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Corona: Radikale Lockerungen schaden der Wirtschaft

Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig Foto: TeWeBs Lizenz: CC BY-SA 3.0

Bei kontrollierten Lockerungen und einer niedrigen Zahl an Neuinfektionen entstehen im Umgang mit Corona die geringsten wirtschaftlichen Schäden.

Eine Katastrophe ist eine Katastrophe, weil ihre Folgen katastrophal sind – das ist auch bei der Corona-Pandemie so. Es gibt keinen Weg durch diese Zeit zu kommen ohne massive wirtschaftliche Schäden. Nur wie massiv sie ausfallen, das hängt vom Umgang mit der Seuche ab. Eine Studie des ifo Instituts (ifo) und des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) hat untersucht, welche Maßnahmen gegen Corona sich wie  stark auf die Wirtschaft auswirken. Das Ergebnis: Schnelle Lockerungen, wie von einigen immer lauter gefordert, schaden der Wirtschaft mehr als eine konsequente Senkung der Infektionszahlen. Am günstigsten, oder besser gesagt, am wenigsten verheerend, entwickelt sich die Wirtschaft, wenn es gelingt, die Zahl der Neuinfektionen auf 300 am Tag und die Reproduktionszahl (R) auf 0,75 zu drücken. Nach dem aktuellen Bericht des Robert Koch-Instituts (RKI) liegt die Zahl der Neuinfektionen zurzeit bei 798 und R bei 0,81.

In einer Pressemitteilung schreibt das  Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung:

„Bleibt die Reproduktionszahl bei 0,627 und würden die Schließungen, die bis zum 20. April galten, aufrechterhalten, ergäben die Szenarien einen gesamten Wertschöpfungsverlust über die Jahre 2020 und 2021 von knapp 333 Milliarden Euro. Mit knapp 288 Milliarden würde der Großteil auf 2020 entfallen, was 8,8 Prozent der Wirtschaftsleistung des Jahres wären. Der Rest von 45 Milliarden Euro entfiele auf 2021, was 1,4 Prozent der Wirtschaftsleistung des Jahres wären. Das Helmholtz-Zentrum fasst es in einer Pressemitteilung wie folgt zusammen: 

Leichte Lockerungen mit einer Reproduktionszahl von 0,75 wären dagegen mit einer höheren Wertschöpfung von etwa 26 Milliarden Euro verbunden. Dies entspräche einer Verringerung der volkswirtschaftlichen Kosten um 0,4 Prozentpunkte. Eine weitere Öffnung mit einer Reproduktionszahl von 1 wäre hingegen mit erheblich größeren wirtschaftlichen Kosten verbunden.

Eine Verschärfung der Maßnahmen würde in jedem Szenario größere volkswirtschaftliche Kosten verursachen. Eine Reproduktionszahl von 0,5 würde zusätzliche volkswirtschaftliche Kosten von 1,1 Prozent der Wirtschaftsleistung von 2020 und 2021 verursachen, was 77 Milliarden Euro entspricht. Sollte die Reproduktionszahl auf 0,1 sinken, würde dies volkswirtschaftliche Kosten von 4,2 Prozent oder 277 Milliarden Euro auslösen.“

 

Schön ist keines  der Szenarien, allerdings ist an einer Pandemie auch nichts schön. Gelingt es, die Infektionsrate weiter moderat zu senken, werden die wirtschaftlichen Kosten am geringsten ausfallen – und es wird trotzdem nicht zu einem deutlich Anstieg der Todeszahlen kommen. Eine zu schnelle Lockerungen könnte einen weiteren Shutdown mit viele Toten und großen wirtschaftlichen Schäden zur Folge haben.

Die gesamte Studie findet ihr hier

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4 Kommentare zu “Corona: Radikale Lockerungen schaden der Wirtschaft

  • #1
    der, der auszog

    Nicht nur radikale Lockerungen schaden der Wirtschaft, radikale Lockdowns schaden der Wirtschaft ebenfalls. Die Horrormeldung diesbezüglich lautete heute, dass Bund, Ländern, Städten und Gemeinden fast 100 Milliarden Euro an Steuereinnahmen fehlen werden.

    Neulich feierte man hier bei den Ruhrbaronen unter dem Titel "Covid-19: Den April haben wir ganz gut gemeistert – Zeit einmal ‚Danke‘ zu sagen!" die Leistung Deutschlands im Rahmen der Pandemie, als wären wir durch unsere im europäischen Vergleich recht guten Zahlen so etwas wie eine Art "Corona-Weltmeister".

