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“Blogger shoppen”: Gebt ihnen mehr!

In ein paar Kommentaren habe ich ja klar gemacht, dass ich das Blogger-Sponsoring der Grünen entspannter sehe als David. Ganz besonders gilt das für den bevorstehenden Europa-Parteitag in Dortmund.


Ein günstiges Hotel, eine Zugkarte und ein paar Teller Erbsensuppe mit Tofu-Beilage – mehr bekommt auch die zweite Blogger-Gruppe nicht, die vom Partei der Grünen am kommenden Wochenende berichten wird. Im Ernst: Dafür kann man niemanden kaufen – davon ab war ich mir bei den Bloggern aus der ersten Rutsche die ich kannte, Jens und Lukas, auch ziemlich sicher, dass man sie nicht hätte kaufen können, wenn man die Tofu-Beilage gegen ein ordentliches Stück Mettwurst getauscht hätte.

In ein paar Kommentaren habe ich ja klar gemacht, dass ich das Blogger-Sponsoring der Grünen entspannter sehe als David. Ganz besonders gilt das für den bevorstehenden Europa-Parteitag in Dortmund.

Ein günstiges Hotel, eine Zugkarte und ein paar Teller Erbsensuppe mit Tofu-Beilage – mehr bekommt auch die zweite Blogger-Gruppe nicht, die vom Partei der Grünen am kommenden Wochenende berichten wird. Im Ernst: Dafür kann man niemanden kaufen – davon ab war ich mir bei den Bloggern aus der ersten Rutsche die ich kannte, Jens und Lukas, auch ziemlich sicher, dass man sie nicht hätte kaufen können, wenn man die Tofu-Beilage gegen ein ordentliches Stück Mettwurst getauscht hätte.

Der Wert der Entschädigung ist lächerlich im Vergleich zu dem, was die Blogger den Grünen zur Verfügung stellen: Lebenszeit. Drei Tage auf einem Grünen-Parteitag? Einem Europa-Programmparteitag? Wollten die Grünen dieses Opfer entschädigen, sie müssten jedem der Blogger gleich noch mal eine All-Inclusive-Ticket für eine Fahrt nach Hawaii drauflegen, denn eines ist klar: Die Fünf erwartet ein Wochenende in der Hölle.

Ich habe etliche Parteitage erlebt, denn in meinem früheren Leben war ich Mitglied der Grünen (Bis 1996) und als solcher ein paar mal auch Delegierter. Ich hatte bei vielen der Parteitagen, die ich besuchte, Glück: Ich erlebte wie Roland Appel nicht auf die Reserveliste für den Bundestag kam, weil ein damaliger Kumpel von mir ihn in der Realo-Postille Kommune als Fahrer eines VW-Corrado geoutet hatte.Damas war das tödlich. Oder 1994, als in Langenfeld (Spott: Und sehen wir uns nicht in dieser Welt, dann sehn wir uns in Langenfeld) ein ganzer Parteitag Kerstin Müller zu Füßen lag. Die Frauen wählten sie auf die Bundestagsliste, weil sie eine Frau war, die Linken weil sie eine Linke war und die Realos weil sie wirklich verdammt gut aussah in ihrem Minirock, dessen Wirkung sie nur leicht mit Birkenstockschuhen zu kaschieren versuchte.

Als Realo war ich erschüttert zu erleben, wie unsere Kandidaten 1994 in Recklinghausen massakriert wurden und habe im Hinterzimmer des Kolpinghauses erlebt, wie  Reiner Priggen und Michael Vesper zitternd vor Wut trotzdem versuchten, unsere Gemüter zu beruhige. Später habe ich mich an dem Leiden der Linke amüsiert, als sie einen ganzen Krötensee schlucken mussten, als sie 1995 dem Koalitionsvertrag zwischen den Grünen und der SPD in NRW zustimmten und habe mich immer amüsiert, wenn sich irgendwelche Pappnasen ganz spontan um irgendwelche Mandate beworben haben. Damals wurde das alles vorher zwischen den Flügelexponenten ausgehandelt.

Als Journalist habe ich dann auch noch zwei oder drei erlebt – unter anderem den Parteitag in Bielefeld, als Fischer die Partei außenpolitisch auf Kurs brachte –  und fand diese Entwicklung, obwohl schon nicht mehr in der Partei, richtig.

