Bundesliga: Was ist das für ein Laden, der nach zwei Monaten fast pleite ist?

Gehen an der Castroper Straße in Bochum bald die Lichter aus? Foto: Stefan Laurin

Die Bundesliga sorgt wieder für Schlagzeilen, aber nicht aus sportlichen Gründen. Diesmal will sie für sich ein Sonderrecht erwirken. Während andere Unternehmen und Einrichtungen unserer Gesellschaft sich quasi noch in Quarantäne befinden, will sie wieder mit ihrer Arbeit beginnen und Veranstaltungen durchführen, die anderen untersagt sind.  Von unserem Gastautor Thomas Hafke.

Mit der Behauptung es wären nur „Geisterspiele“ ohne Publikum, versucht sie die verantwortlichen Politiker und ihre Anhänger zu überzeugen, dass ihre Veranstaltungen gar nicht so gefährlich seien, um sie durchführen zu können. Dabei braucht sie aber nicht nur die 22 Spieler, die 90 Minuten lang in engem Körperkontakt stehen und nicht nur den Ball, sondern auch Körperflüssigkeiten gegenseitig austauschen. Hinzu kommen all die Menschen, die für ein Profispiel unerlässlich sind. Ersatzspieler, Schiris, Trainerstab, medizinisches Personal, Balljungen, Medienvertreter, Kameraleute, Techniker aller Art, Ordner – selbst Polizisten, die darauf achten müssen, daß Fans nicht doch noch auf dumme Gedanken kommen. 

Alles in allem, so schätze ich, werden gut 200 Menschen auf engem Raum zusammen kommen. Im Prinzip eine Großveranstaltung, die unter anderen Umständen verboten wäre und ihren Organisatoren und Teilnehmern teuer zu stehen käme. Wenn man sich fragt, wie das denn sein könne, dass so viele Menschen in hautengen Kontakt kommen, ohne sich gegenseitig anzustecken, wird gesagt, dass die Spieler und andere vorher getestet würden. Um dies durchführen zu können, bräuchte die Bundesliga bis zum Ende der Saison jede Menge Coronatests. Wie ich aber den Medien entnehme, gibt es davon so wenige, dass noch nicht mal das Pflegepersonal in Krankenhäusern und Altersheimen nach Corona getestet werden kann, einmal von all denen abgesehen, die in sogenannten systemrelevanten Berufen arbeiten oder sogar Anzeichen einer Erkrankung an Covid 19 zeigen.

Was ist eigentlich aus der von der Bundesliga beschworenen Sozialen Verantwortung des Fußballs geworden, wenn tausende Corona Tests verbraucht werden, die anderweitig fehlen, wenn Spieler in Körperkontakt gehen und dabei ihre Kollegen gefährden? Wie soll man Kindern und Jugendlichen erklären, dass sie aber nicht Fußball spielen dürfen und sich an die Abstandsregeln halten sollen? Was ist mit all dem Personal, dass für die Durchführung und Übertragung eines Geisterspiels notwendig ist? Was ist mit den Fans, die das Spiel nicht im Stadion und auch nicht in der Gaststätte gucken können? Treffen die sich verbotenerweise bei Freunden, die ein Sky Abo haben oder sollen sich jetzt alle ein Abo kaufen, in einer Zeit, in der die Finanzen vieler Menschen prekär sind.

Die Bundesliga behauptet, dass sie die Spiele durchführen muss, da sie sonst Pleite ginge. Was ist das eigentlich für ein Laden, der Abermillionen von Euros generiert, ausgibt und transferiert und schon nach zwei Monaten ohne Spiele behauptet pleite zu sein? Angeblich ist sie eine Solidargemeinschaft. Wenn sie tatsächlich eine wäre, würde sie sich zusammen setzen und überlegen wie sie gemeinsam durch diese Zeit kommt ohne Menschen zu gefährden und diesen Irrsinn sofort stoppen

Was ist eigentlich mit den Fans, wollen die eigentlich Spiele ohne Zuschauer sehen? Da fehlt doch zumindest ein wichtiger Teil, welcher ein Bundesligaspiel ausmacht: die Stimmung! Und was passiert, wenn ein Spieler als positiv getestet wird. Eigentlich müsste doch dann die ganze Mannschaft in Quarantäne und alle, die mit ihm in Berührung gekommen sind, oder wird er dann einfach aussortiert? Genauso gut könnte es aber auch der Kameramann sein, und alle die an dem Spiel vor vor Ort mitgewirkt haben, müssen dann zu Hause bleiben?

