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Das Heimatdingsbums I

Hafenbar, Dortmund

Heimat? Auch die Autoren dieses Blogs haben sich über diesen Begriff Gedanken gemacht. Und sie kamen zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen. Voilá – die ersten Fünf: 


Robert Friedrich von Cube
Ich sagte kürzlich „Heimat ist da, wo man kein Navi braucht“. Das war nicht ganz präzise, weil es auch Gegenden gibt, wo man sich auskennt, aber trotzdem nicht beheimatet fühlt. Die Definition müsste also negativ formuliert werden: „Wo man ein Navi braucht, kann keine Heimat sein.“ Heimat ist ein Ort, an dem man sich zuhause fühlt, weil man ihn kennt und mit Geborgenheit verbindet. Es kann mehrere Heimaten geben, Orte, wo man mal gewohnt hat, auch Urlaubsziele, die man schon häufig besucht hat. Oder die Gegend, wo die Großeltern leben, deren Nachbarn einen schon kennen, seit man „so klein“ war. Heimat kann meines Erachtens niemals etwas umfassen, das größer ist als eine Stadt oder ein Landkreis. Wenn ich in eine fremde Gegend Deutschlands komme, fühle ich mich dort oft wie in einem fremden Land. Das ist nicht schlimm, das erzeugt Urlaubsgefühle. Aber ich fühle mich im Odenwald genauso verreist wie in England. Dass ein ganzes Land „Heimat“ sein soll, ist absurd. Wenn Herr Gauland behauptet, ganz Deutschland sei seine Heimat, die er vor Fremden beschützen will, dann antworte ich: Ganz Deutschland? Also auch mein Viertel hier? Ihre Heimat ist hier in Mainz? Komisch, ich habe Sie hier noch nie gesehen!

Daniel Fallenstein „Heimat ist“, schrieb Co-Ruhrbaron Robert Friedrich von Cube vor eineigen Tagen, „da wo man kein Navi braucht.“ Dank meines Orientierungssinnes umfasst meine Heimat nach dieser Definition die zauberhafte arabische Altstadt von Akko, die Landstraße zwischen Slubice und Kostrzyn, einige Wanderwege in der Sächsischen Schweiz, die Kleingartenanlagen hinter dem Damm der alten Siemensbahn und vieles mehr. Kurzum: Jede Strecke die ich nüchtern und bei Tageslicht in den letzten zwei Jahren passiert habe und ein bisschen mehr. Da brauche ich wohl eine etwas konventionellere Definition.
Suchen wir nach einer solchen sinnvollen Definition, könnte Heimat ein Ort sein, dessen Ritualen man sich willig unterwirft. Teils, weil man sie schon lange so kennt, teils, weil man sich den Ort und damit die Rituale so ausgesucht hat. In der einen Region ist es Ritual, am Wochenende Leckereien aus der Konditorei zu kaufen und in der Heiligen Messe dem Jenseitigen näher zu kommen. In der Region ums Kottbusser Tor wird beides in einem Aufwasch mit einschlägigen Produkten aus einem nahegelegenen Park abgefrühstückt. Dank der großzügigen Transferleistungen aus dem Westen ist das vom Wochentag unabhängig. Bei mir in Charlottenburg wartet man mit Sektfahne und Kuchen, dass Harald Juhnke um die Ecke biegt und seine Definition von Glück zum Besten gibt.
Kirmes oder Krawall, Messe oder Metalkonzert, Fronleichnamsprozession oder Fahrradsternfahrt, Schützenfest oder Gentrifizierungsprotest, Unkraut jäten oder Unsinn reden, Biomarkt oder Osterfeuer, Wandertag oder Genderseminar, Lichterfest oder LL-Demonstration, Lesekreis: Unsere Rituale definieren uns stärker als uns manchmal lieb ist. Heimat: Das sind die Orte dieser Rituale.

Stefan Laurin Nach dem Duden ist Heimat „Land, Landesteil oder Ort, in dem man [geboren und] aufgewachsen ist oder sich durch ständigen Aufenthalt zu Hause fühlt“ Und nein, so würde ich das nicht sehen. Egal wo ich lebte, ich hab mich nie irgendwo nur zu Hause gefühlt, weil ich oft an einem Ort war. Wenn ich so etwas wie Heimatgefühle empfand, hing das immer mit den  Menschen zusammen. An jedem Ort, ob real oder virtuell, wo ich einige treffe, die ich gerne habe, fühle ich mich zu Hause. Egal, ob ich das ersten  oder zum tausendsten Mal da bin. Und genau so schnell wird mir ein vermeintlich vertrauter Ort fremd, wenn da niemand mehr ist, der mein herz berührt. Heimat, zu Hause, das entsteht für mich immer neu, an jedem Tag, in jedem Augenblick durch Kommunikation. Der einzige Ort der davon ausgenommen ist, kann meine Wohnung sein – wenn sie mir gefällt. Zur Zeit habe ich eine schöne Wohnung, in der ich mich sehr wohl fühle – sie ist ein Zuhause. Andere Wohnungen, in denen ich mich nicht wohl fühlte, waren einfach ein paar Räume mit Büchern und einem Computer. Ich verließ sie, ohne mich umzudrehen, wenn es soweit war.

