Der Westen steht für das Recht, nach dem eigenen Glück zu streben, nicht für die Idee einer Volksgemeinschaft im Elend

Impfung Foto: Ada McVean Lizenz: CC0

Ich habe alle Einschränkungen während der vergangenen Monate unterstützt. Ich trug eine Maske im Supermarkt und mied schon zu Beginn der Pandemie Clubs, als sie noch geöffnet waren, weil ich mich informiert hatte und es mir vernünftig erschien. Nein, einen Staat, der mir sagte, was ich zu tun und zu lassen hatte, benötige ich auch in der Pandemie nicht, aber dass er handelte, meiner Ansicht  nach oft zu spät und halbherzig, fand ich richtig.

Dass Grundrechte entzogen wurden, war für mich nachvollziehbar und ich litt auch nicht darunter. Das Problem ist das Virus, nicht die Maßnahmen des Staates. Was ich nie empfand war ein tiefes Gefühl irgendeiner großen Volksgemeinschaft anzugehören. So etwas ist mir in meinem tiefsten Inneren fremd.

Und klar war mir auch immer: Wenn die Bedrohung vorbei ist, will ich alle meine Grundrechte wieder haben, will ich wieder entscheiden was ich mache. Grundrechte sind kein Privileg, ich habe sie, weil ich ein Mensch bin.

Sobald ich die Möglichkeit dazu bekomme, werde ich mich impfen lassen. Und wenn klar ist, dass Geimpfte andere nicht mehr anstecken können, was im Moment nur eine noch bewiesene Hoffnung ist, sollten sie wieder normal leben können. Denn dass, was wir 2020 erlebt haben, war kein normales, selbstbestimmtes Leben, sondern ein Leben unter den – notwendigen – Zwangsbedingungen der Pandemie.

Der Staat will die Verfügung über die Impfstoffe und bestimmen, wie sie verteilt werden. Damit hat er auch die Pflicht, so viele Impfstoffe wie möglich zu besorgen. Das ist ihm bislang nicht gut gelungen. Daran muss nun 24 Stunden am Tag gearbeitet werden.

Und wer keine Gefahr für andere ist, hat das Recht, sein Leben wieder zu bekommen. Und natürlich haben Unternehmer das Recht, nur Geimpfte in eine Kneipe zu lassen, ein Hotelzimmer zu vermieten oder ein Flugticket zu verkaufen. Das geht den Staat nur etwas an, wenn andere durch so eine Regel gefährdet werden würden – was unter der oben genannten Bedingung, das Geimpfte nicht infektiös sind, nicht der Fall ist. Wenn Politiker nun von einer Solidarität der Geimpften mit den Nichtgeimpften reden, ist das zurzeit sicher noch ein Gespensterdebatte, aber das wird sich hoffentlich bald ändern. Die Vorstellung einer solidarischen Leidensgemeinschaft ist dem Westen fremd. Der Westen steht für das Recht des Einzelnen, nach dem eigenen Glück zu streben, nicht für die Idee eine Volksgemeinschaft im Elend. Dieses Recht, nach dem eigenen Glück zu streben, kann aus guten Gründen zeitweise eingeschränkt werden – zum Beispiel wenn eine Pandemie wütet. Aber fallen die medizinischen Gründe weg, darf kein Grundrecht mehr eingeschränkt werden. Und dass sich dadurch der Druck auf die erhöht, die sich nicht impfen lassen wollen, ist ein angenehmer Nebeneffekt. Den Politikern, die nun vor angeblichen Privilegien warnen, geht es nur darum davon abzulenken, dass sie bei der Beschaffung von Impfstoffen versagt haben – was um so deutlicher werden würde, je mehr Menschen darauf drängen, geimpft zu werden.

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ke
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2 Jahre zuvor

Es wird Zeit, dass Herr Spahn offenlegt, mit welchen Impfstoffen Deutschland aktuell plant. Das erinnert doch alles sehr an de Maiziere und seinem "verunsichern". Dass er sich ständig lächelnd vor Antworten drückt, ist nicht mehr zu akzeptieren. Der Gesundheitsminister hat sich viel Macht beschafft, aber wenig geliefert.

Schlimmer ist noch, dass sich Poltik/Verwaltung auf Impfstoffe verlassen und Nichtstun. Nur sind sie nicht da. Der Lockdown wird verlängert, ohne dass es eine Strategie oder überhaupt belastbare Daten über das Infektionsgeschehen gibt.

Ja, es erinnert an die Spätphase großer Reiche. Brot wird verteilt, Spiele wie Fußball laufen. Teams wie Wolfsburg sind im Bereich der Herdenimmunität. Der Staat wirkt immer weniger transparent.

Spannend bleibt noch, wie mit den Schulen umgegangen wird. Konzepte sind nicht erkennbar. Die Schulen ruinieren als Virenschleuder das Leben und die Wirtschaft. Vermutlich gibt es ein "Weiter so".

Es bleibt zu hoffen, dass es irgendwo auf der Welt Impfstoff geben wird. Ich werde ihn mir holen. Notfalls in Gesellschaften leben, die Corona bekämpfen und nicht nur verwalten. Die Globalisierung bietet Chancen. Sie müssen nicht in Deutschland genutzt werden.

