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Zöpel will Duisburg-Bruckhausen erhalten

 

Christoph Zöpel

Christoph Zöpel, Minister unter Johannes Rau und Vater der Internationalen Bauausstellung im Ruhrgebiet, fordert in einem offenen Brief den Erhalt des in Teilen vom Abriss bedrohten Duisburger Stadtteil Bruckhausen. Wir dokumentieren das Schreiben.

An für die Entwicklung der Agglomeration Ruhr Verantwortliche und Engagierte!

Dem Duisburger Stadtteil Bruckhausen droht zur Hälfte – etwa 175 Häuser mit rund 500 Wohnungen – der Abriss aufgrund baurechtlicher Beschlüsse des Rates der Stadt Duisburg. Dieser Abriss würde die städtebauliche Entwicklungskonzeption für die Ag- glomeration Ruhr gefährden, ja konterkarieren, eine Konzeption, die seit Anfang der 1980er Jahre möglich gemacht wurde und dann mit der IBA Emscher Park und dem Emscher Landschaftspark mit europaweiter Resonanz umgesetzt und weiter gestaltet wurde und wird. Der Abriss sollte deshalb verhindert werden.

Bruckhausen ist ein kompakter gründerzeitlich geprägter Stadtteil mit einer Tragfähigkeit für 3000 Einwohner. Er ist von fast singulärer baugeschichtlicher Bedeutung, die denkmalschützende Maßnahmen erfordert. Die Zerstörungen des 2.Weltkriegs und die städtebaulichen Abrisse der Nachkriegszeit haben in der Agglomeration Ruhr nur weni- ge vergleichbare Siedlungsbereiche bestehen lassen.

Heute bietet Bruckhausen allerdings teilweise das Bild baulicher und sozialer Zerstö- rungen, die im Stil der 1960/70 er Jahre die „Flächensanierung“ vorbereiten. So lässt sich der Eindruck der radikalen Sanierungsnotwendigkeit vermitteln. Bruckhausen ist mit der Strategie erhaltender Stadterneuerung, die seit Beginn der 1980er Jahre im damaligen Ministerium für Landes- und Stadtentwicklung konzipiert und umgesetzt wurde und seitdem von allen für Stadtentwicklung zuständigen Ministerien weitergeführt wird, verbunden. Bereits in den 1970er Jahren gab es Pläne zur Flächensanierung in Bruckhausen, um die wirtschaftliche Entwicklung der benachbarten  Stahlproduktionsanlagen von Thyssen nicht zu gefährden. Das wurde mit den damals bekannten Umweltproblemen und ihren unzureichenden Vermeidungsmöglichkeiten begründet. In diese Zeit fielen in der Agglomeration Ruhr manche städtebaulichen Abrissmaßnahmen, die aber die Beendigung schwerindustrieller Produktion nicht aufhalten konnten und so aus heutiger Sicht sozialökonomisch wie städtebaulich sinnlos waren.

In Bruckhausen wurde auf Betreiben des Ministeriums eine behutsame städtebauliche Entwicklung begonnen und mit erheblichem Mittelaufwand gefördert. Das gehörte zur landesweiten Beendigung von Flächensanierungen, die die bau- wie industriegeschichtlich bedeutsamen Stadtteile, Arbeitersiedlungen, Bahnhöfe, und Industrieanlagen bewahrte – häufig gegen den Widerstand kurzfristiger kommunaler und unternehmerischer Interessen. In Duisburg gab es dabei die Auseinandersetzung um den Erhalt des historischen Kerns von Ruhrort mit seinen prägenden Kirchtürmen, die nur durch die denkmalrechtliche Entscheidung des Ministeriums erhalten blieben – jetzt wohl unstreitig akzeptiert und kein Hemmnis für die Entwicklung des Nachbarn Haniel.