Heimat ist da, wo Menschen sind, die ich mag, liebe, auf die ich mich freue. Wo das ist, ist mir ziemlich egal und es ändert sich auch immer wieder. Das macht es für mich schwer, die Debatten über die Liebe zu einem Land oder einem Landstrich nachzuvollziehen. Mir hat der Satz des ehemaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann immer gut gefallen: „Ach was, ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau; fertig!“ Fertig.

Peter Hesse Ende September sagte der Parteichef der NRW-SPD: „Wir wollen eine moderne Heimatpartei sein.“ Michael Groschek wirkt unbeholfen wenn er so etwas sagt. Gerade nach den schlechten Wahlergebnissen wollen die Sozialdemokraten verständlicherweise Meter gut machen und setzen in unsicheren Zeiten auf das Thema Heimat. Aber wo Jobs, die Weltlage im Allgemeinen und persönliche Beziehungen im Speziellen zu oft von massiven Unsicherheiten geprägt sind, wie soll es da ausgerechnet funktionieren mit einem Thema wie Heimat zu punkten? Und dann an einer Ecke, die geprägt ist von Autobahnstaus, Arbeitslosigkeit und Anonymen Alkoholikern. Ich selber habe in meinem Leben nur in zwei Städten gewohnt, in meinem Fall sind das Bochum und Dortmund. Aber nicht etwa aus Frank Goosen-Gründen, weil es woanders ja auch scheiße ist. Nein, für mich hat sich ein Leben in Jena, Oldenburg oder Tübingen nicht ergeben. Heute bin ich froh, dass ich rückzuck meine Tochter von der Schule abholen kann und einigermaßen schnell bei meinen Eltern auf der Matte stehe, wenn diese meine Hilfe benötigen. „Home is Where The Heart Is“ ist eine popkulturelle Weisheit, die Elvis Presley bekannt gemacht hat. Ich halte mich eher an den aus Dresden stammenden Kabarettisten Olaf Schubert, der richtigerweise sagte: „Zuhause ist da, wo die Rechnungen ankommen.“ Falls mich einer sucht – ich bin am Briefkasten.

Felix Huesmann Heimat? War scheiße. Also in meinem Fall zumindest. Kaff im Münsterland, Einöde gepaart mit unterdurchschnittlich angenehmer Kindheit. Sucht man sich halt nicht aus. Aber darauf stolz sein? Ne, echt nicht, warum auch.
Wäre ich in einer ernstzunehmenden Großstadt aufgewachsen, oder zumindest in einem Landstrich mit herausragend schönen Merkmalen – Meer, Berge, Sie wissen schon – wäre mein Bezug zur Heimat vielleicht etwas positiver. Meine Heimat hat leider nichts davon zu bieten. (Sorry Münsterland, kein Grund jetzt die Mistgabeln rauszuholen!) Wenn es für mich einen positiven Begriff von Heimat gibt, dann höchstens den der Wahlheimat. Und die hat nur begrenzt etwas mit festen Orten zu tun, und umso mehr mit den Menschen, die man dort kennenlernt.
Vom Stolz auf ein „Heimatland“ fange ich gar nicht erst an, sonst werde ich nur ausfallend.

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9 Kommentare zu “Das Heimatdingsbums I

