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Zwischen Krieg und Kohle – Eindrücke aus dem Ruhrgebiet der Ukraine


Der Osten der Ukraine wird seit über fünf Jahren von einem nicht enden wollenden Krieg zermürbt. Die Steinkohle verkörpert die Hoffnung auf eine bessere Zukunft und das Klammern an eine bessere Vergangenheit. Besuch in einer Region, die dem Ruhrgebiet vor 40 Jahren ähnelt, der aber ein schlechteres Ende droht. Voller Armut, Flucht und Perspektivlosigkeit. Von unserer Gastautorin Teresa Stiens

„Segen und Sicherheit“ steht auf dem orthodoxen Kreuz an der verlassenen Autobahn nach Donetsk. Fast zynisch wirken diese Worte, denn die Felder über denen sie thronen, verheißen Tod. Sie sind vermint und führen geradewegs zu einer eingefrorenen Konfliktlinie an der sich Ukrainische Soldaten und Pro-Russische Kämpfer gegenüberstehen. Die Autobahn endet nach wenigen Kilometern, sie ist voller Schlaglöcher und Risse seit hier die Panzerkolonnen vorbei rollten.

Die Gegend in der wir uns bewegen hieß früher einmal einfach Regierungsbezirk Donetsk. Heute benutzen auch Ukrainer die Bezeichnung GCA, Englisch für government-controlled area (zu dt. von der Regierung kontrolliertes Gebiet). Die Unterscheidung ist notwendig geworden, seit die andere Seite von der Regierung in Kiew politisch und militärisch nicht mehr erreicht wird. Es gibt ein „hier“ und ein „da drüben“ wo früher Wald und Wiesen waren.

Die Konfliktlinie, wie die Front bezeichnet wird, trennt vieles. Die Autobahn, Landstriche, Familien und Schächte, die sich unterirdisch immer noch auf beide Seiten des Gebiets erstrecken. Kohle kennt keinen Krieg.

Wer in die andere Richtung weiterfährt, weg von den Kämpfen und der Front, entdeckt überall in der Ferne Fördertürme. Ein Geruch verbreitet sich, der den im Ruhrgebiet aufgewachsenen noch allzu bekannt vorkommen dürfte: Steinkohle. Einige der Zechen sind stillgelegt aber viele sind noch in Betrieb und bieten den wenigen, die trotz allem in der Region geblieben sind, das seltene Glück eines Arbeitsplatzes. Stadt an Stadt reiht sich aneinander, sie alle sind gewachsen durch die fossile Verheißung von Zukunft und Arbeit. In der Ukraine schlummern mit 32 Milliarden Tonnen Europas größte Hartkohleressourcen. Zum Vergleich: in Deutschland sind es nur knapp 10 Millionen. (https://www.bgr.bund.de/DE/Themen/Energie/Downloads/Energierohstoffe_2009_Teil2.pdf?__blob=publicationFile&v=2)

Neben dem Bergbau war früher die Landwirtschaft die Haupteinnahmequelle, einst galt die Ukraine als Kornkammer der Sowjetunion. Doch die Minen haben die fruchtbaren Böden zu Sprengfallen gemacht, wer ein Feld bestellt, riskiert sein Leben. Als Einnahmequelle bleibt neben vereinzelten Produktionsstätten, für Bleistifte zum Beispiel, nur der „Schacht“.

Das Wort „Schacht“ hat seinen Weg sowohl in die ukrainische als auch in die russische Sprache gefunden. Der Name des Fußballclubs Schachtjor Donezk bedeutet übersetzt „Bergarbeiter“. Der Verein musste umziehen nachdem das Stadion von Bomben getroffen und beschädigt wurde. Mittlerweile spielen sie wieder im Ukrainisch kontrollierten Teil des Landes, in der Stadt Charkiw.

Von Yulia Vitalevna Kobanet hört man Worte, die wie ein Echo aus der Vergangenheit klingen. Sie hoffe, so die Vorsteherin des Ortes Lisivka, dass bald ein neuer Schacht eröffnet werde, damit nicht noch mehr Menschen abwanderten.Die Frage danach, ob und wie lange sich das rentieren würde, vor dem Hintergrund der internationalen Billigkonkurrenz aus Asien, kann und will niemand beantworten. Die Oligarchen hier handeln eh nach ihren eigenen Gesetzen.  Zudem sind die Löhne in der Ukraine im europäischen Vergleich immer noch konkurrenzfähig niedrig. Der Durchschnittslohn in der Region lag im Juli 2019 bei 420 Euro brutto.  (https://ukraine-nachrichten.de/ukrainische-durchschnittsl%C3%B6hne-stiegen-juni-2019-%C3%BCber-360-euro_4929)