Die Zeche Zollverein hätte nicht Weltkulturerbe werden, die IBA nicht stattfinden können ohne diese vorlaufende konfliktreiche Stadtentwicklungspolitik des Landes. Heute wird das alles für eine Selbstverständlichkeit gehalten, die sozialzerstörerischen Wir- kungen von Flächensanierungen sind seit etwa 25 Jahren in Nordrhein-Westfalen nicht mehr erfahrbar. Hier liegt auch ein Grund für den geringen Widerstand gegen den Abriss in Bruckhausen. Der andere Grund liegt in der dortigen Bevölkerungsstruktur, zu etwa 80 % türkischstämmige Migranten. Zu den schwierigen Erfordernissen deren de- mokratischer Integration gehört es, berechtigten Widerstand gegen für sie sozialun- verträgliche politische Entscheidungen zu erlernen. Der Erhalt von Bruckhausen ist auch ein erforderlicher Beitrag zur Integration von Zuwanderern.

Die Flächensanierung in Bruckhausen wird – wie früher – mit den Interessen der Stahl- produktionsanlagen begründet. Das ist eine aus der Zeit fallende Argumentation. Bei den heute gegebenen umweltschützenden Möglichkeiten wäre Bruckhausen das schla- gende Beispiel dafür, dass schwerindustrielle Produktionsanlagen und Siedlungen mit dem Charakter der europäischen Stadt nebeneinander möglich sind. Wer die Agglome- ration Ruhr im 21. Jahrhundert als Industriestandort mit Millionen Einwohnern weiter- entwickeln will, müsste sich gerade für den Erhalt von Bruckhausen einsetzen, das gilt für landes- und kommunalpolitische Entscheidungen wie für unternehmerische Strategien.

Die Planungen der Stadt Duisburg, nach der Flächensanierung in Bruckhausen Grünflächen entstehen zu lassen, ist geradezu widersinnig. Seit dem Entwicklungsprogramm Ruhr des Jahres 1968 besteht die Erkenntnis, dass es in der Agglomeration Ruhr eine relativ geringe Siedlungsdichte gibt, nach dem Bedeutungsverlust der Schwerindustrie sind ausreichende Freiflächen allfällig sichtbar – das Projekt des Emscher Landschafts- parks setzt diese Tatsachen um.

Es gibt seit Beginn der 1980er Jahre ausreichende Erfahrungen wie Stadtteile sozialverträglich erhalten, wiederbelebt und weiterentwickelt werden können. Das ist möglich, wenn Kommunen und Unternehmen das wollen oder zumindest ertragen. Das Land verfügt über ein breites bau- wie denkmalrechtliches und förderpolitisches Instrumentarium, um die erforderliche städtebauliche Gestaltung durchzusetzen.

Lassen Sie mich mit einer persönlichen Bemerkung schließen. Meine Tätigkeit als für die Stadtentwicklung zuständiger Minister endete im Juni 1990, also vor über 20 Jahren. Seitdem habe ich mich so gut wie nicht zu der Stadtentwicklungspolitik meiner Amtsnachfolger öffentlich geäußert, es sei denn unterstützend – das entspricht meinem Verständnis vom Umgang zwischen politischen Amtsträgern in einem demokratischen System. Die Flächensanierung in Bruckhausen aber ist ein Vorhaben, das eine öffentlich allgemein getragene positive Entwicklung der städtischen Lebensbedingungen in der Agglomeration Ruhr gefährdet. Deshalb bemühe ich mich mit diesem Schreiben um ei- ne öffentliche Kommunikation über Bruckhausen im Zusammenhang mit der Zukunft der Agglomeration Ruhr und in allen ihren Städten. Für Reaktionen bin ich dankbar.

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7 Kommentare zu “Zöpel will Duisburg-Bruckhausen erhalten

  • #1
  • #2
    Arnold Voß

    Die Stadt Duisburg geht planerisch offensiv mit der Tatsache um, dass die Einwohnerzahl der Agglomeration Ruhr sinkt und sinkt. Die von Christoph Zöpel vetretene Position speziell zu Duisburg-Bruckhausen zeigt jedoch überzeugend auf, dass das eben nicht unbedingt und in jedem Fall Abriss bedeuten muss.

