Barfuß und fernsehfrei – Das Schloss Elmau meiner Kindheit

Elmau vor dem Brand. Foto: R. v. Cube

Den Schauplatz des G7-Gipfels kenne ich ja wie meine Westentasche.
Erstaunen und Wehmut packen mich, wenn ich dieser Tage Nachrichten schaue. Wenn ich die vertraute Sillhouette mit dem Türmchen sehe, die gelbe Fassade mit dem grünen Dach. Dahinter die Wettersteinwand. Hier verbrachte ich Sommerferien. Elmau, mein Saltkrokan. Verwirrung, wenn ich dann G7 höre und mächtigste Männer der Welt und dass der Koch für Sonderwünsche auch mal Trüffel einfliegen lässt. Ein würdiger Ort für die Elite der Elite.
Nein, ich bin nicht in Luxusressorts aufgewachsen. Elmau war einmal ein verwunschenes, verschrobenes Reiseziel, das auch normale Menschen sich leisten konnten, sofern eben ein oder zwei Wochen in einem Hotel mit Vollpension in Frage kamen. Sofern man keinen Fernseher auf dem Zimmer brauchte und sich vorschreiben lassen wollte, wo man sitzt. Sofern man sich von Laien das Essen bringen lassen und mittags ein Lunch-Paket mit hartgekochtem Ei bekommen wollte, falls man einen Ausflug macht.


Doch der Reihe nach. Im Zeitraffer. „Schloss“ Elmau wurde 1914 von Johannes Müller mit dem Geld irgendeiner Gräfin als Ferienstätte für seine Anhänger gebaut. Müller war so eine Art Rudolf Steiner, aber in protestantisch. Aus Wikipedia zusammenkopierte Stichworte über das ursprüngliche Elmau: „Freistätte persönlichen Lebens, gläubige Vergemeinschaftung, volkstümlicher deutscher Tanz, Reformkost, Kammerkonzerte, Überwindung von Standes- und Klassengrenzen“. Meine verehrte Großmutter, geboren 1911, war als junge Frau noch in diesem Original-Elmau gewesen. Dann gab es Krieg, Schloss Elmau als Wehrmachtserhohlungsheim, Frieden, Johannes Müller „in einem Entnazifizierungsverfahren wegen Verherrlichung von Hitler in Wort und Schrift als Hauptschuldiger“ verurteilt (Wikipedia), Flüchtlinge im Schloss und schließlich, in den Fünzigern: Elmau zurück bei den Erben und modernisierte, entnazifizierte Fortsetzung des Betriebs als reformbewegtes, gehobenes Feriendomizil für wohlhabende (nicht superreiche) Intellektuelle. Wiederholte Reisen meiner Großeltern dorthin, in der Folge Erzählungen zuhause, Elmau als geflügeltes Wort im Geschichtenfundus meiner Großmutter.
Und dann, als wir groß genug waren, gemeinsame Reisen. Meine Großmutter fuhr mit meinem Bruder und mir nach Elmau, nachdem sie selbst lange nicht dort gewesen war. Wir alle liebten es. Ich schätze, dass ich im Alter zwischen 9 und 15 Jahren vielleicht vier oder fünf Mal dort war. Man lege mich nicht fest, eine einzige Reise in diesem Alter liefert Erinnerungen, für die man als Erwachsener drei Mal um den Globus fliegen muss.

Wie war also dieser Ort, an dem sich jetzt Scholz und Biden in der Sauna treffen und Trüffel bringen lassen? Das erste, was mir in den Sinn kommt, wenn ich an Elmau denke, sind die Flure. Diese riesigen, langen Flure, weißgetüncht, beiderseits mit großen, dunklen Türen, und der Klang in ihnen. Statt laut zu werden, werden Geräusche in diesen Gängen groß. Wenn man als Kind dort rennt und ruft, dann entsteht kein Krach. Vielmehr verteilt sich der Schall, verliert sich im Raum und erzeugt zugleich einen ganz speziellen Hall. Diese Akustik macht, dass man sich weit fühlt, sich erhaben fühlt. Der eigene Trittschall wird geadelt, durch diesen Hall. Wenn man die großen Flügeltüren zum Konzertsaal oder zu dessen Empore öffnet, dann kommt einem die Musik entgegen, biegt um die Ecke und tanzt selbst durch die Flure.

