Bei der Trauerfeier zum Gedenken an die Opfer des Love Parade-Unglücks am Samstag war Adolf Sauerland nicht anwesend, aus Respekt vor den Angehörigen, wie er sagte. Das stimmt und stimmt doch nicht: Er war anwesend, und zwar in einer Art, welche die Trauerfeier mit einem Makel behaftet. Eine kurze Betrachtung aus kommunikationstheoretischer Sicht.
Nein, persönlich anwesend war Adolf Sauerland, nach allem was wir wissen, nicht. Er blieb der Trauerfeier fern. Man könnte sagen, aus Gründen der Deeskalation. Dies Fernbleiben aber ist ein kommunikativer Akt, der vor dem Hintergrund seines Verhaltens in den Tagen seit der Katastrophe gesehen werden muss, vor allem seiner Weigerung, die politische Verantwortung zu übernehmen. Dann ergibt sich die folgende Lesart: Ohne vorherigen Rücktritt ist es ein demonstratives Fernbleiben. Dies hat die kommunikative Eigenschaft, dem Abwesenden eine gedankliche, auch gefühlte Präsenz bei den Anwesenden, aber auch Zuschauern, zu verschaffen. Er ist nur leiblich abwesend, durch seine in der Medienöffentlichkeit vollzogene Geste des Nichterscheinens aber in den Köpfen präsent. Das dergestalt demonstrative Fehlen beeinflusst die Atmosphäre der Veranstaltung unweigerlich. Sein vorheriger Rückzug hätte das Fernbleiben erklärt, stimmig, weil konsequent wirken lassen. So aber hat er unentrinnbar das Gegenteil von dem bewirkt, was er zu erreichen vorgab: Die Trauerfeier von dem Mann frei zu halten, der für viele ein unverständliches – und unerträgliches, da verletzendes – Verhalten an den Tag legt – ihm selbst.
Adolf Sauerland ist ein moderner Oberbürgermeister. Er hat einen Videocast. Und im April freute er sich auf die Loveparade. Nur ein paar Genehmigungen fehlten noch…
Explosiv: Jen Bender, Frontfrau Großstadtgeflüster
Die Ruhe während der Schweigeminuten vor der Hauptbühne beim juicy beats-Festival war tiefempfunden, aber nicht bedrückend. Zuvor hatte der Dortmunder Pfarrer Friedrich Laker eine Kerze für die Opfer des Unglücks auf der Loveparade entzündet. „Das Leben und die Liebe bleiben- lasst uns wieder fröhlich sein“ fügte er danach an, um eine halbwegs würdige Überleitung in die Zeit nach der Trauer zu finden.
Das große Musikfest unter Dortmunds Floriansturm markiert das schlichte Gegenteil eines klaustrophobischen Massenevents. Am Samstag waren circa 25000 Menschen über das Areal locker verteilt. Und vielleicht war es auch die Nachwirkung der aktuellen Ereignisse, die hier alles noch friedlicher zugehen ließ bei der 15. Festival-Ausgabe.
Die Organisation des Ablaufs, aber auch die konzeptionelle Vernetzung lokaler Dortmunder Kulturschaffender wiederspiegeln beim juicybeats-Festival-Bestehens das gemeinsame An-einem-Strang-Ziehen lokaler Kräfte und damit verbunden ein hohes Maß an Unabhängigkeit von kommerzieller Fremdbestimmung und hysterischem Kulturhauptstadt-Theater. Städtische Institutionen wie FZW, Jazzclub domicil, Konzerthaus Dortmund, aber auch viele Clubs und Initiativen sind mit im Boot. Das bereitet auf der grünen Wiese unterm Floriansturm der bunten Vielfalt niveauvoller Popkultur einen überaus fruchtbaren Nährboden.
Viele Neuentdeckungen und intensive Momente also auch beim 15. Festival: An die Loveparade-Gedenkminuten hätte wohl kaum eine Band stimmiger anschließen können als Tocotronic mit ihrem empfindsamen, auf sehr menschliche Weise nachdenklichen Indierock – „Lanzen für den Widerstand“ gegen bestehende Missstände inbegriffen… Aktuell appelliert Sänger Dirk von Lowtzow zum aktiven Protest gegen eine angekündigte Demonstration von Rechtsradikalen am 4. September in Dortmund.
