Schlachthof Kassel: Alle Fahnen verboten, bis auf eine…

Keine Flaggen? Kommt drauf an Foto: Jonas Dörge

Im Zentrum Schlachthof in Kassel mag man keine Fahnen. Aber für die des Fantasiestaates Palästina macht meine eine Ausnahme. Von unserem Gastautor Jonas Dörge

Der Schlachthof Kassel e.V. und der ihm angeschlossene Biergarten Boreal kündigten in den sozialen Medien und auf Plakaten ein „Public Viewing“ zur WM 2026 an. Auf dem Ankündigungsplakat und den entsprechenden Kacheln der Social-Media-Beiträge prangte sichtbar der Hinweis „Keine Nationalflaggen!“ Auf einem weiteren (mittlerweile gelöschten) Post konnte man lesen: „Bei uns ist kein Platz für Nationalismus, also lasst eure Flaggen und die Schwarz-Rot-Gold-Schminke zuhause.“

Nachdem diese Ankündigung unter anderem beim Kasseler SPD-Mitglied Mirko Düsterdieck auf geharnischte Kritik stieß, verkündete der Schlachthof auf seiner Instagram-Seite, dass der geforderte Verzicht sich nicht explizit gegen deutsche Fans richte, sondern gegen Nationalismus im allgemeinen. Man kann nunmehr lesen: „Auch beim Public Viewing stellen wir deswegen das Miteinander der Kulturen in den Vordergrund. […] Es geht uns vielmehr darum, einen Raum zu schaffen, in dem sich alle Menschen möglichst wohl und sicher fühlen. Nationale Symbole können […] ausgrenzend, einschüchternd oder politisch aufgeladen wirken. […] Viele Menschen nehmen war, dass nationale Symbole stärker politisch aufgeladen sind und auch von rechten oder rechtspopulisitischen Akteur*innen vereinnahmt werden.“ Die Lokalzeitung HNA fragte den Geschäftsführer des Schlachthofs, inwiefern es sich bei der Bundesflagge um ein Symbol des Nationalismus handele. Der Geschäftsführer antwortete darauf bezogen: „[Flaggen] könnten für Migranten ausgrenzend, einschüchternd oder politisch aufgeladen wirken.“[1]

Foto: Jonas Dörge

Unschwer lässt sich aus dem Zusammenhang der Argumentation herauslesen, dass in erster Linie die Fahne der Bundesrepublik Deutschland, die deutsche Fahne also, gemeint war, möglicherweise auch die türkische, wie der Ortsvorsteher des Stadtteils Holland-Nord und Gastwirt und Israelfeind Ali Timtik meinte, eilfertig erklären zu müssen. In seiner Kneipe bei der auch schon einmal die Sowjetfahne neben der Fahne der YPG und des Che Guevara gehisst wird, sei es früher immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Kurden und Anhängern der Grauen Wölfe gekommen.

Auf der Internetseite der Stadt Kassel ( https://www.kassel.de/buerger/kunst_und_kultur/kultur-vor-ort/veranstaltungsorte/kulturzentrum-schlachthof.php ) kann man über den Schlachthof folgendes lesen: Dieser sei das „soziokulturelle Herz der Kasseler Nordstadt und verbindet in seiner Arbeit Menschen aller Nationen und Kulturen.“

Die schwarz-rot-goldene Fahne wurde erstmalig auf dem Hambacher Fest präsentiert und war auch die Fahne des demokratischen Revolutionsversuchs 1848. Das deutsche Kaiserreich flaggte Schwarz-Weiß-Rot. Erst nach dem Sturz des deutschen Kaisers im Jahre 1918 wurde die Schwarz-Rot-Gold-Fahne die Flagge des deutschen Staates, nämlich der demokratisch verfassten Weimarer Republik. Auch die Antifaschisten des republikanisch und demokratischen Reichsbanners identifizierten sich mit der schwarz-rot-goldenen Trikolore. Nach Hitlers Machtergreifung im nationalsozialistischen Unstaat wurde die deutsche Fahne wieder von der schwarz-weiß-roten Flagge und der omnipräsenten Hakenkreuzfahne ersetzt. Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland griffen die Väter und Mütter des Grundgesetzes und auch die Kommunisten in der Ostzone auf die Fahne des Hambacher Fests, der deutsch-demokratischen Bewegung der 48er und des ersten deutschen demokratischen Staates zurück.[2]

Deutschland stand 2015 dafür, die europäischen Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen. Nicht wenige der sogenannten Migranten erkannten schnell, wem sie die großzügige Auslegung des Asylrechts zu verdanken hatten und drapierten sich nicht selten mit deutschen Fahnen. Wenn jetzt nicht nur sogenannte Rechtspopulisten sondern auch „Rechte“, wie es die Erklärung des Schlachthofs moniert, auf die deutsche Fahne rekurrieren und im Namen des Interesses der Nation die Einwanderungspolitik kritisieren, dann ist dieser Rückgriff auf das Symbol der Nation nicht per se auf völkisches Gedankengut zurückzuführen, sondern kann auch als Beharren darauf verstanden werden, dass zur demokratischen Verfassung einer Nation ein aus Staatsbürgern zusammengesetztes Staatsvolk und auch Grenzen gehören. Das stößt gerade bei denen auf empörten Widerspruch, die in einer Welt ohne Grenzen auf Kulturen und Identitäten setzten und die den Begriff von der Nation und Nationalismus als Teufelswerk verdammen.

