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Clans und Kneipen: Kriminelle Krisengewinnler

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Viele Kneipen, Clubs und Restaurants stehen vor der Pleite. Experten befürchten, dass kriminelle Clans die Gunst der Stunde nutzen, und ihre Aktivitäten ausweiten.

Die längste Theke der Welt, das Rheinufer und viele, lebendige Quartiere mit Cafés, Restaurants, Clubs und Bars. In der Landeshauptstadt Düsseldorf wird nicht nur regiert, sondern auch gefeiert. Am 23. März war Schluss damit. Die Corona-Pandemie erzwang die Schließung aller Gastronomiebetriebe.  Die Zapfhähne wurde nach oben gedreht,

nur noch der Außer-Haus-Verkauf blieb erlaubt. Die Unternehmen schreiben rote Zahlen, 70 Prozent der Betriebe haben Kurzarbeit angemeldet und viele werden den Sommer trotz staatlicher Hilfen und den beschlossenen langsamen Lockerungen nicht überleben. „Das ist die Gelegenheit, auf die die Clans gewartet haben. Vor allem in Düsseldorf sind sie dabei, Gastronomiebetriebe zu übernehmen, die in Schwierigkeiten sind, “ sagt Ralph Ghadban. Ghadban stammt aus dem Libanon, ist Politologe und war lange Leiter der Beratungsstelle für Araber beim Diakonischen Werk in Berlin. Er hat die Entwicklung der Clanszene in Deutschland seit ihren Anfängen in den 70er Jahren beobachtet. Sein 2018 erschienenes Buch „Arabische Clans – Die unterschätzte Gefahr“ wurde zum Bestseller.

Ein Erfolg, für den er einen hohen Preis zahlte: Nachdem im libanesischen Fernsehen über das Buch berichtet wurde, bedrohten ihn Essener Clans in Videos mit dem Tod. Ghadban erhielt Polizeischutz.

Die Aktivitäten der Kriminellen seien jedoch nicht auf Clubs und Kneipen beschränkt und beträfen auch andere Gewerbe, sagt ein Mitglied einer der bekannten Großfamilien, dessen Eltern schon mit der Szene brachen. Sie übernehmen auch Bäckereien, Friseure oder Werkstätten. Sie haben Geld und sie investieren es überall, wo sie sich gewinne versprechen. Und da in fast allen Branchen Kleinunternehmen unter Druck stehen, ergäben sich für sie viele Möglichkeiten. Allerdings seien nicht nur Clans auf Expansionskurs: „Ich weiß auch von Rockerbanden, die nun nach Investitionsmöglichkeiten suchen.“

Schon seit Jahren übernehmen Clans aber auch andere Gruppen der Organisierten Kriminalität immer mehr Gastronomiebetriebe in den Innenstädten. „Die Gastronomie“, teilt das Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen auf Anfrage mit, „ist dabei ein Handlungsfeld für entsprechende Geldwäschetätigkeiten.“ Kriminelle verhalten sich wie Unternehmen, sie suchen nach neuen Geschäftsgelegenheiten. Nur liegen die jenseits von Recht und Gesetz: „Organisiert handelnde Kriminelle sind grundsätzlich bestrebt, neu entstehende Kriminalitätsmärkte schnell zu identifizieren und flexibel einen kriminellen Profit aus sich entwickelnden wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu erzielen, sagt das LKA, „Vor diesem Hintergrund war und ist auch weiterhin zu erwarten, dass Kriminelle auch im Kontext der sogenannten „Corona-Krise“ strafrechtlich-relevante Aktivitäten entwickeln.“

Für Ghadban unterscheiden sich die Clans in einem Punkt von anderen kriminellen Organisationen wie der Mafia oder der ‚Ndrangheta, die ihre Wurzeln in Italien haben, aber längst global handeln: „Für die Clans ist Deutschland mittlerweile zur Heimat geworden. Der Libanon hat für sie an Bedeutung verloren. Ihr Zentrum ist hier.“ Das habe mit der Entwicklung des Libanons in den vergangenen Jahren zu tun: Die Wirtschaft des Landes sei zusammengebrochen, die Clans hätten ihr Geld von dort abgezogen und würden nun nach Investitionsmöglichkeiten in Deutschland suchen.

