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„Bist du fit? Check it out!“ Wenn der Staat auf Kumpel macht

time4teenMit der Website time4teen.de sollen Jugendliche über die Gefahren kriminellen und „gefährlichen“ Verhaltens aufgeklärt werden. Dazu zählt etwa die „Suchtprävention“ oder das Warnen vor „Dummen Fehlern“ wie illegalem Sprayen. Trotz einigen guten Ansätzen sind die Methoden dieser Aktion von Bund, Ländern und Polizei recht naiv.

Bemüht hip kommt time4teen.de daher. Die Autoren der Website demonstrieren mit Bravour, wie Erwachsene denken, dass Jugendliche reden. Das ist schon mal der erste Garant für unfreiwillige Komik, Peinlichkeiten und Fremdscham. Man ringt sichtlich um eine jugendliche Sprache und bedient sich in erster Linie der Strategie des Rankumpelns an den Leser. „Geht es euch auch manchmal so? Beim Stichwort “Paragrafen” denkt ihr sofort an einen undurchdringlichen Urwald, mit dem Begriff “Gesetz” möchtet ihr am liebsten überhaupt nichts zu tun haben. Bei näherer Betrachtung lichtet sich der Paragrafen-Dschungel aber ebenso schnell wie das Wort “Gesetz” seinen negativen Beigeschmack verliert.“

Das ist auch so eine Funktion dieser Seite: Die Jugend zu gesetzestreuen, stromlinienförmigen Bürgern zu erziehen, die nicht anecken, ausscheren oder aus der Reihe tanzen. Dazu werden überall auf der Website „Coole Kids“ präsentiert, die lässig hinter den Texten hervorluken. Großartig auch die Überschrift zum Thema Diebstahl: „Wer klaut ist out und die Zukunft ist versaut.“

Drohen statt Abholen

Bei aller aufgesetzten Hipness fallen die Verfasser dabei aber immer wieder in einen paternalistischen Tonfall zurück, der Jugendliche wohl eher abschreckt als anspricht. Zum Beispiel Graffiti. Unter der Überschrift „Hier läuft nicht alles wie geschmiert“ kriegen Besucher folgendes zu lesen:

“Bisher hatte ich keinen Ärger mit der Polizei. Das ist jetzt vorbei. Neulich wurde ich beim Sprayen erwischt. Max stand Schmiere. Irgendwie hat sich das alles nicht gelohnt.”

(…)

„Unerlaubte Graffiti sind Sachbeschädigungen und der Verursacher ist schadenersatzpflichtig. Kinder bis zum 14. Lebensjahr sind strafunmündig, können aber bereits ab dem siebenten Lebensjahr zivilrechtlich schadenersatzpflichtig gemacht werden. Jugendliche ab 14 Jahren werden strafrechtlich verfolgt.(…)

 Erwischt und dann?

  • Strafanzeige
  • Vorladung zur Polizei, Staatsanwalt und Gericht
  • Hausdurchsuchung
  • Stress mit Deinen Eltern
  • Stress mit Schule oder Arbeitsstelle

(…)

Sei dir über die Folgen des verbotenen Sprayens im Klaren:

  • Strafe durch Gericht: gemeinnützige Arbeit (z. B. Entfernen von illegalen Graffiti) oder gerichtliche Auflagen
  • Geldforderung durch geschädigte Eigentümer
  • Wenn nur ein Täter von einer Gruppe beim illegalen Sprayen erwischt wird, haftet er für die Zahlung des gesamten Schadens (gesamtschuldnerische Haftung).

An keiner Stelle werden die Jugendlichen da abgeholt, wo sie stehen. Graffiti wird nicht etwa als Kunstform und (Jugend-)Kultur anerkannt, die man, wenn man denn möchte, gerne an legalen Stellen ausüben kann. Nein, es wird sofort verteufelt, die Jugendlichen werden mit Paragraphen und Strafandrohungen bombardiert. Es geht also nicht darum, jugendliche Kreativität in legale Bahnen zu kanalisieren, sondern sie von vornherein zu unterbinden. Das wird erstens nicht wirken, denn auch Jugendliche sind nicht blöd und werden die maßlose Dramatisierung wohl erkennen. Und zweitens erzielt eine solche Law-And-Order-Rhetorik bei vielen Menschen wohl eher Trotzreaktionen und macht die verbotene Frucht umso attraktiver.

