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Index: Keine flotten Teens an Karfreitag

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Darf “ Leben des Brian an Karfreitag“ gezeigt werden? Über den Monty-Python Film gibt es seit Jahren einen Streit in Bochum,  der bald höchstrichterlich entschieden werden könnte. Doch der „Brian“ ist nicht der einzige Film der auf dem Index steht. Der schleswig-holsteinische Landtagsabgeordnete   Patrick Beyer (Piraten) hat die Liste der verbotenen Filme veröffentlicht. 

Aus kaum mehr nachzuvollziehenden Gründen gelten die Gefühle von Gläubigen in Deutschland mehr als die von Fußballfans, glühenden Anhängern einer der zahlreichen politischen Ideologien oder ethnischen Minderheiten wie den Ostfriesen. Während Anhänger von Borussia Dortmund, der Sozialdemokratie oder Tee trinkende Küstenbewohner damit leben müssen, an jedem Tag des Jahres verspottet und verhöhnt zu werden, wird auf die sensiblen Seelen der Christen – und vielleicht bald auch weiterer Religionsgemeinschaften, denn beleidigt sein wird immer mehr zu einer anerkannten Volkskrankheit – Rücksicht genommen. Vor allem an den stillen Feiertagen, vor allem an Karfreitag. Dann sind nicht nur die Clubs geschlossen und die Musik in vielen Kneipen gedämpft, auch im Kino darf längst nicht der Film gezeigt werden. Der Piratenpolitiker Patrick Beyer hat die Liste der an Karfreitag verbotenen Filme veröffentlicht. Seit 1980 wurden 700 Filme auf sie gesetzt. Auf ihr steht  die dümmliche Softporno-Serie „Flotte Teens“, die in Zeiten von Pornhub und Youporn selbst bei 13jährigen nicht für erhöhten Blutdruck sorgen dürfte, aber auch Klassiker wie „Für eine Handvoll Dollar“ und „Der Terminator“. Die Liste ist ein Beleg für bürokratische Dummheit. Beyer sagt, nach Angaben der FSK erhalten Filme den Vermerk „Keine
Feiertagsfreigabe“ ohne inhaltliche Prüfung, es sei denn, eine Prüfung
der „Feiertagstauglichkeit“ wird kostenpflichtig beantragt. Der Landtagsabgeordnete fordert nun das Ende der obskuren Regelung: „“Dass Kinderfilme, Klassiker, Satire und Kritik im Jahr 2015 auf einem Feiertagsindex stehen, verschlägt mir den Atem. Teilweise entscheidet
die FSK sogar ohne jede Prüfung. Die Feiertagszensur von Filmvorführungen ist im Zeitalter von Video und Internet völlig wirklichkeitsfremd und gehört dringend abgeschafft. Solange die Feiertagsruhe nicht öffentlich wahrnehmbar gestört wird, haben Staat und Kirche kein Recht, uns bei der Gestaltung arbeitsfreier Sonn- und Feiertage durch Filmvorführungs-, Tanz- oder Veranstaltungsverbote zu bevormunden.“

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5 Kommentare zu “Index: Keine flotten Teens an Karfreitag

  • #1
    discipulussenecae

    Ich finde das ein schwieriges Thema. Sicherlich ist die oben erwähnte Liste der am Karfreitag verbotenen Filme "obskur …, wirlichskeitsfremd" und vielleicht sogar schwachsinnig. Beim ‚Leben des Brian‘ sehe ich das allerdings etwas anders: Gesetzt ich wohne in einem Mehrfamilienhaus mit einer funktionierenden Hausgemeinschaft (das soll es noch geben!), und die Mutter der Familie aus dem Erdgeschoß stirbt; dann lade ich doch auch nicht am Sterbetag die anderen Familien ein, um mit ihnen gemeinsam Heinz Erhardts ‚Witwer mit fünf Töchtern‘ zu schauen; aus Respekt vor dem Trauerfall würde ich diesen Filmabend um ein paar Wochen verschieben.

    Es werden viele einwenden, daß dieser Vergleich völlig verfehlt sei. Nun denn. Wir leben aber in einem Land, das historisch und kulturell entscheidend von einer Religionsgemeinschaft geprägt wurde, der das Andenken an die brutale Hinrichtung ihrer Gründungsperson stets ein zentrales Anliegen war – und für viele Anhänger dieser Glaubensgemeinschaft immer noch ist. Könnte darauf nicht Rücksicht genommen werden? Und welch ein Verdienst für die Aufklärung soll damit geleistet werden, einen 35 Jahre alten Film ausgerechnet an diesem einen Tag zeigen zu müssen? Zumal fast jeder über 20 den Film schon mindestens einmal gesehen hat.

