Antisemitischer Aktivismus gegen israelische Archäologen

Kunst der Philister: Eine Bügelhenkelvase mit Oktopus (1200–1100 vor Christus). Sie stammt aus Rhodos Foto: Jastrow  Lizenz: Gemeinfrei


Beinahe hätten israelische Archäologen als Vertreter ihrer Hochschulen und Institute nicht an der Jahrestagung der European Association of Archaeologists teilnehmen dürfen. Massive Proteste führten zu einem Umdenken des Archäologenverbandes.

Die European Association of Archaeologists (EAA) ist mit ihren 11 000 Mitgliedern aus 60 Ländern einer der weltweit wichtigsten Archäologenverbände. Gegründet 1994 in Slowenien, treffen sich die Mitglieder einmal jährlich. 2025 sollten sie in der serbischen Hauptstadt Belgrad zusammenkommen, doch wegen der unsicheren politischen Verhältnisse fand die Tagung virtuell statt. Aber nicht alle Mitglieder waren willkommen: Einer Gruppe antiisraelischer Aktivisten war es kurz vor Beginn der Tagung gelungen, dafür zu sorgen, dass israelische Archäologen, die ihre Hochschulen und Institute vertraten, wegen des Gaza-Krieges und der angeblichen israelischen Verbrechen ausgeladen wurden. In einem offenen Brief, den eine anonyme Aktivistengruppe inittiiert hatte, vom 18. August forderten über 1200 Archäologen von der EAA die Anerkennung der BDS-Bewegung, keine Verbindungen zu israelischen Institutionen zu unterhalten und „Vertreter dieser Institutionen von der EAA-Mitgliedschaft, von Komitees und Konferenzen einschließlich der Tagung in Belgrad auszuschließen“. Ende August reagierte dann der Vorstand der EAA und beschloss, „die institutionelle Zusammenarbeit mit Israel bis auf Weiteres auszusetzen“. Kolleginnen und Kollegen von israelischen Institutionen hätten die Möglichkeit, an der Jahrestagung in Belgrad teilzunehmen, allerdings nur in ihrer Eigenschaft als individuelle (nicht institutionell gebundene) EAA-Mitglieder: „Jede Erwähnung einer Zugehörigkeit zu einer israelischen Institution oder Förderagentur muss in allen EAA-Kontexten vermieden werden.“ Schon im vergangenen Jahr hatte die EAA ihre Besorgnis über die Zerstörung archäologischer Stätten durch Kampfhandlungen in der Region erklärt.

Damit schien es, dass nun auch die Archäologen – wie viele andere wissenschaftliche Gesellschaften – vor der BDS-Kampagne eingeknickt waren und sich an der Isolierung israelischer Wissenschaftler beteiligten. Doch es sollte anders kommen: Immer mehr Archäologen stellten sich gegen den Beschluss des EAA-Vorstandes und setzten sich in der Jungle World vorliegenden Mails für ihre israelischen Kollegen ein. Sie verwiesen auf das Recht Israels auf Selbstverteidigung, bezeichneten die Ausschlussentscheidung als demütigend und betonten, dass die Entscheidung nach europäischem Recht illegal sei. Sie hatten Erfolg: Am 1. September teilte die EAA mit, die beschlossenen Maßnahmen gegen die Israelis seien übereilt gewesen, und nahm sie zurück: „Wir bedauern zutiefst jeglichen Schaden für unsere betroffenen Kolleginnen und Kollegen, mit denen wir in Kürze Kontakt aufnehmen werden.“ Am letzten Abend der Konferenz kam es  zwar zu Protesten der BDS-Archäologen, der Rücktritt des EAA-Vorstands wurde gefordert und Yannis Hamilakis, Professor an der Brown University, nannte die Unterstützer der israelischen Wissenschaftler „pro genocide fascists“. Aber ihren Ausschluss konnte er nicht bewirken.

