Afghanistan: „Wir sind die medizinische Partei“

Seit über 20 Jahren leitet die Dortmunderin Karla Schefter ein Krankenhaus in Afghanistan. Nun steht es vor dem Aus. Die Bundesregierung hat die Unterstützung gestrichen.

Im Winter ist Karla Schefter in Deutschland. Sie hat eine kleine Wohnung im Dortmunder Kreuzviertel und hält Vorträge über ihr Krankenhaus in Chak-e-Wardak, einer kleinen Stadt südwestlich der afghanischen Hauptstadt Kabul.

Die 1942 in Ostpreußen geborene OP-Schwester erzählt den Menschen von ihrer Arbeit. Wie sie ab 1989, Mitten im Bürgerkrieg, das Krankenhaus gegründet hat. Damals waren es nur ein paar Räume in einem von Siemens 1938 errichtetet Wasserkraftwerk: „Strom hatten wir allerdings nur im Winter. Im Sommer führt der Fluss kein Wasser.“ Die einzige noch funktionierende Turbine lieferte allerdings, wenn überhaupt, nur Schwachstrom.


„Die Bedingungen, unter denen wir damals gearbeitet haben, kann sich in Europa niemand vorstellen. Wir hatten keine Röntgengeräte, konnten keine Instrumente sterilisieren und hatten oft auch nicht genug Medikamente.“

Für viele Patienten, oft Opfer des damals tobenden Bürgerkriegs, kam jede Hilfe zu spät: „Weil es keine vernünftigen Transportmöglichkeiten gab, kamen viele von ihnen zu spät bei uns an“, sagt Karla Schefter, „Und wir hatten nicht die Möglichkeiten, ihnen zu helfen. Viele sind einfach unter unseren Händen verblutet.“
Langsam besserte sich jedoch die Situation für Karla Schefter und ihre Helfer in Afghanistan. In diesem Land, das seit Jahrzehnten keinen Frieden kennt, legte sie im August 1991 den Grundstein für einen Krankenhausneubau. Scheffler führte das Krankenhaus durch chaotische Jahre. Sie verhandelte mit den verschiedenen Milizen, den Taliban und den Nato-Truppen. Ihr Prinzip: Strikte Neutralität: „Wir sind“, sagt sie stolz, „keine Kriegspartei, wir sind die medizinische Partei.“ Ihre Würde hat sie immer behalten. Bei Gesprächen mit Taliban trägt Schefter keine Burka – sie lässt einen Wandschirm zwischen sich und die Taliban-Kommandeuren spannen.
Ermöglicht wurde das alles aus Spenden, Hilfen der Europäischen Union und immer wieder auch der Bundesregierung. Es war gut investiertes Geld. Aus dem Provisorium im Wasserkraftwerk ist ein Hospital geworden. 86.000 Patienten hatte das 60-Betten Haus 2009. 75 Prozent von ihnen waren Frauen und Kinder. 65 Mitarbeiter kümmern sich um sie. Viele von ihnen sind Frauen und werden im Krankenhaus zu Hebammen oder Krankenschwestern ausgebildet.

Immer, wenn Karla Schefter bei Vorträgen von ihrer Arbeit erzählt, bittet sie um Spenden. Die sind jetzt nötiger als jemals zuvor, denn die Bundesregierung hat alle Zuschüsse für das Krankenhaus gestrichen. Auf Nachfrage der Ruhrbarone erklärte das Außenministerium, dass das Chak-e Wardak Hospital zwar einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsversorgung der Bevölkerung in der afghanischen Provinz Wardak leiste, aber eine dauerhafte Finanzierung von laufenden Kosten der Einrichtung aus haushaltsrechtlichen Gründen ausgeschlossen ist: „Ein wichtiger Aspekt bei der Projektförderung ist hierbei der entwicklungspolitische Grundsatz der „Hilfe zur Selbsthilfe“. Ziel der Maßnahmen der Bundesregierung in Afghanistan ist es, den afghanischen Partnern beim Aufbau von Infrastruktur zu helfen und den weiteren Betrieb der Projekte in afghanische Verantwortung zu übergeben.“

Doch die Leistungsfähigkeit der afghanischen Partner gibt es nur auf dem Papier. Die Summe um die es geht: 50.000 Euro. Die Bundesregierung riet Scheffler, sich an die für ihre Region zustände amerikanische Hilfsorganisation USAID zu wenden. Eine gute Idee – allerdings, da ist sich Schefter sicher, würden dann die Taliban ihr Krankenhaus angreifen. „Das habe ich auch der Botschaft erklärt.“

Die finanziellen Reserven des Krankenhauses sind fast erschöpft. Eine unbürokratische Hilfe ist nicht in Sicht. Es könnte gut sein, dass das Hospital von Chak-e Wardak den momentanen Konflikt in Afghanistan nicht übersteht.

