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Deutschland zahlt in der Corona-Pandemie den Preis für 50 Jahre Technikfeindschaft

Technik hat keinen guten Ruf – der Protest gegen sie leider schon.


Dass die Bundesrepublik im Bereich der Digitalisierung ein Entwicklungsland ist, ist ein Skandal. An dem trägt aber nicht nur die Politik Schuld. Sie folgte nur der seit über 50 Jahren vorherrschenden Technologieskepsis der Bevölkerung.

Kein digitaler Impfausweis, eine Corona-App, deren bedeutendster Effekt ist, dass sie auf dem Smartphone Speicherplatz kostet, Gesundheitsämter, die weiter auf das FAX setzen und ein NRW-Gesundheitsminister, der damit kokettiert, dass er Zuhause kein schnelles Internet hat, Schulen ohne WLAN, zusammenbrechende Unterrichtssoftware… Hab ich was vergessen? Bestimmt. Die Liste der Erbärmlichkeit kennt kein Ende. Deutschland ist im Bereich der Digitalisierung nicht mehr als ein Schwellenland. Das kann und muss man der Politik vorwerfen, die das Thema in den vergangenen Jahrzehnten wider besseren Wissens nicht angegangen ist und seit den 80er Jahren Besserungen verspricht, die dann doch nicht eintreten. Das Versagen ist episch.

Was man aber auch nicht vergessen darf ist, dass es sich für Politiker meistens nicht gelohnt hat, für die Digitalisierung einzutreten. Wo sie es tat, ja, sogar wo sie sich ihr nicht entgegenstellte, war ihr Protest sicher. Als das Mobilfunknetz ausgebaut wurde, hagelte es in vielen Städten, oft unterstützt von den Fraktionen der Grünen in den Räten, Proteste. Egal wie viele Studien belegten, dass Mobilfunk nicht gefährlich ist und ein dichteres Netz sogar die Strahlung minimiert, es gab endlose Diskussionen von berufsbetroffenen Technikfeinden. Ja, die Verkabelung mit Glasfaser ist eine Tragödie, aber es gab in den 80er und 90er Jahren massive Proteste gegen die Verkabelung, die Volkszählung und auch gegen die Digitalisierung der Telefonnetze. Auch hier waren die Grünen, Bürgerinitiativen und Aktivisten vorne mit dabei. Während die amerikanische Linke die Digitalisierung begrüßte, war man in Deutschland in romantischer Tradition skeptisch und so Anschlussfähig an tiefreaktionäre Milieus. Bei der Ablehnung des technischen Fortschritts war man sich schnell einig.

Das Wort Daten wird in Deutschland mit dem Wort Datenschutz zusammen gedacht. Hier will man kein Risiko eingehen, was allerdings in der Pandemie Leben und Freiheit kostet: Keine App sagt einem, wie in Korea zuverlässig, wann man Kontakt mit einem Infizierten hatte, der Digitale Impfpass soll, sagt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) noch in diesem Jahr kommen. Die Chancen stehen gut, dass er das Herbst vergessen hat – zu spät ist es heute schon: Mit dem Beginn der Impfungen hätte der Pass da sein müssen.

Technik löst in Deutschland in breiten Teilen der Bevölkerung nicht Neugier und Begeisterung aus, sondern Angst. Das hat schon lange wirtschaftliche Folgen: Das Land steigt aus einer Technologie nach der anderen aus, ohne in neue Technologien einzusteigen. Wer sagt, dass er Angst hat, wird ernst genommen und gehört- so unsinnig seine Bedenken auch sein mögen und kann sich der Aufmerksamkeit aller sicher sein: Ob Stromtrassen, Neubauten oder Gewerbegebiet – wer dagegen ist, gilt als edler Aktivist. Es herrscht eine lähmende Vollkaskomentalität und die Pandemie deckt die Folgen brutal auf.

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10 Kommentare zu “Deutschland zahlt in der Corona-Pandemie den Preis für 50 Jahre Technikfeindschaft

  • #1
    Mawa

    Ich empfehle allen die Worte von Herrn Schäuble aus des gestrigen Maischberger Sendung. Er beschreibt dort ausführlich, welchen Preis wir für eine EU-Bürokratie in Kauf nehmen müssten. Wenn es da weiter lang geht, dann kann man es für Deutschland vergessen.