    Viel bedenklicher finde ich das Argument: "… wird auf die sensiblen Seelen der Christen – und vielleicht bald auch weiterer Religionsgemeinschaften, denn beleidigt sein wird immer mehr zu einer anerkannten Volkskrankheit – Rücksicht genommen." Das stimmt leider und sicher. Aber mit der Tragik ihrer Gründungspersönlichkeit stehen die Christen nun einmal ziemlich allein da; weder im Judentum noch im Islam gibt es vergleichbare Erinnerungskulturen. Schaffen wir jetzt das Feitertagsverbot grundsätzlich ab, wäre dies ein weiterer Fall des vorauseilenden politisch korrekten Gehorsams gegen das ideologisch maßlose Anspruchsdenken manch nicht-christlicher Glaubensvertreter. In diesem Zusammenhang sei nur an die Diskussionen um das Lichter- oder Laternenfest erinnert!

    Mein Vorschlag wäre daher, zunächst einmal die besagte Liste einer gründlichen und vernünftigen Revision zu unterziehen, aber auch manchen Zeitgenossen um etwas mehr Respekt gegenüber den religiösen Gefühlen seiner Mitmenschen zu bitten. Wer dann immer noch meint, sich unbedingt am Karfreitag ‚Das Leben des Brian‘ anschauen zu müssen – meinetwegen, wenn es denn irgendeiner Wahrheitsfindung dienen mag. Aber bitte nicht in einer groß und kommerziell beworbenen Kinovorführung.

    Schlußendlich bleibt mir persönlich nur, immer wieder an Mt 10, 16 zu erinnern: "Seht, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe!"

  • #2
    JR

    Es ist ja noch viel grotesker als Du beschreibst. Auf der Liste findet sich neben "Harald Juhnke – Schrecken der Kompanie" sogar der Animationsfilm "Heidi in den Bergen". Letzteren hätte "Religionsfrei im Revier" vielleicht eher als "Life of Brian" aufführen und sich dafür dann selbst anzeigen sollen:

    https://www.piratenpartei.de/wp-content/uploads/2016/01/FSK-Keine-Feiertagsfreigabe-1980-2015.pdf

  • #3
    Helmut Junge

    Erziehungspolitiker, Erziehungsmedien, und das alles beruhend auf der Entscheidungshoheit einer nicht demokratisch überprüfbaren Gruppe, Behörde oder sonst was. Von gewählten Vertretern ganz zu schweigen.
    Und die Feiertage der anderen Religionen? Wenn die alle gleichberechtigt behandelt würden, kämen wir aus der Trauer nie mehr raus.
    Die Atheisten, die ja mittlerweile die größte Gruppe in der Bevölkerung stellen, sollten einen
    "Gegenindex" entwerfen. Während bestimmter Tage, dürfen keine religiösen Feiern in der Öffentlichkeit stattfinden, weil …… (sonst die Gefühle der Atheisten verletzt werden.)
    Gut geeignet wäre der Todestag von Johannes Hus am 6. Juli, der sich im vergangen Jahr zum 600sten mal gejährt hat, um mal ein Beispiel zu nennen. Johannes Hus war sogar Priester, der wegen seiner Überzeugung auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Lebend sogar. Sonst wäre das ja dem ihm vorgeworfenen Verbrechen der Glaubensabweichung nicht entsprechend gesühnt
    worden. Der Todetag von Hus wäre auch ein geigneter Kandidat für einen europäischen Feiertag, da er bereits in Tschechien als Feiertag eingeführt wurde, was zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen seitens des Vatikans geführt hatte. Und wenn sich schon jemand auf die europäischen christlichen Wurzeln beruft, dann wäre jemand, der als Christ nur das gelten lassen wollte, was in der Bibel steht, genau die richtige Leitfigur.

  • #4
    Arnold Voss

    Jesus hat nicht mehr unter dem politischen und religiösen Terror auf dieser Welt gelitten als Abermillionen andere Menschen vor ihm und nach ihm. Im Gegensatz zu ihnen durfte er ,laut derer, die weltweit jedes Jahr speziell um ihn trauern, jedoch wieder auferstehen. Das reicht doch eigentlich als Privileg. Müssen jetzt auch noch die an diesem Tag in ihrem Leben innehalten, die das für eine religiöse Legende halten? Und mit welcher Begründung ?