Es gab früher in Elmau einen Fernseher. Dieser Fernseher wurde abends um zwanzig Uhr in den Teesaal gerollt und für die Tagesschau eingeschaltet. Nach der Tagesschau wurde er wieder herausgerollt. Das war’s. Das Hereinrollen übernahm übrigens eine Helferin oder ein Helfer. Das waren höhere Töchter oder Söhne, zumeist aus Skandinavien, die vor dem Studium für einige Monate nach Elmau kamen. Sie waren die Kellner, die Zimmermädchen, sie halfen in der Küche. Keine Profis, nur Helfer (irgendwoher spukt in meinem Gedächtnis das Gerücht herum, dass der alte Müller das eingeführt habe, um immer Nachschub an blonden, jungen Mädchen zu haben).

Wichtiges Element auch die Tischordnung. Man speiste nämlich an langen Tischen, traditionsgemäß. Man konnte Wünsche äußern, um beispielsweise als Familie zusammenzusitzen, aber darüber hinaus wurde man mit anderen Gästen zusammengewürfelt. Das geschah nicht zufällig, sondern anhand einer durchdachten Tischordnung, die neue Bekanntschaften und anregende Gespräche fabrizieren sollte. Was auch gelang. Gesprächthemen gab es genug. Zum Beispiel wie gelungen mal wieder die Tischordnung war.
Wer mochte, konnte mit dem Morgentanz in den Tag starten. Man stelle sich Damen in langen karierten Röcken vor, die sich an den Händen fassen und zu selbstgespielter Klaviermusik im Kreise tanzen. An manchen Abenden wurde Walzer und Quadrille getanzt, oft gab es Konzerte (eines der wenigen Dinge, die heute noch so sind).
Der Pianist war häufig Ducci. Oh, dieser Ducci. Ein greiser Italiener, die Haare zurückgekämmt, stechende Augen, im weißen, offenen Leinenhemd und schwarzer Hose. Ducci war Sieglindes Mann und Sieglinde war eine echte Tochter des alten Müller. Zu meiner Zeit war sie, glaube ich, schon nicht mehr Geschäftsführerin, wohnte aber im Schloss und zog ein Raunen hinter sich her, wenn sie wallkürenhaft in einem Dirndl oder einem langen karierten Rock durch die Flure glitt. „Da ist Sieglinde!“, flüsterte meine Großmutter ehrfurchtsvoll.

An den Klinken jedes Zimmers hing morgens der „Gockel“. Das war ein Blättchen mit erbaulichen Sprüchen und dem Programm des heutigen Tages. Bezahlt wurde nicht mit Geld, sondern mit Tischzetteln, auf die man seine Zimmernummer und sein Getränk schrieb und die man den Helfern in die Hand drückte. Am Ende kam alles auf die Rechnung. So gab es auch immer Bleistift und Papier, um irgendetwas zu zeichnen. Denn natürlich war dieser Ort inspirierend. Dieser Raum, innen wie außen. Wie ein felsiger Handkantenschlag Gottes: die Wettersteinwand. Wälder, Almwiesen. Wanderwege. Gebirgsbäche, so blau, dass sie fast leuchteten. Sonnenbeschienene Kissen aus trockenen Kiefernnadeln.

Die Wettersteinwand. Foto: R. v. Cube

Da wo jetzt der eine Spa-Bereich ist, war einst ein etwas schäbiges Schwimmbad (der andere Spa-Bereich mit Pool auf dem Dach ist neu). Beliebter Ort für Konflikte mit älteren Damen wegen Spritzen und Springen. Es waren immer viele Kinder dort. Bestimmt kamen die anderen auch mit ihren Großmüttern. Wir haben Freundschaften geschlossen, uns zuhause besucht. Eben habe ich Facebook bemüht, aber ich finde keinen der alten Freunde wieder.

