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Daube-Mord: Seine Genitalien blieben unauffindbar

Daube_vor_Elternhaus
Schon lange vor dem Gladbecker Geiseldrama erregte die kleine Ruhrgebietsstadt weltweit Aufsehen: Der Mord an dem Abiturienten Helmut Daube, der mit durchschnittener Kehle und fehlenden Genitalien tot aufgefunden wurde, verdrängte sogar den Transatlantikflug des Luftschiffes Graf Zeppelin aus den Schlagzeilen. Angeklagt wurde sein Freund und Mitschüler Karl Hußmann. Aber hat Hußmann das Verbrechen tatsächlich begangen?

Die Tat konnte bis heute nicht aufgeklärt werden. Und genau hier versuchen Sabine Kettler, Eva-Maria Stuckel und Franz Wegener seit einem Vierteljahrhundert Licht ins Dunkel zu bringen. Nun ist die Neuauflage ihres Buches von 2001 „Wer tötete Helmut Daube?“ erschienen. Schon der Vorgänger bot die Möglichkeit, mit Hilfe der dokumentierten Verhör- und Gerichtsszenen, dem Obduktionsbericht und sieben Mordtheorien in das Jahr 1928 abzutauchen und mitzukombinieren: Wer tötete Helmut Daube? Hinzugekommen sind in der Neuauflage drei weitere, ausgesprochen spekulative Theorien:

War der sächsische Gärtnergehilfe Ernst Paul Hennig auch für den Mord im Ruhrgebiet verantwortlich? Hennig hatte bereits mit 16 Jahren mit einer Rosenschere einem gefesselten Knaben den Hals aufgeschnitten, der Freund überlebte und konnte den Täter benennen. Hennig, der wegen mangelnder Zurechnungsfähigkeit freigesprochen worden war, wurde 1911 mit einem Mord in Böhmen auffällig, bevor dann 1929 in einem Wald die nackte Leiche des dem Hennig bekannten 18-jährigen Dienstknechtes Zellmer gefunden wurde. Er war wie Daube bestialisch verstümmelt worden.

Die nächste Theorie spielt in Südamerika: In Guatemala-Stadt wird sechs Tage vor dem Daube-Mord, Richard Eckermann, Sohn des bekannten Admirals Eckermanns, festgenommen. Er hatte in Deutschland 1923 als Mitglied der rechtsgerichteten „Schwarzen Reichswehr“ einen Kollegen zum Mord an einem angeblichen Verräter angestiftet und war daher 1925 zum Tode verurteilt worden. Er floh über Spanien und Mexiko nach Guatemala. Zur Festnahme führten ein Brief, der mit dem auch im Ruhrgebiet üblichen Gruß „Glück auf!“ endete sowie Ratschläge aus der deutschen Aussiedler-Gemeinde vor Ort. Da die Familie des Freundes von Helmut Daube, Karl Hußmann, in Guatemala eine Kaffeeplantage betrieb, ist nicht ausgeschlossen, dass womöglich nicht etwa Helmut Daube in der Mordnacht sterben sollte, sondern Karl Hußmann, dessen Familie der Verrat an dem Fememörder zugeschrieben worden sein könnte.

Die letzte und damit aktuellste Theorie geht von einem Selbstmord Daubes aus. Angesichts des Tatablaufes – die Kehle wurde ihm offenbar von hinten durchgeschnitten, die Genitalien dann folgend abgetrennt – eine erstaunliche Idee. Tatsächlich mutmaßte die Gladbecker Polizei zunächst, sie habe es mit einem Selbstmord zu tun, da die Beamten anfangs nur den Kehlenschnitt bemerkten und ein solcher Schnitt in Weimar eine nicht unübliche Freitod-Methode darstellte. Da allerdings keine Waffe in der Nähe der Leiche gefunden werden konnte, wurde diese Theorie schnell verworfen. Und doch tippen die Autoren auf einen Selbstmord: Ein Nachahmungsmord, der vielleicht dem Drehbuch der Steglitzer Schülertragödie von 1927 folgte. Der Prozess gegen den Berliner Selbstmörderclub „Fe-Hou“ war erst vier Wochen vor dem Daube-Mord zum Abschluss gekommen und fand ein breites Medienecho. Schüler hatten sich zum gegenseitigen Mord verabredet; das tragische Blutbad wurde 2004 unter dem Titel „Was nützt die Liebe in Gedanken“ mit Daniel Brühl in der Hauptrolle verfilmt. Ein letzter Akt, der in Sachen Daube noch fehlt.

