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Der öffentliche Raum ist (auch) eine Zumutung, und das ist gut so.


Wer hat eigentlich in die Welt gesetzt, dass unsere soziale und gebaute Umwelt zu unser aller Gefallen zu sein hat? Dass, kaum dass wir aus unserer mehr oder weniger unaufgeräumten und nicht ohne  persönliche Geschmacksverirrungen eingerichteten Wohnung treten, alles nach den Gesetzen der sozialen Harmonie und der äußeren Schönheit zu funktionieren hat?

Klar, ich will nicht gleich ins nächste Loch stolpern, wenn ich auf die Straße gehe. Erst recht will ich  nicht bei nächster Gelegenheit von Jemandem überfallen werden, wenn ich mich aus dem abschließbaren Schutz meiner vier Wände in die Außenwelt  begebe. Aber muss das Straßenpflaster deswegen  gleich meinem Geschmack entsprechen auf dem ich ansonsten sicher gehe?

Müssen die Häuser entlang meines Weges alle in den richtigen Farben und Proportionen gefasst sein und das städtische und landschaftliche Ganze irgendeinem ästhetischen Idealbild entsprechen? Müssen obendrein die Menschen die mir dabei begegnen ausnahmslos freundlich, zumindest aber in ihrem Äußeren meines Blickes würdig sein?

Menschen sind nun mal sehr unterschiedlich und Architekten nicht die Herren der Welt sondern nicht mehr und nicht weniger als die zeitweisen Angestellten ihrer jeweilige Bauherren. Wie soll da Harmonie und Schönheit hergestellt werden, ohne dass sich eine Meinung gegen alle anderen durchsetzt?

Wie soll aus der Zumutung durch die Anderen einen Anmutung für mich, ja für alle werden, ohne dass dabei die Individualität und Kreativität des Einzelnen geopfert wird? Ohne dass die gestalterischen Wünsche des Einzelnen in der Einheitlichkeit und Konformität von manipulierten Massenwünschen untergeht? Oder ist die Mehrheit per Demokratie befugt im öffentlichen Raum den Rest ästhetisch und sozial glatt zu schleifen.

Hat der Raum den wir uns alle teilen müssen ein solche uneinholbare Gesamtpriorität, dass wir uns alle ihm zu fügen haben? Genauer gesagt den Leuten, die sich seine Gestaltung zur Allgemeinwohlaufgabe gemacht haben? Den Politikern und öffentlichen Planern, die ihre gemeinschaftliche Vorstellung von Schönheit und Harmonie zur Regel, ja zum Gesetz machen?

Oder ist der öffentliche Raum als zu teilender Raum nicht per Definitionem ein Ort des Kompromisses, des tolerierten Widerspruchs, zumindest aber der unvermeidlichen Nichteinheitlichkeit, die es erst einmal nur zu ertragen gilt? Die nur in Ausnahmefällen soziale Harmonie und gestalterische Schönheit  bietet, und das erst recht nicht für alle gleichermaßen?

Ist ernst gemeinte Demokratie nicht per se unästhetisch und asozial? Zumindest aber kein Garant für ein öffentlich-allgemeines Wohlbefinden? Sollten wir, zumindest wenn für uns Demokratie und individuelle Freiheit einen Wert an und für sich darstellen, nicht Stolz auf ein gewissen Maß an  sozialer Widerborstigkeit und ästhetischer Gebrochenheit unsere Straßen und Plätz, unserer öffentlichen Treffpunkte sein.

Gestalterische Perfektion ist schon im vielen privaten Räumen ein deutliches, oft aber aus Rücksicht auf den Gastgeber nicht offen ausgesprochenes Kriterium  für Leblosigkeit, zumindest aber für visuelle Langeweile. Im öffentlichen Bereich führt zu viel einheitlicher Gestaltungswille, respektive Wunsch,  leicht zu ästhetischer Ödnis und Überraschungsarmut.

Im sozialen Bereich führen zu viele Verhaltensregeln im öffentlichen Raum zu nichts anderem als zu räumlicher Segregation, ja zu damit verbundener sozialen Diskriminierung.  Klar ist eine fliegende Bierflasche keine öffentlich zu duldende Form der Interaktion. Aber nicht jede getrunkene Bierflasche führt automatisch zum Wurf der gleichen.

Genauso wenig wie jeder Zigarette automatisch zum Krebs führt. Weder beim Raucher noch bei seiner unmittelbaren Umgebung. An jeder durchschnittlich befahrenen stätischen Straßenkreuzung nimmt der Mensch im Übrigen mehr kanzerogene Stoffe pro Zeiteinheit ein, als durch das sogenannte Passivrauchen in geschlossenen Räumen.

Abseits vom Straßenverkehr ist  das Leben im privaten Raum sowieso weitaus gefährlicher als auf der öffentlichen Straße. Dort geschehen die meisten Unfälle und Verbrechen. Vergewaltigungen werden sogar überwiegend  von Menschen aus dem Bekanntenkreis und zuhause begangen. Kindesmissbrauch sowieso. Auch beklaut wird man viel mehr in der Wohnung als auf der Straße oder in der Kneipe. Der freundliche Nachbar ist, ganz im Gegensatz zur landläufigen Mehrheitsmeinung, anscheinend gefährlicher als der unbekannte Fremde.

Den jedoch trifft man eher auf den Straßen und Plätzen in der Stadt. Näher kommt man  ihn besonders in den Kneipen, Clubs und Restaurants. Natürlich sollte man sich dort auch zusammen mit Freunden und Bekannten aufhalten, aber es gibt dort eben immer auch die Anderen, und damit die Chance jemand neues kennenzulernen, eine andere Meinung, ein anderen Lebensstil, ein andere Sicht auf und ein anderes Verhalten zum Leben.

