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“Würden Sie sich vorschreiben lassen, wie Sie zu leben haben?”

aladin_koeln

Konflikte sind ein Zeichen gelungener Integration. Denn je integrierter Menschen sind, desto stärker wollen sie mitgestalten, verändern, Ansprüche erheben, Interessen vertreten, sich organisieren – sagt der Dortmunder Politikwissenschaftler und Soziologe Aladin El-Mafaalanis in seiner Birlikte-Rede zum 10. Jahrestag des NSU-Bombenanschlags.

Ich könnte zum Einwanderungsland Deutschland 10 Minuten Schlechtes erzählen und müsste nicht lügen. Es gibt Probleme, klar. Da aber über diese Probleme wirklich ausführlich berichtet wurde und wird, kann ich Ihnen nichts erzählen, was Sie nicht schon wüssten.

Deshalb mache ich es anders und erzähle über einige Erkenntnisse, die bei mir selbst zu einem Perspektivwechsel geführt haben. Denn: Vorurteile sind hartnäckig.

Nehmen wir das Kopftuch. Das Kopftuch ist so etwas, worüber gestritten wird und worüber auch gestritten werden kann! Diese Diskussion findet selbst unter Muslimen statt. Aber was bedeutet dieses Stück Stoff überhaupt? Und wie funktioniert es in Deutschland? Ich meine also keine theologische oder historische Analyse, sondern ich frage danach, was es in der Praxis heute in Deutschland bedeutet, ein Kopftuch zu tragen.

Ich habe mit Frauen gesprochen, die das Kopftuch über viele Jahre trugen und es dann irgendwann abgelegt haben. Was waren ihre Erfahrungen? Ich war selbst überrascht und musste meine Vorstellungen neu sortieren. Diese Frauen fühlten sich nicht mehr wahrgenommen, sie fühlten sich incognito. Kaum jemand guckte sie mehr an. Und das lag nicht daran, dass sie unattraktiv wären, sondern weil sie nun nicht mehr auffielen.

Das Kopftuch wirkt zunächst so, als würde es Frauen entmündigen, schüchtern und ängstlich halten. Darauf können sich viele Menschen schnell einigen, das ist das klassische Vorurteil. Aber wenn eine Frau in Deutschland ein Kopftuch trägt, dann ist sie keine Ameise im Armeisenhaufen, wie das vielleicht in manch einem muslimischen Staat wäre. Ein Kopftuch zu tragen, bedeutet nämlich, aufzufallen, beobachtet und angegafft zu werden, in Diskussionen mit Fremden und in der Regel skeptischen Menschen verstrickt zu werden, sich permanent rechtfertigen zu müssen und und und. Es schützt nicht!

Im Gegenteil: Es gehört eine gehörige Prise Selbstbewusstsein dazu und man muss hart im Nehmen sein, wenn man dieses Symbol trägt.
Es gibt die Fälle von Zwang, klar, aber es sollte jedem auch klar sein, dass dies nicht die Regel ist. Häufig genug tragen junge Frauen eins, während ihre Mütter dies nicht tun, was zeigt, dass es auch ein Zeichen von Emanzipation, Selbstbewusstsein, Selbstbestimmung und auch von gelungener Integration sein kann.

Was soll das bedeuten? Sachverhalte eben nicht danach zu sortieren, dass die Vorurteile weiter funktionieren. Über Menschen eben nicht danach zu urteilen wie sie aussehen, welche Kopfbedeckung sie tragen, welche Hautfarbe, Augenform, Haarstruktur sie haben. Und auch nicht danach, welche ungewöhnliche Namen sie tragen. Die Menschen respektieren und nur über Themen gemeinsam diskutieren, auch gemeinsam streiten. Anerkennung und Teilhabe! Das sind die zentralen Aspekte, das ist Integration. Genau dafür steht Birlikte – die drei Tage haben das in eindrucksvoller Weise gezeigt.