Klingt das alles irgendwie interessant? Ist es aber nur in Ausnahmefällen. In der Regel sind Parteitage ungeheuer zäh und langweilig. Sie werden abseits dieser seltenen Höhepunkte erst interessant, wenn man sich auskennt und etwas tiefer drinsteckt. Das ist mir nur am Rande gelungen. Aber ich bekam etwas mit von den wirklich wichtigen Gesprächen in den Hinterzimmern, auch wenn ich nur bei zweien dabei war. Ich sah, wer mit wem wann auf den Gängen sprach und konnte nach vielen Jahren bei den Grünen ahnen, worum es bei den Gesprächen ging – und lag mit meinen Ahnungen trotzdem noch oft daneben.

Um das Spannende eines Parteitages mitzubekommen, muss man nicht einen erleben sondern viele – und sich in der Partei sehr gut auskennen. Man muss auf den Gängen seine Ansprechpartner kennen und sie sich nicht von den Grünen-Presseleuten vermitteln lassen. Wer nur, ob als Delegierter, Journalist oder als Blogger, am offiziellen Programm teilnimmt und sich durch die Tonnen von Anträgen, Änderungsanträgen etc. durcharbeitet, bekommt gerade auf unspektakulären Parteitagen nicht mit was wirklich läuft – und wird sich fürchterlich langweilen.
 
Das gilt vor allem für einen Europa-Parteitag: Um die Plätze auf der Reserveliste bewerben sich vor allem diejenigen, die es hinter sich haben (Bütikhofer, Beer, spannend könnte Schulz werden), Europa-Politik interessiert niemanden. Entsprechend wird das Programm eine Addition von Wünschen sein und keine reale Bedeutung haben, und dann soll  dieses Programm noch in einem Parlament umgesetzt werden, das kaum etwas zu sagen hat – zumindest deutlich weniger als der Bundestag. Das Interessanteste werden die Diskussionen um den Gaza-Antrag werden: Eine gute Gelegenheit sich mit unvorsichtigen Formulierungen zu blamieren oder sich als Komplettidiot zu outen. Von drei Tagen Parteitag werden vielleicht ein oder zwei Stunden spannend sein und wenn man nicht die Kontakte in die Partei hinein, um die innere Struktur der Veranstaltung zu erfassen, kann man sich das alles auch zu Hause auf Phoenix anschauen.

Also: Die fünf Blogger die Dortmund besuchen werden für ihre Mühen, ja für ihr Leiden, das nach wenigen Stunden einsetzen wird, nicht einmal halbwegs adäquat entschädigt. Von einer Bestechung zu reden ist quatsch. Wenn sie schlau sind verbringen sie den ersten Abend noch auf der Parteitagsparty gehen (Die waren früher wirklich nett) und geniessen dann Dortmund. Im Kreuzviertel gibt es ein paar schöne Kneipen und am Samstag solltet sie in der Innenstadt shoppen gehen. Noch ein Tipp für Fußballfans: Der Weg nach Gelsenkirchen ist nicht weit. Meldet Euch doch für eine Besichtigungstour durch die SchalkeArena an. Das lohnt sich.

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12 Kommentare zu ““Blogger shoppen”: Gebt ihnen mehr!

  • #1
    Jens

    Fußballerisch sind die Blogger und die Grünen schon in der Stadt des Vereins, der die Nr. 1 im Revier ist. Aber wenn man die blauweiße Brille hat, sieht man solche Offensichtlichkeiten ja nicht. 😉

  • #2
    Claudia

    Aber Stefan,
    warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?
    Eine Führung durch das Westfalenstadion gibt es direkt nebenan! Und zwar freitags, 16 Uhr / samstags, 14 Uhr / sonntags, 14 Uhr

    Zitat (http://tinyurl.com/84s7ct):
    “Angeführt von der Fußball-Legende Aki Schmidt und Fritz Lünschermann, stellvertretender Pressesprecher des BVB, begleiten die insgesamt 8 Stadionführer Besucher auf einer einstündigen Tour durch Bereiche des SIGNAL IDUNA PARK, die dem Spieltagsbesucher normalerweise vorenthalten bleiben.
    Treffpunkt: August-Lenz-Haus, Strobelallee 50.”

    Und ansonsten kann ich auch noch eine Stadtrundfahrt empfehlen (http://tinyurl.com/8x7y8w).