  • #1
    Emil

    ‚Heimat‘ muss wieder positiv besetzt werden:

    https://www.titanic-magazin.de/fileadmin/content/Postkarten/171013_Heimat.jpg

  • #2
  • #3
    Helmut Junge

    Zehntausend oder mehr Generationen sind unsere Vorfahren dem jagdbaren Wild hinterher gezogen. Die neue Heimat war dann da, wo es zu essen gab. Die alte Heimat oder besser Heimaten lagen dort, wo es nicht genug zu essen gab. Als die Landwirtschaft erfunden wurde, zogen unsere Vorfahren dorthin, wo der Boden fruchtbar war, also auch wo es was zu essen gab. In den alten Heimaten war der Boden erschöpft. Dort gab es nichts mehr zu essen.
    Meine direkten Vorfahren haben ihre jeweiligen Heimaten verlassen, weil sie hier im Ruhrgebiet Arbeit fanden und sich damit Essen kaufen konnten.
    Also denke ich, daß dort, wo es zu essen gibt, potenziell auch eine Heimat geben kann.
    Ich weiß, daß ich mit dieser Auffassung niemals vom Gourmand in Richtung Gourmet schaffen kann, aber ich weiß, wo die Küche ist.
    Meine Heimat ist dicht neben dem vollen Kühlschrank und dem DSL-Anschluß. Ich hoffe zur Klärung dieser Heimatfrage einen wichtigen Gedanken beigetragen zu haben.

  • #4
    Walter Stach

    Ich meine, daß "Heimat" nicht abstrakt definiert werden kann, folglich kommen die Autoren zwangsläufig zu sehr unterschiedlichen Aussagen zu dem, was für sie " Heimat" ist.

    Deshalb halte ich es -zumindest- für fragwürdig, wenn der Begriff Heimat genutzt/benutzt wird, um mit ihm nicht nur politisches Tun oder Unterlassen begründen/ rechtfertigen zu wollen , sondern darüber hinaus mit "Heimat" versucht wird, völkische-rassistische-nationalistische Ideen/Ideologien zu untermauen.

    In Abwandlung eines alten Sprichwortes meine Meinung:

    " Heimat ist da, wo ich mich wohlfühle".

    Und mein Wohlgefühl, etwas extrem subjektives, hängt von x-Faktoren ab . Und die
    sind bei anderen Menschen, auch solchen im engsten Umfeld, oftmals gänzlich andere.

    Warum lassen es "die" Politik und lassen es " die " Medien nicht dabei, es jedem Menschen zu überlassen, darüber nachzudenken, was "seine" Heimat ist und warum das so ist.
    Und so hätte jeder -für sich- darüber nachzudenken, ob dieses "sein" Heimatgefühl und ob "seine "
    Gründe für dieses Gefühl ihn animieren -können/sollen?-, sein Verhalten als Individuum
    und als Teil einer Gemeinschaft, als Mitglied einer Gesellschaft, als Staatsbürger (mit-)bestimmt.

    Zusammengefaßt:

    "Heimat" ist meine Sache.

    Ich bin erschrocken, wenn ich erleben bzw. ertragen muß, wie angestrengt -wieder einmal – "die" Politik, "die" Medien der Wahlergebnisse bzw. der Auflagen und der Einschaltquoten wegen dabei sind, mein Heimatgefühl, meine Heimatliebe ergründen zu wollen, nicht meinetwegen, sondern um sie so ihren Zielen bzw. Zwecken nutzbar machen zu können.

    -1-
    Emil
    "Heimat" muß wieder positiv besetzt werden.

    Na dann-
    Ich kann nicht einmal erahnen, wer außer mir selbst fähig sein könnte, das, was für mich Heimat ist, was für mich Heimatgefühl und Heimatliebe sind, "positiv zu besetzen"und wem damit gedient sein könnte.

    Ich wäre gerne und engagiert dabei, wenn im öffentlichen Raum z.B. darüber diskutiert würde, ob und wie der Begriff "Verfassungspatriotismus" positiv besetzt werden könnte bzw. besetzt werden sollte.

  • Pingback: Das Heimatdingsbums II | Ruhrbarone

  • #6
    Ilona GR DE

    Heimat
    (Kurt Tucholsky, 1929 aus: Deutschland, Deutschland)

    Nun haben wir auf vielen Seiten Nein gesagt, Nein aus Mitleid und Nein aus Liebe, Nein aus Haß und Nein aus Leidenschaft – und nun wollen wir auch einmal Ja sagen. Ja –: zu der Landschaft und zu dem Land Deutschland.
    Dem Land, in dem wir geboren sind und dessen Sprache wir sprechen.
    Der Staat schere sich fort, wenn wir unsere Heimat lieben. Warum grade sie – warum nicht eins von den andern Ländern –? Es gibt so schöne.
    Ja, aber unser Herz spricht dort nicht. Und wenn es spricht, dann in einer andern Sprache – wir sagen ›Sie‹ zum Boden; wir bewundern ihn, wir schätzen ihn – aber es ist nicht das.