Vollbusig: Aphex Twin, zitiert von der Soulwax-Crew
Der freche,unverbrauchte Pop, den viele junge Bands bieten, zeugt von Authentizität, bereichert mit fühlbarer Substanz. Bis zum Bersten energiegeladen und tänzerisch ausgefeilt kommt etwa der Auftritt der jungen Band „Großstadtgeflüster“ daher – sexy, frech und humorvoll sind Songs und Bühnenpräsenz der Berliner.
Gegen so etwas verbreiten die französischen „Nouvelle Vague“ schon fast so etwas wie gepflegte Langeweile. Haben die Franzosen einst charmant-chillige Bossa-Nova-Arrangements von Klassikern des New Wave produziert, so geht es jetzt deutlich stromlinienförmiger zur Sache.
Derweil kocht die Stimmung vor der Hauptbühne schon wieder. Two Many DJs zelebrieren ihr ganz eigenes Multimedia-Retro-Entertainment: Auf Grundlage wummernder Elektrobeats schnipseln die Belgier endlose Zitate aus der alternativen Popkultur zusammen und bombardieren ihre Crowd mit verqueren Animationen der jeweiligen Plattencover. Von Joy Division bis hin zur computeranimierten Vollbusigkeit des Richard D James aka Aphex Twin sorgt dieses Spektrum pausenlos für großes Hallo! Das schließt so manche Kreise zwischen dem Dekonstruktionsfimmel der 90erJahre – Postmoderne und andererseits der zeitgenössischen Youtube-Kurzclip-Kultur.
Auch in nächtlicher Finsternis lassen sich friedliche junge Menschen durch Wald und Auen treiben. Und dringen gehäuft zu den etwas verschwiegenen Standorten für die elektronische Clubkultur vor. Deren Überleben stellen so ambitionierte Initiativen wie etwa Beatplantation sicher – und auch der Essener Club Hotel Shanghai gehört zu den allerersten Adressen in Sachen House und anderes. Und von deren Betreibern wird auf juicybeats der Seepavillion bespielt. Der bietet perfekte Zuflucht in Sachen makellosem Techhouse und hypnotischen Visuals.
Derweil Klaus Fiehe den Drum and Bass Floor zu rocken weiß. In Rauchwolken gehüllt leistet der seit den späten Neunzigern unermüdliche „Mister Raum und Zeit“ sein redliches Handwerk beim Plattenauflegen in Sachen gebrochener Beats. Der älteste Radio-DJ von Einslive sorgt nach wie vor für die fortschrittlichsten Klänge auf dem Sender. Leider streikt die Technik phasenweise. Das lässt auch einen gestandenen Profi wie Fiehe in Nervosität und Verlegenheit geraten. Aber das Publikum hält ihm auch in einigen bangen, verstärker-losen Minuten die Treue. Ein einzelner Idiot, der ein Feuerzeug in Richtung von Fiehe und DJ-Bühne wirft, bleibt in Dortmund einsame Ausnahme.
Dieter Gorny sitzt für die CDU in der Internet-Enquetekommission des Bundestages. Das European Center for Creative Economy, mit dem Gorny die Kreativwirtschaft fördern will und dessen Direktor er ist, ist hingegen offline. Mit der Arbeit aber hat man angeblich längst bekommen.
Der Platz im Internet würde knapp werden, wenn man alle Ämter aufzählen wollte, die Dieter Gorny sein eigen nennt. Nur ein paar wichtige: Er sitzt für die CDU in der Internet Enquete Kommission des Bundestages, ist Funktionär der Musikindustrie, Künstlerischer Direktor des Kulturhauptstadtveranstalters Ruhr2010 GmbH und ebenfalls Künstlerischer Direktor des wohlklingen European Centers für Creatice Economy (ECCE). Das ist in Dortmund beheimatet und hat seine Arbeit längst aufgenommen. Zumindest erhalte ich seit Wochen Einladungen und Pressemitteilungen in denen Leute als ECCE -Mitarbeiter bezeichnet werden. Auch eine Agentur für die ECCE-Pressearbeit gibt es schon. Schade nur, das man nur eine grobe Vorstellung davon erhält, was denn das ECCE so macht, denn über eine eigene Internetseite verfügt dieses Europäischen Zentrum nicht. Zu den Aufgaben von ECCE könnte die Stärkung der Kreativwirtschaft gehören. Das zumindest legen die Seiten der Ruhr2010 nahe, auf die man gerät, wenn man www.e-c-c-e.com anklickt. Für dieses noble Unterfangen wären eine Internetseite sowie eine Telefonnummer sicher hilfreich. Auch unter den „Kreativen“ wird der eine oder andere sicher Computer und Telefon besitzen. Sogar die Existenz eines Internetzugangs ist nicht auszuschließen.