  • #2
    Mathias Schmidt

    Es ist wirklich peinlich, dass deutsche Schulen zwar vom Datenschutz traktiert werden, aber ihnen keine funktionierende datenschutzkonforme Videokonferenzlösung für Online-Unterricht zur Verfügung gestellt wird. Und das obwohl es Open Source Lösungen gäbe. Und ein Startup wie Zoom schafft das mal eben – nur halt wenig datenschutzkonform. Man muss nicht jedem Trend hinterherlaufen aber die technische Ausstattung der Schulen ist beschämenswert für ein Industrieland. Lehrer werden mit analoger Bürokratie überhäuft. Anstatt sie mit digitalen Tools und Lehrmitteln auszustatten ist Tipp-Ex ihr bester Freund beim Ausfüllen von diversen Formularen.

    Albern im Artikel ist nur die Konzentration auf die Grünen. Das ist ein Haltungsproblem aller Parteien. Ein Problem der Deutschen.

  • #3
    Hans Meier

    Ihre Kritik, Herr Laurin, ist richtig und wird trotzdem vom politischen Establishment nicht gehört.
    Da sich unter den Berufspolitikern ein Opportunismus verselbständigt hat die persönlichen und finanziellen Karrieren als Hauptanliegen voranzutreiben, werden die Grundlagen die der Bevölkerung und der Wirtschaft eine intelligente Perspektive erhalten könnten, vernachlässigt.
    Die Rolle der Medien, die mehrheitlich nicht die Ingenieure als Fachleute für intelligente Technik und das Funktionieren von Vernunft in das Bewusstsein der Bevölkerung tragen, das ist eine der Ursachen warum in Deutschland die politisierenden Idioten ständig Pressepräsenz haben, obwohl sie seit Jahren nichts gebacken kriegen.
    Diese Technikfeindlichkeit hat Kultfiguren, wie dicke alte Berufsfunktionärinnen, denen das Wohl oder die Zukunft des Landes doch völlig am Gesäß vorbei gehen, und zu allem wahnhaften Rausch applaudiert die grün-linke Haschmich-Clique. Wie bekloppt oder gehässig muss man sein, um solche Sabotage-Politik gegen die Bevölkerung und die Wirtschaft zu verüben?

  • #4
    Bochumer

    Mmmhhh… alle Deutschen sind Technikfeinde, soso… Die Smobies, SUV-Fahrer und Amazon-Kunden bilde ich mir wohl nur ein.
    Es gibt übrigens wichtige Erkenntnisse aus der Forschung. Zum Klima… schon mal gelesen?

  • #5
    ccarlton

    Die deutsche Staatsgläubigkeit sollte nicht unerwähnt bleiben, die schon im Begriff vom Vater Staat zum Ausdruck kommt: Die Obrigkeit ist kundig und will nur unser Bestes. Das schallt den Michels auf allen Kanälen und in allen Gazetten entgegen.

  • #6
    Helmut Junge

    Die Marslandeoperation der USA vor wenigen Tagen wurde nur vom ARD alpha gesendet. Ich hatte geguckt. Ja, ich war es lieber Sender! Am nächsten Tag habe ich mir die Enschaltquote ansehen worden. Aber dieser Sender hat eine Einschaltquote nahezu gegen Null. Früher sind die Leute Nachts aufgestanden, um solch ein Ereignis zu sehen.

  • #7
    Helmut Junge

    @Bochumer, "Smobies, SUV-Fahrer und Amazon-Kunden" müssen von Technik überhaupt nichts verstehen, weil das Statussymbole sind, die man zeigt. Die Benutzer können im Prinzip sogar Strohdumm sein und diese Spielzeuge trotzdem nutzen. Sie müssen doch nicht wissen, wie das Licht in den kleinen Lämpchen entsteht. Ja theoretisch könnten sie sogar Technikfeinde sein, weil es für diese Auffassung keinerlei Bildungsvoraussetzung gibt.

  • #8
    Wolfram Obermanns

    Ich muß gestehen, die Wünsche zur Datenvermehrung aus der Politik können auch bei mir keine rechte Begeisterung auslösen. Nicht daß ich 84-Phantasien hätte, nein, ich denke eher an Brazil.

    Wie im Cicero nachzulesen ist, bekommt Deutschland im GHS-Index bei der Kategorie Vernetzung 0, in Worten Null, Punkte. Daten sind da, man weiß nur nix mit ihnen anzufangen.
    Einmal mehr zeigt sich Vater Staat als Daten-Messie.
    Bei so einem Chaoten kann schon öfter mal was schief gehen. Mein 122 Jahre alter Sohn jedenfalls, hat einen Maskengutschein erhalten.
    Der Verdacht, daß so ein Umgang mit Daten auch weniger erheitertende Konsequenzen haben könnte, ist naheliegend. Abrisse von alten Häusern, für die keine Grundbucheintragung auffindbar war, sind häufiger dokumentiert.
    Alte Leute, die keine vordringliche Impfberechtigung haben, wird es mit einiger Sicherheit ebenfalls geben.