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2 Kommentare

  1. #1 | Dieter Carstensen sagt am 7. April 2011 um 08:19 Uhr

    Lieber Stefan,

    danke für Deinen wirklich nahegehenden Bericht.

    Für mich zeigt er den ganzen Wahnsinn des Afghanistankrieges auf. Westliche Soldaten sind dort ausser von Karsai und seiner korrupten Regierung fast nirgends erwünscht und alle Hilfsprojekte, die auch nur ansatzweise mit dem westlichen Militär in Verbindung gebracht werden, schweben in grösster Gefahr, selbst Projekte der Uno, wie der jüngste Überfall auf deine UN Dienststelle und der Mord an UN Mitarbeiter einmal mehr deutlichst vor Augen führte.

    In einem Land, mit arachaischen Gesellschaftsstrukturen, 80 % Analphabeten in der Bevölkerung und einem überwiegend fundamentalistisch geprägten Islam, was zu dem überwiegend von „Warlords“ regiert wird, die ihre Gelder aus dem Drogenhandel bekommen, kann der jetzige westliche Einsatz in dieser Form nur in einer Katastrophe enden.

    Die Lügengeschichten der Mehrzahl unserer politischen Parteien, von den in Afhganistan ach so „beliebten“ Bundeswehrtruppen, die ja nur Schulen, Strassen und Brunnen errichten wollen, ist längst widerlegt.

    Die errichteten „Wohltaten“ werden schneller in die Luft gesprengt, als aufgebaut, die deutschen Soldaten werden als Feinde gesehen, als fremde Besatzer, wie alle anderen westlichen Truppen und ihre Helfershelfer auch.

    Wäre es den SPD/Grüne, CDU/SPD und CDU/FDP Regierungen, welche für das Schlamassel der gescheiterten deutschen Afghanistanpolitik verantwortlich sind, wirklich um die Menschen in Afghanistan und humanitäre Hilfe gegangen, hätte Deutschland keine Truppen, sondern medizinische und technische Helfer geschickt, mit entsprechender technischer, sowie finanzieller Ausstattung und vor allem hätte man sich vorher bei den deutschen Hilfsorganisationen, die schon VOR dem deutschen Kriegseinsatz in Afgahanistan tätig waren, wie z.B. der in dem Artikel erwähnten Organisation von Frau Schefter, welche Form der Hilfe denn in diesem Land überhaupt sinnvoll und angebracht gewesen wäre, ohne die Befindlichkeiten der einheimischen Bevölkerung zu verletzen.

    Wir pumpen Milliarden Euro in den Krieg, aber eine unbürokratische Hilfe für die dem Hospital von Chak-e Wardak in Höhe von 50.000 Euro ist nicht möglich?

    Unsere Regierung sollte sich in Grund und Boden schämen, ein solches etabliertes humanitäres Projekt im Stich zu lassen, würde einer der vielen Frontbesucher aus der Regierung und den Parteien auf einen unsinnigen, weiteren PR Besuch in Afghanistan verzichten, wo ausser Hochglanzfotos für die Presse eh nichts bei raus kommt, könnte man das sinnlos verpulverte Geld unbürokratisch an dieses Projekt zukommen lassen und ein Problem wäre gelöst.

    Aber … so wird es wohl nicht kommen … leider …

    m.f.G

  2. #2 | Michael Herzog sagt am 7. April 2011 um 13:36 Uhr

    Bei der Begründung hat man sich ja sogar noch einigermaßen Mühe gegeben. Hatte fast mit einer Ansage gerechnet nach dem Muster „Kein Thema, wenn Sie mir sagen, welchen Kindergarten wir dafür schließen sollen“.

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