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Antisemitismus hat Labour und Jeremy Corbyn das Genick gebrochen

Jeremy Corbyn Foto: Garry Knight Lizenz: Gemeinfrei

Das Thema Antisemitismus hat Labour und Jeremy Corbyn das Genick gebrochen. In einer repräsentativen Umfrage kurz vor der Wahl sagten mit 28 % der jüdischen Wählerinnen und Wähler, also die meisten, dass für sie das Thema Antisemitismus am wichtigsten in ihrer Wahlentscheidung sei – noch vor dem Thema Brexit. 96% sagten Antisemitismus sei wichtig bei ihrer Wahlentscheidung und 82% sagten es sei sehr wichtig. Und genau das haben wir heute gesehen.

Corbyns – nennen wir es – schwieriges Verhältnis zu Jüdinnen und Juden, seine Nähe zu Antisemiten und seine Freundschaft zu Menschen, die Terroranschläge auf Jüdinnen und Juden gutheißen und sogar begehen und/oder den Holocaust leugnen, die zunehmenden krassen Diskriminierungen gegen Jüdinnen und Juden in Labour, die scharenweise die Partei verließen, von Basis-Mitgliedern bis zu Parlamentsmitgliedern, welche die Beschimpfungen und Bedrohungen von ihren eigenen Parteimitgliedern nicht mehr ausgehalten haben und die Partei verließen oder gar rausgeworfen wurden, weil man ihnen vorwarf Agenten der Tories und/oder Israels zu sein, all das war in den vergangenen Jahren immer wieder Thema in der Presse – nicht nur in der konservativen, wie so gerne von Corbyns Verteidigern behauptet wird, auch in den liberalen und linken Blättern. Corbyn und sein Inner Circle haben für Jüdinnen und Juden eine Atmosphäre der Angst in Labour geschaffen. Das wurde diskutiert.

In den zwei Wochen vor der Wahl kamen dann mehrere Klopper zusammen:

– Mehrere Dutzend Whistle blower die für Labour arbeiten, teilweise in hohen Positionen, haben in einem Bericht gegenüber dem Europäischen Menschenrechtsrat über die systematischen antisemitischen Übergriffigkeiten ausgepackt. Der Bericht wurde an die Presse durchgestochen.

– In einem großen BBC-Interview wurde Corbyn auch auf die über 130 ausstehenden Verdachtsfälle antisemitischer Übergriffe in der Partei angesprochen, darunter ein Fall, in dem seit eineinhalb Jahren diskutiert wird, ob ein Mitglied das nachweisbar öffentlich geäußert hat, dass man alle Juden ausrotten solle, sich wirklich antisemitisch geäußert hat. Er wurde explizit gefragt, ob er sich bei der jüdischen Gemeinde Großbritanniens für seinen Umgang mit Antisemitismus in der Partei entschuldigen wolle. Er hat sich rundheraus geweigert. Mehrfach. Trotz mehrmaliger Nachfrage des BBC-Interviewers.

– Eine unabhängige und repräsentative Umfrage ergab, dass 87% (!) aller Jüdinnen und Juden im Vereinigten Königreich denken, dass Corbyn ein überzeugter Antisemit sei. 42% der Jüdinnen und Juden gaben an, dass sie ernsthaft darüber nachdenken würden das Land zu verlassen, falls Corbyn Premierminister würde.

– Erst vor einigen Tagen wurde durch einen Bericht der Jerusalem Post bekannt, dass eine der größten Facebook-Kampagnenseiten für Corbyn direkt aus dem Gaza-Streifen von Hamas-Mitgliedern administriert wurde.

Es hat ihm letzten Endes das Genick gebrochen. Selbst Leute, die programmatisch überhaupt kein Problem mit dem Labour Manifesto hatten, haben gesagt: Okay, jetzt reichts. Und da man in einem Westminster-System in den meisten Wahlkreisen eben nur die Wahl zwischen Pest und Cholera hat, haben sich die Leute dann eben für das für sie kleinere Übel entschieden. Und Jeremy Corbyn hat es geschafft, dass das kleinere Übel dem Empfinden der Leute nach eben Boris Johnson war.