 

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2 Kommentare zu “Daube-Mord: Seine Genitalien blieben unauffindbar

  • #1
    Prof. Dr.-Ing. Walter Lindolfo Weingaertner

    Ich, Prof. Dr.-Ing. Walter Lindolfo Weingaertner bin Grossneffe von Helmut Daube.
    Die tragosche :Geschichte von der Ermordung von Helmut Daube erfuhr ich aus den Tagebuch meiner Grossmutte Emma Hatzky, Schwester von Elsbeth Daube, Mutter von Helmut. Sie schrieb:
    Abschrift aus dem 3. Band der Autobiographie von Emma Hatzky
    Soll ich nun gleich von dem letzten und schwersten Unglücknachrichten die uns in Briefen und Zeitungsartikeln über Helmut Daube erreichten?
    In Deutschland wurden die Zustände immer verwirrter. Die Jugend, arbeits- und dadurch brotlos, trieb immer mehr dem Verbrechersumpf zu. Schülermorde und sonstige Kriminalfälle, in denen halbe Kinder die Hauptrolle spielten, waren an der Tagesordnung, und füllten die spalten der Tageszeitungen. Helmut Daube hatte sein Abitur gemacht, mit glänzendem Erfolg, wie aus seinem Zeugnis hervorging, das er selber nicht mehr gesehen hat. Er sollte Theologie studieren und hatte in dem letzten halben Jahr Hebräisch in Privatstunden gelernt. B ihn sein Herz dazu trieb, oder die Überlegung seiner Eltern, da das Studium das billigste war, weiß ich nicht, wir waren ja schon Jahre im Ausland.
    Helmut hatte nach bestandenem Examen die 152 Großtante Kümken, die Mutter des Operetten Kümken, besucht, kam nachmittags zurück um abends einer Einladung zu einem Comes alter und junger Studiosi nach Buer zu folgen. Er hatte sich verspätet und musste allein gehen, war auch müde und ging ziemlich unlustig aus dem Hause. Es wurde sehr spät oder, vielmehr früh. Erst in den Morgenstunden standen die jungen neugebackenen Studenten, an der Buerer Landesstrasse und überlegten wie sie am besten nach Hause kommen sollten. Einige schlugen vor, ein Auto zu nehmen, vielleicht hat aber die Kasse dies nicht mehr erlaubt. Sie haben sich zu Fuß auf den Weg gemacht, und sich, als die Rathausuhr in Gladbeck gerade drei schlug, voneinander verabschiedet, drei wohnten im Ort, Helmut und sein Freund Hussmann hatten noch ein Stück gemeinsam die Rentforter Straße hinabzugehen, dann bog die Schultenstraße rechtwinklig ab. Hussmann hatte den weiten weg nach Rentfort 153 Was nun in den 15 Minuten nach der dritten Morgenstunde vor dem von einer Bogenlampe hell erleuchteten Eingangstor zum Vorgarten der Daubischen Wohnung geschehen ist, weiß bis zur Stunde niemand von uns Menschen. Bergleute gingen ab und zu im anliegenden Halb Haus lag der Nachbar, der Katholische Rektor, im Fenster des zweiten Stockwerks, uns sah, durch ein eigentümliches Geräusch geweckt, zur Straße herunter. „Da hat einer schwer geladen,“ berichtete er seiner Frau, „Er liegt bei Daube am Gartenzaun, auch kein Vergnügen in der kalten Nacht! Nein doch, er richtet sich auf. Jetzt geht er fort. Hat sich noch einmal aufgerappelt.“ Damit schließt Rektor Deese das Fenster, und geht wieder zu Bett.