Als Halbstarke konnten wir im Keller zur Bowlingbahn gehen. Auch die war etwas schäbig. Man kam durch kaum genutzte Versorgungsgänge dorthin. Der typische Geruch schlafender Kneipen in der Luft, Bier und alter Rauch, der ins dunkle Holz eingezogen ist und sich mit harzigen Aromen mischt. Die Bowlingbahn war nicht offiziell für uns geöffnet, aber es störte sich niemand daran, wenn wir sie einfach in Betrieb nahmen.
Die Leute. Loriot war angeblich gerne Gast auf Schloss Elmau. „Auf der Elmau“, wie die Insider sagten. Oder solche, die neu waren und wie Insider wirken wollten. Wir fanden es albern und sagten immer „in Elmau“. Jedenfalls habe ich Loriot dort nie gesehen, aber so ziemlich das gesammelte Ensemble seiner Filme. Die Damen mit den kurzen grauen Haaren und den langen karierten Röcken. Die greisen Professoren. Die kinderreichen Familien mit dem Edelweiß auf den Schuhen. Etwas steif aber liebenswert. Etwas zu bemüht. Verbissen optimistisch, verworren selig, Relikte einer untergegangenen Zeit. Ein bizarrer Kosmos zwischen Weltläufigkeit und Weltfremde, Intellekt und Spießigkeit, Protestantismus und Esoterik. Erhabenheit und Bodenständigkeit. Ein durch und durch freundlicher, ein friedfertiger Ort. Die Nazivergangenheit des Gründervaters wurde zwar diskret beschwiegen, aber nicht, weil man eigene Ressentiments versteckte, das glaube ich nicht. Keine latente Feindseligkeit. Nur ein sterbender Rest Naivität.
Vor gut fünfzehn Jahren war ich noch einmal da. Weil wir in der Nähe Urlaub machten, spendierte die Großmutter meiner Begleitung und mir zwei Übernachtungen in Elmau. Das war zu diesem Zeitpunkt schon ein großzügiges Geschenk. Es stand schon der Anbau, mit den Suiten und den Flachbildschirmen. Aber im alten Gebäude gab es noch Zimmer entlang der großen Flure, die für zwei Nächte bezahlbar waren, wenn man als alte Frau sonst nicht mehr viel ausgibt. Es gab noch den Gockel. Es gab noch große Tische, wenn auch sie schon kleiner waren als früher. Es gab noch Leute vom alten Schlag, aber nur diejenigen, die es sich gerade so leisten konnten. Ein letzter Blick auf eine untergehende Welt, ein letztes Klammern einiger treuer Freunde. Ein Abschied.
Kurz danach kam der Brand. Ausgerechnet die Heizdecke einer alten Elmauerin soll ihn ausgelöst haben. Leider, leider, es musste alles renoviert werden. Auch die halbwegs günstigen Räume wurden Luxuszimmer. Jetzt war der Weg frei, der geradewegs zum G7-Gipfel führte. Cultural Hideaway & Spa. Trüffel. Heute würden uns die zwei Nächte mehr als manches Monatsgehalt kosten. Definitiv mehr als eine Großmutter bezahlen kann.
Aber Musikveranstaltungen gibt es immer noch. Sie haben es nicht an die primitive Yacht-Schickeria verhökert, da könnte man sich wenigstens schön drüber aufregen. Lesungen, Konzerte. Es wird wohl noch immer ein Rest des alten Geistes in der Luft liegen. Der Hall in den Fluren wird der Gleiche sein. Was sind das für Menschen, die das zu schätzen wissen und es sich leisten können? Naja. Eine globalisierte Welt bietet ein großes Einzugsgebiet. Es kommen wohl genügend Superreiche mit Geschmack zusammen.
Wie es wohl Herrn Scholz gefallen wird? Ob er ahnt, dass dieser Ort etwas anders ist als sonstige Luxushotels?

Vielleicht hat man bei allen Renovierungen unsere alte Bowlingbahn vergessen und Biden schiebt dort nach Mitternacht mit seinen FBI-Agenten eine Kugel.

Meine Großmutter ist tot. Ducci und Sieglinde sind tot. Meine Kindheit ist vorbei. In Elmau ist der G7-Gipfel.

Auf der Elmau. Ich bin ja ein Insider.

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2 Kommentare

  1. #1 | Gabriele Schulz, geb Hassse sagt am 27. Juni 2022 um 17:49 Uhr

    Wir waren vor ca. 50 Jahren jedes Jahr als Familie auf Elmau. Immer für 4 Wochen und wir hatten als Kinder immer unseren Spaß, die singenden Helferinnen am Morgen , Küchen “ Grete „, Lotte im Trinkstübel und der Pianist, den wir Österreich nannten. Tagsüber Forellen im Bach mit Steinwällen gefangen, das Baden im Ferchensee,das Reiten auf den Haflingern , das Tanzen im großen Saal und nicht zu vergessen die Mittagsruhe. An all das erinnere ich mich gerne

  2. #2 | Elmau | Roberts Blog sagt am 28. Juni 2022 um 00:01 Uhr

    […] [weiter bei den Ruhrbaronen] […]

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