Einer von denen, die sich für die israelischen Archäologen eingesetzt hatten, war Florian Klimscha, Privatdozent an der Göttinger Georg-August-Universität, der selbst in Israel an Ausgrabungen teilgenommen hat: „Das Verhalten der EAA gegenüber den israelischen Kollegen war einzigartig. So etwas hat es bei anderen Konflikten noch nie gegeben.“ Klimscha habe die Entwicklung überrascht und enttäuscht: „Am 7. Oktober 2023 glaubte ich wie viele, dass es nun eine Solidarisierung mit Israel gibt.“ Die sei allerdings überhaupt nicht eingetreten. Klimscha hatte damals mit über 2400 anderen Wissenschaftlern eine Erklärung gegen Antisemitismus unterschrieben. Einer der Unterzeichner erhielt damals eine Morddrohung. „Archäologie sei schon lange ein Fach, das im Zentrum politischer Auseinandersetzungen steht, auch im Nahen Osten: Wer in Syrien graben wollte, durfte keine Kontakte nach Israel haben.“ Trotzdem habe er vor dem 7. Oktober Konferenzen organisiert, auf denen arabische und israelische Archäologen aufeinandertrafen: „Die haben sich immer gut miteinander unterhalten.“ Klimscha ist Privatdozent für Ur- und Frühgeschichte. „Heute aktuelle politische Fragen wie die, wer zuerst in der Region siedelte, spielen für uns keine Rolle.“ Die ersten anatomisch modernen Menschen habe es dort vor 300 000 Jahren gegeben, sie hätten Afrika zu Fuß verlassen. „Bis in die späte Bronzezeit gibt es für die in der Region lebenden Menschen schlicht keine Bezeichnungen, die etwas mit unseren heutigen Nationalitätsbegriffen zu tun haben.“ Erst später hätten dort Menschen gelebt, die sich als Israeliten sahen. In der Eisenzeit seien die Namen aufgetaucht, die wir heute noch kennen: Israeliten, Perser, Griechen. Es sei die Politik, nicht die arabischen Archäologen, die die Legende in die Welt gesetzt hätten, die Palästinenser seien die Nachfahren der Philister, weil Rom nach der Zerstörung des Zweiten Tempels das Königreich Judäa in Palästina umbenannt habe. „Die römische Provinz Palästina leitet sich von den Philistern ab, und die haben natürlich nichts mit den heute dort lebenden muslimischen Palästinensern zu tun.“

Die BDS-Kampagne“, sagt Joseph Maran, Professor für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Heidelberg, „ist sehr gut organisiert. Das hat man auch an den Vorkommnissen um die EAA gesehen.“ Sie behaupte, dass die Palästinenser schon immer in der Region lebten und die Juden dort nichts zu suchen hätten. Solch ahistorisches Denken könne vor allem auf manche junge Akademiker eine verheerende Wirkung haben. „Für die ihm bekannten israelischen Archäologen spielt die Frage von Gebietsansprüchen aufgrund archäologischer Funde überhaupt keine Rolle. Im Gegenteil: Sie setzen sich für einen Ausgleich mit den Palästinensern ein und kritisieren die eigene Regierung heftig“ Maran lehnt schon die einseitige Verurteilung Israels ab, wenn es um die Zerstörung von archäologischen Fundstätten in Gaza geht: „Gaza ist seit Jahrtausenden eine bedeutende und dicht besiedelte Stadt. Dort findet man überall Spuren aus der Vergangenheit.“ Schon vor dem Krieg seien viele Fundstätten zerstört worden: „Die Hamas hat unter den Augen der UN hunderte Kilometer lange Tunnel gegraben und dabei alles zerstört, was ihnen im Weg war.“ Das habe weder die Terroristen interessiert noch zu Protest unter den Archäologen geführt. Auch im Krieg gegen den IS seien zahlreiche Kulturdenkmäler in Mossul oder ar-Raqqa zerstört worden. „Das hat man als notwendig hingenommen. Kritik kam erst auf, als sie sich gegen Israel wenden konnte.“ Auf simplistischen Gut-Böse-Mustern beruhendes postkoloniales Denken sei auch in Teile der Archäologie eingesickert. Danach sei Israel eine von weißen Siedlern gegründete Kolonie . „Dass die Hälfte der Israelis nicht aus Europa, sondern aus der arabischen Welt kommt, und auch die aus Europa stammenden Juden von dort vertrieben wurden, weil sie als „asiatischer Fremdkörper“ stigmatisiert wurden, wird ebenso ausgeblendet wie der osmanische Kolonialismus sowie die Islamisierung und Arabisierung der ganzen Region, die zur Unterdrückung und Auslöschung vieler Ethnien führte.“

Der Text erschien ihn ähnlicher Form bereits in der Jungle World

Dir gefällt vielleicht auch:

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
1 Kommentar
Älteste
Neueste
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
thomas weigle
thomas weigle
4 Monate zuvor

Wie sagte doch einst ein fetter „Reichsjägermeister“ namens Göring: „Ich möchte kein Jude in Deutschland sein.“ Man ersetze Deutschland durch Europa….“Man kann gar nicht so viel essen, ….sagte damals ein deutscher Jude namens Liebermann…“

Werbung