    Auch Adolf Daube hatte das Geräusch im vorgarten gehört. Er dreht sich im Bett um, sieht am Wecker am leuchtenden Zifferblatt dass es ¼ nach 3 anzeigt, legt sich wieder hin und döset leicht hin; Dabei hört er von der anderen Straßenseite jemand sagen: „Bei Daube am Zaun liegt ein Besoffener!“ 154 und bald danach das Bergleute am Zaun stehen bleiben und dann ihre Stimmen: „Der ist ja tot!“ Er springt auf, zieht sich an, schaut beim heruntergehen schnell in das Schlafzimmer seines Jungen, und sieht dass das Bett unberührt ist, „Der schläft vielleicht bei Bekannten!“ geht es ihm flüchtig durch den Sinn und schon steht er auf der Straße zwischen all den Leuten, die sich inzwischen um den Toten gesammelt haben. Die Leiche liegt dicht am Zaun, der Schatten der Gartenstrauche durch die schaukelnde Bogenlampe erzeugt, bewegt sich über ihr hin und her. Ein Bergmann will das Gesicht sehen, will erforschen ob er ihn kennt. Da holt Adolf ihn zurück: „Erst die Polizei!“ Einer fährt mit dem Fahrrad nach Gladbeck, die anderen müssen zur Schicht. So kommt es, dass Adolf an diesem packfinsteren Morgen allein neben dem Toten steht. Wie es nun zuging, dass er an der Windjacke del liegenden rührte, und ihm dabei ein Stopfer im zweiten Knopfloch in die Finger geriet, wer kann das 155 nachher nacherzählen! Auf einmal stieg in ihm die grausige Ahnung auf: „Das ist ja bekannt!“ Was dann weiter geschah? Jeder, der Vater oder Mutter eines Jungen, hoffnungsvollen Sohnes ist und sich hineindenkt wie ihn ein ähnlicher Schicksalsschlag aufwühlen würde, der hat vielleicht eine schwache Vorstellung, von dem Schmerz und der Trauer der Eltern. Helmut wurde aufgebahrt und erst jetzt sah man, dass seine Leiche geschändet war. Damit wurde die Vermutung vieler, er habe Selbstmord begangen, von vorn herein wiederlegt. Er war an der Verandatreppe, wahrscheinlich von hintenüberfallen worden. Der Mörder hatte ihm mit einem scharfen Messer die Halsschlagader und die Kehle durgeschnitten, wie eine Blutlache an der Treppe erwies, hatte den Toten durch den Vorgartenweg durchs Tor auf die Straße an den Zaun geschleift, und dort die Leiche geplündert. Dabei hatte Rektor Deese zugeschaut, ohne zu ahnen was da vorging. Er sah auch den Mörder fortgehen, war der einzige der bezeugen konnte, dass es nur einer gewesen war. Aber wer? Diese Frage ist bis heute offengeblieben. 156 An der Beerdigung beteiligte sich ganz Gladbeck. Adolf und Elsbeth waren beide beliebt, hatten dort vom Anfang ihrer Lehrertätigkeit gewohnt und Helmut war einer der besten Schüler des dortigen Gymnasiums. Dazu kam die Tragik seines Todes in dem Augenblick, als sein erstes Lebensziel, das Abitur, erreicht war.
    Bekannte von uns aus Beur und Westerhalt, die nach Gladbeck gefahren waren, um sich dem Trauergeleit anzuschließen, schrieben mir, sie haben am Straßenrand gestanden, der große freie Hof sei schwarz vor Menschen gewesen. In irgendeinem Brief, von einer die näher and das Grab herangekommen war, stand ein mir bis dahin unbekanntes Zitat: „Sie ließen den Sarg in die Blumen hinab, mit Blumen füllten sie das Grab!“ Das alles machte den Toten nicht wieder lebendig, konnte aber dem Schmerz wohltun, soweit das möglich war. Arme Schwester, dich hat es ganz zerbrochen, dies Geschehen! Ja, hätte die Wunde nun langsam 157 heilen können, aber mit nichten, jetzt begann die Suche nach dem Mörder und lose Verhöre und Vorladungen wühlten stehts auf neue in ihr herum.
