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Citykiller: Von Ostfriesen lernen, heißt siegen lernen

Limbecker Platz Foto: Tobias (Garver) Lizenz: Gemeinfrei

Essen, Duisburg, Dortmund, Recklinghausen und bald Bochum: Im Ruhrgebiet gibt es ein Einkaufscenter-Wettrüsten der Städte. Das es auch anders geht zeigt die ostfriesische Stadt Leer. Dort hat  der Shopping-Center Riese ECE kapituliert.

Kein ECE-Einkaufszentrum in Leer – der Bebauungsplan war im Verwaltungsausschuss der Stadt  nicht durchgekommen, ECE gibt auf. Die Ostfriesen Zeitung zitiert ECE-Sprecher Christian Stamerjohanns mit den Worten: “ „Wir legen die Stadt Leer zu den Akten.“ Leer ist eine Ausnahme: Fast überall wo die großen Betreiber von Einkaufszentren mit Kommunalpolitikern reden, können sie ihre Vorstellungen durchsetzen. Die Argumente sind immer die gleichen: In der Stadt gäbe es in gewissen Einzelhandelsbranchen zu wenige Flächen, das Angebot sei so dürftig, dass die Besucher in andere Städte ausweichen werden. Und schließlich: Das Einkaufszentrum stärkt die Innenstadt, bringt Jobs und gewaltige Investitionen im dreistelligen Millionenbereich. Für die meisten Kommunalpolitiker ist das Thema neu, wenn die Teams von Shoppingcenter-Betreibern wie ECE oder MFI an der Rathaustür anklopfen. Sie sind fasziniert von den Charts und Gutachten, die ihnen vorgelegt werden. Für die Männer und Frauen der Betreiber ist das allerdings Alltag: Politiker um den Finger zu wickeln ist Geschäft.

Mehr Flächen für den Einzelhandel sind auszuweisen ist dabei ein großes Risiko. Die Bevölkerung Deutschlands wird schrumpfen, bestenfalls stagnieren. Durch die Zunahme des Anteils an Rentnern an der Bevölkerung wird die Kaufkraft sinken. Im Ruhrgebiet kommen Wegzüge von kaufkräftigen Bevölkerungsschichten dazu. Und da immer mehr Menschen  im Internet einkaufen, freuen sich Unternehmen wie Amazon oder Zalando sich über starke Wachstumsraten – Geld, das im stationären Einzelhandel fehlt.

In Leer hat man aus diesen Entwicklungen die richtigen Schlüsse gezogen: Die Stadt setzt darauf, als Stadt attraktiv zu sein und nicht alle Einkaufsströme in einem Center zu konzentrieren. Im Ruhrgebiet ist man nicht so weit: In Bochum soll eine Shoppingcenter errichtet werden, in Recklinghausen ist ein weiteres im Bau. Dabei sind die Auswirkungen der beiden zuletzt im Revier gebauten Center schon zu spüren: Die Essener Innenstadt verkommt. Ramschläden ziehen ein, wo einst hochwertiger Einzelhandel war. Wormland, ein hochwertiger Herrenausstatter, wechselt ins Centro nach Oberhausen. Das Ende der Buchhandlung Thalia im traditionsreichen Baedeker-Haus ist ein Menetekel: Hier kommen die Auswirkungen ECE-Centers Limbecker Platz und die Veränderungen des Kaufverhaltens zusammen und werden für weiteren Leerstand oder neue Ramscher in der Mitte sorgen. Auch in Dortmund kann man jetzt schon die Auswirkungen der Thier Galerie sehen: Nach einem Bericht der Ruhr-Nachrichten verliert ein Teil der Fußgängerzone , der  Ostenhellweg,  massiv Passanten und Käufer.

Essen, Dortmund und Recklinghausen haben mit der Ansiedlung von innerstädtischen Einkaufszentren, den Citykillern, ihre Innenstädte dem Verfall preisgegeben. Leer hat sich anders entschieden.   Bochum wird wahrscheinlich den Weg von Dortmund und Essen gehen. Warum? Weil die Ostfriesen pfiffiger sind als die meisten Politiker im Ruhrgebiet.

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14 Kommentare zu “Citykiller: Von Ostfriesen lernen, heißt siegen lernen

  • #1
    Jan

    Das Beispiel in Leer zeigt darüber hinaus aber auch, dass sich Einzelhändler und Kommunenen häufig gar nicht mit dem Verfall der Innenstädte beschäftigen, bevor ECE anklopft. Das Thema besitzt zentrale Wichtigkeit und hat eben weit mehr als bloß mit Shopping zu tun.

