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Abstimmung über Kulturförderung: „Was da passiert, ist ein Rattenrennen“

Frank Goosen Foto: philippwente.com  LizenZ. Copyright

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Promishows und üppige Steinbrück-Honorare: Vor einem Jahr gerieten die Stadtwerke Bochum wegen ihres Sponsorings in die Kritik. Nun setzt man beim Geld ausgeben auf die Weisheit der Massen.

Peer Steinbrück bekam für eine Plauderei über Borussia Dortmund 25.000 Euro, Farah Diba, die Frau des letzten Schahs von Persien und Horst Köhler feierten rauschende Feste – wenn die Bochumer Stadtwerke und ihr Chef Bernd Wilmert (SPD) ihre Spendierhosen anhatten, lag ein Hauch von Glamour über Bochum.

Nachdem die Großzügigkeit der Stadtwerke im letzten Herbst Peer Steinbrück den Wahlkampfauftakt verhagelt hatte und viele in  Bochum sich fragten, ob es nicht dringlichere Aufgaben für ein städtisches Unternehmen als die Ausrichtung üppiger Feste gäbe, beschlossen die Stadtwerke, ihre Sponsoring Praxis zu ändern. Über einen Großteil des Geldes sollten künftig die Bürger entscheiden. Nur einige wenige Großprojekte und kleinere Beträge wie Anzeigen in Vereinsheften werden noch von dem Unternehmen und seinem Aufsichtsrat direkt vergeben. Über alles andere wird abgestimmt – im Internet und mit Postkarten. Die Bürger entscheiden, für was die Stadtwerke ihren Sponsoring Etat ausgeben. „Wir wollten“, sagt Stadtwerke Sprecher Kai Krischnak, „nach der Kritik im vergangenen Jahr ein transparentes Verfahren und auch mehr Demokratie wagen.“

Von Ende Juni bis Ende August konnten Vereine, Künstler und andere Gruppen Projekte in den Kategorien Sport, Bildung, Kultur und Soziales vorschlagen.  Insgesamt 276 Projekte traten gegeneinander um 450.000 Euro Zuschüsse an. Unter den Bewerbern sind das bekannte Bochumer Festival für Figurentheater Fidena, die Schülerzeitung Kiddy-News und ein Straßenfußballverein. Weit über 20.000 Bochumer machten mit. Für Krischnak ein Erfolg: „Die Bürger haben die Idee angenommen, wir sind zufrieden.“ Nicht zufrieden waren fast 20 Akteure der Bochumer Kulturszene, die sich mit einem Brief an die Stadtwerke wandten und gegen das Verfahren protestierten. Zu den Unterzeichnern gehört auch der Schriftsteller und Kabarettist Frank Goosen, der auch im Vorstand des Prinz-Regent-Theaters ist: „Was da passiert, ist ein Rattenrennen. Die verschiedenen Gruppen sind in einem Wettbewerb und haben das Gefühl, gegeneinander ausgespielt zu werden. Es ist ein unfairer Wettbewerb, bei dem kleine Bewerber schlechte Chancen gegen mitgliederstarke Vereine haben, die ihre Leute zum Abstimmen schicken können.“ Dass sich die Stadtwerke auch in Zeiten zurückgehender Gewinne für Kultur, Sport und Bildung engagieren, findet er gut und wichtig. Allerdings würde er es lieber sehen, wenn eine Fachjury über die Vergabe entscheiden würde. „In ein paar Jahren werden die meisten Bürger doch sowieso die Lust an den Abstimmungen verloren haben. Dann gewinnt der, der die meisten Mitglieder und Freunde hat.“

Das sieht CDU-Ratsherr Dirk Schmidt ähnlich: „Die Stadtwerke haben von Filz auf radikale Basisdemokratie umgeschaltet. Wenn eine Fachjury zumindest teilweise mitentscheiden könnte, fände ich das gut.“

