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Charlie Sheen und die neue Sauberkeit

Es gab mal eine Zeit, da wurden Künstler beneidet, weil sie eine unkonventionelle Lebensweise führen konnten – wenn sie wollten. Sie lebten mit ihren Exzessen die Bedürfnisse aus, die sich der Normalbürger nicht leisten konnte. Das ist vorbei.

Eines vorweg: Ich mochte Two and a half Men nicht besonders. Ich schaue nicht viel Fernsehen und meine beiden Lieblingsserien sind 24 und die Simpsons. Bei den Simpsons kann ich mittlerweile die meisten Folgen auswendig und die weichgespülten letzten beiden 24 Staffeln waren vor allem eins: Langweilig. Und so ist Jack weg und hat keine große Lücke hinterlassen. Das Ende von  Two and a half Men werde ich also auch kaum bemerken. Aber mich stört die Begründung, warum die Serie  eingestellt worden ist:

“Based on the totality of Charlie Sheen’s statements, conduct and condition, CBS and Warner Bros. Television have decided to discontinue production of ‘Two and a Half Men’ for the remainder of the season.”

Hat er die die Serie geschmissen, sich auf dem Set geprügelt? Nein. Das, was das Fass zum Überlaufen brachte, waren wohl, glaubt man der Washington Post, abfällige Bemerkungen über die Anonymen Alkoholiker und die gesellschaftliche Forderung ein braves, sittsames Leben ohne Exzesse zu führen:

“One of their stupid mottoes is, ‘Don’t be special, be one of us.’ News flash: I am special and I will never be one of you. . . . I’m going to hang out with these two smokin’ hotties and fly privately around the world. It might be lonely up here, but I sure like the view.”

Dazu kamen noch seine Äusserung, dass er mal ein paar Jahre nüchtern war, und es langweilig fand. Das reichte dann. Sheen wurde gefeuert, weil er sich nicht der Ideologie des Neopuritanismus beugen wollte. Vielleicht konnte er es auch nicht – weil ihm das exzessive Leben einfach wichtiger war als das propagierte Idealbild des die eigenen Leidenschaften und Süchte unterdrückenden Puritaners.

Irgendwann einmal waren Leute wie Sheen Role-Models. Sie nahmen sich als Künstler heraus, was die Masse auch gerne getan hätte, aber nicht konnte und durfte. Aber die wollten, zumindest zum Teil, auch so leben. Der Kampf um die Ausweitung der individuellen Freiheiten hatte  immer auch mit diesen Role-Models zu tun. Sie zeigten, dass man schwul sein, seine Partner- oder Partnerinnen wechseln, Mittags aufstehen oder auch mal komplett abstürzen konnte. Sie erweiterten damit den Handlungsrahmen von uns allen und der Kampf um die individuellen Freiheiten war  auch immer einer um das Recht, die eigenen Schwächen ausleben zu können. Und zu entdecken, dass es diese Schwächen sind, die uns ausmachen. Und sie die Grundlage unserer Stärke sind.

Die Zeiten haben sich geändert. Wir alle sollen nüchtern und rauchfrei unser Leben gestalten, beim Fleischkonsum zurückhaltend sein und die Umwelt schützen. Auf keinen Fall geduldet ist der Kontrollverlust. Der Exzess, das ausgelebte, spontane Gefühl. Sheen ist mir egal. Ich kenne ihn nicht. Aber das wofür Sheen steht, ist mir gar nicht egal, denn in einer neopuritanischen Gesellschaft von Bionade trinkenden, nichtrauchenden Vegetariern  wollte ich eigentlich nie leben. Scheint aber langsam aber sicher so zu werden. Zeit, sich mal wieder um die eigenen Freiräume zu kümmern.

