Das transgenerationelle Erbe von Schuld und Scham

1995 war der Köln-Düsseldorfer PAKH – „Arbeitskreis für intergenerationelle Folgen des Holocaust“– gegründet worden. Er versteht sich als ein psychotherapeutisch orientierter Arbeitskreis über die Folgen der Shoah und kollektiver Traumata. Nun hat das Kernteam dieses Arbeitskreises, bestehend aus fünf PsychoanalytikerInnen, darunter zwei mit jüdischen Wurzeln, ein anspruchsvolles Buch über ihre Arbeit zum transgenerationellen Erbe der Shoah vorgelegt. Von unserem Gastautor Roland Kaufhold

Die Kölner Psychoanalytikerin Beata Hammerich steuert einen biografisch sehr aufrichtigen Beitrag bei. Er ist mit “Die Macht der Angst und Scham“ überschrieben. Der Untertitel „Aus dem Versteck in die Öffentlichkeit“ verweist auf die seelische Mühe, die mit dem Schritt vom verdrängten innerfamiliären Schrecken und der „Bewältigungsstrategie“ des an die Öffentlichkeit-Tretens verbunden war.

Die Autorin erlebte bei der Ankunft in einem Hotel einen großen Schrecken, den sie zwar als der Situation „unangemessen“ einzuordnen vermochte, der aber dennoch unerträgliche Gefühle von Angst beinhaltete. Auslöser war, dass sie ein zwar prächtiges Zimmer erhielt, welches jedoch abgetrennt von den anderen Kollegen lag. Sie erlebte urplötzlich Gefühle absoluter Panik. Sie musste die Gefühle aushalten und professionell reflektieren.

An dieser Stelle führt sie nun zum Verständnis und als Deutung ihre familiäre Biografie ein: Ihre Mutter hatte den Holocaust als Kind einer jüdischen Familie in der Slowakei erlebt und überlebt. Sie wurde getauft, um ihre Überlebensmöglichkeit als Jüdin zu erhöhen. Und ihre Mutter erzog auch ihre Mitte der 1950er Jahre geborene Tochter Beata in der christlichen Tradition: „Den jüdischen Ursprung hat sie uns jahrelang verschwiegen.“ (S. 86) Auch der Vater stammte aus einer christlichen tschechischen Familie.

Die Autorin wurde im kommunistischen Prag geboren und wuchs mit einem mehrfachen Schweigegebot auf: Sie durfte nicht über ihren christlichen Glauben sprechen. Und die jüdische Familienbiografie blieb ihr zunächst vollständig verborgen. 1968, nach dem gescheiterten Prager Aufstand und der Okkupation der Tschechoslowakei, floh die Familie nach Westdeutschland. Die elfjährige Autorin verlor völlig überraschend ihre Heimat wie auch ihre Sprache; und sie kam in ein ihr völlig unvertrautes Land.

Miteinander in einen Dialog kommen

Hammerich stellt nachfolgend ihre Auseinandersetzung mit diesen mehrfachen, sich miteinander verschränkenden Traumata vor. Diese Auseinandersetzung sei ihr maßgeblich durch die Kollegen des PAKH ermöglicht worden, da war sie bereits ausgebildete Psychoanalytikerin, mehr als zwei Jahrzehnte später. „Solange die Traumatisierten am Leben sind“, führt sie aus, „gibt es für die nachfolgenden Generationen die Chance einer direkten Auseinandersetzung mit ihnen. Gelingt es, miteinander in einen Dialog zu kommen, ergeben sich vielfältige Möglichkeiten, die das Spektrum der Verarbeitung des transgenerationellen Erbes entscheidend erweitern können.“ (S. 86). Diese Grundhaltung beinhalte auch den Kern ihrer PAKH-Arbeit. Der Psychoanalytiker Leon Wurmser bot ihr dabei über Jahre grundlegende Möglichkeiten, die Gefühle einer tiefen Scham schrittweise abzumildern und aufzulösen. Hierzu sei ein schrittweiser, lange andauernder Trauerprozess um das Verlorene und das Tabuisierte notwendig.

