Die anderen als Verdächtige – Warum die „Wokeness“ am Ende ist

Demonstranten in Kanada Foto (Ausschnitt): JMacPherson Lizenz: CC BY 2.0


„Woke“ war das Schlagwort eines neueren Zeitgeistes. Es stand im Kern für gut gemeinte soziale Kontrolle gegenüber allem, was nicht dem jeweils aktuellen Standard der Political Correctness entsprach – einem Standard, dessen Maßstäbe die Anführer dieser Bewegung selbst festlegten. Von Anfang an enthielt dieser Begriff jedoch auch die Neigung zu Fanatismus und dem Aufbau geschlossener Feindbilder, so vernünftig und gemäßigt er zunächst erschienen war.

Zweifellos müssen Rassismus, Sexismus und Homophobie bekämpft werden, wenn die Welt menschlicher und vernünftiger werden soll. Ernährung sollte gesünder, das Leid von Tieren – selbst Nutztieren – möglichst gering und wissenschaftliche Erkenntnisse zu Klimawandel und Viren sollten anerkannt werden. Diskriminierung schadet jeder Gesellschaft. So weit, so gut.

Das Problem liegt jedoch darin:

  1. dass Vorurteile und Irrationalität feste Bestandteile der menschlichen Psyche sind,

  2. dass sie eng mit Sozialisation, Milieu und Gruppenzugehörigkeit verbunden sind, und

  3. dass in einer Demokratie alle Gruppen das gleiche Recht haben, auch irrationale Ansichten zu äußern und ihnen zu folgen.

Wie sollte Freiheit sonst begründet werden, wenn ein Mensch nicht das Recht hätte, aus Sicht anderer falsch zu liegen oder falsch zu handeln? Wie wäre Religionsfreiheit denkbar, wenn nur eine Religion als legitim gelten dürfte? Wie Liebe möglich, wenn Menschen einander nur bei völliger Übereinstimmung zugetan sein könnten?

Natürlich braucht es gesellschaftliche Regeln, die verhindern, dass Irrationalität und Vorurteile Schaden anrichten. Vollständig ausmerzen lassen sie sich jedoch nicht – außer in einer Diktatur. Und selbst dort würden sie überleben, im Untergrund wachsen und nach dem Ende des Systems umso stärker zurückkehren.

Weder Verbote noch Predigten, weder Umerziehung noch Strafen können Vorurteile beseitigen. Sie können sie nur zeitweise unsichtbar machen. Auch die viel gerühmte Achtsamkeit hilft nicht, wenn das Kritikwürdige gar nicht mehr ausgesprochen werden darf. Von spontaner Achtsamkeit zur systematischen Wachsamkeit war es nämlich nur ein kleiner Schritt – und dieser führte bei der „Wokeness“ zu neuen Sprachregelungen, die als Empfehlungen daherkamen, aber faktisch sozial sanktioniert wurden.

Die Eskalation verlief – und verläuft – klassisch: von Missachtung über Verachtung zu Mobbing und sozialem Ausschluss. Das Mundtotmachen Andersdenkender wurde als legitime Gegenrede dargestellt. Funktionierte das nicht, wurde das Niederbrüllen und Verhindern unerwünschter Meinungen zur Ultima Ratio der Bewegung. Doch wenn die „Cancel Culture“ die eigenen Aktivisten traf, schlug die moralische Überheblichkeit plötzlich in empörten Opferstatus um.

Dieser Fanatismus des Generalverdachts, genährt vom Gefühl unerschütterlicher moralischer Überlegenheit, hat die Achtsamkeit vom gut Gemeinten ins Schlechtgewordene verwandelt. Als wären Vernunft und Objektivität selbst nicht Gegenstand von Streit und Forschung. Als könne es eine ernsthafte Debatte geben, deren Ergebnis von Anfang an feststeht.

Kurt Tucholsky schrieb einmal weise-ironisch, Toleranz sei der Verdacht, der andere könne recht haben. Nimmt man diesen Satz ernst, wird sichtbar, wie intolerant die Wokeness geworden ist. Toleranz ist keine Einbahnstraße. Eine Debatte ist entweder offen – oder sie ist keine. Die Tugend der Toleranz verlangt Aufmerksamkeit, nicht Achtsamkeit.

Achtsamkeit mag als persönliche Haltung wertvoll sein, weil sie zur selbstkritischen Infragestellung eigener Vorurteile und Privilegien führen kann. Als politisch-moralische Bewegung jedoch fördert sie systematische Wachsamkeit gegenüber vermutetem Fehlverhalten – sichtbar schon an einer unpassenden Formulierung oder, wie beim Klischee vom „alten weißen Mann“, allein an Alter und Hautfarbe. Damit wird sie zum Generalverdacht gegenüber ganzen Gruppen. So verwandelt sich Wokeness in die kleine Schwester einer Tugenddiktatur, die Menschen bereits bei bestimmten Stichwörtern verurteilt und jede Nachfrage als feindlich deutet. Der Gegner gilt schon dann als solcher, wenn er unabsichtlich „zuschlägt“ – und muss folglich „bekämpft“ werden.

