Corona-Prognose: Höhepunkt zweiter Welle liegt gerade hinter uns, aber bis Silvester weitere 10.000 Tote möglich

Corona-Virus (Wikipedia, Nilses [Public domain])

Der Teil-Lockdown funktioniert: Die Zahl der täglichen Neuinfektionen geht leicht zurück. Möglicherweise haben wir die Spitze der zweiten Welle gerade vor ein paar Tagen hinter uns gebracht. Aber die Todeszahlen verharren auf hohem Niveau. Bis Silvester sind weitere 10.000 Tote zu befürchten, so die neueste Prognose der Universität des Saarlandes von gestern. Trotzdem können wir hoffen, dass die Pandemie nicht außer Kontrolle gerät.

Seit Mitte April veröffentlichen Wissenschaftler der Universität des Saarlandes unter Leitung von Professor Thorsten Lehr Kurzfrist-Prognosen zur Entwicklung der Corona-Zahlen in Deutschland. Sie tun dies anhand eines komplexen mathematischen Modells. Jede Woche aktualisieren sie ihr Modell mit den neuesten Ist-Zahlen. Jedermann kann für sein Bundesland und seinen Wohnort selbst Simulationsvarianten online durchspielen.

Rückgang tägliche Fallzahlen

Nun liegt die aktuellste Version des Modells vom Mittwoch dieser Woche vor (25. November), gefüttert mit den allerneuesten Daten. Demnach gehen die täglichen Neufälle von derzeit rund 18.000 langsam, aber stetig zurück. Für Ende Dezember rechnet das Modell mit rund 16.000 neuen Fällen pro Tag.

Der Reproduktionsfaktor des Sars-Cov-Viruses (sog. R-Wert) wird kleiner 1 angenommen und liegt bei 0,995. Dies bedeutet, dass jeder Infizierte im Durchschnitt weniger als einen weiteren Menschen neu infiziert.

Zunahme Genesungen

Die Anzahl der täglichen Genesungen nimmt im Gegenzug zu, allerdings mit einem Zeitversatz. Das Modell prognostiziert für den 6. Dezember einen Gleichstand zwischen täglichen Neufällen (rote Linie in Graphik 1) und Genesungen (grüne Linie). Ab dann genesen jeden Tag mehr Menschen als sich neu infizieren. Ende Dezember sind dies rund 500 Genesene mehr als Infizierte pro Tag.

Graphik 1: Prognose Tägliche Fallzahlen Infizierte und Gesundete, Prognosezeitraum: 22.11. bis 31.12.2020; Quelle: Simulationsergebnis des Online COVID-19 Simulators CoSim der Universität Saarland, Datenstand 25.11.2020

Gesamtzahl Infizierte seit Pandemiebeginn

Die Gesamtzahl aller Sars-Cov-2-Fälle steigt bis Ende des Jahres auf rund 1,6 Millionen von jetzt knapp 1,0 Millionen. Dieser prognostizierte Anstieg um starke 60% in nur fünf Wochen verdeutlicht die Dynamik und Wucht dieser zweiten Welle, die wir gerade erleben.

Graphik 2: Prognose Fallzahlen Infizierte und Gesundete insgesamt, Prognosezeitraum: 22.11. bis 31.12.2020; Quelle: Simulationsergebnis des Online COVID-19 Simulators CoSim der Universität Saarland, Datenstand 25.11.2020

Mehr Todesfälle

Trotz des leichten Abflauens der Neuinfektionen, prognostiziert das Saarländer Modell eine weitere Zunahme der täglichen Todesfälle bis Weihnachten. Das hängt damit zusammen, dass Schwerkranke, denen die Ärzte nicht mehr helfen können, im Schnitt neun bis 13 Tage nach Einlieferung ins Krankenhaus sterben.

Erst nach Weihnachten rechnet das Modell mit einem leichten Rückgang der Sterbefälle. Die Gesamtzahl der an und mit Covid-19 Verstorbenen wird dann voraussichtlich bei 25.000 liegen. Das sind zwei Drittel mehr als die bisher rund 15.000 Toten seit Beginn der Pandemie in Deutschland. Auch dies verdeutlicht die Dramatik der aktuellen Entwicklung.