Selbst die Domain ist nicht auf ECCE oder die Ruhr2010 GmbH eingetragen, sondern auf den Namen des stellvertretenden ECCE-Direktors Bernd Fesel. Der ist bei der Ruhr2010 GmbH für gleich zwei Flop-Projekte zuständig: Sowohl die nicht funktionierende Vermittlung von Büros und Wohnungen an Kreative als auch das peinliche 2010lab fallen in seinen Verantwortungsbereich. Und das könnte so bleiben: Beide Projekte sollen von ECCE weiter betrieben werden. Klar, wenn das genauso intensiv und erfolgreich läuft wie bisher, braucht ECCE keine Internetseiten.
Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland will im Amt bleiben. Im gestrigen N24 Interview sehen wir einen Politiker in einer unvorstellbaren Erbärmlichkeit.
21 Tote gab es am vergangenen Samstag bei der Loveparade in Duisburg. Heute war die Trauerfeier. Merkel war da. Wulf war da. Kraft hielt eine wirklich beeindruckende Rede.
Einem ist das egal: Duisburgs Oberbürgermeister will im Amt bleiben. Auf N24 sagte Sauerland, er wolle im Amt bleiben, bis die Vorfälle rund um die Loveparade geklärt seien. Mit seiner Pension habe das nichts zu tun. Gestern stand er wohl kurz vor dem Rücktritt. Er hat es sich anders überlegt. Menschen, die ihm in der vergangenen Woche begegnet sind, berichten von Sauerland als einem Betroffenheitsdarsteller. Seine Hauptsorge: Sein Amt. Nur kurz mimt er in Gesprächen den Trauernden. Er ist aggressiv. Uneinsichtig. Wütend. Ein Egozentriker ohne Moral.
Diesen Sommer erlebe ich in Dortmund meinen Sommer der Langeweile. Dortmund hat es geschafft, das jede Gastronomie, die ich als Lofibos bisher besucht habe, geschlossen ist. Ein Leidensbericht von unserem Gastautor Thorsten Stumm.
Auf dem ehemaligen Thiergelände hat eine Shoppingmall , die Sixpm, das Mendoza und die Liquid Lounge planiert. Die Livestation ist dem Bahnhofsumbau zum Opfer gefallen. Gut, habe ich mir gedacht, gehst Du erstmal nicht mehr feiern. Ausserdem ist mit der Eröffnung des FZW da eine gewisse Entlastung geschaffen.
Allerdings kommt es diesen Sommer knüppeldick. Das Solendo, mein Strand, geschlossen. Im Brückstrassenviertel haben in Juli das CHill’Ar und die Q-Bar endgültig geschlossen.
Nun schliesst auch mein letztes Refugium. Das Edwards in der Berswordthalle macht zum 31.07. zu. Nicht wegen wirtschaftlichem Misserfolg sondern der Besitzer Holger Lente gibt entnervt vom Kleinkrieg mit der Stadt Dortmund auf. Die Liste der Ärgernisse ist lang. Mal sperrt die Stadt einfach die Berswordthalle und damit alle Zugänge zum Edwards. Oder verweigert eine notwendige Sanierung der Abwasserrohre.
Als ich Bochumer in den 90’er nach Dortmund zog, war ich anfangs entsetzt über die Szenewüste Dortmund. Der Mettbrötchen-Stammtisch-Durch-und-Korn-Stösschen-Steppe entzog ich mich und fuhr öfter nach Bochum. Anfang des 21. Jahrhunderts schien es auch in Dortmund so zu sein, das sich immer mehr Menschen mit der Langeweile in Dortmund nicht abfinden wollten.
Passe, die Mettbrötchen haben gewonnen.
Am Drama der Loveparade haben viele mitgeschrieben
Natürlich muss Adolf Sauerland zurücktreten. Der Duisburger Oberbürgermeister war verantwortlich für ein Spaßevent, bei dem mehr als 20 Menschen ihr Leben verloren. Unvorstellbar, dass der Christdemokrat in seiner Stadt bald wieder einen Kindergarten eröffnet und launige Reden auf Schützenfesten hält. Trotzdem ist Sauerland letztendlich eine tragische Randfigur im großen Drama der Loveparade. Denn das Stück geschrieben haben die Strippenzieher des gesamten Ruhrgebietes.