Hinzu kommt die erwähnte völlige Unkenntnis jugendlicher Lebenswelten. Unter dem Stichwort Diebstahl („Wer klaut ist out und die Zukunft ist versaut“) wird etwa gemutmaßt: „In deiner Clique werden für Diebstahl sicherlich oft andere Worte erfunden und benutzt.“ Die Worte, von denen die Autoren denken, dass sie bei jungen Leuten gebräuchlich wären, dürften diese zum Teil noch nie gehört haben: „Stenzen“, „Abgreifen“, „Organisieren“ und „Krallen“ sind andere Bezeichnungen für den einfachen Diebstahl im Sinne des § 242 StGB.

Was soll sich ein Mensch unter 60 unter „stenzen“ vorstellen? Gut, Wikipedia ist schnell zur Hand. Hier erfährt man, dass der Begriff aus dem aus dem 15. Jahrhundert stammt und dem Rotwelschen, einem Soziolekt der Ausgestoßenen, entnommen ist. „Stenz“ bedeutet „Zuhälter“ aber auch „Stock“ oder „Penis“. „Stenzen“ steht für „stoßen“ und also für den sexuellen Akt. Im Ruhrgebiet soll es „einen trinken“ heißen.

Falschinformationen

Zudem werden Falschinformationen verbreitet. Unter dem Stichwort „Linksextremismus“  heißt es: „Eine bekannte linksextremistische Organisation war z.B. die Rote Armee Fraktion, kurz „RAF“, die in den achtziger Jahren den Staat und seine „Verbündete“ massiv bekämpfte.“ Das stimmt natürlich nicht, denn erstens wurde die RAF bereits 1970 gegründet, und zweitens lag ihr Höhepunkt unbestritten im „Deutschen Herbst“ 1977. In den 80ern wütete hauptsächlich die „Dritte Generation“ der RAF, die als die Bedeutungsloseste gilt.

Interessant ist schon die Einleitung in den Themenkomplex „Extremismus“:

„Für manche Formen der Gewalt gibt es einfach keine plausible Erklärung.“ Aha. Jemandem in der Disco aus einer Sauflaune heraus eine Flasche ins Gesicht schlagen, ist also plausibler, als politische Beweggründe anzuführen? Paradox, zumal die Autoren einige Zeilen später diese Erklärung, die es nicht gibt, selbst nennen: „
„Diesen Gruppierungen geht es um politische Ziele. Sie wollen die Grundordnung unserer Staaten abschaffen, Freiheit durch Unterdrückung und Demokratie durch Diktatur ersetzen.“

Etwas heikler wird es beim Thema Kinderpornografie. Als Erklärung, wie entsprechende Filme zustande kommen, wird richtigerweise angeführt, dass Kinder dies „in der Regel“ nicht freiwillig führen. Denn: „Sie werden gezwungen, ihren Körper zu verkaufen.“ Das ist freundlich ausgedrückt eine Verharmlosung, denn mit dem „Verkauf“ des eigenen Körpers hat die Vergewaltigung von Kindern wohl eher wenig zu tun. Vor allem vor dem Hintergrund, dass dies immerhin eine Initiative ist, die unter anderem von der Polizei mitgetragen wird, ist diese Lesart bedenklich.

Es ist nicht alles schlecht

Bei Antisemitismus immerhin folgt der hanebüchenen Einleitung wenigstens eine halbwegs vernünftige Analyse (gemeint ist der zweite Satz im folgenden Zitat, M.N.): „Die Semiten (Volksstamm aus dem Nahen Osten), genauer gesagt die Juden werden vom Antisemitisten (sic!) abgelehnt und gehasst. (…)Alle Vorurteile und Verschwörungstheorien des Antisemitismus können durch eine neutrale oder wissenschaftliche Betrachtung widerlegt werden.“ „Radikalismus“ übrigens ist den Autoren der Seite eine abgeschwächte Form des „Extremismus“, der sich im Gegensatz dazu noch so grade eben innerhalb des Grundgesetzes bewegt. Auch dies wohl eine exklusive Erkenntnis von time4teen, welches, nochmal, eine staatliche Website ist.

Es ist ja nicht alles schlecht. Bei aller Naivität und Konformitätsfetischismus: Angebote wie etwa das unter „Du hast Mist gebaut“, wo Jugendlichen in (selbstverschuldeten) Notlagen Beratungsangebote gemacht werden, sind sicher sinnvoll. Auch Tipps zur Selbstbehauptung oder gegen Mobbing können nützlich sein. Es drängt sich aber der Gesamteindruck auf, dass Jugendliche sich angesichts von Parolen wie: „Bist du fit? Check it out!“ eher beschämt wegdrehen, statt das Angebot, dessen Effektivität wissenschaftlich höchst umstritten ist, ernst zu nehmen. Außerdem wird man immer wieder stutzig angesichts der teils merkwürdigen Theorien, die dort ihre Verbreitung finden. Unterm Strich bleibt: Kann man machen. Muss man aber nicht.

