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Corona: Geht die Ära der Homöopathen, Quacksalber und Scharlatane zu Ende?

Polizeibeamte in Seattle während der Spanischen Grippe Foto: Unbekannt Lizenz: Gemeinfrei

Nach der Spanischen Grippe schlug die Stunde der Quacksalber: Der weltweite Boom der Homöopathen und Naturheiler begann, weil die Medizin keine Antwort auf die Bedrohung des Influenza-Virus H1N1 fand. Diesmal sieht es anders aus. Die Ära der Quacksalber und Scharlatane könnte zu Ende gehen.

Wenn Albert Camus „Die Pest“ der Roman unsere Zeit ist, ist Laura Spinneys „1918 – Die Welt im Fieber“ das Sachbuch der Stunde. Spinney beschreibt den vermuteten Weg des Virus, er ist immer noch nicht ganz klar, seine historischen Folgen und was er anrichtete: Jeder dritte damals lebende Mensch steckte sich an, zwischen 50 und 100 Millionen starben. Am schlimmsten betroffen war Indien, Europa, Nordamerika und Australien kamen vergleichsweise glimpflich vorbei, doch was heißt das schon? Auch in diesen Regionen starben Millionen. In der Südsee starben ganze Kulturgemeinschaften aus, in Alaska gab es in einigen von Inuit bewohnten Dörfern keine Überlebenden. Die vom Virus ausgelösten psychischen und physischen Folgekrankheiten schränkten ebenfalls Millionen ein. Und aus ihrem Buch lernen wir auch, dass die Städte, die einen harten Lockdown machten, weniger Tote zu beklagen hatten als jene, die erst spät reagierten. Und dass man für das zu frühe Herunterfahren der Sicherheitsmaßnahmen mit Menschenleben zahlte.

Aber die Spanische Grippe hatte auch Auswirkungen, die wir bis heute spüren: Die erschütterte das Vertrauen der Menschen in die Wissenschaft, dass in jener Zeit sehr groß war. Flugzeug, Auto, Telefon – die Jahrhundertwende war die Zeit der Erfindungen und der großen wissenschaftlichen Durchbrüche: Einstein entdeckte die Relativitätstheorie, Freud entwickelte die moderne Psychologie und auch in der Medizin gab es große Fortschritte: Bakterien wurden entdeckt und als Verursacher von Krankheiten erkannt, es gab erste Fortschritte in der Seuchenbekämpfung – die Menschen lebten in dem Glauben, bald nahezu jede Krankheit bekämpfen zu können.

Und dann kam das Influenza Virus H1N1. Dass es ein Virus war, glaubten nicht alle. Dass es überhaupt Viren gab, davon waren auch Mediziner nicht überzeugt. Die Pharmakologie steckte noch in den Kinderschuhen. Es gab keine wirksamen Medikamente gegen das Virus und natürlich auch keinen Impfstoff. Die Ärzte waren hilflos. Sie forschten, hatten aber längst nicht die Mittel zur Verfügung, die sie heute hatten. Frische Luft, Hygiene – das konnte helfen. Auch Social Distancing hatte sich schon damals seit Jahrhunderten bei der Seuchenbekämpfung bewährt. Aber dem H1N1-Virus hatten sie nichts entgegen zu setzen.

Der Glaube der Menschen in die Medizin wurde im Westen erschüttert. Sie wandten sich Homöopathen und Naturheilkundlern zu, Glauben gewann auf Kosten von Wissen wieder Bedeutung. Spinney beschreibt die Auswirkungen:

„»Der Wissenschaft ist es nicht gelungen, uns zu schützen«, wandte sich die New York Times an eine der engagiertesten Wissenschaftsnationen der Welt. »Keine Drogen mehr!«, zeterten überall die Feinde westlicher Medizin. Nun wurde die Hybris der Ärzteschaft bestraft, zumindest in der industrialisierten Welt. Sämtliche nicht ärztliche Behandler hatten höhere Heilungsraten aufzuweisen als die studierten Ärzte, und so wuchs ihre Anhängerschaft immer mehr. Und während sich die Wissenschaft in den nächsten beiden Jahrzehnten darüber stritt, wodurch denn nun die Spanische Grippe ausgelöst worden sei, verzeichneten die alternativen Heiler immer mehr Zulauf und erwarben sich Respekt – einschließlich der seriöseren Bezeichnung »Alternative Medizin«.“

Die „Zurück zur Natur-Bewegung“, im 19. Jahrhundert an Bedeutung gewonnen hatte, war die Spanische Grippe der Durchbruch.