21. Februar 2007 Veranstalter Rainer Schaller verkündet das Aus für die Loveparade in Berlin. In den folgenden Monaten werben München, Leipzig, Köln und das Ruhrgebiet um das Event. Im Revier bricht in der regionalen Presse Jubel über das „Großereignis, das wir uns nicht entgehen lassen dürfen“ aus.
11. Juni 2007 Überstürzt spricht sich Duisburg für eine Loveparade in der Stadt aus. Der Rat der Stadt Duisburg ermächtigt CDU-Oberbürgermeister Adolf Sauerland, einen Rahmenvertrag mit dem Veranstalter Lopavent über die Loveparade im Jahr 2010 abzuschließen. Die Linksfraktion enthält sich. Der Rat soll laut dem Geschäftsführer der Duisburger Marketing-Gesellschaft Uwe Gerste „noch vor der Sommerpause“ abstimmen, weil das gesamte Ruhrgebiet mit der Entscheidung an die Presse gehen wolle. Zeit für eine Debatte bleibt nicht.
16. Juni 2007 Das Ruhrgebiet erhält von den Veranstaltern Lopavent den offiziellen Zuschlag für die kommenden 5 Loveparades. Schon zwei Monate später, am 25. August, die Loveparade erstmals durch Essen ziehen. 2008 soll Dortmund folgen, in den Jahren darauf die Party in Bochum, Duisburg und Gelsenkirchen statt finden.
20. August 2007 Veranstalter Rainer Schaller legt die Messlatte für die Revier-Paraden hoch. Der Fitnessstudio-Betreiber kündigt an, Berlin im Ruhrgebiet „in mehreren Faktoren zu schlagen“. Es sollen Events der Superlative werden.
25. August 2007 Die erste Loveparade im Ruhrgebiet findet in Essen statt. Die Raver haben das Zentrum für sich. Wegen Überfüllung wird zeitweilig der Bahnhof geschlossen.
19. Juli 2008 Mit der zweiten Loveparade im Revier beginnt der Wettlauf um die höchsten Teilnehmerzahlen. In Dortmund nehmen nach amtlichen Angaben 1,6 Millionen Raver teil, 100 000 mehr als 1999 in Berlin. Diese „Rekordzahl“ nennt ein Sprecher der Stadt. Später zweifeln Polizei und Feuerwehrleute die Zahlen an, es sollen doch nur 850 000 Menschen gewesen sein. Sie ravten ohne Zwischenfälle auf der gesperrten Autobahn 40. Der Bahnhof erwies sich aber schon damals als kritischer Punkt: Er wurde zeitweilig geschlossen, viele Besucher konnten erst Stunden nach Veranstaltungsende einen Zug nehmen.
15. Januar 2009 Die Loveparade in Bochum wird abgesagt. „Wir haben nicht die Infrastruktur für so ein großes Ereignis“, sagt Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz (SPD). Medien und die CDU_Opposition reagieren empört. Die Entscheidung sei „eine Schande für das Ruhrgebiet“, die „Metropole hätte sich blamiert“. Ein alternativer Austragungsort ist für 2009 nicht vorgesehen. Heute wird Scholz für ihre damalige Chuzpe gefeiert.
19. Januar 2009 Trotz fieberhafter Suche der politischen und wirtschaftlichen Interessengruppen im Ruhrgebiet wird kein alternativer Austragungsort gefunden. Auch die Autobahn 40, die schon in Dortmund genutzt wurde, sei laut dem Veranstalter „lopavent“ keine Alternative. Sie sei in Bochum zu weit von der Innenstadt und dem Bahnhof entfernt. Wie immer drängt Lopavent darauf, im direkt durch das Zentrum zu ziehen, wie es später auch in Duisburg sein wird.
6. Februar 2009 Nach dem Aus für die Loveparade in Bochum kommen Zweifel für die Veranstaltung im Kulturhauptstadtjahr 2010 in Duisburg auf. Bislang sei keine geeignete Strecke für das Großfest der Techno-Fans gefunden, sagt Duisburgs Stadtsprecher Frank Kopatschek. „Wir warten jetzt auf einen Antrag der Veranstalter“, sagte Kopatschek.