    Da war Herr Hussmann, der in der fraglichen Nacht, der mit Helmut die letzte Wegstrecke gegangen war, der sich „Freund“ nannte. Diese Freundschaft wurde jetzt von allen Seiten beleuchtet und da ergab sich etwas ganz Sonderbares: Helmut hatte längst versucht ihn von sich abzuschütteln, aber Hussmann hielt ihn mit eiserner Faust fest. Einer der Schulkammeraden war auf einer Ferienwanderung Zeuge geworden, wie Hussmann Daube das Gelenk verdreht und ihn danach gezwungen hatte, mit ihm das Nachtlager zu teilen. Auch Elsbeth erinnerte sich jetzt an einzelne Bemerkungen ihres Sohnes, aus denen hervorging, dass er mit dem Abitur vom Hussmann loskomme. Letzterer gab sich aller größte Mühe, Helmut zu veranlassen mit ihm dieselbe Universität zu beziehen. Vielleicht war zur Nachtwanderung dies Thema zur Sprache gekommen, wer weiß? Der eine Mund 158 war stumm und der andere beteuerte seine Unschuld. „Volkes Stimme, Gottes Stimme!“
    Bei der Beerdigung wurde Hussmann schon geraten, nicht daran teilzunehmen, da man für seine Sicherheit keine Garantie übernehmen könne und Szenen nicht erwünscht seien. Wann er in der Nacht nach Hause gekommen war, ist nachgewiesen worden, er gab an Helmut habe ihn nach Hause gebracht, und sei alleine zurückgegangen. Obwohl das zeitlich unmöglich war, Um Drei am Rathaus, eine viertel Stunde danach schon tot, blieb Hussmann bei der Behauptung, Helmut sei sehr ängstlich und der beste Läufer in der Klasse gewesen, er hätte sicher den Rückweg im Dauerlauf gemacht. Ein Blutbeflecktes Taschentuch und einem Blutfleck an den Schuhen und der Hose erklärte er mit Nasenbluten. In seiner Aktentasche fand man eine lederne Messerhülle, das dazugehörige Messer habe er schon lange im Garten verloren. Der Garten wurde umgegraben, ds Messer ganz verrostet gefunden. Frau 159 Kleibomer, seine Tante und Pflegemutter, hatte ihn geweckt als die Tat am Morgen wie ein Lauffeuer von Mund zu Mund ging. Sie und auch der Pflegevater des Jungen, waren sich sofort der Gefahr bewusst, die ihn in Verdacht brachten, und veranlassten ihn, bei Daubes einen Besuch zu machen. Er hat beiden Pflegeeltern immer wieder versichert, dass er Unschuldig sei und sie haben ihm bis zum Urteilsspruch geglaubt. Auch Adolf und Elsbeth haben ihm bei seinem Beistandsbesuch gesagt, dass sie ihm das nicht zutrauten. Später sind sie dann anderer Ansicht geworden. Das Verhalten des Jungen beim Anblick des Toten, und sein wortloses vor sich hinbrüten wurde so zerpflückt, in den späteren Verhandlungen. Seine Erklärungen dazu lauteten: „Was sollte ich dann sagen bei dem furchtbaren Jammer der unglücklichen Mutter!“ Das Schlussurteil lautete, nachdem er vom März bis November in Untersuchungshaft gesessen hatte, „Wegen Mangel an Beweisen, Freigesprochen!“ War er der Mörser, so war das Urteil milde, war er es nicht, lag eine Last auf sein ganzes späteres Leben und seiner Ehre. 160
    Die Kriminalpolizei verfolgte noch eine adere Spur. Da war ein junger Metzgergeselle, der einige Tage nach Helmuts Ermordung, durch einen Pistolenschuss seinem Leben ein Ende machte. Er war an dem fraglichen Morgen früh von zu Hause fortgegangen und nicht auf seiner Arbeitsstelle erschienen. Er solle, so wurde ermittelt, des Öfteren von Selbstmord gesprochen und auch die Äußerung getan haben, er wolle Gladbeck noch vorher eine Sensation liefern. Ein Schülermord war da eine, das wusste er von einem Berliner Vorfall, der wochenlang die Zeitungen füllte. Vielleicht hatte ihn ein böser Zufall Helmut Daube in den Weg geführt. Auch sein Mund war stumm und seine Angehörigen versuchten mit allen Mitteln, sein andenken von diesem Punkt fern zu halten. Noch eine dritte Lesung mit der Überschrift: „Die Juden gieren nach Christenblut!