Die Auseinandersetzung mit den Überlebenden in ihrer eigenen Familie war ein weiteres wichtiges Element dieses seelischen Prozesses. Insbesondere bei ihrer Mutter lösten diese Themen, über die sie nie gesprochen hatte und sprechen konnte, massive Ängste aus. Sie bestand darauf, ihre jüdische Herkunft zu verheimlichen.

Hammerichs Beschreibungen dieser komplizierten Trauer- und Weiterentwicklungsprozesse sind berührend, auch für den Rezensenten, dem vergleichbare Erfahrungen nicht unvertraut sind.

Bei ihrem Neuanfang in Deutschland als Jugendliche erlebte die Autorin unvermeidlich starke Gefühle der nicht-Zugehörigkeit, die mit zusätzlicher Scham und einem erneuten Schweigegebot verbunden waren: „Am schwersten wog, dass mir die Unbeschwertheit der Gleichaltrigen fehlte. Ich wurde zunehmend  Zeugin und begann mitzutragen, was meiner Familie im Holocaust zugestoßen war. Das allein wirkte traumatisierend und erfüllt mit Trauer. In Situationen, in denen andere fröhlich feierten, wurde ich manches Mal heimgesucht von schrecklichen Holocaust-Bildern, die mir eine Teilnahme an der Ausgelassenheit unmöglich machten.“ (S. 89) Die Scham – der Psychoanalytiker Leon Wurmser hat hierzu zahlreiche psychoanalytische Bücher publiziert[i] – wurde zu ihrem „unerwünschten hartnäckigen Begleiter.“ (S. 89)

Traumatische Gefühle und Affektdurchbrüche

Die Autorin beschreibt ihre traumatischen Gefühle eindrücklich, besonders wenn diese durch die „Seelenblindheit des anderen“ (S. 90) – ihrer nicht-jüdischen Umwelt – noch zusätzlich verstärkt wurden. Hierdurch wurden und können Gefühle und Situationen „absoluter Hilflosigkeit und Demütigung zur Scham“ (S. 90) ausgelöst werden.

Wenn ihre Gefühle in Affektdurchbrüchen doch einmal freigesetzt wurden löste dies zusätzliche Gefühle der Scham und der Entblößung über die erlebten Kontrolldurchbrüche in ihr aus: „Die Nicht-Nachvollziehbarkeit führte zum Gefühl der Aussonderung.“ (S. 91)

Ihre jüdische Mutter hatte als Jugendliche erlebt, wie während der Shoah sowohl der Familienname als auch die Religionszugehörigkeit geändert wurde. Mit Niemandem durfte die Mutter, die anfangs noch eine Jugendliche war, hierüber sprechen. Ihr wurde in den Jahren der Verfolgung in der Slowakei täglich eingeschärft: „“Du darfst nichts sagen, sonst bringst Du uns alle ins Unglück.“ Das bedeutete damals Todesgefahr. Als sich die Situation im Sommer 1944 verschärfte, versteckte sich die Familie auf dem Dachboden eines Forsthauses. In einer Grube im Wald überlebte sie die letzten vier Wochen bis zur Befreiung am 31. Januar 1945.“ (S. 91) Die Vergleichbarkeit etwa mit Ralph Giordanos Überlebenskampf als junger jüdischer, verfolgter Mann im Hamburg der Jahre von 1938 bis 1945 ist offenkundig.

Im nachfolgenden kommunistischen Regime nach 1948 musste der christliche Glaube, den die Mutter angenommen hatte, verheimlicht werden. „Mit ihrer jahrelangen Geheimhaltung der jüdischen Wurzeln uns Kindern gegenüber sowie ihren Schweigegeboten“, so fügt die Autorin erklärend hinzu, „hat sie uns in mehrfacher Hinsicht erfolgreich zu schützen versucht.“ (S. 91) Auch wenn die Autorin die Motive ihrer Mutter sehr gut nachzuvollziehen vermochte, so nahm sie ihr diese Geheimhaltung über wesentliche Anteile ihrer Biografie und Wurzeln dennoch übel.

