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Aber wir sprechen von Blutwurst

Stillleben mit Wurst (Italien, 17. Jh.) Lizenz: Gemeinfrei

Deutschland ist ein Land, in dem man leben kann. Einige meinen, man kann hier sogar recht gut leben. Andere finden, dass man eigentlich nur in dem Deutschland leben kann, das sie sich erträumen. Das Ausmaß dieser Träume geht von Auflösungs- bis Großmachtsphantasien. Ich lebe gerne in der Realität. Und eigentlich auch ganz gerne in Deutschland. Doch sollten wir reden. Wir sollten über Infrastruktur sprechen. Über marode Straßen, baufällige Brücken, über Schienenverkehr und Wasserstraßen. Über die Bahn und ihre Monopolstellung. Über Tempolimits dort, wo keiner Reparaturen bezahlen will, und Reparaturen, die sich über Jahre und Jahrzehnte ziehen.

Wir sollten über Großprojekte und deren Scheitern sprechen. Über Stuttgart 21, den Hambacher Forst, den neuen Flughafen in Berlin, und die Frage, wieso es in Deutschland nicht mehr möglich ist, zukunftsweisende Großunternehmungen zu gestalten. Und wieso deutsche Ingenieure das im Ausland sehr wohl können.

Wir sollten über die Digitalisierung sprechen. Wir sollten darüber sprechen, wieso die Netzabdeckung so mies ist, wie sie ist, wieso das Telefonieren hierzulande zu teuer ist, und wieso schnelles Internet nicht überall flächendeckend in einem Land verfügbar ist, das sich stolz auf seinen Erfindungsreichtum beruft.

Wir sollten über unsere Sozialsysteme sprechen, darüber, wieso die Medizin hierzulande schlechter ist als in vielen anderen Staaten, die genutzten Verfahren mitunter zeitlich überholt und wieso wir Hokuspokus aus Steuergeldern finanzieren. Wir sollten auch über Pflege, Rente und Grundsicherung sprechen.

Wir sollten darüber sprechen, wie wir Bürokratie abbauen können. Wie wir es schaffen, zu einem Land des 21. Jahrhunderts zu werden, so wie es Estland ist. Wie wir Ökologie und Fortschritt in kalifornischer Manier vereinen können, statt in Technologie- und Zukunftsfeindschaft oder in Gläubigkeit an Technologien des frühen 20. Jahrhunderts zu verfallen.

Wir sollten über unsere Justiz, unsere Polizei und unser Militär sprechen. Wie wir sie schneller machen können, wie wir in jedem Stadtteil für Sicherheit und das entsprechende Sicherheitsgefühl sorgen können. Wie wir mehr Polizisten, Staatsanwälte und Richter finanzieren, und wie wir sie gemeinsam mit dem Militär zeitgemäß aus- und aufrüsten.

Wir könnten, wenn wir viel Zeit haben, auch darüber sprechen, wie wir wo miteinander sprechen wollen. Ob wir „Neger“ sagen wollen, was sexistisch ist, ob Humanismus sinnvoll ist, und wie wir das auf dem Weg in die Mitte des 21. Jahrhunderts miteinander halten wollen. Und wieso wir uns worüber empören wollen.

Aber wir sprechen von Blutwurst, Islam und Flüchtlingen. Seit Jahren.
Es geht uns wohl besser als gedacht.

RuhrBarone-Logo

7 Kommentare zu “Aber wir sprechen von Blutwurst

  • #1
    discipulussenecae

    Ich gebe Ihnen in allen Punkten Recht! Bis Sie in Ihrem letzten Absatz wieder in diese unselige politische Korrektheit zurückfallen, die letztlich mit diesem Blutwurst-Gedöns einhergeht.

    Solange saturierte Pateifunktionäre und die jeweils gut versorgten Abgeordneten aller 17 Parlamente über die Grundlinien der Politik bestimmen, werden die realistischen Alltagsproblenme der Republik niemals auf den Schirm kommen!

    Wenn wir nicht mehr Neger sagen, Pippi Langstrumpf, JIm Knopf und das kleine Gespenst politisch genehm säubern, ist uns damit zu irgendeinem der von Ihnen beschriebenen Fehlentwicklungen geholfen? Werden da nicht Kompetenzen und Kapazitäten völlig sinnlos verplempert?

    Heute redete der politisch korreke Redakteur im WDR durchgehend von Jüdinnen und Juden, sowie von Geflüchteten; und mann konnte seine selbstzufriedene Behaglichkeit gleichsam durch das Radio riechen. Das Problem eines zunehmenden Antisemitismus ließ ihn dabei völlig kalt. Das kommt in seinem wahrscheinlich ebenso schicken wie abgeschotteten Vorort wohl auch eher nicht vor.

    Genau so wenig wie die von Ihnen beschriebenen Mißstände!

  • #2
    Alan T.

    @discipulussenecae

    Sie liegen komlett daneben! Nur weil es sie evtl. nicht bertifft, Rassismus schränkt die Lebensqualität vieler Menschen in unserem Land erheblich ein. Manche werden sogar umgebracht. Und um die Lebensqualität gehts doch, oder?