Prognose:

Corbyn wird im Verlaufe der nächsten Wochen zurücktreten. Labour wird in eine lange und unangenehme Phase der Selbstzerfleischung und Neufindung übergehen, an deren Ende hoffentlich eine erneuerte Labour Party steht, die in der Lage ist den Antisemitismus der Corbyn-Jahre aufzuarbeiten.

Boris Johnson hat eine bequeme Mehrheit und wird den Brexit auf dem ein oder anderen Wege durchsetzen, komme was da wolle. Er wird die nächsten Jahre durchregieren.

Die SNP hat derart stark hinzugewonnen, dass ein zweites Schottland-Referendum im Lichte des endgültigen EU-Austritts sehr wahrscheinlich wird. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Union ein Ende nimmt.

Update: Wie berichtet wird, teilt der ehemalige Labour-Bürgermeister von London und MP Ken Livingstone diese Analyse und wirft die Wahlniederlage von Labour den jüdischen Wählerinnen und Wählern vor.

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19 Kommentare zu “Antisemitismus hat Labour und Jeremy Corbyn das Genick gebrochen

  • #1
    Thomas

    Ich hoffe jetzt wird in der Labour-Partei durchgegriffen und alle Antisemiten rausgeschmissen. Nur so kann es eine Erneuerung geben. Ab

  • #2
    Klaus Lohmann

    Das ist *eine* der möglichen Erklärungen für Corbyns bzw. Labours Desaster. Eine andere, die andauernde Unentschlossenheit und Feigheit vor einer eindeutigen Positionierung zum Brexit, ist m.E. noch gewichtiger gewesen, weil kaum Jemand auf der Insel mehr Bock auf das unerledigte Thema hat(te). Ist bei den Labours genauso katastrophal wie bei der SPD – keine oder nur eine uralte Strategie in wirklichen Problemen bricht das Genick.

  • #3
    Coletta Damm

    So ein Unsinn! Die "Jewish Voice for Labour" hat immer wieder versucht gegen diese Verleumdungen anzugehen, aber leider vergeblich. Wenn selbst ein Oberrabbi in England diesen Mist verbreitet glauben ihn sicher viele. Natürlich gibt es Antisemiten in allen Parteien in UK. Doch bei den Konservativen sind wohl die meisten davon…?

  • #4
  • #5
    Jens

    @gerd
    Weil die Presse in GB überwiegend auf seiten der Tories steht. Und weil man kein Aufhebens drum Macht. Gehört halt dazu wie die herbstliche Moorhuhnjagd oder der Landrover Defender. BoJo hat es nicht im Geringsten geschadet, gegen Schwule, Muslime etc zu hetzen. Er hat Juden ausgelasssen- so blöd ist er nicht– aber seine Wähler haben die Auslassung verstanden….

  • #6
    Wolfram Obermanns

    Die 28% der Wähler, für die Antisemitismus der wichtigste Wahlentscheid sind, habe ich in der Erhebung von Survation nicht finden können, wurden doch ausschließlich jüdische Wähler befragt. Diese allerdings haben Labour zu über 60% ein fette antisemitische Haltung attestieren. Das ist schon krass.
    Nimmt man an, wo ein verfestigter Wahn haust, existieren meist auch andere, und die britischen Wähler haben diese ebenfalls erkannt, wird die erdrutschartige Niederlage verständlich, obwohl doch leave oder remain die britische Gesellschaft paritätisch teilt. Labour unter Corbyn wurde als Irrenanstalt abgewählt.

  • #7
    Kurt

    Der Herr Herr sollte dann doch nochmal in die Journalistenschule. Da lernt man dann, dass man Quellen erst liest und dann zitiert (eigentlich lernt man das schon am Gymnasium…). Es ist mitnichten so, dass Antisemitismus das wichtigste Thema war. Die Umfrage wurde lediglich unter potentiellen jüdischen Wählern durchgeführt. Das sind aber weniger als 1% der britischen Wahlberechtigten. Insofern ist auch der Titel Quatsch.