„Schon seit Jahren“, sagt ein Gastronomieberater aus dem Ruhrgebiet, „versuchen Clans Lokale zu übernehmen.“ Das geschah nicht einmal illegal: Wirten wurden hohe Geldsummen angeboten, wenn sie ihre Lokale abgeben. Ein in der Branche allerdings traditionell nicht unübliches vorgehen. Doch die Übernahme eines Pachtvertrags ist häufig von der Zustimmung des Vermieters abhängig. In der Krise können sich Käufer aber auch direkt an der Vermieter wenden und ihm anbieten, ein vorhandenes Lokal zu übernehmen. Ist ein Pächter mit den Zahlungen im Verzug, kann ihm gekündigt werden. Der Pächter wechselt. Oft besteht das Übernahmeangebot in beiden Fällen aus zwei Bestandteilen: Einer zu versteuernden Geldsumme und einem Koffer mit Schwarzgeld. Mal hatten sie damit Erfolg, mal nicht. „Aber durch die Krise stehen viele Gastronomen finanziell unter Druck“, sagt der Berater. „Sie haben zum großen Teil seit Monaten keinen Umsätze gemacht, Mieten und Pachten laufen oft weiter, Kredite müssen bedient werden und die Zukunftsaussichten sind schlecht.“ Denn auch wenn nun die ersten Lockerungen beschlossen wurden, die Umsätze der Vergangenheit werden auf Jahre nicht erzielt werden. Beschränkte Öffnungszeiten, Abstände zwischen den Tischen und strenge Hygienevorschriften werden dafür sorgen, dass weniger Geld in die Kassen kommt. Wie Kneipen mit den Abstandregeln erfolgreich betrieben werden können, ist schleierhaft. Wann Clubs wieder öffnen dürfen nicht einmal absehbar.  „Unsere Geschäftsgrundlage“, schreibt ein Wirt in einem Beitrag für das Blog Regensburg-Digital, „ist nicht Essen und Trinken. Sondern Nähe. Essen und Trinken können die Leute auch daheim. Und in einer Bar wie der meinen geht es auch ganz banal um die Hoffnung, um drei Uhr früh einer bis dato unbekannten Person die Zunge in den Hals stecken zu dürfen.“ Wie da irgendwann Distanzkonzepte funktionieren sollen, übersteige seine Phantasie.

„Je größer die Not, umso eher werden einzelne Wirte auf Angebote von Kriminellen eingehen und ihre Lokale verkaufen,“ sagt der Berater.  Das könnte den Charakter der gewachsenen Gastronomielandschaft verändern, die ohnehin durch Ketten wie Extrablatt, L’Osteria oder Cafe del Sol unter Druck steht. Heute bestimmen in vielen Städten oft noch inhabergeführte Kneipen und Clubs das Bild. Die Besitzer arbeiten mit den Städten gemeinsam an der Entwicklung der Innenstädte und leisten so auch einen Beitrag, deren Attraktivität zu erhalten. Das Clans das ebenfalls tun werden, ist eher unwahrscheinlich. Mehr noch, die Innenstädte und Szenequartiere werden sich ändern, wenn Kriminelle in ihnen das Sagen haben: „Eine kriminell ausgerichtete Unterwanderung solcher Wirtschaftsbetriebe ist besonders geeignet, einen negativen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung und die öffentliche Sicherheit in NRW zu nehmen“, sagt das LKA. Es drohen Monopole und Abhängigkeitsstrukturen auf Basis „illegaler Einflussnahme auf Gewerbetreibende“ drohen. Zum Beispiel Schutzgelderpressung, die über Sicherheitsdienste läuft, zu deren Verpflichtung Wirte oder Geschäftsinhaber gezwungen werden. Hat die Organisierte Kriminalität in einem Quartier erst einmal Fuß gefasst, ändert sie die Regeln. Aus von Vielfalt  geprägten Kneipenquartieren mit gewachsenen Strukturen können so  Hochburgen von Kriminellen werden.

Der Artikel erschien in einer ähnlichen Version bereits in der Welt am Sonntag

 

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4 Kommentare zu “Clans und Kneipen: Kriminelle Krisengewinnler

  • #1
    ke

    In vielen Bereichen gab es genügend Gelegenheiten, Betriebe/Wohnungen etc. zu übernehmen. Leerstand ist nahezu überall auch in der Vergangenheit gewesen. In der Hochkonjunktur sind Objekte teurer, aber ich kann auch mehr verdienen.

    Wir werden sehen, ob Deutschland mehr gegen die Geldwäsche unternimmt. Insgesamt kann Wirtschaft im Wettbewerb nur funktionieren, wenn es Regeln gibt und diese auch überwacht werden.
    Verstöße müssen zu spürbaren Strafen führen, so dass es ein Risiko gibt.

    Dies setzt natürlich ein Wollen des Staats voraus. Aktuell gibt es einige Show-Effekte in der Verfolgung, was diese in Praxis an Ergebnissen gebracht haben, wird weniger offensiv präsentiert.

  • #2
    Berthold Grabe

    Hochbesteuerung hat eben auch Nachteile, geringe oder nicht vorhandene Rücklagen machen viele Betriebe anfällig. So das das Schwarzgeld der Clans einen massiven Wettbewerbsvorteil genießt, der in der Krise sich potenziert und viele Gelegenheiten findet.

  • #3
    MARTIN MAHADEVAN

    Die Clans sind doch längst ausser Kontrolle.
    Das kriegt keiner mehr in den Griff.
    Man braucht sich nur anzuschauen,
    wie der Miri Clan VON Bremen aus inzwischen über ganz Niedersachsen gestreut hat.
    Und viele wollen das gar nicht eindämmen.
    Nur ein Beispiel : Die "Linke" Jelpke beklagt
    die böse " Hetze " gegen die armen Araberclans.
    Ist doch logisch : jeder, der Clans nicht klasse
    findet, ist natürlich ein Nazi. Mindestens.

  • #4

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