8. Februar 2009 Die traditionell konkurrierenden Ruhrgebietsstädte wetteifern um die Loveparade. Ein Wettlauf der Zugeständnisse an die Veranstalter beginnt. Sollte die weltgrößte Tanzveranstaltung in Duisburg 2010 aus Sicherheits- und Platzgründen nicht stattfinden können, sei ein erneutes Gastspiel im benachbarten Essen denkbar, so der Stadtdirektor Christian Hülsmann.“ Er betont: „Die Loveparade ist keine Katzenkirmes. Das ist ein Riesenaufwand und erfordert zudem hohe Investitionen im mittleren sechsstelligen Bereich.“ Allerdings müsse man schon allein im Hinblick auf das Kulturhauptstadtjahr um die Parade kämpfen. Ansonsten wäre es sehr schlechte Werbung für das Ruhrgebiet.“ Eine Sprecherin der „Wirtschaftsförderung metropoleruhr GmbH“ sekundiert: „Das Ruhrgebiet braucht solche weltweit wahrgenommenen Veranstaltungen, um sein Image als offener und toleranter Lebensraum zu festigen.“
9. Februar 2009 Kritiker der Loveparade werden eingeschüchtert. Der Duisburger Bundestagsabgeordnete Thomas Mahlberg fordert in einem Brief an den damaligen NRW-Innenminister Ingo Wolf die Absetzung des Duisburger Polizeichefs Rolf Cebin. Dieser hatte wenige Tage zuvor geäußert, „eklatante Sicherheitsmängel“ stünden dem Ereignis in Duisburg entgegen. „Dies veranlasst mich zu der Bitte, Duisburg von einer schweren Bürde zu befreien und den personellen Neuanfang im Polizeipräsidium Duisburg zu wagen“, heißt es in Mahlbergs Brief. Er ist noch heute auf der Homepage der Duisburger CDU zu finden. Cebin ist im Frühjahr pensioniert und sein Stellvertreter Detlef von Schmeling wurde für die Loveparade verantwortlich.
10. Februar 2009 Hinter den Kulissen haben sich die Städte darauf geeinigt, doch Duisburg den Vortritt zu lassen. Trotz „Platz- und Sicherheitsbedenken“ soll die Loveparade 2010 in Duisburg stattfinden. Diese Meinung verträten alle großen Ruhrgebietsstädte, teilt die Wirtschaftsfördergesellschaft Metropoleruhr mit. Der point of no return für Duisburg.
29. Oktober 2009 Die Veranstalter der Loveparade geben ihr „Go“ für das Technospektakel in der Stadt am Rhein gegeben. Sie haben sich das Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs ausgesucht. Bisher ist auf dem Brachland nahe der Innenstadt nicht viel außer grünem Gestrüpp. Überwachsene Schienen, eine alte Bahnhofshalle – das noch unbebaute Land ist der einzige freie Fleck, der den Veranstaltern zentrumsnah genug ist. Für die Loveparade muss das Gelände noch gerodet werden. Die Organisatoren arbeiten angeblich schon am Konzept und an den Streckenplänen. Anfang 2010 wollen sie Planungsdetails bekanntgeben. Dazu wird es nicht kommen, detaillierte Pläne wurden der Öffentlichkeit nie vorgestellt
15. Dezember 2009 Der Kulturausschuss wird per Power-Point-Präsentation über den Stand der Planungen für die Loveparade informiert. Die Präsentation bleibt oberflächlich. „Anhand einer Folie wurde dargestellt, dass viele Bahnlinien über Duisburg führen und damit eine gute Erreichbarkeit Duisburgs gegeben sei“, heißt es zum Beispiel im Protokoll der Sitzung. Es werde mit einer Millionen Gäste gerechnet. Die CDU-Fraktion betont, es käme Geld nach Duisburg – allein der Veranstalter würde mit mehreren hundert Leuten ja einige Tage in der Stadt übernachten müssen. Am Rande geäußerte Zweifel an den Einnahmen werden von der CDU-Ratsfraktion weggewischt.