    Hätte gedacht, dass die Ruhrbarone seriöser arbeiten. Offenbar ist das nicht der Fall.

  • #8
    Gerd

    "Weil die Presse in GB überwiegend auf seiten der Tories steht."

    Selten so gelacht! Wenn auf der anderen Seite ein radikaler Linker steht, der Terroristen mag, Israel verachtet, kein Problem mit Antisemiten hat usw. ist es nur logisch, daß eine halbwegs rationale Presse sich gegen so eine Person stellt und die Wähler ebenfalls. Letztere sind übrigens keine willenlosen Marionetten der Presse, sondern durchaus zu eigenen Urteilen fähig.

  • #9
    Jens

    @gerd
    ich komme auch nicht aus dem Lachen heraus.. Antisemitisums mag die urbanen Wähler irritieren, aber nicht die ehemaligen Labourwähler in Nordengland. Die haben andere Sorgen. Im Übrigen zieht sich Isrealfeindlichkeit mittlerweile durch soweite Teile des "Liberalen" Bürgertums, daß diese -zynisch gesprochen-wahrscheinlich auch nicht wahlausschlaggebend sei kann. Und bitte nicht die muslimischen Wähler vergessen.
    Corbyn hat verloren, weil er in Sachen Brexit "herumgeschwummert"hat. Und weil die dümmsten Kälber sich ihre Schlachter selber suchen.

  • #10
    Benny Salomon Salz

    Hier, für alle die es nicht glauben wollen: Jeremy Corby ehrt einen der antisemitischen Terroristen, die die israelische Sportmanschaft in München 1972 ermordet haben. https://www.dailymail.co.uk/news/article-7783193/Fifty-infamous-moments-shame-Jeremy-Corbyn.html?fbclid=IwAR3R0U6iGxSMxSYJDjxen6c_TCTCFC6A-lLfWkIu08_PHl_3br0e-hehyVc

    Shalom Benny Salomon Salz

  • #11
    Gerd

    "Und weil die dümmsten Kälber sich ihre Schlachter selber suchen."

    Und wegen linker Arroganz, wie die da. Ich erwarte von Linken keine kritische Selbstrefelxion, aber sie sollten damit aufhören, ausfallen zu werden, nur weil jemand ihre Weltsicht nicht teilt.

  • #12
    Wolfram Obermanns

    @#10 Benny Salomon Salz
    Typen in D, die denken Juden in GB wüßten nicht wer Antisemit sei und sie selbst wüßten es besser, ist auch mit bestens dokumentierten Fakten nicht zu helfen.
    Solche Figuren sympathisieren eher mit Killern, die schwarze GI und Juden im Flugzeug separieren und dann ermorden. Für die geht der Kampf gegen das verjudete und vernegerte Amerika und seine Vasallen bis heute weiter.

    Welche Rolle der Labour-Antisemitismus für das Wahlergebnis spielt, kann die Studie von Survation nicht beantworten, da sie danach gar nicht gefragt hat. Daß mancher Remainer nicht gleichzeitig Antisemiten wählen wollte mag sein, aber dann hätten wenigstens die Liberalen besser abschneiden müssen. Vermutlich wollten aber auch deren potentielle Wähler kein neues Referendum.

  • #13
    Klaus Lohmann

    @Gerd: Warum erwarten alle Braunen eigentlich permanent Dinge von Anderen, die sie – siehe #8 – selbst nicht liefern können und wollen???

  • #14
    jens

    @gerd
    wenn es arrogant ist Menschen, die auf die Brexit Lügner reinfallen dumm zu nennen, dann bin ich vielleicht arrogant. Aber bestimmt nicht links. Im GegenteiL "Das Volk ist dumm"- das ist eine klassische konservative Position.