    Persönlich empfand ich den Artikel als schlechten Witz, wenn man sich im Vergleich anschaut, wie die westlich orientierten Teile Asiens – konkret Südkorea, Hong Kong und Taiwan durch die Krise geschliddert sind. Im Vergleich zu Deutschland mit seinen 7.871 Toten (Stand heute 14.05.2020) sollten diese Zahlen zu denken geben:. Südkorea: 260 Tote, Taiwan 7 Tote, Hong Kong 4 Tote. Zusammen addiert kommen diese drei "Länder" auf knapp 80.000.000 Einwohner, insofern durchaus mit Deutschland vergleichbar)

    An diesen Zahlen können wir uns eine Scheibe abschneiden, was wir in gewisser Weise auch schon machen, nämlich in der Form, dass wir die Massnahmen kopieren: Messen, Mundschutz, App und bei positiven Tests sofortige Isolation. Und das alles ohne Lockdown und wesentlich weniger wirtschaftlichen Einbußen.

    ich weiß derzeit nicht wirklich, was ich von den deutschen Forschungseinrichtungen, (RKI, Helmholtz etc.) die uns in den letztren Wochen teilweise widersprüchliche Informationen geliefert haben (Beispiel: Masken), halten soll, zumal es bei uns ja darauf hinaus läuft, die asiatischen Massnahmen zu kopieren, was man von Anfang an hätte machen sollen. Stattdessen haben sich Wieler, Drosten und Kollegen lieber erst einmal Wochenlang von der WHO und China an der Nase herumführen lassen und Zahlen geglaubt, die alles andere als eine seriöse Grundlage für Forschungen darstellten. Taiwan sprach übrigens schon im letzten Jahr davon, dass da in China was nicht stimmt und hat vor einer weltweiten Ausweitung gewarnt, aber das nur am Rande. Interessant auch ein Blick nach Japan oder Singapur, die auch wesentlich besser durch die Krise gekommen sind als wir.

    Einen zweiten Lockdown, wie wir ihn just erlebt haben, können wir uns sicherlich nicht leisten.

  • #2
    ke

    Was sollen die Zahlen aussagen?
    Wir bewegen uns bei so geringen Gesamtzahlen, so dass jeder lokale Ausbruch die Werte Ausschlagen lassen würde. 300 Neuansteckungen pro Tag würden bedeuten, dass ca. 4000 aktive Fälle in D vorhanden sind (300 * 14).

    Hier kann jeder Ausbruch in einem Club, einem Stadion, in einem größeren Betrieb schnell zu horrenden R Zahlen und Steigerungszahlen führen.

    Es gilt doch, die Gesamtsituation zu erfassen und Zahlen im Gesamtzusammenhang zu sehen. Hierbei ist der Ansatz über lokale Hotspots und Regionen (Bundesländer) sinnvoll.

    Final zählt, wie sich Menschen verhalten. Insbesondere die angekündigten Öffnungen von Sportanlagen etc. finden in der Praxis doch gar nicht statt, weil weder Land noch Stadt/Kreise in der Lage sind etwas umzusetzen, was sich über Wochen angekündigt hat.

    Ich verhalte mich bspw. auch seit Mitte Februar in einem Modus des erhöhten Abstands. Da bin ich auch nicht alleine.

    Wir sehen ja an den hohen Ansteckungsraten bei Politikern, wie wenig sinnvoll es ist immer wieder fremde Menschen zu kontaktieren, keine Maske zu tragen (siehe Bundestag) etc.

  • #3
    Angelika

    #2 "…Ich verhalte mich bspw. auch seit Mitte Februar in einem Modus des erhöhten Abstands. Da bin ich auch nicht alleine…"
    Das ist ja schön. (keine Ironie, finde ich klasse)

    Aber ich beobachte einen Modus der erhöhten Nähe bei vielen. Und das genau nachdem über Lockerungen geredet wurde, schon vor Umsetzung. Schon die Vorfreude auf ‘ggf. evtl. es könnte ja sein…’ Urlaub, Fitnessstudio, Kneipe, Restaurant… und zack kamen im Supermarkt Menschen näher, in Köln stand man (Mann … mehrheitlich) vor einem Fitnessstudio in langer Schlange, vor Ikea (auch Köln) ebenfalls lange Schlangen (Brauchten die alle Teelichter?! …), teilweise ohne Abstand, ohne Maske usw.

    Diese Lockerungen stressen mich mehr, als es der moderate Lockdown (war ja nicht wie in England, Frankreich, Spanien, Italien) getan hat.

    Und warum geht es um einen Immunitätsausweis, wenn man noch nicht weiß, wie lange man…….. Puh, das stresst mich sehr.

  • #4
    thomas weigle

    @ke "Da bin ich nicht alleine." Aber zunehmend in einer Minderheit, leider. Jedenfalls so mein Eindruck, wenn ich mal außer Haus bin, deswegen gehe ich auch nur außer Haus, wenn`s unumgänglich ist.

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