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Armut im Ruhrgebiet: Es wird weiter bergab gehen

Gelsenkirchen

Als bekannt wurde, dass das Ruhrgebiet Deutschlands Armutsregion Nummer 1 ist, habe ich das eher beiläufig zur Kenntnis genommen, ein passendes Foto für den Ruhrpilot rausgesucht und mich dann an die tägliche Arbeit gemacht. Die Meldung hat mich weder aufgeregt noch überrascht. Wer ein wenig rumkommt und weiß, wie es anderswo aussieht, kann die Armut im Ruhrgebiet in weiten Teilen sehen. Ost ist sie sogar zu riechen: In Städten wie Duisburg oder Gelsenkirchen dünsten die Häuser auch im Sommer in den am meisten heruntergekommenen Viertel auch an warmen Tagen den feuchte und muffig-kalten Geruch der Armut aus.

Das alles ist kein Schicksal. Ja, natürlich, der Strukturwandel, das war keine schöne Sache, aber einzigartig war er auch nicht. Wirtschaftliche Strukturen wandeln sich nun einmal und man kann damit fertig werden. Regionen, die das schaffen, sind dann auch nicht so attraktiv für Armutszuwanderung, die von Vertretern der Städte Gelsenkirchen und Duisburg in der WAZ als einer der Hauptgründe für die hohe Quote an Armen angeführt werden.

Das Ruhrgebiet setzt nicht auf Wachstum, es setzt nicht auf Wirtschaft und Jobs, sondern rennt wie ein Teenager allen möglichen Trends hinterher. Umweltwirtschaft, Kreativwirtschaft, Musikwirtschaft, ja sogar ein Hotspot der deutschen Film- und Fernsehwirtschaft sollte die Region werden. Schon beim schreiben des letzten Satzes kam bei Fremdscham auf, nicht das angenehmste Gefühl am Morgen.

Ich habe keine Ahnung, welche Branchen das Ruhrgebiet nach vorne bringen könnten aber eines weiß ich: Die meisten Wirtschaftsförderer wissen es noch weniger. Sie wollen für irgendwelche Projekte Geld vom Land, Bund oder der Europäischen Union. Und klar, zurzeit wollen sie es für Klimaprojekte, die zwar keine Jobs bringen, aber üppig gefüllte Fördertöpfe wecken nun einmal Begehrlichkeiten.

Im Ruhrgebiet bricht gerade die Stahlindustrie zusammen, was vor allem an der Unfähigkeit des Thyssenkrupp-Managements der vergangenen Jahrzehnte lag, aber dafür können sich die Betroffenen nichts kaufen: Tausende gut bezahlter Jobs werden verschwinden und oft durch schlechter bezahlte Arbeitsplätze ersetzt.

Natürlich, es gibt Erfolgsgeschichten wie die des ehemaligen Opel-Geländes in Bochum, wo bald 6000 Menschen Arbeit finden werden. Auch in Dortmund und Essen läuft es nicht so schlecht, aber in weiten Teile des Ruhrgebiets ist die Lage dramatisch und wird sich verschärfen. Das Ruhrgebiet wird weiter auseinanderbrechen. Wenn die Chefin des Regionalverbandes Ruhr, Carola Geiß-Netthöfel zum Thema Armut der WAZ sagt „gleichwohl bringe die positive wirtschaftliche Entwicklung des Ruhrgebiets immer mehr Menschen in Lohn und Brot“ ist das nur die halbe Wahrheit. Ja, die Arbeitslosigkeit ist, wie in ganz Deutschland, auch hier in den vergangenen zehn Jahren zurückgegangen. Aber nirgendwo wurden so wenig neue Jobs geschaffen wie im Revier – der Abstand zu allen anderen Städten und Regionen ist damit sogar noch größer geworden. Ich weiß nicht, ob Geiß-Netthöfel dies klar ist. Die Zahlen habe ich von ihrer Wirtschaftsförderung bekommen, aber nach der Regionalplanpleite hat sie wahrscheinlich keine Zeit, sich mit so Nebensächlichkeiten wie Wirtschaft und Arbeitsmarkt zu kümmern. Geiß-Netthöfel wird damit ausgelastet sein, einen Arbeitsplatz zu retten: Ihren eigenen.

Es ist klar, was man machen müsste: Das Ruhrgebiet sollte eine Sonderwirtschaftszone werden. Steuern runter, Klagemöglichkeiten für Wutbürger und Verbände einschränken, eine, wie von Gelsenkirchens Oberbürgermeister Baranowsky gefordert, neue Uni im Norden des Ruhrgebiets, mehr Geld für Nahverkehr, Straßen und alles andere, was man so unter dem Begriff Infrastruktur zusammenfasst. Wenn man, um all das zu finanzieren, ein Orchester abschaffen, die Ruhrtriennale beerdigen, Aktien und Unternehmensbeteiligungen verkaufen und Behörden zusammenlegen muss, dann ist das ebenso. Ich habe mehr Künstler und Mitarbeiter der Städte als IG Metaller auf den Fridays-for-Future-Demos gesehen – wer gegen Wirtschaftswachstum auf die Straße geht, wird sicher nichts dagegen haben, schon bald die Freuden eines einfacheren Lebens genießen zu dürfen.