Der Tabubruch

Ihr eigener Eintritt in den PAKH im Jahr 1998 habe einen Tabubruch dargestellt. Nun sprach die Autorin, die zu diesem Zeitpunkt schon eine ausgebildete und praktizierende Psychoanalytikerin war, über Themen, die bei ihrer Mutter massivste Ängste auslösten. Dennoch habe sie sich, ermutigt durch die Reaktionen ihrer Kollegen, „bewusst über Mutters Schweigegebot hinweggesetzt.“ (S. 91f)

Sie beschreibt im Folgenden ihre Konfrontationen mit einer PAKH-Kollegin, die aus der internen Gruppe der „Täterkinder“ stammte. Diese Kollegin, Siebert, hat ihre eigene Geschichte im Buch in einem eigenen langen Beitrag dargeboten (S. 113-143). Als diese, für sie selbst überraschend, mit Mitgefühl auf ihre vorsichtigen familiären jüdischen Beschreibungen reagierte, war dies für sie eine völlig neue, unerwartete Erfahrung. „Zum ersten Mal fühlte ich mich nach dem Erzählen nicht entblößt.“ (S. 92)

Selbst als innerfamiliär „das Geheimnis unserer jüdischen Wurzeln uns Kindern gegenüber gelüftet war“ (S. 93), habe ihre Mutter sich weiterhin geweigert, über ihre eigenen furchtbaren Erfahrungen und Gefühle während der Jahre der Verfolgung in der Shoah zu sprechen. Kurz nach ihrem Abitur Mitte der 1970er Jahre durchlitt ihre Großmutter sogar kurze Phasen paranoider Halluzinationen. Sie phantasierte, dass sie alle gemeinsam mit Lastwagen „abgeholt und deportiert werden.“ (S. 93) Die unverarbeitete Vergangenheit holte sie nun Jahrzehnte später, wo sie scheinbar in Sicherheit und in der Demokratie lebte, wieder ein.

Das Schweigegebot

Die psychoanalytisch ausgebildete Autorin beschreibt Szenen, in denen ihre Versuche, über die Traumata und das Verschwiegene zu sprechen, durch uneinfühlsame, scheinbar das Leid abmildernde und hierdurch abweisende Reaktionen immer wieder erschüttert wurden: „Das Erlebnis bestärkte mich darin, von meinem Schweigegebot nie mehr abzurücken.“ (S. 94) Immer wieder wurde ihr hierdurch Rückzug und Schweigen aufgenötigt: „Der Dialog bricht ab.“ (S. 94) Es gelingt der Autorin in eindrücklicher Weise, diese komplizierten  Prozesse der transgenerationellen Traumaweitergabe und deren individuellen und  kollektiven Folgewirkungen erzählend nachvollziehbar zu machen. In ihrem Buchbeitrag finden sich zahlreiche weitere vertiefende Beschreibungen, die zur Reflexion und zu einem wirklichen Verstehensprozess einladen – sofern der Leser hierzu bereit ist. Der Autorin Hammerich ist ein wirklich vorzüglicher Text gelungen. Ich habe diese Studie des Buches exemplarisch hervorgehoben und ausführlich dargestellt.