  • #5
    Walter Stach

    Arnold,
    1.
    "man" kann die Meinung begründet (!!) vertreten, daß immanter Bestandteil einer freiheitlich-pluralen Gesellschaft und eines freiheitlich-demokratischen Staates die strikter Trennung von Staat und Kirche zu sein hat, einscließlich der Nichtexistenz sog. kirchlicher Feiertage -arbeitsfrei für Alle und -sh.Karfreitg- einhergend mit staatlichen Verfügungen, was z.B. an diesem Tag öffentlich getan oder eben nicht getan werden darf. Dass würde zwangsläufig dahin führen müssen,, auch den Sonntag als "freien Ruhetag" für alle kritisch zu hinterfragen.

    Das kann "man" so wollen und das kann "man" politisch einfordern.
    (In NRW würde das allerdings eine Verfassungsänderung erfordern -sh.25 der Landesverfassung-)

    2.
    Ich denke, als kath.Christ könnte ich durchaus damit leben, wenn das von mir unter 1. skizzierte Realität würde. Denn Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Karfreitag u.a. verlieren dadurch für einen Christen nichts von ihrem Wert, von ihrer Bedeutung, vom Sinn einschlägiger Rituale und von der Möglichkeit, dem in der Familie, in der Gemeinschaft der Kirche gerecht zu werden; es könnte sogar das Gegenteil bewirkt werden.

    3.
    Derzeit "eiern" wir -sorry-, dh. die Gesellschaft und, der Staat herum, wenn es darum geht, daß der Staat dafür sorgen soll, daß die Sonntag, daß die Feiertage als Tage der Ruhe, als Tage der Besinnung, als Tage der Gottesverehrung -sh.Art.25 Verf. NRW- ge- bzw. beachtet werden.

    Und dieses "Herumeiern" führt dann zu solchen skurillen Versuchen des Staates, "irgendwie" die Menschen anhalten zu wollen, das zu unterlassen, was dem christlichen Sinn des Karfreitags zu widersprechen scheint.

    4.
    Dass das all denen staatlicherseits nicht ‚mal ansatzwiese als sinnvoll zu vermitteln ist, ergibt sich vor allem daraus, daß diese Menschen mit dem Karfreitag, mit seiner religiösen Bedeutung für die Christen überhaupt nichts anfangen können. Wenn das selbst für Weihnachten, für Ostern, für Pfingsten gilt, was ist dann bezogen auf den Karfreitag zu erwarten?

    Insofern äußere ich mich auch nicht zu den Skurillitäten, über die alle Jahre wieder berichtet und diskutiert wird, wenn es darum geht, was am Karfreitag staalicherseits zu gestatten oder zu verbieten wäre.

    4.
    Völlig unabhängig von der Bedeutung, die die Christen all ihren Feiertagen zumessen, den Karfreitag eingeschlossen, und losgelöst von dem, was und wie Christen ihrem Glauben gemäß an diesen Tagen "feiern", z.B. durch ein außerordentliches Maß an Stille, an Einkehr, an Besinnung, scheint es mir zumindest be- und nachdenkenswert zu sein, ob nicht losgelöst von dem christlichen Sinn, von der christlichen Bedeutung, von den christlichen Ritualen der sog. christlichen Feiertage und des Sonntage, es nicht jedem Menschen "gut tun könnte", sich einige Male im Jahr dem Gewohnten, dem Gewöhnlichen zu entziehen, sich z.B. am Karfreitag ‚mal "in Ruhe" und ohne äußerliche Ablenkung "auf sich selbst besinnen zu können", so wie weltweit Weihnachten für Milliarden Menschen ein besonderer Feiertag ist, ohne erkennbares Wissen um seine christliche Bedeutung, trotzdem angefüllt mit Ritualen und in der selbstverständlichen Annahme, daß "man" Weihnachten nicht Alles das macht was gewöhnlich an freien Tagen gemacht wird; selbst die Waffen schweigen hier und dort an diesem "Feiertag."
    Nur kann das, was ich mir hier gedacht habe und was ich mir als eine jedem Menschen mögliche Verhaltensweise wünschen würde, nicht durch den Staat verordnet werden.

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