Nicht zum Verfahren äußern will sich Bochums Kulturdezernent Michael Townsend. Er mische sich nicht in die Angelegenheiten von städtischen Tochterunternehmen ein. Aber auch er lobt die Stadtwerke: „In den Jahren des Nothaushaltes haben auch die Stadtwerke in Bochum dafür gesorgt, dass viele  freie Kultureinrichtungen überleben konnten.“ Mit allen, die jetzt leer ausgehen, wird die Stadt das Gespräch suchen und helfen, wo es geht. Im kommenden Jahr  werden die Stadtwerke erneut die Bürger abstimmen lassen. Dann heißt es für viele Bochumer Kulturinstitutionen „Neues Spiel, neues Glück“.

Der Text erschien in einer ähnlichen Version bereits in der Welt am Sonntag.

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7 Kommentare zu “Abstimmung über Kulturförderung: „Was da passiert, ist ein Rattenrennen“

  • #1
    Wolfgang Wendland

    Eigentlich ist das mit der Abstimmung doch eine Klasse Sache. Ich nehme mal an, dass es bald noch mehr Anträge mit noch absurderen Dingen geben wird.
    Ich bin mal gespannt was bei einer Projektbeschreibung wie
    „Wir wollen eine neue Kassierer-CD machen undbrauchen dafür 24999 EUR,leider lässt sich das wg. Internet und mp3 nicht mehr refinanzieren, aber wenn wir die Kohle von den Stadtwerken kriegen stellen wir die CD gleich ins Netz“ rauskommt 😉

  • #2
  • #3
  • #4
    Walter Stach

    Stefan,
    wir haben es hier zunächst ganz simpel mit Aktion/Reaktion zu tun.
    Die Aktion(en) gegen die Stadtwerke Bochum in Sachen Sponsoring, nicht nur Steinbrück betreffend, mußte(n) zwangsläufig zu Reaktionen der Stadtwerke führen, auch zu solchen der hier diskutierten Art.

    Ich bin allerdings der Meinun, daß kaum etwas so sehr Plebiszitärem wesensfremd ist wie die Kultur.
    Von daher bin ich mir sicher, daß für alle Akteure in Bochum der jetzige Zustand korrekturbedürftig, ergänzungsbedürftig erscheinen muß;sh.dazu u.a. die Idee, das abschließende Votum -nach vorangeganger Bürgermitwirkung-einer Fachjury zu überlassen.

  • #5
    Wolfgang Wendland

    Naja vielleicht wäre es besser die Fachjury der Abstimmung vorzuschalten. Die Aktivitäten des Karnevalsvereins „Schlappe Lappen“ hätte ich nicht unter Soziales eingeordnet.

  • #6
    Volker Steude

    Grundsätzlich ist die Idee, dass die Bürger über die Verwendung der Sponsoringgelder entscheiden eine gute Idee. Doch die offensichtliche Manipulation der Abstimmung gefährdet die Glaubwürdigkeit der Bürgerbeteiligung, deshalb gibt es dringenden Änderungsbedarf. Dazu einige Vorschläge: Gut gemeint ist nicht gut gemacht – Der Sponsoringwettbewerb der Stadtwerke

    Mit mehr „Demokratie“ wagen, hatte der zurück liegende Wettbewerb allerdings nichts zu tun. Keiner will in einer Demokratie leben, in der die Abstimmungsergebnisse so leicht manipuliert werden können wie bei diesem Wettbewerb.

    Um die Defizite des Wettbwerbs auszugleichen, bedarf es m.E. auch keiner Fachjury.

    Interessant nebenbei, die lokale Presse, die wegen der offensichtlichen Manipulationen sogar bei den Stadtwerken ausdrücklich nachgefragt hat, traute sich am Ende diesmal doch nicht über diese zu berichten. Man verschwieg sie. Man wollte dem Werbepartner Stadtwerke wohl nicht weht tun.

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