Sergey Gutsalyuk war früher selbst Elektriker auf einer Zeche, die auf der „anderen Seite“ liegt, im NGCA, dem nicht mehr ukrainisch kontrollierten Gebiet. Er ist einer von knapp 1,4 Millionen Binnenvertriebenen aus dem besetzen Gebiet https://www.msp.gov.ua/news/17671.html, die in den restlichen Landesteilen Zuflucht gefunden haben. Sein jetziger Wohnort, Slovjansk, lag vor dem Krieg nur gut 1,5 Autostunden von seiner Heimat Donetsk entfernt. Heute braucht er für die Reise knapp 13 Stunden. In den Warteschlangen an den Checkpoints riskiert er, von Blindgängern getroffen zu werden.

Sergey war stolz auf seine Arbeit als Bergmann, er hat die Elektronik mitentwickelt. Doch eines nachts wurden sein Wohnhaus und die Zeche von Granaten getroffen. Der Einschlag führte zu einem Stromausfall, seitdem sind die Schächte geflutet, weil das Grundwasser nicht mehr abgepumpt werden kann.  Sergey beschloss, zu fliehen. Erst nach Moskau und dann zurück in die Ukraine. Er spricht, wie die meisten Ukrainer, fließend Russisch und Ukrainisch.

Das, was Sergey erzählt erinnert an vergangene Zeiten im Ruhrgebiet. An unzumutbare Arbeitsbedingungen und den gleichzeitigen Stolz auf das, was man tut. „Die Flöze sind etwa 70 Zentimeter hoch“, erzählt er „man arbeitet dort kriechend mit einem Presslufthammer“. Er berichtet von Temperaturen über 37 Grad und regelmäßigen Grubenunglücken: „es sterben etwa alle drei Jahre über 100 Menschen“. Die größte Gefahr unter Tage gehe von der hohen Methankonzentration aus. „Die Warnsensoren wurden ausgestellt um weiterarbeiten zu können“, erzählt Sergey „sie sind sehr sensibel und würden sonst alle 15 Minuten Alarm schlagen“. Ein Alarm, der im Zweifel Leben retten kann. Zudem kommt der langsame Tod über die Atemwege, Kurzatmigkeit und chronische Bronchitis ausgelöst durch die Staublunge seien ein großes Problem unter Ukrainischen Bergarbeitern, so Sergey.

Zwei Jahre nachdem die Granaten einschlugen, kam Sergey noch einmal zurück um „seinen Schacht“ zu besuchen. „Es war sehr schwierig für mich, die Soldaten dort zu sehen“, sagt er. Das, was einmal seine Heimat war, erkennt er nicht wieder. Trotzdem nimmt er regelmäßig die Odyssee auf sich, auf die andere Seite zu fahren, denn „meine Großmutter lebt noch dort, um die muss ich mich kümmern“.

Gibt es jemanden, auf den du wütend bist, Sergey?

„Ja, auf meine Landsleute. Ich hätte gedacht, sie seien schlauer als zu den Waffen zu greifen und sich gegenseitig zu erschießen. Der Konflikt hat doch einen internationalen Hintergrund. Für uns spielte es nie eine Rolle, ob jemand Russe oder Ukrainer war. Aber jetzt sind Tausende gestorben, es ist schwierig zum Frieden zurückzukehren. Da steht die Mutter, die ihren Sohn verloren hat einer Mutter gegenüber, die ebenfalls einen Sohn verloren hat. Aber wir müssen trotzdem schauen, dass wir verhandeln. Einen anderen Ausweg gibt es nicht.“

Das Ruhrgebiet der Ukraine, der ehemalige Industriemotor im Osten, ist zu einer Region geworden, in der die Hoffnung noch nicht ganz weggebombt wurde, aber die ratlos ist, wie es weitergehen soll. Alle wollen Frieden aber niemand hat einen Plan, niemand einen realistischen Ausweg. Der neue Präsident soll es richten, aber wie? Die Steinkohle soll helfen, aber wie? Die internationalen Mächte sollen einschreiten, aber wie?

Sergeys letzter Satz zeigt, wie wenig er noch glaubt an eine Zukunft mit „Segen und Sicherheit“. „Donbass ist eine Region, die niemand mehr will. Russland nicht und auch die Ukraine nicht.“

Alle hier fühlen sich vergessen. Von Kiew, von Moskau und Brüssel und dem Rest der Welt.

Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Pressereise der Nichtregierungsorganisation Arche Nova  , die den Zugang ermöglichte und Kontakte vermittelte.

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