“ tauchte auf, aber auch diese Spur verlief im Sand. Wir erhielten von Verwanden und Bekannten die gesammelten Zeitungsberichte, und waren tief erschüttert. Ich hatte Helmut ja noch auf 161den Armen getragen, als die kleinen Episoden aus seiner Kindheit stiegen aus der Erinnerung auf. Auch Hussmann, den Vornamen weiß ich nicht mehr, war mir gut bekannt. Er war der jüngste von vier Brüdern, die während meiner Lehrerin Tätigkeit in Rentfort von ihrem Vater aus Guatemala bei Rektor Kleinbömer in Pension gegeben wurden. Frau Kleinböhmer war ihre Cousine. Fritz Kleinbömer behandelte sie mit eiserner Strenge, ob sie bei seiner Frau nachher liebe fanden, weiß ich nicht. Geld genug brachten sie ein, das war bei unserem Rektor die große Hauptsache. Einmal sah ich auch die Mutter der vier Brüder. Sie rauschte pelzverbrämt, von Seide knisternd auf dem Schulhof, eine imposante Erscheinung, und ließ ihres vier prächtigen Jungens antreten und Händchen geben. Dann schwirrte sie wieder ab, lebte in Weltb6adern. Wer oder womit sie das bezahlte, weiß ich nicht, auch nicht, ob sie von ihre, Mann geschieden war. Der Vater kam kurz vor dem ersten Weltkrieg aus Guatemala. Starb aber unterwegs und wurde in den Meeresfluten versenkt. Den Jüngsten, der jetzt der Mörder sein sollte, hatte ich in die Schule aufgenommen. 162 Wir, Felix und ich, redeten hin und her, konnten nicht glauben, dass er der Täter sei. Ja, den Mord , den konnte ein Affekt begangen haben, aber dann das andere, den Toten fortschleifen und ihm mit fachmännischem Schnitt die Geschlechtsteile abtrennen, war doch undenkbar. Diese Handlung war doch eher dem fremden, dem Metzgergesellen zuzutrauen, der die Schnitte aus seinem Beruf kannte und hunderte mal an Tieren gemacht hatte.
    Arme Elsbeth! Ich wusste wie wenig sie solchen Schicksalsstößen gewachsen war. Sie hat Wochen, ja Monate lang ganz apathisch im zu Bett gelegen und sich Jahre hindurch nirgends sehen gelassen. Ich bettelte lange, vergeblich um ein schriftliches Lebenszeichen von ihr, Adolf schrieb ganz verzagt, es schien fast, als wenn sie ihrem Sohn folgen wollte. Als Elisabeth ihr Abitur machte, das war ungefähr sechs Jahre später, konnte sie sich noch nicht aufraffen, um an der Schulfeier teilzunehmen, obwohl auch dies Kind ungewöhnlich begabt war, wofür sie bei der Feier die Abschiedsrede zu halten hatte. Wir sagten uns immer wieder: Wäre bei einem unserer Kinder etwas Ähnliches passiert, hätte die ganze 163 Familie einstimmig behauptet, daran wäre unsere Auswanderung schuld.

  • #2
    Prof. Dr.-Ing Walter L. Weingaertner

    Abschrift aus dee Autobiogrphie von Emma Hatzky, Schwester von Elsbeth Daube, Mutter von Helmut. Emma Hatzky ist 1971 in Brasilien verstorben. Walter Weingärtner ist Enkel von Emma Hatzky und im Besitz der 6 Bände der Autobiographie von Emma Hatzky.
    Soll ich nun gleich von dem letzten und schwersten Unglücknachrichten die uns in Briefen und Zeitungsartikeln über Helmut Daube erreichten?
    In Deutschland wurden die Zustände immer verwirrter. Die Jugend, arbeits- und dadurch brotlos, trieb immer mehr dem Verbrechersumpf zu. Schülermorde und sonstige Kriminalfälle, in denen halbe Kinder die Hauptrolle spielten, waren an der Tagesordnung, und füllten die spalten der Tageszeitungen. Helmut Daube hatte sein Abitur gemacht, mit glänzendem Erfolg, wie aus seinem Zeugnis hervorging, das er selber nicht mehr gesehen hat. Er sollte Theologie studieren und hatte in dem letzten halben Jahr Hebräisch in Privatstunden gelernt. B ihn sein Herz dazu trieb, oder die Überlegung seiner Eltern, da das Studium das billigste war, weiß ich nicht, wir waren ja schon Jahre im Ausland.