Und meine These lautet: Integration funktioniert gut! Und das, obwohl eine aktive deutsche Integrationspolitik bis zur Jahrtausendwende kaum existierte. Integration funktioniert gut! Wer das anders sieht, lief vor 30 oder 40 Jahre mit Scheuklappen durchs Land. Kinder von zugewanderten Familien arbeiten in allen Bereichen auch in Spitzenpositionen, in Wirtschaft und Wissenschaft, Kunst, Politik usw. Ich rede hier auch von Gastarbeiterkindern. Und die Integrationspolitik der letzten 15 Jahre wird noch weiter Wirkung zeigen. Aber jetzt schon zeigen die allermeisten Daten, dass es – bei allen Problemen – in die richtige Richtung geht. In den letzten 15 Jahren hat es eine positive Entwicklung gegeben. Aber man muss sich die Frage stellen: Warum wird das häufig nicht erkannt? Warum wird genau in dem Zeitraum, in dem es immer besser läuft, ein entgegengesetzter Eindruck vermittelt?

Und damit komme ich zu einer weiteren These: Viele Menschen meinen, am Ende gelungener Integration steht Harmonie und Statik, also Anpassung. Genau das ist aber ganz häufig nicht der Fall. Einwanderungsländer sind komplexe Gebilde. Integration ist keine Einbahnstraße. Je besser Integration gelingt, desto mehr Menschen sind gestaltende Teile des Ganzen und äußern ihre Interessen und Bedürfnisse und verändern dadurch auch das Land. Und das führt zu Kontroversen, immer wieder aufkommenden Diskussionen und auch zu Konflikten.

Das ist ganz typisch für Menschen, die integriert sind. Menschen, die integriert sind, wollen mitgestalten, verändern, erheben spezifische Ansprüche, äußern ihre Bedürfnisse, vertreten eigene Interessen, organisieren sich selbst und im übrigen verhalten sie sich damit auch typisch deutsch: Sie gründen wie wahnsinnig Vereine.

Integration bedeutet Veränderung und Wiederholung. Die Gesellschaft verändert sich und Probleme wiederholen sich, weil jedes Jahr eine neue erste Generation nach Deutschland kommt, zuletzt waren es jährlich 1 Million Menschen, jährlich die Bevölkerung Kölns. Und deshalb kann nicht einmal über alles gesprochen haben und glauben: so, das war’s. Und na klar, das ist anstrengend.

Die Kritiker verwechseln Integration häufig mit Ruhe und Provinzialität. Das Verständnis der Kritiker von Integration bezieht sich eben nicht auf Teilhabechancen und Zugehörigkeit, sondern eher darauf, eine gewisse Lebensweise vorzuschreiben und dann in Kontroversen und Veränderungen immer nur das Schlechte zu sehen.

Crosspost – die Rede erschien bereits auf Migazin.

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6 Kommentare zu ““Würden Sie sich vorschreiben lassen, wie Sie zu leben haben?”

  • #1
    langsamdenker

    Ich habe mich selbst für relativ aufgeklärt gehalten und bin nun doch wieder über zwei eigene Vorurteile gestolpert. Danke dafür. Das Kopftuchtragen in Deutschland Mut erfordert, war mir nicht klar. Und das ist ja bei Socken in Sandalen nicht anders. Schön, wenn dann letzten Endes beides möglich ist.

  • #2
    Björn Wilmsmann

    Interessante Gedanken. Das Kopftuch als Zeichen der Rebellion gegen die Eltern und die Gesellschaft an sich? Kopftuchträgerinnen als Punks der heutigen Generation 😉 Das spannende daran wäre, dass – wenn dem tatsächlich so ist – ein konservatives Symbol als Aufbegehren gegen eine liberale – oder auch beliebig gewordene – Gesellschaft uminterpretiert würde.

    Eine andere Erklärung, die ich ebenfalls schon von muslimischen Frauen gehört habe, ist dass frau sich einfach vor ‚übereifrigen‘ Männern schützen möchte. Das Kopftuch symbolisiert konservative Werte und eine Familie im Hintergrund, die diese Werte ebenfalls vertritt. Da überlegt dann auch der arroganteste Macho zwei Mal, ob sein Balzgehabe Streit mit der männlichen Verwandtschaft der Dame wert ist.

