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Conne-Island-Debatte: Antirassistische Ambivalenzvermeidung

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Im Oktober veröffentlichte das Plenum des alternativen Kulturzentrums Conne Island in Leipzig eine Erklärung, in der es sich mit gehäuften sexuellen Übergriffen auf seinen Parties auseinandersetzt. In seinem Artikel Ein Inselwitz (konkret 12/16) kritisiert Bernhard Torsch das Conne Island scharf und wirft ihm Rassismus vor. Damit löst er eine reale Spannung zwischen Antisexismus und Antirassismus einseitig auf und verdrängt Ambivalenzen durch antirassistische Gewissheit. Von unserem Gastautor Floris Biskamp.

Bernhard Torschs Text ist unnötig polemisch und kritikwürdig. Wie jeder kritikwürdige Text hat er es dennoch verdient, für das kritisiert zu werden, was wirklich in ihm geschrieben steht – und nicht etwa für das, was man gerne hineinlesen möchte, weil man dann einen schönen Strohmann hat. Entgegen diversen Polemiken, die durch die Sozialen Medien schallen, steht in Torschs Artikel nicht, dass sexuelle Gewalt von Geflüchteten weniger schlimm wäre oder gar erduldet werden müsste.

Vielmehr vertritt Torsch die durch und durch liberale Position, dass die Einzelnen als Einzelne für ihre Taten verantwortlich sind. Wenn es zu sexuellen Übergriffen – egal durch wen – komme, müsse die entsprechende Person eben hinausgeworfen werden. Eine öffentliche Erklärung über die soziale Gruppe, der die Person entstammt, verbiete sich dagegen.

Wie es bei liberalen Positionen so oft ist, ist diese Haltung abstrakt richtig, geht aber an der Problemlage, wie sie das Conne-Island-Plenum in seinem Text schildert, schlicht vorbei.

Wer sich seriös und nicht pöbelnd zum Thema äußern wollte, müsste zunächst einmal anerkennen, dass tatsächlich ein Dilemma besteht.

Sowohl der antisexistische Anspruch, ein Ort zu sein, an dem niemand sexuellen Übergriffen ausgesetzt ist, als auch der antirassistische Anspruch, rassistisch diskriminierte und von der Gesellschaft weitgehend exkludierte Geflüchtete willkommen zu heißen, ist unterstützenswert. Es macht Sinn, ersteres durch Verhaltensregeln zu erreichen, die weit über das Strafgesetzbuch hinausgehen. Es macht Sinn, letzteres dadurch zu tun, dass man nicht bloß „Refugees Welcome“-Sticker an Klowände klebt, sondern Geflüchtete explizit einlädt und ihnen verminderten Eintritt bietet.

Wenn aber beide Politiken in Konflikt geraten, ist das ein Problem – und zwar ein politisches Problem. Wenn einfach nur einzelne Personen sexuell übergriffig gehandelt hätten, wäre Torschs liberale Position absolut angemessen. Dann wären die Täter_innen rauszuwerfen und mit einem Hausverbot zu bedenken. Eine öffentliche Erklärung, in der Gedanken über die Kultur der Täter ausgebreitet werden, wäre mehr als nur zweifelhaft.

Jedoch beschreibt das Conne-Island-Plenum das Problem nachvollziehbarerweise so, dass ihre eigene antirassistische Politik des Einladens ihre antisexistische Politik effektiv unterminiert hat. Weil sie davon ausgehen, dass das Problem nicht nur bei ihnen, sondern auch bei anderen Zentren mit ähnlichen antirassistischen und antisexistischen Ansprüchen besteht, halten sie es ebenfalls nachvollziehbarerweise für ein öffentliches Thema.

Zum Dilemma wird die Angelegenheit, weil sich ein solches Problem nicht öffentlich kommunizieren lässt, ohne rassistische Diskurse zu verstärken – die rassistische Häme von Junger Freiheit bis AG No Tears for Krauts ist nicht nur widerlich, sie war auch erwartbar. Insofern hat Torsch nicht ganz Unrecht, wenn er schreibt, der Conne-Island-Text sei „eine Posaune“, die „das Orchester der Rassisten“ verstärke.

Unrecht hat er letztlich doch, weil er meint, diese Posaune sei „ohne Not“ ergriffen worden. Denn tatsächlich gibt es einen nachvollziehbaren Grund für die Erklärung: Spricht man das Thema nicht öffentlich an, kehrt man sich häufende sexuelle Übergriffe unter den Teppich und erschwert, dass betroffene Zentren und Clubs sich über ihre Erfahrungen und mögliche Gegenstrategien austauschen können.

Weder das Ansprechen noch das Nichtansprechen ist wünschenswert. Antisexistische und antirassistische Ansprüche stehen hier in einem Widerspruch, für den es keine einfache Auflösung gibt.