Aber hey, wir wissen alle, dass das nie passieren wird. Es wird weiter bergab gehen. Die kommende Krise wird das Ruhrgebiet besonders hart treffen. In Süddeutschland werden sie schon bald andere Sorgen haben, als die Wünsche der Jammerwessis aus dem Revier zu bezahlen. Alle die hier leben, können sich weiterhin auf Rankings einstellen, die bestätigen: Das Ruhrgebiet ist wie die Ostzone in den 90ern, nur ohne Hoffnung auf Besserung.

 

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9 Kommentare zu “Armut im Ruhrgebiet: Es wird weiter bergab gehen

  • #1
    AntiAndi

    "mehr Geld für Nahverkehr, Straßen und alles andere, was man so unter dem Begriff Infrastruktur zusammenfasst. Wenn man, um all das zu finanzieren, ein Orchester abschaffen, die Ruhrtriennale beerdigen"
    Nur mal so zur Info an den Autor: Orchester und Kulturfestivals werden allgemein auch unter dem Begriff "Infrastruktur" gerechnet.

  • #2
    Roland W. Waniek

    @AntiAndi
    Nein, Orchester und Kulturfestivals gehören nicht zum allgemeinen Infrastruktur-Begriff. Das kann man hinzudichten, falls man es unbedingt will, es gehört aber nun mal nicht dazu. Vielmehr ist unter Infrastruktur die "Grundausstattung einer Volkswirtschaft (eines Landes, einer Region) mit Einrichtungen, die zum volkswirtschaftlichen Kapitalstock gerechnet werden können, die aber für die private Wirtschaftstätigkeit den Charakter von Vorleistungen haben." Vgl.: Gablers Wirtschaftslexikon: https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/infrastruktur-39955

  • #3
  • #4
    AntiAndi

    Die Bundeszentrale für politische Bildung (in diesem Fall sicherlich die neutralere Quelle als ein Wirtschaftslexikon) zitiert zur Begriffserklärung den Duden:
    "Infrastruktur
    alle staatlichen und privaten Einrichtungen, die für eine ausreichende Daseinsvorsorge und wirtschaftliche Entwicklung als erforderlich gelten. Die Infrastruktur wird meist unterteilt in technische Infrastruktur (z. B. Einrichtungen der Verkehrs- und Nachrichtenübermittlung, der Energie- und Wasserversorgung, der Entsorgung) und soziale Infrastruktur (z. B. Schulen, Krankenhäuser, Sport- und Freizeitanlagen, Einkaufsstätten, kulturelle Einrichtungen)."

  • #5
    Thomas Weigle

    Der Begriff Infrastruktur hat sich inflationiert, alles ist irgendwie Infrastruktur bzw. hat eine solche. Kultur gehört zur "sozialen Infrastruktur." Ursprünglich kommt der Begriff, wenn ich das recht erinnere, aus dem militärischen Bereich.

  • #6
    Martin Ruppert

    Ich find Kunst und Kultur ja auch toll, aber davon wird man nicht satt, man kann mit damit nicht heizen und das Dach über meinem Kopf bekomme ich damit auch nicht repariert. Daher würde ich Kunst und Kultur auch nicht zur Infrastruktur der Menschen am unteren Ende betrachten.

    Es ist Infrastruktur für Menschen die mehr zum Leben haben die sie brauchen. Und Zack, so haben mir damit die Gesellschaft in zwei Stücke gekloppt.

    In Mannheim haben Künstler riesige Gemälde auf freie Flächen an Gebäuden gemalt. Das sieht super aus: Kunst für alle, von allen bezahlt und somit umsonst und draussen an der frischen Luft.

    Stattdessen versuchen Städte im Ruhrgebiet Gentrifizierung anzulocken indem man Künstlermeilen gründet. Damit man die Mieten in der Umgebung hoch drehen kann, weil es chick ist da zu wohnen.

  • #7
    Axel

    Wirtschaftsförderung, das ich nicht lache…. die dort sitzen haben soviel Ahnung von Wirtschaft wie ein Straßenbahnfahrer von einem Formel 1 Rennwagen. Gute Nacht Ruhrgebiet!

  • #8
    Manuel

    Wir schreiben das Jahr 2019, ganz Deutschland hat verstanden, dass der Klimawandel mit schrecklichen Auswirkungen kommen wird, wenn nichts dagegen unternommen wird. Ganz Deutschland? Nein, ein kleiner Zusammenschluss unbekannter Redakteure tut so, als wäre Klimaschutz etwas verwerfliches, dummes.
    Abgesehen von dieser völlig deplatzierten Spitze, allerdings leider ein sehr wahrer Artikel.

  • #9
    AntiAndi

    @6: Von einer Autobahnbrücke werde ich auch nicht satt, ich kann nicht damit heizen und das Dach über dem Kopf….oh, halt…..ich kann ja darunter schlafen (aber das kann man in der Oper ja auch sehr gut).

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