Dezember 2009 Der Nothaushalt von Duisburg wird zum größten Hindernis für die Loveparade. Die bankrotte Stadt darf nur noch Geld für Pflichtaufgaben wie Kindergärten ausgeben, freiwillige Projekte muss sie genehmigen lassen. Die Bezirksregierung Düsseldorf als oberste Finanzaufsicht teilt der Rheinkommune in „informellen Gesprächen“ mit, dass die Stadt kein Geld für die Loveparade ausgeben darf, so Sprecher Bernd Hamacher. Dennoch schafft die Stadt Fakten: Nach Aussagen von Sprecher Frank Koptaschek werden zeitgleich Arbeitsgruppen mit Vertretern der Feuerwehr, Polizei, Ordnungsamt und Veranstalter gebildet, die in einem festen Turnus tagen sollen.
21. Januar 2010 In einer Ratssitzung stellt OB Sauerland in wenigen Minuten die vagen Planungen für die Loveparade vor. Insgesamt stehen mehr als 90 Punkte auf der Tagesordnung, einer davon ist das Großereignis. Die Opposition zweifelt. So sagt der SPD-Fraktionsvorsitzende Herbert Mettler laut einem schriftlich vorliegendem Protokoll: „Die Beschreibungen zu dieser Veranstaltung haben mich sehr erschrocken. Ich frage mich, wie die Risiken beherrscht werden sollen.“ Mettler sagte, es seien viele Fragen ungeklärt. „Wenn man viele junge Menschen nach Duisburg einlädt, dann muss ein reibungsloser Ablauf allein aus Sicherheitsgründen garantiert werden“, so der Sozialdemokrat damals. Worte, die heute fast prophetisch klingen. Doch der Duisburger Rat ist mehrheitlich den Verheißungen der Kulturhauptstadt erlegen. In derselben Sitzung äußert sich ein FDPler, Duisburg könne es sich aus „Imagegründen kaum leisten, die Loveparade abzusagen. Das würde insbesondere im Kulturhauptstadtjahr sehr schlecht in der Außendarstellung wirken.“
28. Januar2010 In den Medien wird Druck aufgebaut, die Loveparade unbedingt statt finden zu lassen. Via der Monopol-Zeitung im Revier WAZ warnt Dortmunds Kämmerer und Kulturdezernent Jörg Stüdemann vor einem „riesigen Imageschaden für das Ruhrgebiet“, falls die in Duisburg geplante Loveparade wegen der hohen Verschuldung der Stadt ausfallen sollte. Auch Kommentatoren im WDR, der gleichzeitig Kooperationspartner der Kulturhauptstadt 2010 ist, erhöhen den Druck, die Veranstaltung statt finden zu lassen. Der künstlerische Direktor der Kulturhauptstadt 2010, Dieter Gorny, sagt: „Es gibt keine bessere Gelegenheit, sich international zu blamieren, als wenn man diese Chance verpasst. Eine richtige Metropole kann das stemmen.“ Auch die heutige Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) forderte damals, diese „Stück Jugendkultur“ nicht sterben zu lassen. „Oberstes Ziel für NRW ist: Die Loveparade gehört ins Ruhrgebiet“, so die SPD-Landesvorsitzende
29. Januar 2010 Die Loveparade wird politisches Streitobjekt in Düsseldorf. Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland sucht bei der Landesregierung finanzielle Unterstützung für seine Loveparade. Der Christdemokrat stößt beim damaligen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers (CDU) auf offene Ohren. Ein erster offizieller Gesprächstermin zwischen Bezirksregierung, Innenministerium und Stadt wird aber aus „Termingründen“ verschoben. Hintergrund ist ein Zerwürfnis des damaligen Innenministers Ingo Wolf (FDP) mit Rüttgers. Der Liberale fordert klamme Kommunen generell zum sparen auf und will für die Stahlstadt keine Ausnahme machen
3. Februar 2010 Der Veranstalter Lovapent stellt erstmals einen offiziellen Antrag bei der Stadt, die Loveparade auf dem alten Bahngelände durchführen zu können
4. Februar 2010 Die Zahlentrickserei beginnt. Sauerland und die CDU suchen Finanzquellen. Raver und Unternehmen sollen jetzt die Finanzierung der Loveparade in Duisburg sichern. Die Duisburg Marketing GmbH hat einen Rettungsfonds eingerichtet, damit der Liebeszug nicht an den klammen städtischen Kassen scheitert. Später sollen darin rund 100 000 Euro eingehen. Offiziell. Denn in Wahrheit sind mehr als die Hälfte davon nicht näher spezifizierte „Sachspenden“ oder Geld, das durch Fanartikel wie T-Shirts erst noch verdient werden muss
8. Februar 2010 In Briefen, im Internet und öffentlich kritisieren Bürger die Loveparade. Denn der Rat verkündet zeitgleich eine lange Sparliste für die ärmsten und jüngsten der Stadt – so wird bei Jugendzentren, der Prostituiertenhilfe und dem Sozialticket für den Nahverkehr gespart. Der evangelische Pfarrer Friedrich Brand aus Duisburg fordert in einem offenen Brief an die Stadt, die Loveparade abzusagen. „Die Stadt soll auf eine überflüssige Party verzichten die zu nichts anderem dient als einem zweifelhaften Imagegewinn der Stadt.“
9. Februar 2010 Gegen die kritischen Bürger wendet sich sofort die Phalanx der Kulturhauptstadt. Ihr Chef Fritz Pleitgen sagt, es müssten „alle Anstrengungen unternommen werden, um dieses Fest der Szenekultur auf die Beine zu stellen.“
Am selben Tag lehnt der Chef der Bezirksregierung Düsseldorf, Jürgen Büssow, offiziell die Planungen für die Loveparade ab. Der Kommunalaufseher muss die Ausgaben der Kommune genehmigen, die im Nothaushalt steckt und in den kommenden Jahren 160 Millionen Euro einsparen muss. Knapp eine Millionen für ein Spaß-Event seien da nicht drin.
