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Alltagssplitter (13): Das Blech vom Tage

Ganz im Gegenteil
„Von jeder Wahrheit ist das Gegenteil ebenso wahr.“ (Hermann Hesse)
Allein, das Gegenteil davon ist eben auch wahr.
Aber was wäre hier eigentlich das Gegenteil?

Von der Wiege auf die Bahre
Nicht nur die Revolution frisst ihre Kinder, die Reaktion tat’s immer schon.
Die asoziale Marktwirtschaft etwa mästet nicht einmal mehr die Kunden, die sie auszunehmen und zu fressen gedenkt.

Desertierendes Lesen
„Ich bin für ein Lesen, das den Frieden stört“, notierte Raymond Federman.
Mich allerdings würde eines, das den Krieg störte, auch glücklich machen.

NSA
Will alles über alle wissen. Weiß aber von nichts.

Ami watch yourself
Schafft ein, zwei, viele Watergate.

NSU
Das hat doch keiner ahnen können.
Wenn wir das gewusst hätten.
Das hätte uns doch einer sagen müssen.

Abgekürzt
Als Kinder hatten wir Spaß an derben Scherzen und verbotenen Worten. SPD – so hieß es damals – sei die Abkürzung für ‚Saure Pimmel in Dosen‘. Die Vorstellungskraft wirkt stark, und tatsächlich, wenn der SPD-Kassierer zu meinem Vater an die Wohnungstür kam, schien er nach Gurke zu riechen.
Die CDU dagegen kannte in Duisburg-Huckingen keiner persönlich. Die war zu weit von uns weg, als dass wir sie hätten verspotten können. Nur von Konrad Adenauer hörten wir: „Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt der kleine Adenauer …“
So viel hat sich nicht geändert.
(Mehr dazu bei Peter Rühmkorf: Über das Volksvermögen. Exkurse in den literarischen Untergrund. Rowohlt, Reinbek 1967 (Kinder- und Abzählverse, Trivialtravestien aus hundert Jahren).

Scheiß drauf
Nichts gegen Nestbeschmutzer. Auch Dreck hält das Nest zusammen.

Mobbse/Gemobst
Mittlerweile schutzbehauptet jeder Idiot, er sei ein Mobbingopfer.
Irgendwer fühlt sich immer an einer Entwicklung gehindert, zu der er sowieso nie fähig gewesen wäre.

Boatpeople – Notwendige Ergänzung zur sogenannten „Neiddebatte“
Die Satten verlassen das sinkende Schiff – und steigen in die Beiboote ihrer wartenden Yachten. Wo sie im Bordkino „Titanic“ schauen und zu weinen beginnen.

Deps & Crime
Melancholischer „Element of Crime“-Tag. Sven Regener singt mir ins Ohr: „Schade um die schönen Tränen.“

Besserwissender
In dem sicheren Glauben, dass jedes Ding zwei Seiten habe, ließ das Oktaeder die Scheibe zurück.

Und hier ein Tipp Ihrer Rentenversicherungsanstalt:
Das beste Anti-Aging-Mittel ist, früh zu sterben. Alles andre Kosmetik.

68er-Senioren-Weisheit
Traue keinen unter dreißig.

Sehsucht/Ohrengraus
Einer lieben Freundin musste man ein Auge entfernen. Mich pfeift mein Tinnitus aus. So hör‘ ich was, das sie nicht sieht.

Tabubruch
Wer schlechten Umgang bevorzugt, und zwar den mit guten Büchern, dem empfehle ich Peter Rühmkorfs „TABU I. Tagebücher 1989 – 1991“. Faszinierend wie Rühmkorf über seine Fragmente, Aphorismen und „Einfallsquanten“ mit den Jahren 89-91 auch sich selbst als politischen Kopf und begnadeten Hypochonder porträtiert.
So werden seine Tagebücher zu einem tragikomischen Schelmenroman. Der Lyriker Rühmkorf als schreibender Don Quichote im Kampf mit den Windmühlen der Zeit. Dabei ist er immer hellsichtig, ein gelehrter Poet mit lakonischem Witz und artistischer Sprache.
Zitate gefällig?
„Politik? – Einfach mal eine Weile nicht hinkucken und abwarten, bis sich die ehernen Wahrheiten von heute als Blech vom Tage entlarvt haben.“
Oder: „Man soll ungeniert zu sich selbst sprechen und nicht als trüge man sein Ich wie eine Monstranz vor sich her. Manche Dichter behandeln ihre Depressionen wie rohe Eier.“

Absage
„P.R.         H.H., d. 9. 3. 02
          Lieber Herr Herholz,
ja, ich erinnere mich noch sehr gut an Auftritt ‚Theater an der Ruhr‘, schien mir etwas obscur zunächst, und dann auf einmal einladendes Gehäuse und Klasse Publikum.
Kann in diesem Jahr allerdings meinen – schmal gehaltenen – Kalender nicht mehr erweitern. Sitze an neuem Buch – Tabu II – und da ich den Termin schon 1 X geschmissen habe, sitzt mir der Verlag auf den Hacken.“

Koketter Imperativ

Kein Buch mehr lesen!
Mit Krähen befreunden! Auf-
fliegen, anderntags.

RuhrBarone-Logo

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