    Sie ignorieren bewusst* die Bedürfnisse anderer Menschen. Noch viel mehr, sie empören sich darüber, dass rassistische Beleidigung tabuisiert wird. Für mich kann das nur Bedeuten, dass die Lebensqualität gewisser Menschen ihnen am Arsch vorbei geht.

    * ich möchte ihnen keine Dummheit unterstellen.

  • #3
    Alan T.

    @Sebastian Bartoschek

    Jetzt echt, Braunkohle Tagebau als "zukunftsweisende Großunternehmungen"?

    Das Scheitern am Bürgerprotest mit dem Scheitern an der Bauplanung beim BER gleichsetzen ist aber eine steile Problemanalyse.

    Und irgendwie kommt es mir vor, als ob es (wie vieles hier) einfach nur Provokation ist.

    Wer so argumentiert wie bei den Ruhrbaronen üblich, sollte sich nicht wundern, dass es keine konstruktive Debatte gibt.

  • #4
    discipulussenecae

    @ Alan T.:

    Wenn ich den zunehmenden Antisemitismus als Problem anspreche, der von der Besessenheit einer "gendergerechten Sprache" marginalisiert wird, kann mann mir wohl kaum Rassismus vorwerfen!

    Zudem waren meines Wissens weder Astrid LIndgren noch Otfried Preußler Rassisten, sondern KInder ihrer Zeit. Das sollte unseren heutigen Kindern erklärt werden, die das unschwer begreifen würden. Wollen Sie stattdessen Orwellsche Reinigungskommandos einsetzen, die den Kanon der abendländischen Literatur nach heutzutage vielleicht anstößigen und als rassistisch empfundenen Stellen durchforsten sollen? In dreißig Jahren spätestens werden mit Sicherheit ganz andere Diskussionen geführt. Und dann werden alle Bücher wieder auf den Ursprung zurück geschrieben und anschließend aus der dann aktuellen Perspektive neu korrigiert?

  • #5
    ke

    Herr Bartoschek sie zählen ein paar Baustellen unseres Landes auf. Mich würde interessieren, worin Sie als Psychologe die Ursachen dieser Situation sehen.

    Ich bin Techniker. Für mich hängt viel damit zusammen, dass wir das Individuum mit seinen Problemen und seinen Bedürfnissen mehr und mehr in den Mittelpunkt heben.
    Wir haben für viele Sache, die als Gedöns durchgingen, riesige Arbeitskreise, Stabsstellen etc. Jetzt haben sich diese Institutionen verselbständigt. Sie finden Problem, die nie Probleme waren und beschäftigen viele Leute. Das führt zu komplexen Prozessen und viel Bürokratie.

    Als Profiteur dieser Situation sehe ich auch die Grünen, die jedes Individual-Problem dramatisieren, dadurch alles auf Stopp stellen. Für Windenergie, gegen Verspargelung der Landschaft.

    Aktuell sehe ich den Punkt überschritten, wo mehr Kontrolle, mehr Vorschriften etc. einen Nutzen schaffen. Ich sehe zu viele Blockaden. Was nutzt mir bspw. ein Rechtssystem, wenn es 10 Jahre für finale Entscheidungen braucht?

  • #6
    Alan T.

    @discipulussenecae

    Ach hören sie doch auf mit der Astrid Lindgren Nummer. Völlig belanglos. Es ist immer das gleiche in den alt-right Leuten. Belanglose Beispiele werden rangezogen, um Menschen das Recht abzusprechen nicht öffentlich diskriminiert zu werden.

    Und dann stellen sie sich wie alle alt-right leute auf diese freedom of speach position. Bullshit, niemand verbietet ihnen die Texte zu beziehen, zu lesen, und zu zitieren. – sie werden nur dafür kritisiert.

    Zur Pipi: haben sie kinder? Ich dachte auch mal, was damals gut war kann heute auch nicht schlecht sein. Und habe angefangen, meine alten Bücher vorzulesen. Und ja, ich musste es abbrechen, den schon am Anfang geht es seitenweise um den vater der König über alle Neger ist. Und mir geht es dabei nicht um irgendeine politische korrektheit (würde da Indianer stehen wärs mir wohl egal) aber in der kita ist jedes 5 kind nicht weiß. Wollen sie da einem vierjährigen die historische Einordnung diskutieren?

    "Wenn ich den zunehmenden Antisemitismus als Problem anspreche, der von der Besessenheit einer "gendergerechten Sprache" marginalisiert wird, kann mann mir wohl kaum Rassismus vorwerfen!"

    Warum nicht? Ich sehe da keinen Widerspruch. Ist auch gängige Praxis zB. bei der AFD aber auch bei vielen anderen rassistischen Bewegungen weltweit.

  • #7
    Wolfram Obermanns

    Die Blutwurst ist Ikone eines die Zukunft wesentlich prägenden Themas – Migration.
    Daß die dusselige Wurst dazu (kurzzeitig) aufsteigen konnte ist ein Indikator für Kompetenz und Niveau der beteiligten, auf bundesebene politisch Aktiven.
    Die Konklusion kann nur sein, das Thema wird noch lange auf niedrigem Niveau verhandelt werden. Wesentlich für das niedrige Niveau sind die jeweiligen Ansätze, die nicht von den gegebenen Realitäten, sondern von eigenen überbordenden Wunschszenarien ausgeht.

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