    Die beste Technik nützt nichts, wenn keiner da ist, der damit umgehen kann. Wenn manche Gesundheitsämter keine aktuelle Software einsetzen wollen, ist das zudem aber noch mal was anderes, als Behörden, die gerne ein Technik-Update hätten (wie z.B. sicheren Funkverkehr) und es nicht bekommen oder Dekaden darum betteln müssen.

    Diese globalgalaktisch für Deutschland festgestellte Technifeindlichkeit jedenfalls, besteht so nicht.
    Man wird sich schon die jeweiligen Ämter, das Personal dort und die Politik mit diesen genauer anschauen müssen, wenn man die diversen Knoten lösen will.
    Macht doch mal ‘ne Recherche wo SORMAS nicht eingesetzt wird und lasst die Herrschaften Amtsleiter und Bürgermeister mal erklären warum nicht. Ihr könntet dann wahrscheinlich ein Ruhrbarone-Titanic-Magazin auf machen, das sich nach Coroana noch als gebundenes Buch verkaufen ließe.

    Es gibt stockkonservative Milieus, die sich neuer Technik widersetzen, keine Frage.

    Von der SPD hieß es mal, die letzte technische Neuerung, die dort begrüßt worden sei, sei das Farbfernsehen gewesen. Von dieser Grundhaltung hat sich die Partei, ihr Ableger und Verwandte bis heute nicht lösen können. Jedenfalls berichten Software-Anbieter für die öffentliche Hand bei Einführung und Umsetzung von Softwarelösungen von einem klaren Süd-Nord und CDU-SPD-Gefälle, wobei Geographie tendenziell Parteinähe dominiert, es scheint zunächst vor allem eine regionale Kulturfrage zu sein. (Wobei Ba-Wü gerade vorturnt, daß das ganz schnell doch wieder anders aussehen kann.)

    Weiter rechts sieht es nicht unbedingt viel besser aus. Verspricht das Produkt die schnelle Mark, d.h. es wird damit geworben, daß das so sei, schon setzt dort das Denken aus. Man denken nur an den KI-Hype. Eine Technik die mir heute bei Amazon als nächstes das Produkt empfiehlt, das ich gerade gekauft habe. KI wird in unseren Alltag einziehen, aber mit einiger Sicherheit nicht so, wie es heute versprochen bzw. angedroht wird. Von daher kann ich es verstehen, wenn Innovation zunächst mal als wenig glaubwürdig wahrgenommen wird.

  • #9
    Psychologe

    Gut auf den Punkt gebracht. Ich kenne noch viele Menschen, die sich wichtiges auf jeden Fall immer ausdrucken oder handschriftlich notieren ("das brauche ich für mich"). "Schwarz auf Weiß", Bargeld, Sparbuch. Das sind die feuchten Träume der Deutschen.
    Mein Traum hingegen: Alles ist Cloud.
    Nennen wir sie "one". In "one" kann ich mein Auto anmelden, aber auch all meine Rechnungen einsehen. Und meine Fotos Ich kann auch nochmal nachschauen, wo ich mich vor drei Wochen genau aufgehalten habe und Bookmarks anlegen.. Ich mache dort auch meine Steuererklärung. Alles, was ich brauche ist ein biometrischer Login und…
    …spätestens hier stellen sich bei den meisten Menschen die Nackenhaare auf.
    Es sollte nicht vergessen werden, dass der "Bedenkenträger" in Deutschland nahezu einem akademischen Grad gleichkommt. Es wirkt so edel, so weise und erhaben, bedenken zu haben. Wer völlig durchgeistigt ist, der ist in Deutschland Bedenkenträger. Der Bedenkenträger liebt den Schmerz der Existenz und die Verzweifelung an der Moderne. Und die Menschen lieben ihn dafür. Ein Volk, das sich an seiner eigenen Bräsigkeit berauscht und auch noch denkt, zur Speerspitze zu gehören.
    Bloß die Ortungsdienste am Handy ausschalten, man navigiert noch mit Tom-Tom.
    Kulturpessimismus, Du bist ein Meister aus Deutschland

  • #10
    Josef König

    Moin, nur ein kleiner Hinweis: Ob die Aufgabe der analogen Telefonleitungen wirklich der Weisheit letzter Schuss war, kann man skeptisch betrachten. Wenn Strom ausfällt, versagt die VOiP, die früheren analogen Telefone hatten eigene Stromversorgung und blieben in dem Fall funktionsfähig.

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