    Beispiel Bochum: Ich lebe nun seit etwas mehr als fünf Jahren in Bochum. Bevor ich aus dem Sauerland ins Ruhrgebiet zog, war ich schon einige Mal mit meinen Eltern in Bochum gewesen. Zum Einkaufen. Im Ruhrpark natürlich, mit Bochum selbst hatte ich also im Grunde keinerlei Berührungspunkt. Als ich dann meine erste Wohnung in der Bochumer Südinnenstadt bezogen hatte, wusste ich auch schnell, warum niemand von außerhalb in die Bochumer Innenstadt geht. Das Angebot ist mau. Sowohl was die Geschäfte angeht, als auch das Drumherum.

    Auch Bochum braucht also dringend Denkanstöße, was die Aufwertung der Innenstadt angeht. ECE ist da sicherlich nicht der richtige Ideengeber. Schließlich hat ECE ja auch nur eine Patent-Idee, die von der Marketing-Abteilung gerne für die „interessante Region“ zu einem „individuell zugeschnitteten Modell“ geformt wird.

    Aber das Schreckgespenst ECE könnte wie in Leer Stadt und Einzelhändler dazu bringen, mal ehrlich über die Probleme zu sprechen. Denn Bochums Problem wird nicht sein, dass historische Gebäude plötzlich leerstehen (die gibt es abgesehen vom Kortumhaus ja nicht). Das Problem ist, das hier einfach nichts zusammenpasst und unnötige Konkurrenzsituationen entstanden sind. Dem Ruhrpark kann man immerhin noch zugestehen, dass er Menschen aus dem Umland dazu bringt, Geld in Bochum auszugeben. Aber weshalb das Hannibal-Center entstehen musste, erschließt sich mir bis heut nicht.

    Wie dem auch sei. Es hilft ja nichts, den Fehlentscheidungen nachzutrauern. Die Fläche des Gerichtsbezirks liegt in einem gut gelegenen, aber ausbaufähigen Teil der Innenstadt. Sie kann dazu genutzt werden, den Aufenthalt in der Innenstadt attraktiver zu gestalten. Ich kenne Menschen, die fahren aus Recklinghausen, Essen, Herne, Bochum etc. in kleinere Randstädte des Ruhrgebiets zum Shoppen. Hattingen, Haltern, Herdecke werden aufgrund ihrer Atmosphäre und Einzigartigkeit geschätzt. Sicher nicht aufgrund der Größe von H&M, NewYorker & Co.

    Wenn nun also eine so große Fläche zur Verfügung steht, muss man sich die Frage stellen, ob es nicht möglich ist, gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern etwas zu entwickeln, was Bochum einzigartig macht und die Verweildauer in der Innenstadt verlängert. Ein grüner Park mit Einzelhandelselementen. Eine öffentliche Sport- und Eislauffläche. Was weiß ich. So lassen sich Mieter und Eigentümer auch eher zu Modernisierungen in den „alten“ Lagen überreden. Vielleicht lässt sich so sogar die Innenstadt West mit dem wunderschönen Westpark besser anbinden.

    Aber seien wir ehrlich, das wird nichts. 🙁 Aber man wird ja noch träumen dürfen.

  • #2
    Karsten

    Inhaltlich hat Stefan Laurin vollkommen Recht! Das baldige Einkaufszentrum am Husemann-Platz wird verheerende Auswirkungen auf die Innenstadt von Bochum haben. Leider hat in diesem Fall jedoch die Stadt kaum Einflussmöglichkeiten. Das Gelände des Land- und Amtsgerichts ist im Besitz des Landes NRW. Es wird vom Bau- und Liegenschaftsbetrieb des Landes verwaltet. Ihr einziges Interesse ist die gewinnträchtigste Vermarktung. Die Politik in Bochum hat den Druck jedoch schon so sehr erhöht, dass im Endeffekt die Stadt zumindest mit entscheiden kann, was für ein Einkaufszentrum gebaut wird, leider nicht, OB eins gebaut wird. Die Größe ist mit 20.000 Quadratmetern leider auch schon vorgegeben. Die Bochumer Politik muss sich nun dafür einsetzen, dass der Schaden so gering wie möglich wird. Also kein monolithischer Block, offene Strukturen, kein Parken auf dem Dach usw. Zu verhindern ist ein „Citykiller“ nicht, es ist nur zu hoffen, dass es „nur“ ein kleiner „Citykiller“ wird.
    Trotzdem ist der Widerstand aus der Bevölkerung weiter sehr wichtig, auch der Druck aus der Politik gegenüber dem Land ist weiter wichtig! Deswegen danke ich sehr für diesen Artikel. Ich hoffe, dass auch bald das Bochumer Einkaufszentrum in die überregionale Presse gerät, vielleicht kann auch medialer Druck noch etwas verändern. Ich verbleibe leider ziemlich desillusioniert.