Trotz rechtsradikalen Hygienedemonstrationen und manch unqualifizierter Kritik an Virologen durch Politiker wie Armin Laschet (CDU) oder Thomas Kemmerich (FDP) – kaum jemand glaubt, dass Naturheilkundler und Homöopathen für ein Ende der Corona-Pandemie sorgen werden. Der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) ruft zur „Zurückhaltung hinsichtlich jeder Art von homöopathischen Vorsorge- oder Therapie-Empfehlungen im Zusammenhang mit dem „Corona-Virus“ auf und befürwortet, den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) den Vorrang zu geben. Die Mediziner wissen offenbar, dass Homöopathie zwar dazu taugt, den nächsten Porsche Cayenne zu finanzieren, gegen eine Seuche jedoch nichts ausrichten kann.

Mehr als hundert Forscherteams arbeiten zurzeit weltweit an einem Impfstoff, berichtet das Ärzteblatt. Auch an Medikamenten wird geforscht, es gibt erste Erfolge. Die Kritik an den Methoden der modernen Medizin wie Gentechnik ist angesichts der Problemlage weitgehend verstummt. Die Chancen stehen gut, dass wir in absehbarer Zeit Medikamente und Impfstoffe zur Verfügung haben werden – Ende 2021 könnte die Coronakrise beendet sein, mit etwas Glück sogar früher.Ihre Vorgänger der heutigen Mediziner vor hundert Jahren waren im Kampf gegen die Influenza noch machtlos. Den heutigen Wissenschaftlern stehen deutlich bessere Mittel im Kampf gegen das Virus zur Verfügung. Noch nie in der Geschichte der Menschheit gab es mehr gute Wissenschaftler als heute und sie haben technische Möglichkeiten, die noch vor wenigen Jahren undenkbar waren.  Nach einem Jahrhundert, in dem über die Thesen von Homöopathen und anderen Quacksalbern oft ernsthaft diskutiert wurde und um Aberglaube und Idiotie eine Milliardenindustrie entstand, könnte der erfolgreiche Kampf gegen Corona die Wende bringen.  Endlich.

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8 Kommentare zu “Corona: Geht die Ära der Homöopathen, Quacksalber und Scharlatane zu Ende?

  • #1
    EinLipper

    Nur eine kleine Anmerkung: "Freud entwickelte die moderne Psychologie" ist falsch. Freud erfand die Psychoanalyse, und die steht der Homöopathie in Pseudowissenschaftlichkeit kaum nach.
    Die moderne Psychologie hat mit Freud nichts mehr zu tun, seine Psychoanalyse treibt ihr Unwesen heute vornehmlich im Feuilleton, wo ein Hinweis auf angebliche "ödipale" Verwicklungen immer noch als Zeichen von Sachkenntnis und Wissenschaftlichkeit gilt.

  • #2
    Psychologe

    Zunächst mal muss ich "EInLipper" vollumfänglich zustimmen. "Psychoanalyse" hat nichts mit Psychologie zu tun und Freud war auch Arzt und kein Psychologe.
    "Psychoanalyse" erfreut sich in (wie EinLipper richtig schreibt) Feuilletonistenkreisen, aber auch bei Germanisten, Literaturwissenschaftlern und, insbesondere, Pädagogen sehr großer Beliebtheit.
    Richtig ist sicherlich, dass es noch psychologische Psychotherapeuten gibt, die diesem Irrsinn anhängen. All das ändert nichts an der Tatsache, dass Psychologie und Psychoanalyse unterschiedliche Dinge sind. Der Vater der modernen Psychologie ist vielmehr Wilhelm Wundt. Die "Wilhelm-Wundt-Medaille" wird in unseren Kreisen auch als "Nobelpreis der Psychologie" bezeichnet.