    Helmut hatte nach bestandenem Examen die 152 Großtante Kümken, die Mutter des Operetten Kümken, besucht, kam nachmittags zurück um abends einer Einladung zu einem Comes alter und junger Studiosi nach Buer zu folgen. Er hatte sich verspätet und musste allein gehen, war auch müde und ging ziemlich unlustig aus dem Hause. Es wurde sehr spät oder, vielmehr früh. Erst in den Morgenstunden standen die jungen neugebackenen Studenten, an der Buerer Landesstrasse und überlegten wie sie am besten nach Hause kommen sollten. Einige schlugen vor, ein Auto zu nehmen, vielleicht hat aber die Kasse dies nicht mehr erlaubt. Sie haben sich zu Fuß auf den Weg gemacht, und sich, als die Rathausuhr in Gladbeck gerade drei schlug, voneinander verabschiedet, drei wohnten im Ort, Helmut und sein Freund Hussmann hatten noch ein Stück gemeinsam die Rentforter Straße hinabzugehen, dann bog die Schultenstraße rechtwinklig ab. Hussmann hatte den weiten weg nach Rentfort 153 Was nun in den 15 Minuten nach der dritten Morgenstunde vor dem von einer Bogenlampe hell erleuchteten Eingangstor zum Vorgarten der Daubischen Wohnung geschehen ist, weiß bis zur Stunde niemand von uns Menschen. Bergleute gingen ab und zu im anliegenden Halb Haus lag der Nachbar, der Katholische Rektor, im Fenster des zweiten Stockwerks, uns sah, durch ein eigentümliches Geräusch geweckt, zur Straße herunter. „Da hat einer schwer geladen,“ berichtete er seiner Frau, „Er liegt bei Daube am Gartenzaun, auch kein Vergnügen in der kalten Nacht! Nein doch, er richtet sich auf. Jetzt geht er fort. Hat sich noch einmal aufgerappelt.“ Damit schließt Rektor Deese das Fenster, und geht wieder zu Bett.
    Auch Adolf Daube hatte das Geräusch im vorgarten gehört. Er dreht sich im Bett um, sieht am Wecker am leuchtenden Zifferblatt dass es ¼ nach 3 anzeigt, legt sich wieder hin und döset leicht hin; Dabei hört er von der anderen Straßenseite jemand sagen: „Bei Daube am Zaun liegt ein Besoffener!“ 154 und bald danach das Bergleute am Zaun stehen bleiben und dann ihre Stimmen: „Der ist ja tot!“ Er springt auf, zieht sich an, schaut beim heruntergehen schnell in das Schlafzimmer seines Jungen, und sieht dass das Bett unberührt ist, „Der schläft vielleicht bei Bekannten!“ geht es ihm flüchtig durch den Sinn und schon steht er auf der Straße zwischen all den Leuten, die sich inzwischen um den Toten gesammelt haben. Die Leiche liegt dicht am Zaun, der Schatten der Gartenstrauche durch die schaukelnde Bogenlampe erzeugt, bewegt sich über ihr hin und her. Ein Bergmann will das Gesicht sehen, will erforschen ob er ihn kennt. Da holt Adolf ihn zurück: „Erst die Polizei!“ Einer fährt mit dem Fahrrad nach Gladbeck, die anderen müssen zur Schicht. So kommt es, dass Adolf an diesem packfinsteren Morgen allein neben dem Toten steht. Wie es nun zuging, dass er an der Windjacke del liegenden rührte, und ihm dabei ein Stopfer im zweiten Knopfloch in die Finger geriet, wer kann das 155 nachher nacherzählen! Auf einmal stieg in ihm die grausige Ahnung auf: „Das ist ja bekannt!“ Was dann weiter geschah? Jeder, der Vater oder Mutter eines Jungen, hoffnungsvollen Sohnes ist und sich hineindenkt wie ihn ein ähnlicher Schicksalsschlag aufwühlen würde, der hat vielleicht eine schwache Vorstellung, von dem Schmerz und der Trauer der Eltern. Helmut wurde aufgebahrt und erst jetzt sah man, dass seine Leiche geschändet war. Damit wurde die Vermutung vieler, er habe Selbstmord begangen, von vorn herein wiederlegt. Er war an der Verandatreppe, wahrscheinlich von hintenüberfallen worden. Der Mörder hatte ihm mit einem scharfen Messer die Halsschlagader und die Kehle durgeschnitten, wie eine Blutlache an der Treppe erwies, hatte den Toten durch den Vorgartenweg durchs Tor auf die Straße an den Zaun geschleift, und dort die Leiche geplündert. Dabei hatte Rektor Deese zugeschaut, ohne zu ahnen was da vorging. Er sah auch den Mörder fortgehen, war der einzige der bezeugen konnte, dass es nur einer gewesen war. Aber wer? Diese Frage ist bis heute offengeblieben. 156 An der Beerdigung beteiligte sich ganz Gladbeck. Adolf und Elsbeth waren beide beliebt, hatten dort vom Anfang ihrer Lehrertätigkeit gewohnt und Helmut war einer der besten Schüler des dortigen Gymnasiums. Dazu kam die Tragik seines Todes in dem Augenblick, als sein erstes Lebensziel, das Abitur, erreicht war.