    Es besteht kein Grund, vor jedem Fleck Deutschlands in die Knie zu sinken und zu lügen: wie schön! Aber es ist da etwas allen Gegenden Gemeinsames – und für jeden von uns ist es anders. Dem einen geht das Herz auf in den Bergen, wo Feld und Wiese in die kleinen Straßen sehen, am Rand der Gebirgsseen, wo es nach Wasser und Holz und Felsen riecht, und wo man einsam sein kann; wenn da einer seine Heimat hat, dann hört er dort ihr Herz klopfen. Das ist in schlechten Büchern, in noch dümmeren Versen und in Filmen schon so verfälscht, dass man sich beinah schämt, zu sagen: man liebe seine Heimat. Wer aber weiß, was die Musik der Berge ist, wer die tönen hören kann, wer den Rhythmus einer Landschaft spürt … nein, wer gar nichts andres spürt, als dass er zu Hause ist; dass das da sein Land ist, sein Berg, sein See, auch wenn er nicht einen Fuß des Bodens besitzt … es gibt ein Gefühl jenseits aller Politik, und aus diesem Gefühl heraus lieben wir dieses Land. Wir lieben es, weil die Luft so durch die Gassen fließt und nicht anders, der uns gewohnten Lichtwirkung wegen – aus tausend Gründen, die man nicht aufzählen kann, die uns nicht einmal bewußt sind und die doch tief im Blut sitzen.

    Essay weiterlesen: http://www.textlog.de/tucholsky-heimat.html

  • #7
    Walter Stach

    Schön, hier bei den Ruhrbaronen ‚mal wieder daran erinnert zu werden, dass Tucholsky seine deutsche Heimat geliebt hat und darn erinnert zu werden, wie er diese seine Liebe in Worte gefaßt hat..
    Ich gehe davon aus, daß viele Menschen so ähnlich oder genau so empfinden und sich so ähnlich oder genau so artikulieren würden, wenn sie es denn könnten.

    Aber…..
    Wir, "die" Deutschen denken und fühlen nun ‚mal nicht allesamt so. Und das kann auch gar nicht anders sein.

  • #8
    Arnold Voss

    Mit der Heimat und der Liebe ist das so eine Sache. Was man liebt ist man aus gutem Grunde auch bereit zu verteidigen. Sei es gegen Veränderungen, gegen innere und äußere Feinde oder gegen Kritik. "Love it or Leave it" ist die dazu gehörige Parole und Heimatschutz die dazugehörige gesellschaftliche Institution.

    Deswegen steht mir der Begriff der Nation näher. Der ist zwar in Deustchland auch belastet, aber dazu gehört in der Regel eine Verfassung mit einem dazugehörigen Wertekanon, in der auch der Verteidigungsfall klar geregelt ist. Eine Nation muss man auch nicht lieben und ihrer Verfassung, sofern demokratisch, steht der Kritik jedes Bürger genauso offen, wie die auf ihrer Basis erlassenen Gesetze.

  • #9
    Walter Stach

    Heimat
    Liebe
    Heimat-Liebe

    uralte Themen für jedermann, für Poeten, für…………

    Schön so, gut so, jedem Leben immanente Gefühle, Sehnsüchte. Hoffnungen, Enttäuschungen, Irrungen/Verwirrungen, ohne die Literatur gar nicht oder nur sehr selten auszukommen scheint, die nach meiner Wahrnehmung die Werke der "große Literatur" weltweit ausmachen, prägen und jedermann emotional zutiefst berühren.

    Aber eben auch
    Ursachen für Katastrophen, wenn sie im Kampf um Macht gebraucht und damit mißbraucht werden -seit Anbeginn menschlicher Herrschaftsstrukturen geschieht das immer wieder-, z.B. dann, wenn "Heimatliebe" gebraucht und damit mißbraucht wird, Kriege zu führen, wenn die Mächtigen bzw. die um Macht streitenden Parteien das Gefühl der Menschen für "ihre" Heimat, für " die Liebe", für "ihre Heimatliebe" zu nutzen versuchen für ihre Ziele und Zwecke , aktuell z.B. um damit völkischen, rassistischen, nationalistischen Gesinnungsgemeinschaften zu dienen.
    Vor allem deshalb frage ich mich nach dem "Warum" der aktuellen Heimat-Hybris in den Medien und in der Politik – denn dieses Warum ist für mich d a s Nach- und das Bedenkenswerte, nicht das, was jeder Autor dazu hier bei den Ruhrbaronen an persönlichen Empfindungen vorträgt, was mein Interesse an dem nicht mindert, was von den Gastautoren zur "Heimat", zur "Liebe", zur "Heimatliebe" geschrieben wird.

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