  • #3
    Arnold Voss

    Ja, wer will sich schon vorschreiben lassen, wie er zu leben hat. Aber da gibt es leider noch Gesetze, die sehr wohl Vorschriften machen und genau da wird die Sache dann etwas komplizierter. Gemeinschaften brauchen nämlich auch Regeln und Grenzsetzungen, und die sind gewöhnlich auch geschichtlich und kulturell geprägt. Auch in Deutschland.

    Bis zum heutigen deutschen Grundgesetz war es ein langer und phasenweise konfliktreicher, ja blutiger Weg. Das Ergebnis ist eines der freiesten gesellschaftlichen Rahmensetzungen, die diese Welt kennt. So wenige Vorschriften für das persönliche Leben wie in Deutschland gibt es in vielen der Einwandererländer nicht.

    Von dieser Seite dürfte es also überhaupt kein Integrationsprobleme geben. Warum aber gibt es dann trotzdem welche? Warum fällt vielen Einwanderern die Anpassung an die hier gebotenen Freiheiten schwer? Warum bekämpfen sie einige von ihnen sogar und warum wollen sie umgekehrt bestimmte Vorschriften und Grenzsetzungen für sich nicht gelten lassen?

    Weil die Vorstellungen von Freiheit eben auch kulturell und historisch bedingt und geprägt sind. Diese Kulturkonflikt, der natürlich immer auch religiös mitgeprägt ist, ist das eigentlich Problem. Die Kernfrage ist dabei in jedem Einwanderungsland die gleiche: Wer hat diesbezüglich das Sagen und wer soll nachgeben, respektive sich anpassen, bzw. wie einigt man sich auf eine gemeinsame Vorschrift?

    Das Kopftuch ist dabei eigentlich ein aufgesetztes Problem, denn jeder Mensch darf sich in Deutschland kleiden wie er will. Erst durch seine religiöse Aufladung ist das Kopftuch ein Streitobjekt geworden. Ansonsten ist es einfach nur ein visuelles Gewöhnungsproblem. Hätte Jemand Kopftücher für Frauen mit Erfolg bei Face-Book für stylish und cool erklärt – und vielleicht kommt das ja noch – wäre es einfach nur Mode. Wobei es für viele muslimische Frauen das auch jetzt schon ist. Nicht nur, aber auch.

    Der harte Kern der Integrationsproblematik liegt aber ganz woanders: In den familiären Traditionen und Rollen, d.h. im Verhätnis von Mann und Frau und von Eltern zu Kindern. Die innerfamiliäre und die sexuelle Freiheit, und dazu gehört natürlich auch die Freiheit der Partnerwahl nicht nur bezüglich der Person sondern auch ihres Geschlechtes, lässt sich eben nicht einfach durch Gesetze regeln.

    Genauswenig das Verhältnis von Eltern und Kindern. Häusliche Gewalt und Missbrauch ist ein Problem in fast allen Kulturen und findet auch da statt, wo gesellschaftlich ein hoher Bildungs- und Aufklärungsgrad herrscht. Kommen dann aber noch Traditionen und religiöse Regeln hinzu, die diese Art der Unterdrückung für Rechtens, zumindest aber für moralisch vetretbar halten, dann haben es gesetzliche Vorschriften die das verbieten, mit ihrer Durchsetzung besonders schwer.

    Familiäre Bande ist aber selbst da wo Gewalt und Unterdrückung nicht ungewöhnlich sind, immer auch durch Liebe, Fürsorge und Zuwendung bestimmt. Das ist für Außenstehende die das Glück hatten nicht so aufzuwachsen häufig nicht nachvollziehbar, aber es ist so und es führt dazu, dass solche sozialen Gemeinschaften trotzdem zusammenhalten, ja sich gegen jede diesbezügliche äußere Einmischung wehren.

