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Corona: Sollten Kitas und Schulen im Dezember geschlossen werden?

Klassenzimmer einer Grundschule Foto: DALIBRI Lizenz: CC BY-SA 3.0

Die Lage ist weiterhin diffus, wie ich zuletzt geschrieben hatte: Wir sind in einer zweiten Welle, die bereits höher als die erste ist und die sich langsamer bewegt. Das ist tückisch. Von unserem Gastautor Dirk Specht. 

Wir haben die Kontrolle verloren, die Testung und das Meldewesen sind nicht mehr zuverlässig. Laut Testdaten sehen wir eine Kuppe der Welle, die jüngsten Zahlen zeigen grundsätzlich, dass der Trend sogar dabei ist, zu kippen und die Epidemie in eine Sinkungsrate übergeht.
Ich möchte betonen, dass das so oder so ein sehr gutes Signal ist, wie auch immer sich das tatsächlich darstellen mag. Die Zurückhaltung der Bevölkerung sowie der Lockdown light zeigen Wirkung, das ist natürlich weder überraschend, noch sollte es klein geredet werden!
Wir müssen aber ehrlicherweise sagen, dass die Gesundheitsämter und unser Testverfahren die Kontrolle verloren haben. Da wir hier die Zahlen vom Wochenende sehen, kann man das ohnehin kaum bewerten. Ich habe nicht ohne Grund lieber Mittwochs als Sonntags geschrieben und warte nun mit besonderer Ungeduld auf die Zahlen der ersten Wochentage. Es ist ein unverzeihlicher Fehler, dass diese Zahlenermittlung nicht auf halbwegs moderne Füße gestellt wurde. Daher kommt die nächste längere Analyse nicht vor Wochenmitte.

Bei den meisten anderen Indikatoren – Sterbefälle, CFR, Positivrate, Hospitalisierungen – sehen wir allenfalls eine leicht beginnende Entspannung. Einige dieser Indikatoren werden natürlich durch das Infektionsgeschehen von vor zwei bis vier Wochen bestimmt, weshalb sie über die Bewertung der jüngsten Abflachung nichts sagen. Sie belegen aber leider den Kontrollverlust sowie einen Anstieg der Dunkelziffer, weshalb die Infektionszahlen, die wir heute ablesen, recht sicher nicht so positiv verlaufen, wie sie aussehen. Es wäre aber mit den Wochenendzahlen nicht seriös, den Messfehler zu quantifizieren.

Die Wahrheit werden wir ohnehin erst in einigen Wochen sehen, das ist leider so, wenn man kein akzeptables Messinstrument hat. Ich deute die Kommunikation und die Stimmung in der Politik entsprechend. Man kommuniziert erstmals optimistisch über Impfstoffe – das tue ich schon seit Monaten und halte das auch für die anzustrebende Strategie. Nun scheinen die Daten aus den Feldstudien so gut zu sein, dass die Politik sich traut, das Pferdchen zu reiten. Das macht sie aber nicht zufällig mit den parallelen Botschaften eines harten Winters. Wie hart der wird und ob der Lockdown light tatsächlich ein Wellenbrecher ist, also zu einer zudem auch angemessen hohen Sinkungsrate führt, weiß schlicht niemand.

Meine Vermutung – und mehr ist es nicht – lautet, dass wir best case vielleicht mit diesen Schließungen nun zunächst mal fortsetzen können. Österreich hat gerade anders entschieden und das ist vielleicht sogar besser. Also nicht mit halber Kraft bremsen, um das schlimmste zu verhindern, sondern einmal voll drauf. Ich deute die Aussagen aus der Politik aber in die Richtung, dass man gerne mit so einer Form von Teilmaßnahmen weiter machen möchte.
Ich möchte auch nicht ausschließen, dass wir hier vielleicht sogar den besten Modus gefunden haben. Parallel kommen Studien aus anderen Ländern, die aufzeigen, dass Gastronomie, Fitness Studios sowie auch Schulen und Kitas – übrigens gerade von der Uni Wien veröffentlicht in ALLEN Altersgruppen – tatsächlich ein relevanter Verbreitungsweg sind. Vielleicht sollten wir im Dezember die Schulen und Kitas dazu nehmen, versuchen, die industrielle Produktion trotzdem irgendwie aufrecht zu erhalten. Auch das wird ja erkennbar bereits in der Politik diskutiert.

