Der Preis der Freiheit

Eugène Delacroix – Die Freiheit führt das Volk


In der aktuellen Krise müssen wir nicht nur beweisen, wer wir sind, sondern vielmehr definieren, wer wir zukünftig sein wollen. In welchem Maße sind wir als Gesellschaft bereit, gefühlte Sicherheit mit einem sicheren Verlust an Freiheit zu erkaufen?

Margaret Atwood formulierte in „The Handmaid’s Tale“, dass Freiheit nicht nur als Freiheit zu, sondern auch Freiheit von verstanden werden kann. In den ersten Tagen der Pandemie haben sich weltweit Stimmen überschlagen und in nahezu ekstatischen Exzessen den Verzicht auf Freiheit gefordert. Ausgangssperren, Lockdowns, Verbote, die Rhetorik konnte gar nicht scharf genug sein. Nach der französischen Revolution haben sich die Jakobiner gegenseitig darin überboten, ihr pro-revolutionäres Verhalten zur Schau zu stellen. „Jakobinertum“, als Synonym für willkürlichen Zerstörungsdrang, fand nachfolgend Eingang in den sprachlichen Kanon.

Ich kann das für mich klar beantworten, ein Leben in Unfreiheit ist für mich nicht erstrebenswert und in einem Land, das die Freiheit nicht kennt und schätzt, möchte ich nicht leben. Ich habe über drei Jahrzehnte Freiheit und Pluralismus genossen. Ich möchte meinen Kindern eines Tages eine Welt zeigen, in der Freude die starke Feder der ewigen Natur ist. Keine Welt, die von Abstand und Distanz dominiert werden muss. Es ist nicht nur verständlich, dass Menschen Szenarien für eine Rückkehr in die Normalität skizzieren, es ist auch zwingend notwendig. Die jetzige Situation darf sich niemals soweit verfestigen, dass sie zur Normalität verkommt. Die aktuelle Phase muss eine historische Ausnahme bleiben.

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie sind zwingend notwendig. Das Vorgehen basiert auf wissenschaftlichen Modellen, die einem klaren Ziel dienen und ich bin froh, eine Kanzlerin zu haben, die nicht von Krieg, von Kämpfen oder Schlachten spricht, sondern das Miteinander und die Fürsorge in den Mittelpunkt stellt. Die stoische Ruhe, mit der die Frau Bundeskanzlerin handelt und kommuniziert, ist beispiellos. In der historischen Betrachtung wird eines Tages hervorgehoben werden, dass Frau Merkel eine zu scharfe Wortwahl bewusst vermied. Auch, da sie noch präsent vor Augen hat, wie in der DDR aus Worten Taten wurden. Es ist erschreckend, wie schnell viele die Situation nicht nur als Normalität annehmen wollen, sondern sie gar nutzen, um polemische Propaganda zu betreiben. Besonders hervor stechen hierbei eindimensionale Systemkritiker, die endlich ihre Stunde gekommen sehen sowie jene, die in genüsslicher Blockwartmentalität die Vergehen anderer Menschen anzeigen.

Gerne wird kolportiert, die sukzessive Aufhebung der Maßnahmen sei ein Zugeständnis an die Wirtschaft, für das man bereit sei, billigend Menschen, vornehmlich Ältere, zu opfern. Selten haben sich Menschen so unsolidarisch an der Gesellschaft vergangen, wie mit derartigen Aussagen.

Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich überzeugter Liberaler bin. Und ungeachtet dessen, dass die starke deutsche Ökonomie die aktuelle Abfederung der Situation erst ermöglicht, ist die Wirtschaft aktuell meine geringste Sorge, ebenso wenig das Geld. Materielle Güter sind wiederbeschaffbar.

Was aber viel schwerer wiegt ist, mit welcher Willigkeit der Wert von Freiheit verkannt wird, von Familie, Freizeit, von sozialen Kontakten, Kunst, Kultur, Sport und Miteinander. Es gibt gute Gründe, wieso zahlreiche Menschen in Deutschland leben wollen. Es ist die Freiheit zu, die die Menschen lockt.

Zahlreiche Experten, hierunter die Deutsche Depressionsliga, rechnen mit einer deutlichen Zunahme an psychischen Erkrankungen, Gewalt und Suiziden. Alles hat einen Preis und auch die aktuellen Maßnahmen kosten Existenzen, Zukunft und vermutlich leider auch einige Leben. Sie tauchen nur nicht in der Statistik auf. Wer das verkennt, beweist nur zynischen Menschenhass. Freiheit ist nie kostenfrei. Im Straßenverkehr lässt sich nicht jeder Unfall vermeiden, nicht jede Gewalttat durch Bewegungsverbote und nicht jede Infektion durch Kontaktuntersagung. Freiheit hat immer und wird auch zukünftig Leben kosten. Es muss immer das Ziel sein, so viele wie möglich zu retten. Es wäre aber naiv zu glauben, immer jede und jeden retten zu können.

Freiheit ist das höchste Gut. Und sie hat jeden Tag einen hohen Preis.

Eine freiheitliche, demokratische Gesellschaft muss reflektiert mit dieser Ambivalenz umgehen und hierauf die richtigen Antworten finden. Selbstverständlich ist Augenmaß gefragt und aktuell bedeutet das, auf Kontakte zu verzichten, soweit nur möglich. Die Coronakrise stellt unweigerlich auch die Systemfrage. Welches System geht besser mit Krisen um, welches System bietet seiner Bevölkerung mehr Vorteile? Totalitäre Staaten wie China oder der Iran, die Freiheit von predigen oder aber Demokratien wie die Deutsche, die Freiheit zu ermöglichen?

Ein erheblicher Teil der Deutschen erträgt die aktuelle Situation, weil die Freiheit mit der Muttermilch aufgesogen wurde. Das deterministische Ziel aller aktuell getroffenen Maßnahmen ist die Verbreitung des Virus zu verlangsamen, das gesellschaftliche Ziel muss es sein, die Symbiose von Freiheit und Verantwortung im kollektiven Bewusstsein zu wahren und zu stärken. Ebenso, wie es die gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, die aktuellen Vorgaben des Infektionsschutzes umzusetzen, so ist es genauso die gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu verhindern, dass die hohen kulturellen, zwischenmenschlichen und auch wirtschaftlichen Schäden irreversibel werden.

„Ohne Bewußtsein, daß das, was wir denken, eben dasselbe sei, was wir einen Augenblick zuvor dachten, würde alle Reproduktion in der Reihe der Vorstellungen vergeblich sein.“ – Kritik der reinen Vernunft, Kant

Der Verstand muss vom Wert der Freiheit dominiert bleiben. Von der Lösung, nicht dem Problem. Andernfalls könnte es uns eines Tages nicht mehr gelingen, ebenjenen Freiheitsdrang zu reproduzieren. Wenn das Grundverständnis von Freiheit stirbt, dann sind alle verloren und niemand gerettet.

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[…] Situation positiv gegenüberstünde und den Verzicht auf Freiheit gerne durchlebe. Ich habe in meinem Beitrag vergangene Woche ausgeführt, dass „wir [in der aktuellen Krise] nicht nur beweisen [müssen], wer wir sind, […]

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