  • #3
    Jan

    Noch ein kleiner Nachtrag: Auch Punkte wie Barrierefreiheit spielen eine Rolle. Der Umstand, dass Bochum kaum historische Gebäude hat, müsste ja eigentlich helfen, die Innenstadt auch für behinderte Menschen attraktiver zu machen. Sprich: Bauliche Barrieren abbauen. Ich habe mit vielen Rollstuhlfahrern gesprochen und fast alle fahren zum Einkaufen lieber in den Ruhrpark. Hier sind die Parkmöglichkeiten besser (schließlich ist der ÖPNV in Bochum weiterhin die Hölle für Rohlstuhlfahrer*innen) und alle Geschäfte sind weitgehend barrierefrei gestaltet. Das ist doch ein Armutszeugnis für eine Stadt, wenn der öffentliche Raum aufgrund schlechter baulicher Situationen nicht wirklich nutzbar ist und auf ein kommerzielles Einkaufszentrum zurückgegriffen werden muss.

  • #4
  • #5
    Puck

    Ich habe lang in Recklinghausen gewohnt. Das war mal eine nette STadt mit einem historischen Stadtkern, wenn man sich den potthäßlichen Karstadt-Klotz wegdachte, sogar mit einem vergleichsweise hübschen Marktplatz. Da gab es Antiquitätenläden, alteingesessene Fachgeschäfte, Restaurants und Cafés. Es gab sogar neben dem obligatorischen Schuhschatel-Programmkino ein richtiges Kino, mit 50er-Jahre-Lampen, rotem Samtvorhang und der „Rang“ war tatsächlich noch ein Balkon, auf den man über eine Treppe gelangte.
    Und es gab das Lörhofcenter. Das war in den 70ern der letzte Schrei – und in den 80ern ein sozialer Brennpunkt, eine finstere Betonruine. Der Tiefpunkt war erreicht, als es vollkommen leer stand bis auf einen Plattenladen, dessen Eingang von außen zugänglich war, also ohne die Ruine wirklich betreten zu müssen.
    Irgendwann war der Plattenladen auch weg.
    Das Lörhofcenter hat man dann irgendwann in den 90ern saniert. Erst war da Strauss drin und H&M, ein Café und einige kleine Läden, Boutiquen, Antiqutäten, Schmuck, und – na ja Media-Markt.
    Alles recht gepflegt, luftig-lustig und hell.
    Jedenfalls eine Weile lang.
    Danach ging wieder alles den Bach runter.
    Und nicht nur das. Der Rest der Stadt verramschte gleich mit.
    Aber davon ließ man sich nicht aufhalten. Man baute erstmal einen Kinopalast (eine weitere Seuche, die auch mal einen Artikel wert wäre), sehr pragmatisch an der Straße zur Autobahn gelegen, damit Besucher nicht etwa auf die Idee kommen, sich noch einen Kaffee in der Stadt zu gönnen; was erst dem schönen alten Kino mit dem Samtvorhang und dem Balkon die Luft abdrehte und schließlich auch dem Programmkino.
    Bei jedem der zunehmend sporadischen Besuche seit 2000 stellte ich frustriert fest, daß wieder einer der alteingesessenen Läden, die RE vorher interessant gemacht hatten, weg und statt dessen ein Telefonshop oder Ramschladen eingezogen war.
    Und wie es aussieht, will man diese Entwicklung jetzte tatsächlich stoppen, indem man das Lörhofcenter abreißt – was an sich gar keine schlechte Idee ist – nur leider wird statt dessen ein neuer Konsumpalast dort hinklotzt.
    Noch größer, noch leuchtender, noch wahnsinniger.
    Einen Fehler kann man ja bekanntlich am besten korrigieren, indem man stur leugnet, daß es einer war und wenn doch alles nur zu klein für einen wirklichen Erfolg war.

    DAs kann einem doch jeder Zocker bestätigen, der beim Roulette schonmal mit einem ganz sicherem System auf die 13 gesetzt hat.
    Das System war nämlich gar nicht falsch, die 13 auch nicht, er hat nur zu früh aufgehört!