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7 Kommentare zu “„Bist du fit? Check it out!“ Wenn der Staat auf Kumpel macht

  • #1
    knut

    Was bitte ist an der völkisch verklärten Antisemitismusdefinition, die was vom “Volksstamm der Semiten” schwafelt, “eine halbwegs vernünftige Analyse”? Wer sich auch nur mal fünf Minuten mit Antisemitismusforschung beschäftigt hat, dem klappen sich da doch die Fußnägel hoch.

    Das ist doch nun wirklich gefährlicher Unfug. Denn es redet all jenen Antisemitinnen und Antisemiten das Wort, die sich selbst semitischer Abstammung wähnen und sagen, sie als Araber/Juden/wasauchimmer könnten ja nicht antisemitisch sein, weil sie ja selbst Semiten seien.

    Ich hätte gehofft, so ein völkisches Gedankengut hätte es so langsam mal geschafft, die Amtsstuben zu verlassen. 1945 ist schließlich lange her.

  • #2
    derBruch

    das kan nur von einem anti-d kommen… den staat der auf volle linie scheiße labert, unterdrückt und propagiert in schutz zu nehmen nur weil es um antisemitismus geht. ich meinte schon öfters zu euch: anti-d ist auch merkel.. da ist klar auf welche seite du stehst.

  • #3
    Martin Niewendick Beitragsautor

    Mir gings dabei nur um den satz, dass antisemitische vorurteile wissenschaftlich widerlegt werden können. nicht mehr, nicht weniger. oder stimmt das nicht, @DerBruch?

    Und dass merkel antideutsch ist, nun ja, wäre zu beweisen.
    ps: ok, ich glaub ich weiß, was ihr meint: “Analyse” ist vielleicht etwas unglücklich formuliert, besser wäre vielleicht “Folgerung” oder so gewesen, da sich das nur auf den 2. satz mit der wissenschaft bezog.

  • #4
    teekay

    Fuer das Angebot hat eine schicke Medienagentur sicher ordentlich (Steuer)Gelder abgegriffen und die Seite vermutlich 10 Minuten von 2 Kindern der MitarbeiterInnen ‘beta testen’ lassen…und ich kann mir bildlich vorstellen, wie geschockte Teenager sich die Infos auf’s Smartphone schicken: ‘Hey Laura, lies’ Dir das mal durch bevor du Linksterrorist/Sprayer/Dieb/Antisemit werden willst. Das ist voll krass und voll uncool :(((((‘

  • #5
  • #6
    knut

    @Martin:

    Auch der Satz nach der völkisch-abstrusen und daher gefährlichen Antisemitismusdefinition ist Humbug. Da wird den Kids was von “neutraler” wissenschaftlicher Betrachtung erzählt – als ob nicht auch die Wissenschaft durchzogen sei von politischen Perspektiven, institutionellen Kämpfen und so weiter.

    Ich bin mir sicher: Dass es keine “neutralen” Perspektiven geben kann, raffen auch schon viele 15-Jährige. Und nun ausgerechnet Antisemitismus scheinbar mit etwas widerlegen zu wollen, was schlicht eine unmögliche Anmaßung ist (die Autorität der angeblichen “Neutralität” in wissenschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen, statt der Stärke der Plausibilität bestimmter Forschungen gegenüber anderen), das ist wirklich der dämlichste Bärendienst, dem man dem Kampf gegen antisemitische Verschwörungstheorien leisten kann. Genau so stellen sich antisemitische Paranoikerinnen und Paranoiker nämlich die sogenannte Mainstream-Wissenschaft vor. Das selbst die häufig nicht so strunzdoof ist wie diese Sätze zu vermitteln versuchen, lassen sie gerne dabei unter den Tisch fallen.

    Also: Krass, dass die sich da so einen Quatsch aus den Fingern saugen. Zumindest an diesen Sätzen über Antisemitismus ist meiner Meinung nach entgegen deiner Zwischenüberschrift nun wirklich alles schlecht.

  • #7
    Martin Niewendick Beitragsautor

    [Ich habe, um weitere Missverständnisse zu vermeiden, bei der kritischen Stelle den Hinweis “(gemeint ist der zweite Satz im folgenden Zitat, M.N.)” eingefügt]

    @Knut, da hast du wohl Recht. Allerdings bezieht sich meine Zwischenüberschrift auf die konkreten Beratungsangebote wie etwa das Jugendtelefon. Obwohl man es sich da auch recht einfach macht, indem man die Leute einfach an irgendwelche Behörden oder externe Stellen verweist.

    @derBruch, Danke!

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