Thomas Hafke ist Diplom Sozialwissenschaftler und seit über 32 Jahren in der Jugendarbeit tätig. 30 Jahre davon war er im Fan-Projekt Bremen aktiv, wo er mit Jugendlichen Werderfans (Kutten, Hooligans und Ultras) arbeitete. Wobei er zwischenzeitlich in Oldenburg mit Fußballfans und in Delmenhorst mit Skinheads arbeitete. Hinzu kam die Begleitung der Fans der Deutschen Nationalmannschaft ins Ausland. Heute ist er in der Jugendwohngruppenarbeit tätig, wo er mit Risikojugendlichen betraut ist.

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6 Kommentare

  1. #1 | Pater Busoni sagt am 24. April 2020 um 09:09 Uhr

    Ich halte die Diskussion über Geisterspiele ohne Erwähnung von SKY und DAZN für verkürzt.
    Die ÖR, basierend auf Zwangsgebühren, konnten ihren Anteil der ausstehenden Gelder leicht verschmerzen, die Pay TV Anbieter müssen refinanzieren, und gerade bei SKY ist bekannt, dass die schon seit den "Premiere" Zeiten immer einen Schritt vor dem Abgrund stehen.
    Der Deal dürfte wohl lauten: "Wir zahlen und ihr nehmt politischen Einfluss."
    Der Ball liegt jetzt im Feld der Politik, mal sehen wie weit die Traute reicht.

    PS: Herr Haffke, die Tatsache, dass die Bundesliga ein Eldorado für Selbstdarsteller, Egomanen, Abgreifer und Schwachmaten ist, und daher 99% der Vorstände nicht mit Geld umgehen können, überrascht Sie doch nicht wirklich?

  2. #2 | Robin Patzwaldt sagt am 24. April 2020 um 09:22 Uhr

    "Was ist das eigentlich für ein Laden, der Abermillionen von Euros generiert, ausgibt und transferiert und schon nach zwei Monaten ohne Spiele behauptet pleite zu sein? "

    Das kann man sich natürlich fragen, aber anderen Bereichen der Wirtschaft geht es da ja nicht anders, wie die tägliche Nachrichtenlage zeigt.

  3. #3 | Lutz sagt am 24. April 2020 um 12:48 Uhr

    Weder um den Kommerz-Fußball noch um SKY ist es schade. Dann lieber Internetfußball spielen als sich Geisterspiele mit simulierten Atmo-Sounds ansehen.

  4. #4 | Björn Wilmsmann sagt am 24. April 2020 um 13:29 Uhr

    @Robin Patzwaldt #2:

    Ja, und auch dort sind die Probleme vielfach hausgemacht. Andererseits ist es vielen Unternehmern aufgrund von Steuern und Abgaben in Deutschland auch gar nicht möglich, entsprechende Rücklagen zu bilden. Mal ganz abgesehen davon, dass man sich auf eine Situation, in der mal eben über Monate hinweg voraussichtlich gar kein Umsatz rein kommt, unternehmerisch nicht sinnvoll vorbereiten kann.

    Im Unterschied zur Bundesliga bekommen aber andere Branche keine Sonderrechte und Vergünstigungen eingeräumt. Aber König Fußball ist in Deutschland ja leider staatstragend und wird daher bevorzugt.

    Wenn jetzt so genannte Geisterspiele (was für ein seltsames Wort …) mit ca. 250 Beteiligten unter Auflagen möglich sein sollen, mit welcher Begründung sind dann Veranstaltungen in derselben Größenordnung bis zum 31.08. weiter verboten? Dass deren Veranstalter nicht regelmäßig mit dem Ministerpräsidenten 'nen Pils trinken?!

  5. #5 | Robin Patzwaldt sagt am 24. April 2020 um 13:39 Uhr

    @Björn Wilmsmann: Kein Widerspruch von mir. Ich hatte ja erst gestern hier im Blog geschrieben, dass ich dagegen bin der Liga eine Sonderrolle zukommen zu lassen:

    https://www.ruhrbarone.de/eine-wiederaufnahme-des-spielbetriebs-in-der-bundesliga-schon-im-mai-waere-ein-fatales-signal/183648

  6. #6 | Horst Schütte sagt am 24. April 2020 um 21:33 Uhr

    Es wäre doch auch immer noch eine Haftungsfrage, sollte sich jemand infizieren und im schlimmsten Fall daran sterben!? Wer käme in diesem, zugegeben sehr theoretischem Fall, für den "Schaden" auf? Hier wurden Jahrelang Milliarden umgesetzt und keiner hat Rücklagen gebildet?
    Ein trauriger Zirkus, der bereits nach zwei Monaten pleite ist!

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