    Dass wir uns vielmehr die Frage stellen müssen, ob, und wenn ja, wann und wo die unvermeidliche Dezimierung der Ruhr-Bevölkerung am Ende auch das Verschwinden von bebautem Raum bedeutet und wie das dann konkret zu geschehen hat.Allerdings wäre dazu ein überkommunale Abstimmung nötig, denn nur auf dieser Basis ließe sich eben diese Frage überhaupt erst systematisch beantworten und der unvermeidlich anstehende Prozess planerisch steuern.

    Der Schrumpfungsprozess wird diese Stadtregion am Ende aber auf jeden Fall auch baulich-räumlich ändern, egal ob geplant oder ungeplant, daran gibt es für mich keinen Zweifel.

  • #3
    Robin Patzwaldt

    Hier in Waltrop ist es derzeit umgekehrt. Trotz bereits seit Jahren deutlich sinkender Einwohnerzahl entsteht hier ein neues Baugebiet nach dem nächsten. Eine enormer Flächenverbrauch, Leerstand in der Innenstadt und allgemeine Zersiedlung der Fläche ist die Folge. Irgendwie begreifen die Stadtplaner da etwas falsch, oder? Wenn die Einwohnerzahl innerhalb weniger Jahre von 31.000 auf 27.000 sinkt, brauche ich dann wirklich überall neue Siedlungen? Zumal, wenn es hier keine alten Stadtteile gibt die ich komplett abreissen könnte. Wäre da ein Konzept, welches alte Standorte attraktiver macht nicht sinnvoller? Lediglich Leerstand hunderter Wohnungen kreuz und quer im Stadtgebiet ist hier dann wohl die Folge… Aber die Leute wollen offenbar alle ihr eigenes Häuschen und ihre 150 qm Garten…. und mehr Grundstücksfläche haben diese neuen Häuschen ja meist schon gar nicht mehr, bei den Grundstückspreisen…

  • #4
    teekay

    Geht Herr Zoepel mit gutem Beispiel voran, kauft ein paar Haeuser in Bruckhausen und am besten auch Hochfeld, saniert die kraeftig und wartet dann auf die Agglomeranten (oder wie Menschen heissen, die durch Agglomeration angezogen werden). Ich kann mir als gebuertiger Duisburger einfach nicht vorstellen, wie man Stadtteile wie Bruckhausen attraktiv fuer Auswaertige machen kann-es sei denn die Stadt haette reichlich ueberfluessige Geldmittel. Und es geht ja nicht immer nur bloss um die Haeuser, wenn Infrastruktur zurueckgebaut wird. Von Strassenbau ueber Muellabfuhr bis zur Kanalisation koennen kleiner werdende Staedte Geld sparen. Auf Geldmittel, Sanierung und Zuzug zu setzen mag sich gut lesen, aber die Zahlen sprechen doch genau eine gegenteilige Sprache. Robin Patzwaldt hat ja recht: Wohnungen sind da-aber ‚das Haeuschen‘ ist fuer viele (junge Leute, Familien) immer attraktiver als eine nette Altbauwohnung in Bruckhausen…

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  • #6
    Katharina

    Bruckhausen hat wunderbares Potenzial. Wenn man da die alten
    historischen Häuser „aufhübschen“ würde.
    Dann könnte man geschichtlich und architektonisch „angeben“.
    Man könnte Architekten , Denkmalschützer und Baufirmen aus
    der Region beauftragen. Arbeitsplätze! Keine Leiharbeiter!
    Kein Geld da? Wer´s glaubt.
    Das Geld wird in „Leuchtturmprojekte“ investiert.
    Wo leuchten sie denn? Im düsteren Keller?
    Das Geld ist verpulvert, futsch, weg.
    Armes Duisburg.

  • #7
    abraxas

    Rentner-Romantik des 20. Jahrhunderts. Wo sind denn die neuen Ideen? Wir sind nicht mehr in den 70er oder 80ern, das Ruhrgebiet ist schon musealisiert genug. Schönheit, die mit dem Bagger kommt, warum nicht? Wo bitte ist denn die tragfähige Alternative, der konkrete Plan, wer will dort wohnen, leben? Die leeren Häuser zeigen doch die Wirklichkeit.

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