    Und am Abend gibt’s auch noch mehr als das Kreuzviertel, nämlich z.B. dies:
    http://www.theater-olpketal.de/
    http://www.cabaret-queue.de/
    http://www.dasa-dortmund.de/ (20 Uhr, DASA im Dunkeln!)
    http://www.industriedenkmal-stiftung.de/ (Nachtführung auf Kokerei Hansa)
    http://www.dortmund.de/zoo (Abendspaziergang)
    http://www.rototheater.de/ (Hesse-Abend)
    http://www.dkh.dortmund.de/ (Weltmusik)
    http://www.domicil-dortmund.de/
    http://www.theaterdo.de/
    http://www.konzerthaus-dortmund.de/
    http://www.fletch-bizzel.de/

    … um nur eine kleine Auswahl zu nennen 😉 !

  • #3
    Jens

    @Claudia:
    Der Stefan kennt sich halt sportlich nicht wirklich aus. Und politisch auch nicht. Aber da leisten wir halt kommentartechnisch Nachhilfe…

  • #4
  • #5
    David Schraven

    So günstig ist das Hotel gar nicht. Über 100 Flocken.

    Aber ich hab ja auch schon gesagt, dass wenn sich wer verkauft, er wenigstens seinen Preis kennen sollte.

    Oder eben besser unabhängig bleiben. 🙂

  • #6
    zoom

    @Stefan:
    Deine sehr lebendige und persönliche Schilderung von Parteitagen finde ich einfach nur gut und auch sehr realistisch. Du schreibst: “Also: Die fünf Blogger die Dortmund besuchen werden für ihre Mühen, ja für ihr Leiden, das nach wenigen Stunden einsetzen wird, nicht einmal halbwegs adäquat entschädigt. Von einer Bestechung zu reden ist quatsch.” Einverstanden, aber aus welcher Motivation geht dann doch jemand als Blogger auf einen Parteitag, es sei denn er wird für die Qual richtig gut bezahlt. Wenn ich “nicht einmal halbwegs adäquat entschädigt” werde, bleibe ich entweder zu Hause oder verzichte auf die “Peanuts” um nicht in den Ruch der Käuflichkeit zu kommen. Ergo muss es doch noch eine andere Motivation geben. Die billigste Antwort wäre: Eitelkeit.
    @Claudia:
    Du hast die Landesbibliothek http://www.bibliothek.dortmund.de/template0-2.html
    vergessen ;->
    Gruß aus dem Sauerland 🙂

  • #7
  • #8
    tessa

    so hab ich doch vor erfurt auch schon argumentiert, so, und nicht anders ist es. die entschädigung ist nicht angemessen, misst man sie an grad der langeweile eines parteitages.
    zu mal hat auch jeder wähler seinen persönlichen parteifilter: entspricht eine partei nicht meiner politischen ausrichtung, nehme ich berichterstattung über sie gar nicht erst wahr oder bin gegen argumente für diese partei relativ immun – logisch, und kommunikationswissenschaftlich bewiesen. wer immer noch behauptet, hier würden blogger gekauft, ist nur zu eitel einzugestehen, dass er sich mit dieser these völlig verrannt hat. und wer weiß überhaupt, dass blogger von der bdk berichten? richtig: leute die die website der grünen besuchen oder ohnehin die blogs der teilnehmer besuchen. sollten das bei diesm mal tatsächlich mitglieder der grünen sein, wird die ohnehin geringe außenwirkung abermals dezimiert. sollte man sich also wirklich sorgen?

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  • #10
    Lukas

    Ich möchte noch darauf hinweisen, dass wir unser Essen in Erfurt (mit Ausnahme des Hotel-Frühstücks und der Sponsoren-Giveaways) auch selbst bezahlt haben. Und das war langweiliges Messe-Catering und keine tolle Vollwertkost, auf die ich mal wieder Bock gehabt hätte. 😉

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  • #12
    Dirk Schmidt

    Stefan Laurin hat recht, dass nur “Insider” richtig herausfiltern können, wenn auf einem Parteitag was passiert bzw. besser: was alles auf einem Parteitag passiert. Da ist mir öfter mal aufgefallen und ein gutes Beispiel, dass die Schnittstelle Öffentlichkeit/Presse und Partei/Politik nicht ganz einfach zu verstehen ist. Hier ein Beispiel:

    Da finde ich ‘nen Bericht auf spiegel-online, der davon berichtet, dass Laurenz Meyer MdB Probleme habe, noch auf einem sicheren Listenplatz in den Bundestags einzuziehen. Ursächlich sei, dass die CDU Ruhr ihn nur auf Platz 13 ihrer Liste nominiert habe. Die Meldung erschien am 24. Januar 2009, der Parteitag war am 27. November 2008. An Presseberichte im letzten Jahr kann ich mich nicht entsinnen. Was soll ich davon halten? Neues von Gestern?

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