Kurz gesagt: Wie eigentlich längst bekannt, sind ALLE Zusammenkünfte von Menschen in geschlossenen Räumen maßgeblicher Treiber. Das sollte jeder auch für sein Privatleben schlicht zur Kenntnis nehmen. Private Feierlichkeiten in geschlossenen Räumen mit vielen Menschen sind genau so ein Antrieb für die Epidemie wie entsprechende öffentliche Situationen. Wer das jetzt noch macht, riskiert für sich selbst und für das ganze Land eine muntere Fortsetzung des Spiels!

Da wir unsere Hygienekonzepte viel zu sehr auf Abstandsregelungen und Händewaschen fokussiert haben, die Masken zu lange unterbewertet blieben und der Ausbreitung über Aerosole nicht mit dafür geeigneten Konzepten – Luftreinigung, Raumgröße pro Person etc. – begegnen, können wir vermutlich nur mit pauschalen Schließungen solcher Einrichtungen handeln und müssen zugleich weiter der Bevölkerung klar machen, dass sie solche Situationen im Privatleben nun freiwillig unterlassen sollte.
Gegen Aerosole sind Abstandsregeln und Händewaschen wirkungslos, in geschlossenen Räumen kann sich das Virus potenziell von einem einzigen Infizierten auf alle Anwesenden übertragen – über beliebig viele Meter!

Daher ist mein Szenario für heute, dass wir mit solchen Schließungen über den ganzen Winter zu rechnen haben. Mit einer Analyse hat das nichts zu tun, es ist Spekulation. Mehr geht mit dem diffusen Bild leider nicht.

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3 Kommentare zu “Corona: Sollten Kitas und Schulen im Dezember geschlossen werden?

  • #1
    Robert Müser

    Ich befürchte auch, dass es zu Schulschließungen kommen wird.

    Diese Schließungen werden m.E.n. die Folge einer kollektiven Realitätsverweigerung der föderalen Kultusbürokratie sein, die auf Teufel komm raus den Vor-Ort-Unterricht aufrecht erhalten wollen, dabei aber z.B. andere Dinge wie den Schülertransport mit sehr vollen Bussen komplett ausblenden (Zitat von NRW-Min. Gebauer in einem WDR-Interview vor ein paar Tagen: Dies gehört nicht zu meinen Aufgaben)

    Auch ist es mir ein Rätsel warum obige Bürokratie im Sommer nicht in der Lage war die Schulen auf die kommenden Wintersaison vorzubereiten.

  • #2
    ccarlton

    Wenn die Zahl der positiven Tests nicht zurück geht, könnte es sein, daß die Politik mit Schulschließungen Handlungsfähigkeit vortäuschen will. Insbesondere, da in den Ländern um Deutschland härtere Einschränkungen gelten.

    Die Politik hat nach wie vor keine Ahnung und keinen Plan, da seit dem Frühling offensichtlich keine Vorbereitungen getroffen wurden, obwohl die zweite Welle in aller Politiker Munde war. Ich halte es für gar nicht unwahrscheinlich, daß deswegen wieder das nachgemacht wird, was das Ausland vormacht.

  • #3
    Thomas Baader

    Nein, Schulschließungen sind nicht nötig. Vorsicht ist angemessen, aber keine Maßnahmen, die zum Infektionsschutz nichts beitragen. Bitte aktuelle Studien berücksichtigen:

    If you live with children, you’re not at a greater risk of contracting Covid-19, according to a large study carried out in the U.K […] Living with children of any age was associated with a lower risk of dying from non-Covid-19 causes, the researchers found. […] The researchers in this latest study concluded that “for adults living with children there is no evidence of an increased risk of severe Covid-19 outcomes” and that, when it comes to school closures they had “found no evidence for a reduction in risk following school closure.”
    https://www.cnbc.com/2020/11/04/theres-no-extra-covid-risk-from-living-with-kids-study-finds.html

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