Helmut Junge
2 Jahre zuvor

Wenn es Länder gibt, in denen jeder sich gegen cash impfen lassen kann, wird es bald einen Impftourismus in diese Richtung geben.

ke
ke
2 Jahre zuvor

@2 Helmut Junge
Wenn Sie Reiseangebote haben, dann bitte melden. Ich bin dabei.
Ich vermute, dass irgendwo ein chinesischer oder russischer Impfstoff in Lizenz produziert wird und dass dann auch entsprechender Gesundheitstourismus einsetzt.
Indien ist in dem Bereich auch sehr stark.

Emscher-Lippizianer
Emscher-Lippizianer
2 Jahre zuvor

Ich finde es schon sehr entlarvend, wenn die gnädige Gewährung von Grundrechten, die per brühningscher Notverordnung ohne parlamentarische Beteiligung entzogen wurden, als Gewährung von Privilegien bezeichnet wird. Diejenigen, die derartig sprechen, versuchen ihr eigenes Versagen zu kaschieren. In Israel wird das Passahfest dank ausreichender Impfung wahrscheinlich normal gefeiert werden, während hier die 40-tonner eine armselige Kiste Impfstoff durch die Gegend fahren. Hauptsache wir haben einen "Ethikrat", der sagt, wie der Mangel am ethischsten verwaltet werden kann. Und nebenbei meldet sich Schwarzgeld-Schäuble, daß das zahnlose Parlament mit als erstes geimpft werden muß. Da soll man nicht vom Glauben abfallen?

Björn Wilmsmann
Björn Wilmsmann
2 Jahre zuvor

Ich stimme der Aussage des Artikels völlig zu.

Allerdings ist es mitnichten so, dass die "Idee einer Volksgemeinschaft im Elend" dem Westen generell fremd wäre.

Nietzsche hat dieses Konzept als "Sklavenmoral" bezeichnet, welche mit der Herrenmoral (hier ausgedrückt durch das "Recht des Einzelnen") in einem Spannungsfeld steht. Dieses Spannungsfeld war und ist prägend für die Entwicklung westlicher Gesellschaften.

Es findet Ausdruck in Christentum und Aufklärung. In Marktwirtschaft und Kommunismus. In Sozialdemokratie und Liberalismus.

Nansy
Nansy
2 Jahre zuvor

"Und klar war mir auch immer: Wenn die Bedrohung vorbei ist, will ich alle meine Grundrechte wieder haben, will ich wieder entscheiden was ich mache."

Stefan, das will ich auch! Andere haben aber ganz andere Vorstellungen vom Leben nach der Pandemie. Der SPD Gesundheits und Demokratrie Experte Karl Lauterbach (Spiitzname Klabauterbach) hat seine Vision vom Leben nach der Pandemie in einem Interview in der "Welt" so formuliert: „Somit benötigen wir Maßnahmen zur Bewältigung des Klimawandels, die analog zu den Einschränkungen der persönlichen Freiheit in der Pandemie-Bekämpfung sind."

Unsere Grundrechte werden wir uns also wieder erkämpfen müssen, wenn die Fraktion der Weltretter ans Ruder kommen sollte. Grünen und Linksfraktion hat man solche Vorstellungen schon zugetraut – SPD Politiker hat man in diesem Zusammenhang erst mal nicht auf dem Schirm.
Die Presse scheint hier auch in Deckung gegangen zu sein – was früher zu einem Aufschrei in den Medien geführt hätte, wird hier schlicht totgeschwiegen. Vielleicht ist Lauterbachs Zukunftversion ja bei vielen Journalisten durchaus nachvollziehbar?
Die Idee eine Volksgemeinschaft im Elend scheint einigen doch nicht mehr fremd zu sein.

Wolfram Obermanns
Wolfram Obermanns
2 Jahre zuvor

Für eine Übergangszeit des Impfstoffmangels ist eine Antidiskriminierungsregel m.E. akzeptabel. Über die Frist kann man streiten. Geht man von einer Impfkapaziät von 300000/d, wären binnen eines Jahres alle, die wollen geimpft.
Spätestens dann hätte jedermann und jede Frau das Recht, die Folgen der eigenen Entscheidung zu tragen.

kassandro
kassandro
2 Jahre zuvor

Von einer Volksgemeinschaft im Elend will keiner etwas wissen. Ich möchte es deshalb so formulieren: Der Westen, also der Kapitalismus, stellt das Individuum über die Gemeinschaft. In der Corona-Krise ist dieser Grundsatz etwas unter die Räder geraten, und es gibt einige, die wollen, dass das so bleibt.

Solange es mehr Impfwillige als Impfmöglichkeiten werden die Politiker mit allen Mitteln versuchen, den Geimpften jegliche Priviligien vorzuenthalten, da man Drängelei beim Impfen mit allen Mitteln vermeiden will. Das wird sich dann drastisch ändern, wenn die Impfzentren leeerstehen. Dann werden Impfverweigerer in beispielloser diskriminiert werden.

Lehmbruck
Lehmbruck
2 Jahre zuvor

Die Angst, dass vor der Bundestagswahl ein Teil der Wähler der CDU den Urlaub auf Balkonien verbringt und den andereren neidisch zusehen muss und plötzlich fragt, ob Merkel und Spahn, Söder, Laschet und Bouffier wirklich alles so toll gemacht haben, ist angesichts von zu wenig Impfstoff durchaus real.

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