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Homöopathie: Kennen Sie Oscillococcinum?

Dass hinter alternativ-medizinischen Verfahren und Mitteln nicht selten ebenso lobbyistische Organisationen und Gewinn-orientierte Hersteller wie bei vielen herkömmlichen Mitteln stecken können, wird selten angesprochen – schließlich ist das Vertrauen in das jeweilige Heilverfahren ein wichtiger Faktor beim subjektiven Heilungsprozess. Von unserem Gastautor Tommy Finke.

Wer aber möchte den ganzheitlichen Produkten einer Firma vertrauen, die durch Androhung einer Klage versucht, potentielle Kritiker mit einem Maulkorb zu versehen, und das obwohl sich die Kritik auf eine selbst aus homöopathischer Sicht – sagen wir mal – spezielle Herstellungsmethode stützt?

Wie Steven Novella im Blog „Science Based Medicine“ berichtet hatte das international agierende Unternehmen Boiron den Hoster des Blogs des Italieners Samuele Riva aufgefordert, sämtliche Hinweise auf Ihre Firma und Ihr Mittel Oscillococcinum  zu entfernen, da die mit diesen in Verbindung gebrachten Aussagen falsch seien und der Hömöopathie schaden würden. Außerdem sei mit einer Klage gegen Samuele Riva zu rechnen.

Die beiden Blogeinträge, die Boiron unangebracht findet, sind inzwischen auch in deutschsprachigen Versionen verfügbar.

Darin beschreibt Riva, und das durchaus mit einigem Sarkasmus, was mit Homöopathie überhaupt gemeint ist und warum insbesondere die Art der Korsakovschen Methode (Bei dieser Methode wird das Mittel dadurch gewonnen, dass ein Gefäß, das ursprünglich eine Mischung mit dem Grundstoff – in diesem Fall Herz und Leber einer Entenart –  enthielt, wild geschüttelt, ausgeschüttet und erneut mit Wasser gefüllt wird. Der Vorgang wird bis zu 1000 mal wiederholt.)  zur Herstellung des Mittels im Widerspruch zu genau dem Weltbild steht, das uns Internet, Satellitenfernsehen, aber auch moderne Heilmethoden überhaupt erst ermöglicht hat.

Das Vorgehen Boirons ist in mehrerer Hinsicht problematisch.
Erstens gehört der Hersteller genau zu der Industrie, die selbst oder durch ihre Anhänger permant Kritik an schulmedizinischen Verfahren äußert. Immerhin reicht ja schon ein einfacher Blick in die Packungsbeilage, um einen Haufen Angriffspunkte für beinahe jedes x-beliebige Medikament zu finden.

Zweitens wird die sowohl die journalistische als auch die Meinungs-Freiheit stark beschnitten.

Man stelle sich ein Blog wie Foodwatch unter solchen Umständen vor: Keine Möglichkeit, unbequeme Fakten über die Milchschnitte offenzulegen, weil damit Ferrero und der Pausensnack Industrie im Allgemeinen geschadet wird.

Nachdem inzwischen mehrere Blogs über das Thema berichteten, kündigte Boiron, vom Streisand-Effekt überrascht, an, nun doch keine Klage anzustreben.

Dabei handelt es sich übrigens nicht um den ersten Fall, in dem ein Kritiker alternativer Medizin unverhältnismäßig stark angegangen wurde:

Im Jahr 2008 wurde der britische Journalist Simon Singh von der British Chiropractic Association verklagt, nachdem er im Guardian einen kritischen Artikel über seiner Ansicht nach fragwürdige Behandlungsmethoden veröffentlicht hatte.

Die Klage wurde inzwischen fallengelassen.

Wenn unser Gastautor Tommy Finke nicht für die Ruhrbarone schreibt macht er Musik. Und das sehr schön. Hier gehts zu seiner Site.

RuhrBarone-Logo

10 Kommentare zu “Homöopathie: Kennen Sie Oscillococcinum?

  • #1
    Judith Fromm

    Danke für den erhellenden Text.

    Ich hab mal nachgerechnet. Ich denke, es ist wahrscheinlicher von einem Asteroiden getroffen zu werden, als ein Molekül Ente in dem Medikament Oscillococcinum zu sich zu nehmen. Potenz 200. Was ein Bullshit.

    Das Zeug ist 100 Prozent Zucker.

  • #2
  • #3
    Jürgen

    Abgesehen davon, dass dieser Beitrag von einer sehr passenden Werbung begleitet war, als ich ihn angesehen hab, Die Quack-Seite der medipex-Online-Apotheke: Wenn Ihr Lust auf 13 Minuten Englisch habt, dann diese BBC-Sendung:

    http://www.youtube.com/embed/qgHRWB6-k-Q

    Briten haben eine Variante von trocknem Humor, zu dem Deutsche selten in der Lage sind. Der ohne eine verzogene Mine vorgetragene Kommentar zu den Verdünnungen bei Minute 3:30 – »… Das Äquivalent eines Tropfens im Ozean. Nach den Standards moderner Medizin eine recht ungewöhnliche Idee« hätte bei mir fast einen Unfall ausgelöst.