Der öffentliche Raum ist also nicht nur Herausforderung sondern auch die Öffnung zum Ungewohnten, Überraschenden und Neuem. Im Positiven wie im Negativen. Wem das nicht passt, der sollte besser zuhause bleiben. Wer das aber wünscht, der sollte Toleranz mitbringen. Der sollte grundsätzlich und freiwillig  akzeptieren, dass es Menschen gibt die nicht so denken und leben (wollen) wie er selbst und das in seiner unmittelbaren räumlichen Nähe.

Natürlich gibt es dadurch auch Konflikte. Aber sie sind lösbar, in dem man den öffentlichen Raum so gliedert, dass unterschiedliche Nutzungen möglich sind, ohne dass eine Gruppe völlig zu verschwinden hat. So, dass die Begegnung alles mit allen ohne große Umstände möglich bleibt. In dem am Grenzen gestaltet, die nicht ausschließend dicht sondern einschließend-durchlässig bleiben.

Der Raum für Raucher in der Kneipe/Restaurant, der Freilaufbereich für Hundehalter im Park, der Extraparkplatz für Behinderte sind nur einige Beispiel dafür, dass räumliche Separierung nicht soziale Teilung zur Folge haben muss. Man bleibt gemeinsam im öffentlichen Raum. Keiner wird verwiesen oder durch seine räumliche Ausgliederung gegenüber den anderen benachteiligt.

Der Hundehalter bleibt im Park, der Behinderte hat keine längeren, sondern sogar einen kürzeren Weg und der Raucher muss beim Rauchen nicht im Regen stehen. So bleibt der öffentliche Raum nicht nur eine gemeinsamer sondern auch ein demokratischer Raum. Der andere wird nicht nur in seinem Anderssein geduldet, sondern kann sogar als Benachteiligter privilegiert werden. Diskriminierung findet dagegen in keinem Fall statt.

Das gleich gilt für die äußere Gestaltung des öffentlichen Raumes. Er darf schön sein, ja wir sollten seine Schönheit im Einzelfall auch fördern, aber er muss es nicht. Er muss vor allem funktionieren und das wirklich für alle. Bequeme und haltbare öffentliche Sitzplätz oder gepflegte öffentliche Toiletten z.B. sind Pflicht, Kunst am Bau, auf Straße  und Platz  sind Kür. Bürgersteige sollten vor allem breit (genug) aber nicht unbedingt mit Naturstein gepflastert sein.

Der öffentliche Raum ist auch kein Raum der Stille. Wer dort anderen begegnet will und soll kommunizieren. Wer anderen dort etwas zeigen oder vormachen will, sollte das nicht nur in Bewegung sondern auch in Tönen und Geräuschen tun dürfen. Die diesbezüglichen Regeln vor allem in Deutschland sind  so antiurban wie in kaum einem anderen Land. In NRW gilt schon das Klatschen bei oder nach einer Dichterlesung als eine Form des Lärms, die dem Veranstalter Bauauflagen schafft, die denen einer Diskothek gleichen.

Kulturförderung sieht auf jeden Fall anders aus. Dazu müsste der Gesetzgeber allerdings erst mal begreifen, dass Kultur nicht ohne Geräusche zu haben ist und dass das mehr oder weniger laute Gespräch zwischen Menschen auf der Straße und Plätzen dazu gehört. Dass das sie dort miteinander reden anstatt sich zu missachten oder sogar gegenseitig die Köpfe einzuschlagen, selbst als ein nicht zu unterschätzender kultureller Fortschritt zu betrachten ist.

Dass sie sich dabei nicht anbrüllen natürlich auch. Aber dass sie dabei auch lachen und scherzen, sich etwas zurufen oder sonst wie über die normale Gesprächslautstärke geraten ist ein Teil urbanen Lebens, der die Ordnungshüter eigentlich erfreuen statt erzürnen sollte. Deswegen sollte es in jeder Stadt Zonen geben, in denen eben diese Art des kulturellen Lärms erlaubt ist. In dem sowohl in als auch außerhalb der Gebäude eine stadtkulturelle Lärmbelästigung erlaubt ist, bzw. die bestehenden Regelungen außer Kraft gesetzt werden.

Eine Stadt sollte nicht nur eine Tages- sondern auch ein Nachtleben haben dürfen und das läuft nun mal nicht nach den Gesetzen der Harmonie. Das Nachtleben steht immer schon im Widerspruch zum ordentlichen Leben. Der nächtliche Lärm, dem früh aufstehenden Teil der Bevölkerung  ein besonderer Dorn im verschlafenen Auge, ist davon nur das äußere Zeichen.

Wer selbst einmal in besondere Weise und aus welchem Grunde auch immer der nächtlichen Ruhe bedurfte, kann das sogar, und ganz ohne die dazu unterstellte Spießigkeit, nachvollziehen. Die Kultur des abendlichen und nächtlichen Ausgehens bedarf aber trotzdem der gesetzlichen Unterstützung. In Ausgehvierteln sollten deswegen nur die wohnen (dürfen), die selbst eine gewisse Affinität zu dieser Art städtischer Kultur haben.

Zumindest aber sollte ihr diesbezügliches Klagerecht eingeschränkt werden.  Wer in ein existierende Szeneviertel zieht der weiß doch was auf ihn zukommt. So wie es Gewerbegebiete mit besonderen Lärmregelungen gibt, so sollte diese auch für Bereiche im Stadtgebiet geben, die als Treffpunkt auch für die gelten, die nicht dort wohnen. Sich öffentlich treffen und kommunizieren zu können ist nicht nur ein Grundrecht sondern macht eine Stadt erst aus.

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