    So, nun zum Artikel: Schön wäre es, Herr Laurin. Sie vergessen dabei aber die absurden und aberwitzigen Wendungen, zu denen die menschliche Vernunft in der Lage ist.
    In Italien wird gerade China als Retter verklärt und in den Kommentarspalten bekannter Medien laufen sich die Impfgegner warm und dämonisieren Bill Gates. Und manch einer glaubt an "Pizza Gate" oder die flache Erde. Ich würde daher sogar nicht mal ausschließen, dass die zunehmende Unzufriedenheit und folgende Verwerfungen der Krise erst den Nährboden für allerlei Unsinn bereiten.

    "Trotz rechtsradikalen Hygienedemonstrationen und manch unqualifizierter Kritik an Virologen durch Politiker wie Armin Laschet (CDU) oder Thomas Kemmerich (FDP) – kaum jemand glaubt, dass Naturheilkundler und Homöopathen für ein Ende der Corona-Pandemie sorgen werden."

    Also bitte, Herr Laurin. Das ist jetzt ganz schlechter Stil, Laschet und Kemmerich in Zusammenhang mit Naturheilkundlern und Homöopathen zu bringen. Ich weiß, dass Sie die beiden nicht mögen oder sogar für dumm halten, aber dennoch sollte man keine argumentative Verrenkung hinlegen, die einer jeden Homöopathen-Argumentation Konkurrenz macht. Sehen Sie selber ein, dass das jetzt unnötig war, oder?

  • #3
    Angelika

    Eine Tochter Freuds (Sophie) starb an der Spanischen Grippe.

    https://www.wienerzeitung.at/themen/100-jahre-republik/100-jahre-republik-texte/1000203-Die-zerstoererische-Kraft-der-Viren.html?em_cnt_page=2

  • #4
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Psychologe: Ich mag Laschet eigentlich und fand immer, dass er ein guter Ministerpräsident ist – bis er mit der Lockerungsdebatte anfing. Kemmerich halte ich allerdings für eine komplette Null.

  • #5
    Joachim Voss

    Es ist für mich als Arzt schon irritierend die jetzige Wissenschaft so hoch zu halten: Zur Zeit sind wir noch in der Phase der Widersprüchlichkeiten, der Entwicklungen. Das Problem wird in dem Sinne bleiben, dass wir den Dingen hinterherlaufen. Nach dem Virus – vor dem nächsten Virus.
    Unsere Schutzmassnahmen sind die gleichen wie 1918: Abstand halten, Mundschutz, Hygiene.
    Natürlich ist die Impfe der wahre Durchbruch aber in der akuten Therapie ist bisher kein Land in Sicht. Unser bisheriger Vorteil scheint wohl daran zu liegen, dass das Virus hier eher die Jungen verschont und es nicht die Aggressivität der damaligen Grippe Virus hat. Zudem sehe ich in der Praxis eher die Zunahme der Homöopathie, die zum Teil weiterhin von den Kassen bezahlt wird.

  • #6
    angelika

    #5 "…Unsere Schutzmassnahmen sind die gleichen wie 1918: Abstand halten, Mundschutz, Hygiene…" Warum auch nicht, wenn es sich bewährt hat. Und ein Impfstoff, der kommen könnte, ist eine völlig andere Perspektive als 1918/19.

    Die Artikel über Medikamente, die ggf. wirken könnten, leider doch nicht, doch dieses könnte…überfliege ich nur, da mir das Fachwissen fehlt. Aber es könnte vielleicht doch sein, dass man (heutzutage) geeignete Mittel findet, um akute Symptome zu lindern, um Patienten nach der akuten Phase zu helfen. Über Freud, der Tochter und Enkel (ich erwähnte im Kommentar vorher nur die Tochter Sophie) durch die Span. Grippe verlor, erfuhr ich, dass seine Familie und er (wie viele andere) durch Kuren Erholung suchten, wegen Schwächung, Folgeschäden usw.. Die Span. Grippe begann als der 1. Weltkrieg endete, die Menschen waren geschwächt. (psychisch und physisch), Freud bangte 1918 um seinen Sohn, der noch in Gefangenschaft war. Die Ausgangslage heute ist eine andere (jedenfalls für europäische Länder – wenn allerdings Afrika betroffen sein sollte – da sieht es in großen Teilen puncto Gesundheitsversorgung nicht gut aus).