  • #4
    Claus Fritzsche

    Der gewisse Claus Fritzsche freut sich darüber, dass Stephan Dörner Werbung für sein Blog CAM Media.Watch macht … und vertraut darauf, dass seine Leserinnen und Leser in der Lage sind, sich eine eigene Meinung zu bilden.

  • #5
    Stefan Laurin

    @Claus Fritzsche: Wir wollen unseren Lesern doch nicht vorenthalten, wer Sie sind:
    “Claus Fritzsche (geb. 1964) ist ein in Meerbusch wohnhafer deutscher freiberuflicher Werbetexter, Spin Doctor in Sachen Alternativmedizin, Autor und von der Pharmaindustrie gesponserter Homöopathie-Lobbyist. ”
    http://www.esowatch.com/ge/index.php?title=Claus_Fritzsche

    Rufen Sie doch mal bei den Waldis an – die können Ihnen erzählen, wie große die Freude erst einmal ist, wenn dieses Blog sich des Themas “Alternativmedizin” intensiv und regelmäßig annehmen wird. :-)

  • #6
    Claus Fritzsche

    @ Stefan Laurin:
    Danke für Ihren wertvollen Hinweis auf meine Fan-Seite bei Esowatch.com. Klaus Ramstöck, Anja Ramstöck und Freunde haben sich beim Erstellen ihrer Wiki viel Mühe gegeben. Das findet durchaus meine Wertschätzung.

    Kennen Sie die folgende Fan-Seite, die mir ein guter Freund aus Frankfurt gewidmet hat?

    Editiert Admin: Sie glauben doch nicht, dass wir hier Links zu ihren Freunden freischalten :-)

  • #7
    Gerd

    “Esowatch” ist eine website, die immer häufiger von Massenmedien als seriöse, wissenschaftliche Quelle zitiert wird:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Esowatch#.C3.96ffentliche_Wahrnehmung

    “Öffentliche Wahrnehmung [Bearbeiten]

    Das Online-Magazin Telepolis berichtete 2008 über die Aufklärungsarbeit von Esowatch.[4] Im Jahr 2009 berichtete der Berliner Kurier positiv über Esowatch.[7] 2010 wurde in der Computerzeitschrift c’t unter der Rubrik „Websites aktuell“ Esowatch vorgestellt mit dem Hinweis,[8] Esowatch widme sich der Aufklärung[9] und die Einträge im Lexikon seien umfangreich bequellt und stellten eine “Fundgrube für naturwissenschaftlich haltbare Argumente” dar.[8] Das Printmedium Zeit Wissen veröffentlichte in seiner Ausgabe 4/2011 ein Dossier „Esoterik“ und bezog sich im Artikel Der akademische Geist, der das Phänomen esoterischer Forschungs-und Lehrinhalte an Universitäten thematisiert, ausdrücklich auf „das Internetprojekt esowatch.com“.[10]

    Esowatch-Beiträge wurden in den Medien[11][12][13][14][15][16] und wissenschaftlichen Publikationen[17][18] wohlwollend zitiert. Das Verwaltungsgericht Saarlouis referenzierte die Website in einer Entscheidung zum Beihilferecht.[19] Die ausführliche Darstellung[20] des Regividerm-Skandals wurde in mehreren Blogs erwähnt.[21][22]

    Weitere Blogbeiträge des Projektes wurden in den Medien ebenfalls rezipiert.[23][24]”

    Da freut man sich um so mehr, wenn Esowatch auch Claus Fritzsche portraitiert:

    “Claus Fritzsche (geb. 1964) ist ein in Meerbusch wohnhafer deutscher freiberuflicher Werbetexter, Spin Doctor in Sachen Alternativmedizin, Autor und von der Pharmaindustrie gesponserter Homöopathie-Lobbyist (…)”

    http://www.esowatch.com/ge/index.php?title=Claus_Fritzsche

  • Pingback: Fundstücke 38 – Eingeimpft « Die Ausrufer

  • #9
    Andreas Lichte

    “Techniker Krankenkasse lässt Versicherte für anthroposophische Pseudomedizin bezahlen

    Die „Techniker Krankenkasse“ (TK) will ab 1. Januar 2012 die Kosten für homöopathische, pflanzenheilkundliche und anthroposophische Medikamente erstatten. Gastautor Martin Ballaschk kommentiert die Entscheidung.

    (…) Rudolf Steiner (1861–1925) war ein populärer Scharlatan und größenwahnsinniger Sektenführer, dessen „Anthroposophie“ so gut wie keinen Lebensbereich unberührt lässt. Seine Heilslehre, die in Anthroposophenkreisen auch irreführend als „Geisteswissenschaft“ bezeichnet wird, gründet sich praktisch vollständig auf den hellseherischen Eingebungen Steiners. Neben bio-dynamischem Gemüse, Heileurythmie und Waldorfschulen haben wir ihm so auch eine anthroposophische „Medizin“ zu verdanken. Das typische anthroposophische Heilmittel ist oft homöopathischen oder pflanzenheilkundlichen Charakters und wird mit einem überdeutlichen Hinweis auf das „Sanfte“ – da „Natürliche“ und „Ganzheitliche“ – vermarktet (…)

    zum Artikel von Martin Ballaschk: http://www.ruhrbarone.de/techniker-krankenkasse-laesst-versicherte-fuer-anthroposophische-pseudomedizin-bezahlen/

  • #10

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