Weitere Buchbeiträge: Identitäten und Verbundenheit in der Differenz

Die weiteren Beiträge dieses Buches seien ebenfalls kurz erwähnt. Nach dem Vorwort von dem in den USA lehrenden Professor für Religion an der Universität Flagstaff Björn Krondorfer – „Empathie wagen“ – , in dem dieser auch einen eigenen Dialogprozess zwischen Israelis und Palästinensern im Westjordanland im Jahr 2014 beschreibt, sowie einem gemeinsamen, zwölf Seiten umfassenden Beitrag aller Autoren zur Entstehungsgeschichte des PAKH, enthält das Buch drei weitere ausführliche Selbstbeschreibungen: Johannes Pfäfflin schreibt auf knapp 50 Seiten über „Von gebrochenen Identitäten zur Verbundenheit in der Differenz“. Er beschreibt seinen eigenen schmerzhaften Prozess einer Reise in die familiäre Vergangenheit, in der er anfangs, als „guter Sohn“, nichts von der Involvierung seines Vaters in den Nationalsozialismus und in konkrete Gräueltaten wissen wollte. Bei seiner mühevollen familiären Spurensuche stieß er immer wieder auf widersprüchliche, komplexe Antworten. Über seinen Vater, mit dem er bis zu dessen Tod nicht über dessen Wirken im Nationalsozialismus sprach, schreibt er: „Er wusste von der Judenvernichtung, von den Konzentrationslagern und auch von den Sondereinsätzen zur Erschießung von Partisanen und Juden, wie sie von der Wehrmacht ausgeführt wurden.“ (S. 50) In seinem Beitrag beschreibt er auch den schweren jüdischen Lebensweg der aus Bukarest gebürtigen PAKH-Mitbegründerin Liliane Opher-Cohn (S. 54-61), der nach einem „Eklat“ zu ihrem Austritt aus dem PAKH führte: „Der Dialog war zerstört. Beide Seiten hatten ihre Mauern hochgezogen und die Fenster und Türen verschlossen. Die Vergangenheit hatte sich in die Gegenwart gezwängt. Ich war sprachlos.“ (S. 60) In Deutschland hatte die jüdische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin sich nie wirklich glücklich und zu Hause gefühlt.

Die bereits erwähnte Erda Siebert, die aus einer deutschen Nazi-Täterfamilie stammt, schreibt über „Die Wiederaneignung des Selbst jenseits tradierter Schuld“. Und der langjährige PAKH-Vorsitzende Peter Pogany-Wnendt, Sohn von jüdischen Shoahüberlebenden aus Budapest, der 2019 auch noch das eigenständige, umfangreiche Werk „Der Wert der Menschlichkeit“ (Psychosozial-Verlag) über seine Erfahrungen vorgelegt hat, schreibt über „Von den zerbrochenen menschlichen Bindungen zum mitfühlenden Dialog“. Er schildert mehrere Szenen gelungener sowie gescheiterter Begegnungen zwischen Juden und Deutschen, zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Deutschen, und hebt hervor: Diese Beispiele illustrieren „die Explosivität, die sogar in harmlosen Situationen des Alltags hervortreten kann, wenn nach dem Holocaust geborene Juden und Deutsche sich begegnen. Ressentiments und Rachegefühle auf der einen Seite treffen offensichtlich auf Schuld- und Schamgefühle sowie Racheängste auf der anderen. Die Folgen können sehr irrational und destruktiv sein. Dies obwohl weder die Einen Täter noch die Anderen Opfer waren und sie sich gegenseitig persönlich keinen Schaden zugefügt haben. Die unverwischbaren Spuren, die der Holocaust in den Tätern und ihren Helfern sowie in den Überlebenden hinterlassen hat, finden sich offenbar auch in ihren Nachkommen wieder.“ (S. 146)

Trotz aller furchtbaren weltpolitischen Rückschläge, insbesondere Putins barbarischer, erbarmungslose imperialistische Vernichtungskrieg gegen die Ukraine – die Ausführungen des Osteuropaexperten Karl Schlögel hierzu sind ganz außergewöhnlich bewegend und wertvoll – und die antisemitische Tyrannei des Mullahregimes, die gegenwärtig weltpolitisch wenig Hoffnung auf eine friedlichere Zukunft lassen, vertraut der Autor auf konstruktive Transformationsprozesse.

Elke Horn steuert abschließend aus psychoanalytisch-theoretischer Perspektive den Beitrag „Gruppenphänomene beim Durcharbeiten der Vergangenheit“ bei.

Ein anspruchsvolles, anregungsreiches, von wechselseitigem Respekt geprägtes Werk über die Folgewirkungen der Shoah, formuliert aus sehr unterschiedlichen persönlichen Perspektiven. Es gibt nicht viele solcher Werke in der deutschsprachigen Fachliteratur.

Pogany-Wnendt, P., E. Horn, B. Hammerich, E. Siebert und J. Pfäfflin (2024): Das transgenerationelle Erbe von Schuld und Scham. Von traumatischer Erstarrung zum empathischen Dialog. Gießen: Psychosozial-Verlag, 233 S., 34,90 Euro, Bestellen?

Der Text erschien bereits auf Hagalil

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