Man kann dieses Dilemma anerkennen und den Text des Conne Island dennoch scharf kritisieren. Man könnte fragen, ob es nicht gereicht hätte, den stark verminderten Eintrittspreis für Geflüchtete abzuschaffen, ohne eine Erklärung zu veröffentlichen. Man könnte fragen, ob man das Gespräch mit anderen Locations nicht besser direkt gesucht hätte als durch ein Statement im Internet. Man könnte Fragen, ob die Sätze mit der der Willkommenskultur, der patriarchalischen Sozialisation in den Herkunftsländern und den „junge Männern mit Migrationshintergrund“ wirklich nötig waren oder ob damit ohne Not ein rassistischer Diskurs verstärkt wurde. Ich kenne die Situation nicht näher, ich betreibe selbst kein Zentrum, ich organisiere keine öffentlichen Parties und ich will mir daher in keiner dieser Fragen ein Urteil anmaßen, finde aber doch einige von Marcus Adlers dahingehenden Argumenten überzeugend.

Jedoch müsste jede Kritik, wollte sie halbwegs seriös sein, erst einmal einsehen, dass ein reales Dilemma besteht und dass es sich um eine höchst ambivalente Situation handelt.

Bernhard Torschs Text dagegen ist ein Paradebeispiel dafür, wie Ambivalenzen durch wohlfeile Polemik und Kalauer verdrängt werden können. So löst er die Spannung zwischen Antirassismus und Antisexismus nach einer Seite auf – und zeigt sich damit weitgehend frei von Empathie für diejenigen, die von den Übergriffen betroffen sind, sowie für diejenigen, die sich verantwortlich fühlen, weil sie die Parties organisieren.

Dabei fallen insbesondere drei Mittel der Ambivalenzverdrängung auf.

Das erste Mittel besteht in überlegen feixenden Witzchen, die sich von vorne bis hinten durch den Text ziehen. So meint Torsch gleich zu Anfang, das ganze Szenario wirke auf ihn wie das „Setting einer Komödie“, „an deren Ende mehrere multikonfessionell gefeierte und durchaus auch gleichgeschlechtliche, aber streng monogame Ehen stehen“. Begrapscht, verlobt, verheiratet – witzig. Freilich ist es in der Tat keine Seltenheit, dass sexuell übergriffiges Verhalten derart unproblematisiert als Witz in Komödien taugt. Dass aber Torsch dies in einer linken Zeitung feixend und ebenfalls unproblematisiert zusammenassoziiert ist mehr als respektlos gegenüber den Personen, die real von sexuellen Übergriffen betroffen waren – und die anders als Torsch und das von ihm anvisierte Publikum ganz sicher nicht darüber lachen können.

Das zweite Mittel ist die Bagatellisierung. Torsch versucht darzulegen, dass es so schlimm ja nicht gewesen sein könne. So zitiert er einen Polizeisprecher, dem zufolge es rund ums Conne Island „kaum Anzeigen wegen sexueller Übergriffe oder sexueller Belästigung“ gegeben habe. Das ist insofern wenig überraschend, als sexuelle Belästigung unter Club-Gästen auch gar kein Straftatbestand ist. Das wird im Artikel dann aber sogar noch zu einem weiteren Argument für die eigentliche Harmlosigkeit der Vorfälle: „Nahezu alles, was das Conne-Island-Plenum am angeblichen oder tatsächlichen sexuell übergriffigen Verhalten von Refugees beanstandet, ist ausschließlich nach Conne-Island-Standards sanktionierbar, nicht aber nach dem Strafgesetzbuch.“ Solange es keine sexuelle Nötigung nach StGB ist, wird das alles nur halb so wild sein.

Das dritte Mittel ist schließlich die polemische Verächtlichmachung derjenigen, die das Conne Island betreiben. Wenn diese davon sprechen, dass Frauen sich wegen des übergriffigen Verhalten nicht mehr auf Parties in ihrem Zentrum trauten und sie deshalb ihre Politik bezüglich des verminderten Eintrittspreises für Geflüchtete überdenken, unterstellt Torsch, es gehe ihnen eigentlich ja nur um den Reibach. Weiter meint er, sie verfügten über kein „tatsächlich linkes Bewusstsein“ (Hört, hört!) und hätten nie „über völkische Kategorien hinausgedacht“. Den Höhepunkt des Artikels bildet schließlich die Aussage, „dass man den ‚jungen Männern mit Migrationshintergrund‘ nur gutes Gelingen dabei wünschen mag, diese Inseln selbstgerechter Saturiertheit zu verwüsten.“ Wohlgemerkt: Es geht immer noch um sexuelle Übergriffe, es geht immer noch um ein großes linkes Zentrum in einer Region, in der an nicht wenigen Orten rechtsextreme Hegemonie herrscht.