    "…nicht die Aggressivität der damaligen Grippe Virus hat…"
    Ich lese (als med. Laie) mit Erschrecken von Folgeschäden langer Beatmung. Ich lese, dass das neue Virus die Gefäße angreift usw. Die Jerusalem Post berichtete von einem 11jährigen Kind, das lange auf der Intensivstation war. Ein 26jähriger ohne Vorerkrankungen verstarb im Uniklinikum Essen. Menschen ohne bekannte Vorerkrankungen haben Schäden (anscheinend dauerhaft) an der Lunge. Innsbrucker Klinikärzte berichteten darüber (ich erwähnte den Artikel hier irgendwo bei Ruhrbarone).

    Ich verweise auch auf Prof. Paul Robert Vogt
    https://www.theeuropean.de/paul-robert-vogt/coronakrise-falsche-politik-hat-die-pandemie-nach-europa-gebracht/

  • #7
    Psychologe

    "Es ist für mich als Arzt schon irritierend die jetzige Wissenschaft so hoch zu halten: Zur Zeit sind wir noch in der Phase der Widersprüchlichkeiten, der Entwicklungen. "

    Man könnte auch sagen, dass die Erwartungen in diesem Artikel dieselben sind, die hinterher enttäuscht werden könnten: Wenn, spätestens seit FFF, behauptet wird, es werde endlich auf die Wissenschaft gehört, so schwingt da die Erwartung nach Eindeutigkeit mit. Aber die Erwartung, durch die Wissenschaft in jedem Fall auf der "richtigen Seite" zu stehen, muss ganz zwangsläufig eine falsche sein:

    Der Vorteil der empirischen Wissenschaft liegt nicht etwa darin, dass sie im Zweifelsfall immer Recht hat. Der Vorteil ist einzig ein methodischer Natur und findet sich ganz konkret darin wider, dass empirische Wissenschaft die Aussage von der Willkür zu trennen versucht. Das ist zunächst abstrakt. Der Outcome wird praktisch erst dadurch erfahrbar, als dass dieses Prinzip auf Dauer erfahrungsgemäß weniger Irrtümer produziert, da diese in einem quasi-evolutionären Vorgang in ihrem Auftreten reduziert werden. Evidenz konvergiert schließlich. Auf lange Sicht. Nach Metastudien und Meta-Meta-Studien. Auf den Punkt verdichtet können Irrtümer aber nicht ausgeschlossen werden. Da hilft es mal, sich mit dem Publication Bias und der Auswirkung von Signifikanzniveaus zu beschäftigen, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie viele false positives unterwegs sind. Die eine Studie sagt, Remdesivir hilft. Die andere nicht. Der Irrtum ist das unvermeidliche schwarze Schaf der modernen empirischen Methode.
    Daher kann man empirische Wissenschaft auch so schön am Nasenring vorführen und für die eigenen Zwecke instrumentalisieren: Seht her, die feinen Forscher in ihrem Elfenbeinturm ändern ständig ihre Meinung. Seht her, die sind alle einer anderen Meinung. Da braucht es dann nur jemanden, der die scheinbar "richtige" Wahrheit auf Lager hat. Ich glaube, eine der grenzdebilsten Losungen, bei denen sich mir regelmäßig die Nackenhaare aufstellen, ist "wer heilt, hat Recht". Warten wir mal fünf Jahre ab. "Corona" wird seinen Schrecken dann wohl verloren haben. Dann ist Erkenntnis eher wieder eine Wellness-Angelegenheit. Und der ersehnte "neue Mensch" ist ganz der alte.
    Aus der derzeitigen Krisensituation sollte man jedenfalls keine übersteigerten Prognosen ableiten. Sie spiegeln wohl eher die eigene Hoffnung wider.

  • #8
    Psychologe

    "Kemmerich halte ich allerdings für eine komplette Null."

    Ja gut, da haben Sie meine Zustimmung. Ändert aber trotzdem nichts an der Argumentation.

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