20. Februar 2010 Der Rat tagt an einem Samstag in einer Sondersitzung von 8 Uhr morgens bis 8.42 Uhr. Wieder geht es nur um Finanzen. Es fehlen drei Christdemokraten, 70 Ratsherren- und frauen von CDU, SPD; Grüne, der Linken und der Wählergemeinschaft stimmen ohne Ausnahme für folgenden Antrag: „Der Rat der Stadt begrüßt die Durchführung der Loveparade in Duisburg. Die aktuelle Haushaltslage erlaubt keine Haushaltsbeteiligung an den entstehenden Kosten, daher konkretisiert der Rat der Stadt seinen Beschluss vom 11.06.2007 um folgende Festlegungen: Erstens dürfen für die Loveparade keine Haushaltsmittel der Stadt eingesetzt werden. In der kurzen Sitzung fragt niemand nach der Organisation.
25. März 2010 Laut Teilnehmern soll es an diesem Donnerstag zu einem Treffen im Innenministerium mit OB Sauerland und Regierunsgvertretern gekommen sein. Wieder geht es u die Finanzierung. Die Beteiligten wollen die Loveparade unbedingt – es geht nur darum, wie es trotz der strengen Auflagen für bankrotte Städte genehmigt werden kann
30. März 2010 Die Stadt Duisburg beantragt beim NRW-Verkehrsministerium, was schon lange in Hinterzimmern ausgekungelt wurde: Die Stadt Duisburg will 150 000 Euro für den Verkehrsverbund Rhein Ruhr (VRR), um die erforderlichen Sonderbusse zu finanzieren. Die Deutsche Bahn stellt ihre Anträge erst Anfang Juni, erhält das Okay dann wenig später. Begründet wird dies laut der Sprecherin Heike Dongowski des nach der Landtagswahl im Mai neu besetzten Ministeriums mit dem öffentlichen Transportauftrag. Dies sei üblich bei Großveranstaltung. Finanziert wird das Ganze nach dem ÖPNV-Gesetz aus dem Programm Service und Sicherheit. Allerdings ist die Summe, insgesamt werden 450 000 Euro an Bahn und VRR fließen, ungewöhnlich hoch.
14. April 2010 Das Innenministerium genehmigt auf Druck der Landesspitze die öffentlichen Aufgaben der Stadt Duisburg. Übermittler der Nachricht ist offiziell die Bezirksregierung Düsseldorf, die Duisburg mitteilt es gebe „keine haushaltsrechtlichen Bedenken“ mehr. Laut dem Sprecher Hamacher gibt das NRW-Verkehrsministerium insgesamt 450 000 Euro, die Firma des Veranstalter, Mc Fit, investiert 105 000 Euro und zwei Sponsoren insgesamt 100 000. Durch Merchandising, also dem Verkauf von Fan-Artikeln, sollen geschätzte 185 000 Euro zusammen kommen. Werden es weniger, bürgt die Staatskanzlei mit 100 000.