    Bekannte von uns aus Beur und Westerhalt, die nach Gladbeck gefahren waren, um sich dem Trauergeleit anzuschließen, schrieben mir, sie haben am Straßenrand gestanden, der große freie Hof sei schwarz vor Menschen gewesen. In irgendeinem Brief, von einer die näher and das Grab herangekommen war, stand ein mir bis dahin unbekanntes Zitat: „Sie ließen den Sarg in die Blumen hinab, mit Blumen füllten sie das Grab!“ Das alles machte den Toten nicht wieder lebendig, konnte aber dem Schmerz wohltun, soweit das möglich war. Arme Schwester, dich hat es ganz zerbrochen, dies Geschehen! Ja, hätte die Wunde nun langsam 157 heilen können, aber mit nichten, jetzt begann die Suche nach dem Mörder und lose Verhöre und Vorladungen wühlten stehts auf neue in ihr herum.
    Da war Herr Hussmann, der in der fraglichen Nacht, der mit Helmut die letzte Wegstrecke gegangen war, der sich „Freund“ nannte. Diese Freundschaft wurde jetzt von allen Seiten beleuchtet und da ergab sich etwas ganz Sonderbares: Helmut hatte längst versucht ihn von sich abzuschütteln, aber Hussmann hielt ihn mit eiserner Faust fest. Einer der Schulkammeraden war auf einer Ferienwanderung Zeuge geworden, wie Hussmann Daube das Gelenk verdreht und ihn danach gezwungen hatte, mit ihm das Nachtlager zu teilen. Auch Elsbeth erinnerte sich jetzt an einzelne Bemerkungen ihres Sohnes, aus denen hervorging, dass er mit dem Abitur vom Hussmann loskomme. Letzterer gab sich aller größte Mühe, Helmut zu veranlassen mit ihm dieselbe Universität zu beziehen. Vielleicht war zur Nachtwanderung dies Thema zur Sprache gekommen, wer weiß? Der eine Mund 158 war stumm und der andere beteuerte seine Unschuld. „Volkes Stimme, Gottes Stimme!“
    Bei der Beerdigung wurde Hussmann schon geraten, nicht daran teilzunehmen, da man für seine Sicherheit keine Garantie übernehmen könne und Szenen nicht erwünscht seien. Wann er in der Nacht nach Hause gekommen war, ist nachgewiesen worden, er gab an Helmut habe ihn nach Hause gebracht, und sei alleine zurückgegangen. Obwohl das zeitlich unmöglich war, Um Drei am Rathaus, eine viertel Stunde danach schon tot, blieb Hussmann bei der Behauptung, Helmut sei sehr ängstlich und der beste Läufer in der Klasse gewesen, er hätte sicher den Rückweg im Dauerlauf gemacht. Ein Blutbeflecktes Taschentuch und einem Blutfleck an den Schuhen und der Hose erklärte er mit Nasenbluten. In seiner Aktentasche fand man eine lederne Messerhülle, das dazugehörige Messer habe er schon lange im Garten verloren. Der Garten wurde umgegraben, ds Messer ganz verrostet gefunden. Frau 159 Kleibomer, seine Tante und Pflegemutter, hatte ihn geweckt als die Tat am Morgen wie ein Lauffeuer von Mund zu Mund ging. Sie und auch der Pflegevater des Jungen, waren sich sofort der Gefahr bewusst, die ihn in Verdacht brachten, und veranlassten ihn, bei Daubes einen Besuch zu machen. Er hat beiden Pflegeeltern immer wieder versichert, dass er Unschuldig sei und sie haben ihm bis zum Urteilsspruch geglaubt. Auch Adolf und Elsbeth haben ihm bei seinem Beistandsbesuch gesagt, dass sie ihm das nicht zutrauten. Später sind sie dann anderer Ansicht geworden. Das Verhalten des Jungen beim Anblick des Toten, und sein wortloses vor sich hinbrüten wurde so zerpflückt, in den späteren Verhandlungen. Seine Erklärungen dazu lauteten: „Was sollte ich dann sagen bei dem furchtbaren Jammer der unglücklichen Mutter!“ Das Schlussurteil lautete, nachdem er vom März bis November in Untersuchungshaft gesessen hatte, „Wegen Mangel an Beweisen, Freigesprochen!“ War er der Mörser, so war das Urteil milde, war er es nicht, lag eine Last auf sein ganzes späteres Leben und seiner Ehre. 160