Graphik 3: Prognose Covid-19-Todesfälle insgesamt, Prognosezeitraum: 22.11. bis 31.12.2020; Quelle: Simulationsergebnis des Online COVID-19 Simulators CoSim der Universität Saarland, Datenstand 25.11.2020

Ausreichend Intensivbetten

Einen kleinen Lichtblick bietet die Prognose beim Bedarf an Intensivbetten bis Jahresende. Es scheint, dass in den kommenden Wochen weniger als 5.000 Intensivbetten für Covid-19-Patienten benötigt werden. Aktuell sind laut DIVI-Intensivregister knapp 3.800 Betten durch sie belegt. Die Prognose geht von einem maximalen Bedarf von rund 4.800 Betten um Weihnachten herum aus.

Sollte dies so eintreffen, so brauchen wir uns zumindest nicht um eine Überforderung der Bettenkapazitäten zu sorgen, die laut DIVI bei derzeit rund 5.700 freien Betten plus einer Notfallreserve von knapp 12.000 Betten liegt. Etwas anderes ist die Frage, ob auch genügend Pflegepersonal für die intensive Betreuung vorhanden ist. Hierzu besagt das Saarländer Modell nichts.

Graphik 4: Prognose Anzahl stationärer Covid-19-Patienten, Prognosezeitraum: 22.11. bis 31.12.2020; Quelle: Simulationsergebnis des Online COVID-19 Simulators CoSim der Universität Saarland, Datenstand 25.11.2020

7-Tage-Inzidenz

Für die bundesweite 7-Tage-Inzidenz wird ein Rückgang von jetzt rund 150 auf 135 bis Ende des Jahres vorausgesagt. Dieser Indikator wird vielfach zugrunde gelegt, um die Belastung der lokalen Gesundheitsämter zu bewerten. Ab einem Wert größer 50 wird angenommen, dass es den Ämtern immer schwerer fällt, die Infektionsketten zu verfolgen und gefährdete Menschen zu isolieren. Befürchtet wird, dass die Epidemie dann nicht mehr beherrschbar bleibt.

Graphik 5: Prognose 7-Tage-Inzidenz bundesweit, Prognosezeitraum: 22.11. bis 31.12.2020; Quelle: Simulationsergebnis des Online COVID-19 Simulators CoSim der Universität Saarland, Datenstand 25.11.2020

Fazit

Die Prognose des Saarländer Simulationsmodells bis Ende 2020 zeigt die Mächtigkeit und Wucht der zweiten Corona-Welle, die wir derzeit erleben. Treffen die Voraussagen mit dem Datenstand von dieser Woche wirklich ein, so steigen die gesamten Fallzahlen seit Beginn der Pandemie am aktuellen Rand zum Teil dramatisch an. Bei den Infizierten könnte die Gesamtzahl um 60% steigen, bei den Todesfällen sogar um 66%.

Das Modell besagt aber auch, dass wir die Spitze der täglichen Neuinfektionen überschritten haben und dass bald mehr Menschen genesen als sich infizieren werden. Mit einer gewissen Zeitverzögerung wird sich dies auch in zunächst leicht sinkenden Todeszahlen bemerkbar machen. Und die Kapazitäten an Intensivbetten scheinen auszureichen für die kommenden Wochen, sodass die Krankenhäuser die Behandlung der Schwerkranken sicherstellen können.

Die Lage bleibt also insgesamt angespannt, aber es zeichnet sich das Licht bald fallender Fallzahlen am Horizont ab. Zusammen mit den kürzlichen Ankündigungen der Pharmaindustrie, dass Corona-Impfstoffe in absehbarer Zeit zur Verfügung stehen werden, können wir hoffen, dass die Pandemie bei uns nicht außer Kontrolle gerät.

 

Quellenhinweis:

„Mathematische Modellierung und Vorhersage von COVID-19 Fällen, Hospitalisierung (inkl. Intensivstation und Beatmung) und Todesfällen in den deutschen Bundesländern“

Online COVID-19 Simulator CoSim

 

 

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