26. April 2010 Erst knapp zwei Wochen nach der grundsätzlichen Genehmigung erteilt erst das NRW-Verkehrsministerium sein offizielles Okay für die massive Förderung von Nahverkehr und Bahn. Offenbar hat das Innenministerium schon vor dem offiziellen Ja der Förderung seine Bewilligung erteilt.
1. Juni 2010 OB Sauerland antwortet auf eine Anfrage der Linkspartei zum Verkehrskonzept vom April. Sie thematisiert schon klar den problematischen Zugang zum Gelände. „Die Nähe des Hauptbahnhofes zum Veranstaltungsgelände stellt ein besonderes Problem dar“, heißt es in der Mitteilungsvorlage. Der Veranstalter – die Firma lopavent GmbH – habe bereits ein Konzept zur umfangreichen Sicherung des Veranstaltungsgeländes zu den Bahngleisen vorgelegt.Dieses Konzept wiederum wurde den Ratsherren nicht vorgestellt. Gefragt danach haben sie aber auch nicht.
Juni 2010 Mitarbeiter des Ordnungsamtes werden nach Informationen aus dem Innenministerium und dem Rat der Stadt Duisburg systematisch von der Stadtspitze unter Druck gesetzt, Bedenken in den Wind zu schlagen und die erforderlichen Genehmigungen zu erteilen. Parierte ein Mitarbeiter nicht, wurde die Vorlage umstandslos an einen zweiten gegeben, der sie dann unterschrieb. „Sie wurden gezwungen, alles abzunicken“, so ein Ratsmitglied.
18. Juni 2010 In der Sitzung einer Arbeitsgruppe von Feuerwehr, Ordnungsamt, Veranstalter Lopavent und dem Ordnungsdezernenten Wolfgang Rabe kommt es zu einem Eklat: Veranstalter Lopavent weigert sich, den vom Ordnungsamt geforderten Fluchtweg von 440 Metern zu organisieren. Laut einem Protokoll hat Ordnungsdezernent Wolfgang Rabe Druck ausgeübt. „Der OB wünscht die Veranstaltung und hierfür muss eine Lösung gefunden werden.“ Der Baudezernatsleiter Jürgen Dressler kommentierte das Schreiben handschriftlich: „Dieses entspricht in keinerlei Hinsicht einem ordentlichen Verwaltungshandeln und einer sachgerechten Projektstellung.“ Reagiert hat darauf niemand.
5. Juli 2010 Der Rat beschließt für die Loveparade die Änderung zweier Satzungen: Die Sperrstunde wird für den Veranstaltungstag aufgehoben. Die Gewerberechtsverordnung wird dahingehend geändert, dass Geschäfte keine Glasflaschen an dem Tag der Loveparade verkaufen dürfen. Das Sicherheitskonzept wird nicht thematisiert. „Damit waren 6000 Mann in der Verwaltung beschäftigt, auf die haben wir uns verlassen“, sagt dazu SPD-Geschäftsführer Uwe Linsen
Juli 2010 Unter Hochdruck arbeiten Polizei, Feuerwehr, Veranstalter und Ordnungsamt an den Plänen für den Tag X. Nach Informationen aus Teilnehmerkreisen soll es dabei viele Debatten um die richtige Wegführung auf dem Gelände gegeben haben. Allen Beteiligten ist klar, dass der nur 25 Meter breite Tunnel ein „neuralgischer Punkt“ der Veranstaltung sein wird.
22. Juli 2010 Bundesweite und regionale Medien drucken Sonderseiten über das „größte Spaßevent“ in Deutschland. Im Jugendsenderr 1-Live laufen tagelang Sondersendungen, der eigen Wagen wird beworben. Die regionalen Zeitungen NRZ und WAZ kommentieren die Loveparade „als Glücksfall“ für die gesamte Region
23. Juli 2010 Der erst vor wenigen Tagen ins Amt berufene NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) gibt eine Jubelmeldung 24 Stunden vor der Loveparade heraus. „Alle sind hoch motiviert und haben sich professionell vorbereitet“, sagt der Duisburger in einer Pressemitteilung. Einen Tag nach dem Unglück löschte das Innenministerium die Meldung, angeblich aus „Pietätsgründen“, so der Sprecher von Jäger. Der Innenminister kenne das Konzept für den Polizeieinsatz, aber für das Sicherheitskonzept auf dem privaten Gelände seien die Stadt und der Veranstalter verantwortlich. Montag ist die Meldung dann wieder online. Die Suche nach den Verantwortlichen beginnt.
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