    Die Kriminalpolizei verfolgte noch eine adere Spur. Da war ein junger Metzgergeselle, der einige Tage nach Helmuts Ermordung, durch einen Pistolenschuss seinem Leben ein Ende machte. Er war an dem fraglichen Morgen früh von zu Hause fortgegangen und nicht auf seiner Arbeitsstelle erschienen. Er solle, so wurde ermittelt, des Öfteren von Selbstmord gesprochen und auch die Äußerung getan haben, er wolle Gladbeck noch vorher eine Sensation liefern. Ein Schülermord war da eine, das wusste er von einem Berliner Vorfall, der wochenlang die Zeitungen füllte. Vielleicht hatte ihn ein böser Zufall Helmut Daube in den Weg geführt. Auch sein Mund war stumm und seine Angehörigen versuchten mit allen Mitteln, sein andenken von diesem Punkt fern zu halten. Noch eine dritte Lesung mit der Überschrift: „Die Juden gieren nach Christenblut!“ tauchte auf, aber auch diese Spur verlief im Sand. Wir erhielten von Verwanden und Bekannten die gesammelten Zeitungsberichte, und waren tief erschüttert. Ich hatte Helmut ja noch auf 161den Armen getragen, als die kleinen Episoden aus seiner Kindheit stiegen aus der Erinnerung auf. Auch Hussmann, den Vornamen weiß ich nicht mehr, war mir gut bekannt. Er war der jüngste von vier Brüdern, die während meiner Lehrerin Tätigkeit in Rentfort von ihrem Vater aus Guatemala bei Rektor Kleinbömer in Pension gegeben wurden. Frau Kleinböhmer war ihre Cousine. Fritz Kleinbömer behandelte sie mit eiserner Strenge, ob sie bei seiner Frau nachher liebe fanden, weiß ich nicht. Geld genug brachten sie ein, das war bei unserem Rektor die große Hauptsache. Einmal sah ich auch die Mutter der vier Brüder. Sie rauschte pelzverbrämt, von Seide knisternd auf dem Schulhof, eine imposante Erscheinung, und ließ ihres vier prächtigen Jungens antreten und Händchen geben. Dann schwirrte sie wieder ab, lebte in Weltb6adern. Wer oder womit sie das bezahlte, weiß ich nicht, auch nicht, ob sie von ihre, Mann geschieden war. Der Vater kam kurz vor dem ersten Weltkrieg aus Guatemala. Starb aber unterwegs und wurde in den Meeresfluten versenkt. Den Jüngsten, der jetzt der Mörder sein sollte, hatte ich in die Schule aufgenommen. 162 Wir, Felix und ich, redeten hin und her, konnten nicht glauben, dass er der Täter sei. Ja, den Mord , den konnte ein Affekt begangen haben, aber dann das andere, den Toten fortschleifen und ihm mit fachmännischem Schnitt die Geschlechtsteile abtrennen, war doch undenkbar. Diese Handlung war doch eher dem fremden, dem Metzgergesellen zuzutrauen, der die Schnitte aus seinem Beruf kannte und hunderte mal an Tieren gemacht hatte.
    Arme Elsbeth! Ich wusste wie wenig sie solchen Schicksalsstößen gewachsen war. Sie hat Wochen, ja Monate lang ganz apathisch im zu Bett gelegen und sich Jahre hindurch nirgends sehen gelassen. Ich bettelte lange, vergeblich um ein schriftliches Lebenszeichen von ihr, Adolf schrieb ganz verzagt, es schien fast, als wenn sie ihrem Sohn folgen wollte. Als Elisabeth ihr Abitur machte, das war ungefähr sechs Jahre später, konnte sie sich noch nicht aufraffen, um an der Schulfeier teilzunehmen, obwohl auch dies Kind ungewöhnlich begabt war, wofür sie bei der Feier die Abschiedsrede zu halten hatte. Wir sagten uns immer wieder: Wäre bei einem unserer Kinder etwas Ähnliches passiert, hätte die ganze 163 Familie einstimmig behauptet, daran wäre unsere Auswanderung schuld.

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