    Bekommen sie dabei obendrein kulturelle und soziale Unterstützung durch ihre Community und/oder religiöse Führer, dann entsteht ein relativ geschlossenes Wertegemeinschaft die sich in Anbetracht einer ihr gefährlich erscheinenden Mehrheitsgesellschaft gegen jede Integration aus für sie guten Gründen sperrt, ja sperren muss.

    Bedenkt man diese jenseits eines bösen Willens herrschenden soziokulturellen Mechanismen, dann ist die Integration in Deutschland weiter fortgeschritten, als viele denken. Für die, die solche Mechanismus weder verstehen noch akzeptieren, geht das natürlich alles viel zu langsam. Traditionen die familiär verankert sind, sind aber in einer stark familiär orientierten Kultur nur von innen aufzubrechen. Dann allerdings bedürfen die, die das tun, auch der Unterstützung von außen.

    Da kommen dann wieder die Gesezte ins Spiel, die sich dann eben nicht den kulturellen Mehrheitsbedingungen der Einwanderercommunitys anzupassen haben. Ein zurück hinter die jetzigen Freiheiten in Deutschland darf es nämlich nicht geben. Dafür hat ihr Eroberung einfach zu viel Mühe und Leid gekostet.

    Das Grundgesetz heisst deswegen so, weil es die unantastbare Grundlage unseres Gesellschaftssystems ist. Daran hat sich letztlich jeder anzupassen, der in diesem Landes seinen dauerhaften Wohnsitz hat oder haben will. Dass er das allerdings sofort und mit Freuden tut, kann nur der erwarten, der nicht weiß, was Einwanderung für die Betroffenen bedeutet.

  • #4
    Thomas Weigle

    Socken in Sandalen erfordert Mut? Mann, was bin ich seit Jahrzehnten mutig, sogar ohne es zu wissen.
    Was das Tragen des Kopftuches angeht, muss ich umdenken. Es war für mich bis gerade eben ein derbes Symbol der Rückschrittlichkeit, und zwar ausnahmslos.
    Dass die Integration besser ist als ihr Ruf, kann ich nachvollziehen. Egal wo, beim Einkaufen, in den Arztpraxen, im Handwerk, selbst an meiner ehemaligen E-Schule sind Menschen mit Migrationshintergrund tätig. Und niemand denkt sich dabei noch etwas, außer,dass es völlig normal ist. Dies ist mein vorherrschender Eindruck, ist auch verdammt gut so.

  • #5
    Klaus Lohmann

    Ich muss Thomas Weigle und Langsamdenker Recht geben, denn auch ich müsste umdenken, was die Gesamtsymbolik des Kopftuches in *unserer* deutschen Gesellschaft zumindest bis vor 15, 20 Jahren angeht.

    Es war nun mal angesichts des Bildungsaufschwungs ab den Sechzigern, des Wirtschaftswachstums, der Verstädterung, der Anstrengungen auf dem Weg der freien pädagogischen Konzepte für liberale Ideen in den Köpfen humanistischer Bürger ein Zeichen des absoluten Rückschritts, wenn man z.B. Bäuerinnen in – damals noch häufig anzutreffenden – stark ländlich geprägten Regionen mit ihrem klassischem Kopftuch antraf, obwohl dies für die Frauen ja ausschließlich ein Mittel zum Zwecke des Kopf- und Haarschutzes bei der harten Hof- und Feldarbeit sowohl gegen Staub als auch gegen Hitze war.

    Ich denke aber nicht um, weil mir diese pragmatische Foklore viel besser in meinen Lebensentwurf passt als religiöse Auswüchse. Wer das für sich als Deutsche(r) oder Ausländer(in) anders sehen möchte, bitteschön, kein Zwang.

  • #6
    mir

    „I don’t have to be what you want me to be.
    I’m free to be what I want to be.“ Cassius Clay, Cassius X, Muhammad Ali

    aus ‚Muhammad Ali‘ von Harald Krämer und Fritz K.Heering – rororo-verlag

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