Am Ende hat Torsch sich selbst und sein Publikum darin versichert, dass es Probleme und Uneindeutigkeiten eigentliche gar nicht geben kann. Denn eigentlich ist das ja alles ganz witzig, sind die Probleme nur ausgedacht und ist das Conne Island ein Hort saturierter rassistischer Bürgerkinder, denen es nur ums Geld geht. Case closed.

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7 Kommentare zu “Conne-Island-Debatte: Antirassistische Ambivalenzvermeidung

  • #1
    Erwin Runkel

    Tja, damit gödelt sich der Herr Torsch selbst aus.

    Die korrekte Aussage, dass nur der Einzelne als Einzelner für seine Taten verantwortlich ist, besagt zunächst nur, dass es keine Sippenhaftung geben kann.

    Wenn aber eine Gruppe von Menschen durch bestimmtes Verhalten auffällt, ist es dann illegitim, diese Gruppe von Veranstaltungen auszuschließen?

    Wenn ja: Dann darf bspw. die konkret auch nicht mehr vom deutschen "Tätervolk" schreiben. Auch darf man Skinheads von Konzerten der Toten Hosen nicht mehr ausschließen.

  • #2
    p

    sehr gute replik. sicher können argumentationen am CI-Text kritisiert werden, aber der konkret text geht in seiner polemik doch weit darüber hinaus. … und ehrlich wer vertraut der sächsischen polizei bei ihren angaben zum thema sexueller übergriffe….

  • #3
    Mario Catenaccio

    Der Vorwurf des Rassismus ist eine ernste Angelegenheit und gehört schon deshalb begründet und belegt. Der AG NTFK müsste ihre angeblich "widerlich(e)", "rassistische Häme" in Bezug auf die Vorfälle im CI bzw. ihre Zugehörigkeit zu einem "Orchester der Rassisten"- die es rechtfertigen soll, sie (Polemik hin oder her) in einem Atemzug mit der JF zu nennen- dann auch nachgewiesen werden.

  • #4
    karl

    @Erwin Runkel
    Ihre Begriffswahl finde ich schwierig. Ich möchte das erklären: Der Begriff "Sippe" entstammt einem streng klassistischen und/oder rassistischem Kontext. Auch wenn das jetzt blöde belehrend klingt, als zitierenden Sprechen geht das sicher i.O., als selbstgenutzte Bezeichnung stellt das die eigene Aussage aber in eine ziemlich krasse Ecke. Wie auch immer, ist wohl nicht so gemeint.
    Ich denke aber sie machen mit dem Gedanken "Wenn aber eine Gruppe von Menschen durch bestimmtes Verhalten auffällt, …" einen Fehler, weil sie nicht definieren ob und unter welchen Kennzeichen sie meinen Personen nach eine Gruppe definieren zu können. Für die Gruppenzuordnung nach äußeren unabänderlichen Kennzeichen einer Person gibt es eine Bezeichnung: Rassismus. Für die generalisierte Gruppenzuordnung nach unabänderlicher sozialer oder kultureller Herkunft: Klassismus.
    Wenn Sie weiter schreiben die "Toten Hosen" dürften, wenn sie sich nicht gemäß der -ismen verhalten sollen, auch keine Skinheads von ihren Konzerten ausschließen. Dann ist das in meinen Augen nen ziemlicher Denkfehler. Sich äußerlich als "Skinhead" zu verkleiden ist ein selbstgewähltes Kennzeichen, dass nach außen die eigene faschistische Ideologie und niederträchtige Gewaltbereitschaft ausdrücken soll.
    Was das "Deutsche Tätervolk" angeht, geht der Begriff kritisierter tatsächlich von dem Begriff einer vermeintlichen (nationalen) völkischen Gemeinschaft aus und macht sich mit diesem faschistischen, und in jeder Hinsicht falschen, Begriff eins. Nicht nur, dass der Volksbegriff und irgendwelche Ableitungen daraus idiotisch an sich sind.
    Allerdings der Begriff passt nicht in Ihre Reihung. Der Begriff meint sich und seinen Kontext historisch politisch. Aus heutiger Sicht ist er sicher zu kritisieren, historisch nicht. Entstanden ist er zu einer Zeit als die völkischen Nazis noch überall in den Ämtern saßen und Recht sprachen.

  • #5
    EinLipper

    Der Text ist – wie die in ihm kritisierten und zitierten Texte – in seiner Verquastheit ein typisches Beispiel für das Über-die-Köpfe-Hinwegreden vieler Intellektueller, die genau die Distanz zur "Normalbevölkerung" beklagen, die sie durch ihr Reden erzeugen.

  • #6
    Yilmaz

    Spätestens wenn es an den Geldbeutel geht, hört die Toleranz auf.

    In einem Club bleiben zuerst die Frauen weg, dann die Männer und schliesslich auch die Einnahmen.

    Und wenn der Club schon an die Öffentlichkeit gehen muss, dann scheint die Lage schon sehr prekär zu sein.

  • #7

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