Der Soundtrack zum Artikel – The Nomads (Original The Kinks)

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11 Kommentare zu “Charlie Sheen und die neue Sauberkeit

  • #1
    Müller

    Leider fehlen bei Ihrer Beschreibung des Interviews die wirklich wichtigen Stellen. Charlie Sheen beleidigt beispielsweise Chuck Lorre, dem Mann hinter Two and half Man und redet weiteres wirres Zeug über Alkoholimus und seiner (Charlie Sheens) Arbeit als Auftragskiller des Vatikans. Mit Neopuritanismus hat das ganze also weniger zu tun, sondern mit einem (hoffentlich nur) vorrübergehenden Ausfall von Charlie Sheens kognitiven Fähigkeiten.

    http://www.tmz.com/2011/02/24/charlie-sheen-chuck-lorre-two-and-a-half-men-war-show-bahamas-octagon/

  • #2
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Müller: Man erwartete früher von Künstlern auch nicht, dass sie sich gegenüber ihren Chefs wie Volksbankangestellte benahmen. 🙂

  • #3
  • #4
    Michael Kolb

    Tscha, also erstmal 25 Minuten mehr Zeit am Dienstag, um etwas vernünftiges zu tun… vielleicht etwas trinken… oder so.

    Zu vernachlässigen ist die neopuritanische Komponente jedenfalls nicht, man braucht nur an die berühmten 12 Punkte Programme der A.A und A.N. Gruppen in den vereinigten Staaten anzusehen. Ohne sich Gott zu unterwerfen läuft da nix. Da kann man schon mal gegen pöbeln, wie es ja auch schon die Kollegen von Sheen, Penn und Teller, getan haben und zu einem abschließenden Urteil gekommen sind: Bullshit!

  • #5
    Müller

    Ich persönlich halte nichts davon “Künstlern” eine Narrenfreiheit einzuräumen, die andere Arbeitnehmer nicht genießen. Charlie Sheen hat mehrmals den Produzenten und Autor von Two and a half man beleidigt und spürt jetzt die Konsequenzen. Von dem ganzen anderen Mist, den er im Suff erzählt hat, ganz zu schweigen.

  • #6
    Jens König

    Mensch Müller, aber spassig war’s doch, zuzusehen, wie besoffene Diven ihren Chefs einen vor den Latz geknallt haben. Und was konnte man sich freuen, dass sie dafür nicht rausgeworfen wurden, weil a Künstler, b Narr, c unersetzlich

    Und heutzutage sind sogar die Grossen ersetzbar, gibt genug davon. Und wenn gerade keiner greifbar ist, nimmt man einen aus der zweiten oder dritten Reihe, merkt eh keine Sau mehr.

    Aber sie fehlen, die Gargantuas und die Pantagruels.
    Wenigstens die konnten noch die Herschenden durch den Kakao ziehen, ihnen die Torten um die Ohren schmeissen, den Beherrschten zeigen, dass es auch anders geht und dass konformistische Nüchternheit dieselbe Vanitas enthält wie der exzessive Rausch.

    Scheisse, ich hätte Stefans Artikel zuende lesen sollen, bevor ich hier schreibe. Hat er ja schon alles gesagt. Hmmpppfh

  • #7
    teekay

    Ich bin mir nicht sicher, ob es hier wirklich ums nuechtern und rauchfrei sein geht. Richtig, die Zeiten haben sich geaendert. Z.B. wird in Hollywood viel staerker auf die Kohle geschaut. Charlie Sheen ist ein Star? Schoen, aber das Produktionsteam von Two and Half Men umfasst eine dreistellige Groesse. Sheen’s Ausfall ist ein Kostenfaktor, vor allem, weil er einerseits spontan und andererseits langwierig sein kann-und natuerlich auch, weil moegliche Werbekunden abspringen koennen. Die Balance, dass man auch MAL bei TMZ auftauchen darf und dann echte Arbeit abliefern muss hat sich verschoben und, da gebe ich Stefan Laurin recht, die Proteststuerme ueber die (zeitweilige) Einstellung werden sich in Grenzen halten-gute Comedy gibt es genug im US Fernsehen…

  • #8
    Müller

    Ich persönlich bin Fan von Two an a half men und mir ist es auch vollkommen egal, ob Charlie Sheen seine Rolle in der Realität weiterlebt, dass ist schließlich seine Sache. Aber ich wittere nicht hinter der Einstellung von TAHM eine neopuritanische Verschwörung, sondern kann die Entscheidung von Chuck Lorre nachvollziehen.

  • #9
  • #10
    Rosinante

    Es gibt großartige Fernsehserien, die hier allerdings im Nachtprogramm und unter allgemeiner Nichtbeachtung laufen. Beispiele sind “Die Sopranos”, “Mad Men” und “Boardwalk Empire”. Reinschauen lohnt sich!

  • Pingback: Two and a half Whiskey | my daily facepalm

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