Doch die Haltung der Feinde der Nationen und Freunde der Kulturen haben nicht immer etwas gegen Flaggen die ausgrenzen und politisch aufgeladen sind. In Kassel richtet der Schlachthof nicht nur das alle Jahre wiederkehrende Public Viewing aus, sondern das sogenannte Internationale Frühlingsfest. Auf der Internetseite der Stadt Kassel ( https://www.kassel.de/buerger/sport_und_freizeit/wiederkehrende-veranstaltungen/internationales-fruehlingsfest-kassel.php ) heißt es zu diesem Straßenfest, es lade zum „interkulturellen Begegnen und Austauschen ein. Das Frühlingsfest […] ist ein Fest der Vielfalt, der Solidarität und der Begegnung. Ein Event, das Kassel in all seiner kulturellen Pracht und Vielfalt feiert!“

Seit mehreren Jahren tauchen auf dem Frühlingsfest die Claqueure des palästinensischen Volkstumskampfes auf. Es ist der Verein Palästinensische Gemeinde – Kassel. Die stellvertretende Vorsitzende des Vereins ist gleichzeitig Betreiberin des Café Buch-Oase, das mit Fug und Recht als die Zentrale des Israelhasses in Kassel bezeichnet werden kann. Beide Vorsitzende des Vereins nehmen regelmäßig an israelfeindlichen Kundgebungen in Kassel teil. Am 2. Juli 2022 bekannte sich der Vorsitzende in einem Interview zur Parole „From the River to the Sea – Palestine will be free“[3], eine Parole, die nichts anderes bedeutet, als die Abschaffung des jüdischen Staates Israel. Kurz nach dem 7. Oktober 2023, am 18. Oktober, bestritt die selbe Person den terroristischen Charakter der Hamas.[4] Der Stand des Vereins auf dem Frühlingsfest ist in der Regel mit Wimpeln oder Fahnen drapiert, die für den Terror gegen Juden und das Ziel stehen, Israel als jüdischen Staat zu überwinden. Das war auch dieses Jahr – ein paar Tage vor dem Public Viewing – so. Dieses mal bedeckte zusätzlich eine übergroße Kufiya den Tisch. Die schwarz-weiß-grüne Fahne mit dem roten Dreieck und der Feudel sind die Symbole des politischen Antisemitismus im Nahen Osten und der antisemitischen Internationale. Wenn nun der Geschäftsführer des Schlachthof, Zapp, ausführt „Flaggen [könnten] etwa für Migranten ausgrenzend, einschüchternd oder politisch aufgeladen wirken“, dann meint er nicht die Flagge des palästinensischen Unstaats, die nicht nur einschüchternd für viele Kasseler Juden wirken dürfte, sondern die für die Ausgrenzung der Juden, nicht nur von Kunst- und Kulturveranstaltungen, nicht nur von den Hörsälen deutscher Unis und von so manchen Straßen deutscher Großstädte, sondern auch von der Levante, sprich Israel, steht.

Die Abneigung gegen die Nation und den Staatsbürger und sein Bewusstsein darüber – den Nationalismus – , geht nicht nur einher mit der Skepsis gegenüber der Nationalfahne sondern mit der Hypostasierung von Kulturen, Identitäten und Diversität, mit der Begeisterung für die Regenbogenflagge (mit und ohne Dreieck) und für das Heldenvolk im Nahen Osten, sondern muss notwendig sich gegen den Staat der Juden, dessen Fahne und seine Staatsbürger richten. Gegen den Staat, der in der Abwehr des Antisemitismus die Staatsbürgerschaft nicht zum bürokratischen Akt der Anerkennung zufällig Anwesender und sich willkürlich identisch Fühlender erklären kann und darf, sondern sie jenen vorbehält, die aus der jahrhundertelang gemachten Erfahrung gedemütigte, verfolgte und vom Mord bedrohte Angehörige einer Nation zu sein, die im allgemeinen Wahn der Vielfalt und des Miteinander immer wieder zum Antivolk erklärt werden.

[1]„Schwachsinnige Kulturkämpfe“: Weitere Kasseler kritisieren Flaggen-Verbot bei Public Viewing, HNA, 16. Juni 2026. ( https://www.hna.de/kassel/dieser-post-geht-eindeutig-zu-weit-94352602.html )

[2]Es sei hier erwähnt, dass dem deutschen Nationalismus historisch bedingt, von seinen Ursprüngen an ein judenfeindliches und antifranzösisches, also aufklärungsfeindliches Element innewohnte. Dazu etwa: Walter Grab, Ein Volk muß seine Freiheit selbst erobern. Zur Geschichte der deutschen Jakobiner, Frankfurt 1984.

[3]Zum Verein und dem Zitat: Antizionistischer und israelfeindlicher Propaganda keinen Raum in Kassel, BgA-Kassel, 10. Septmber 2023. ( https://bgakasselblog.wordpress.com/2023/09/10/antizionistischer-und-israelfeindlicher-propaganda-keinen-raum-in-kassel/ )

[4]Ahmed Tubail will die Hamas nicht als Terrororganisation bezeichnen!, BgA-Kassel, 24. Oktober 2023. ( https://bgakasselblog.wordpress.com/2023/10/24/ahmed-tubail-will-die-hamas-nicht-als-terrororganisation-bezeichnen/ )

 

 

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