexerziert wurde.
    Es reicht eben nicht wissenschaftlich korrekt auf der sicheren Seite zu bleiben, wenn Handlungsnot keinen Aufschub duldet.

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