  • #15
    bob hope

    Zitat von #8 Gerd: „Letztere sind übrigens keine willenlosen Marionetten der Presse, sondern durchaus zu eigenen Urteilen fähig.“

    Zu dem Urteil kommen Sie, Gerd, aber auch nur dann, wenn die Leute konservativ oder rechts bis rechtsextrem wählen. Sobald es andere Mehrheiten gibt, reden Sie doch gerne – auch hier – von „Lückenpresse“, „Zwangsgebühren“ etc. und Manipulation der Meinung.

    Zum Topic: Es ist natürlich extrem bitter, dass Labour es nicht geschafft hat, eine klare Position zum latenten und zum Teil offenen Antisemitismus eines Teils seiner Mitglieder einzunehmen. Corbyn spielte da natürlich die entscheidende Rolle. Kenne persönlich Leute, die für Labour arbeiten und deswegen keinen Bock mehr hatten, weil sie einerseits wussten: Boris Johnson kann noch so viel Unsinn erzählen wie er will, die Wahl wird er gewinnen. Andererseits Corbyn einfach unbelehrbar ist. Mit knallharten Antiimperialisten, die Israel für einen Apartheidstaat halten, diskutiere ich persönlich auch nicht mehr.

    Zum Medienthema: Man sollte trotzdem nicht vergessen, dass mit Telegraph, Sun, Times und Daily Mail vier der größten Zeitungen in England ganz offen die Torys supporten, Labour kann auf den Guardian, den Observer und den Daily Mirror zählen – das Verhältnis an Lesern ist ungefähr 65/35. Und ja, die Medien sind wesentlich parteiischer als in Deutschland. Denke trotzdem, dass es legitim war, den Antisemitismus bei Labour auch in der Form zu thematisieren.

  • #16
    Wolfram Obermanns

    In der NZZ findet sich eine Wahlanalyse:
    "Die entscheidenden Verluste erlitt Labour dort, wo traditionelle Anhänger der Partei wirtschaftspolitisch links eingestellt sind, kulturell und gesellschaftlich aber eher rechte Auffassungen vertreten. Sie halten Corbyn, der gerne den Westen beschimpft, für unpatriotisch und seine überbordenden Versprechen im Wahlkampf für Bauernfängerei. Laut einer am Wochenende durchgeführten Umfrage gaben 43 Prozent von abtrünnigen Labour-Wählern an, sie hätten wegen der Parteileitung diesmal anders gestimmt, 17 Prozent nannten den Brexit, 12 Prozent das Wirtschaftsprogramm Labours als Grund."
    Corbyn ergeht sich alldieweil in Wähler Beschimpfung, was manche Linke für ein rechtes Spezifikum halten. Vielleicht haben die sogar Recht, aber was bedeutet das für die Linke?

  • #17
    Werntreu Golmeran

    Herr schmeiß Hirn vom Himmel.

    Johnson, DUP und Farage haben weniger als 48 Prozent der Stimmen bekommen. Labour, SNP, LibDems und Green mehr als 51 Prozent der Stimmen.

    Die überall zitierten Befragungen, nach denen die Mehrheit der Briten angeblich einen Brexit wollen, gibt es nicht. Die Briten haben mehrheitlich angegeben, dass ihre Wahlentscheidung davon beeinflusst worden sei, dass das Brexit-Thema endlich gelöst werden müsse. Das heißt aber nicht, dass dieselben Leute alle Johnson gewählt hätten, denn auch wenn er verloren hätte, wäre die Frage kurzfristig durch das Second Say beantwortet worden.

  • #18
    WeHo

    Warten wir mal ab ob sich dieser Politclown Johnson und seine Brexiteers gegenüber den Juden auf Dauer anders verhalten als Corbyn.

  • #19
    Thomas Weigle

    @Jens Mag sein, dass "das Volk ist dumm" eine klassische konservative Position ist. Betrachten sie aber die "Meinungsvielfalt" in den Staaten, die sich links verstehen bzw. verstanden haben, dann war deren Position-unausgesprochen- "das Volk ist dumm, deshalb darf es nur wissen, was wir vorher auf seine Nützlichkeit geprüft haben, denn nur wir wissen, was dem Volke gut tut und natürlich was ihm schadet."

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