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  • #7
    Rosinante

    Ich glaube, daß die Situation in Leer eine ganz andere ist, als in Bochum.
    In Leer gibt es jede Menge alteingesessener Geschäfte, die schon lange in Familienbesitz sind. Diese bilden eine starke Lobby, welche an einer Mall mal so gar kein Interesse haben. Solche Geschäfte gibt es in Bochum doch kaum noch, mir fällt im Moment nur Betten Korten ein.
    Es gibt außerdem eine wunderbare Altstadt, die ein wahrer Touristenmagnet ist und die unter einer Mall mit Sicherheit auch zu leiden hätte.
    Persönlich finde ich eine Mall in Bochum vollkommen überflüssig, wofür haben wir den Ruhrpark?

  • #8
    Freidenker

    Vielleicht wäre das ECE-Einkaufszentrum in Leer gut angenommen worden. Niemand wird es je erfahren. Ich hab bis heute nicht verstanden, warum Bürokraten und Politiker am Reißbrett entscheiden wollen, was für den Menschen gut ist und was nicht. Friedrich A. v. Hayek nannte das einst völlig richtig „Anmaßung von Wissen“. Die bestmögliche Versorgung mit Einzelhandel und Einkausfzentren in Leer (oder anderen Städten) ist mangels Wettbewerb im Entdeckungsverfahren nicht bekannt. Es ist das Prinzip „Versuch und Irrtum“, das die Marktwirtschaft der Planwirtschaft und die Wissenschaft der Ideologie überlegen macht.

  • #9
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Rosinante: Balz ist noch ein selbstständiger Händler.
    @Freidenker: Versuch und Irrtum zeigt: Städte mit einem großen Einkaufszentrum veröden. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele. Wenn Politiker und Bürger das dann nicht wollen, sind sie schlau. Wenn sie es trotz dieses Wissens machen dumm.

  • #10
    Puck

    @Freidenker
    Versuch und Irrtum sind Kennzeichen der Marktwirtschaft, im Gegensatz zu Planwirtschaft und Ideologie?
    Wie kommen Sie denn auf die Schnapsidee?

    Wenn sich der Versuch regelmäßig als Irrtum heraus stellt und trotzdem stur wiederholt wird, dann hat das ohne Zweifel sehr viel mit Ideologie zu tun.

    Wenn nach dem Motto „Versuch und Irrtum“ sozusagen mit richtigen Städten Monopoly gespielt wird, sogar mit einer besonders zynischen.

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  • #12
    Carsten Tergast

    Ich weiß, Eigenlob stinkt…

    Trotzdem an dieser Stelle neben einem dicken Dankeschön an die Ruhrbarone für die Aufmerksamkeit hinsichtlich unserer kleinen Stadt eine kleine Anmerkung: Es war durchaus nicht so einfach, wie es im Artikel klingt, diese Entscheidung herbeizuführen. Ohne die fast drei Jahre währende Arbeit der Bürgerinitiative „Leer braucht Leer“ stünde das Center vermutlich längst, da Verwaltung und Teile der Politik das Projekt massiv gepusht haben.

    Abseits des Eigenlob-Gestanks soll das eigentlich nur heißen: Es braucht aufmerksame Bürger, die bereit sind, sich in ihrer Stadt zu engagieren, auch dann, wenn ihre persönlichen Interessen gar nicht berührt sind. Wenn diese Hand in Hand arbeiten, ist es tatsächlich möglich, die Lobby aus Geld und Macht in die Knie zu zwingen.

  • #13
    Hans-Jürgen Lamberty

    Damit der geneigte Leser mal ansatzweise nachvollziehen kann was sich über 2 1/2 Jahre in der Stadt Leer (34.000 Einwohner) so abgespielt hat und was alles getan werden mußte um einen ECE-Klotz abzuschmettern. Ohne ein massives, ausdauerndes, Dagegenhalten mit den „richtigen Argumenten“ durch die Bürger passiert sonst gar nichts, nachdem die Politiker in den meisten Fällen über den Kopf der Bürger vorher alles auszukungeln versuchen.

    http://www.neue-mitmach-zeitung.de/leer/lokales/ostfriesland-immer-noch-im-ece-wahn-durch-spd-genossen-d5325.html

    Ich kann nur nochmal betonen, es hat sich mehr als gelohnt!

  • #14
    Nico

    Ich finde Leer hat richtig entschieden und auf die Bewohner/Händler gehört. Wäre es nicht so gewesen, wär Leer erst mal jahrelang eine Baustelle und alle würden noch mehr Verlust machen.

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