Denn wie jede Weltverbesserungsbewegung hat auch die Wokeness ihre idealistischen Eiferer, ihre politischen Propagandisten und ihre ökonomischen Profiteure: Fanatiker, Antreiber, parteiliche Lautsprecher und bezahlte Experten. Woke wurde woker, und wer nicht woke genug war, geriet selbst unter Verdacht. Die Regeln wurden immer komplizierter und rigider, und die öffentlichen Medien trugen sie meistens unhinterfragt weiter. Ja, sie wurden selbst zu Propagandisten und ihre Journalisten ungefragt zu sprachlichen Vorreitern.

Diese Entwicklung irritierte selbst Überzeugte und verärgerte zunehmend jene, die eigentlich bereit waren, mitzugehen. Letztere kamen – abgesehen davon, dass sie zunehmend andere Sorgen bekommen haben – einfach nicht mehr mit. Vor allem aber lieferte die damit verbundene, gegen jede Kritik immune Bunkermentalität der Aktivisten immer mehr Wasser auf die Mühlen derer, die mittlerweile selbst eine Gegenbewegung gebildet hatten.

Schlimmer noch: Selbst die, denen die Wokeness immer schon egal war, weil sie in ihrem Alltag weder als Personen noch mit ihren Ideen vorkam bzw. keine Rolle spielte, hatten nun ein offenes Ohr für die Demagogen und Propagandisten der Antiwokeness – und sorgen, neben anderen Gründen, für immer höhere Wahlprognosen bzw. Wahlerfolge der Parteien und/oder Politiker, die sich diese auf ihre Fahnen geschrieben haben. Und das nicht nur in Deutschland, sondern fast in ganz Europa – und vor allem in den USA.

Damit hat die Wokeness ihren Peak überschritten und wird zur Resterampe für die, die ihr immer noch anhängen. Man verteidigt, was noch übrig bleibt, bildet letzte Bastionen gegen das unaufhaltsame Rollback. Selbstkritik wird endlich laut, kommt aber viel zu spät, um noch etwas zu ändern – während die Gegner immer mächtiger werden. Am Ende wird, wie es aussieht, nicht einmal das Gutgemeinte an der Wokeness übrig bleiben – und das hat die Bewegung nicht nur ihren Gegnern, sondern auch sich selbst zuzuschreiben.

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Wolfram Obermanns
Wolfram Obermanns
1 Monat zuvor

Dazu kommt:Wem gegenüber ist man „woke“?
Deplorablem White Trash schon mal bestimmt nicht.
Was hat sich die woke Szene über dieses menschenverachtende Statement gefreut, Kommentarspalten und „Satire“sendungen feierten die eigene Überlegenheit ab!

Gendergerechte Sprache wäre so gerne inkludierend (gewesen) und hat sich doch nie gefragt, wen man womöglich mit diesem hippen Szenesprech, dieser Herrschaftssprache exkludiert.

Zentral war/ist die paternalisierende Attitüde, Widerspruch von Betroffenen wurde mit einer Stigmatisierung als „Haussklave“ beiseite gewischt.

Und last but not least, die feine Abstufung bei Sexismus und Rassismus: Transsexuell schlägt queer schlägt feministisch, schwarz schlägt farbig schlägt südländisch.
Man hat ein dezidiertes Kastensystem der Identitäten konstruiert, bei dem weiße, hetero Juden meistens als das Letzte verortet werden. Im Vergleich mit diesen glaubte noch jeder seine „Opfergeschichte“ erzählen zu können.

Armut an und für sich interessiert hingegen nicht die Bohne. Armut wird gerne mit „rechts“ (deplorable) assoziiert und ins PAL-Feld entsorgt.

Wokeness hat, seit sie über den Atlantik bis nach Deutschland geschwappt ist, erhebliche Probleme mit Sozialchauvinismus, Sexismus, Rassismus und Privilegiengeilheit, denn natürlich wird häufig ob dem Grad der eigenen Erleuchtung eine barwerte Vergütung von der Gesellschaft erwartet.
Darum ist Wokeness auch noch nicht am Ende, es lebt so mancher nicht schlecht davon, der sonst als intellektuell diskriminiert auffallen würde.

Unterm Strich ist Wokeness also regelmäßig eine dürftige Camouflage für Wohlstandsverwahrlosung und die ist ein echtes politisches Problem!

paule t.
paule t.
1 Monat zuvor

Zitat: „Zweifellos müssen Rassismus, Sexismus und Homophobie bekämpft werden, wenn die Welt menschlicher und vernünftiger werden soll.“

Das ist doch immerhin eine schöne gemeinsame Grundlage, dass solche menschenfeindlichen Haltungen bekämpft werden sollen.

Nur – das ist mein erster Einwand – entsteht dann doch sofort die Frage: Wie soll das denn passieren?
Mir fallen da nur die verschiedenen Stufen sozialen Dagegenhaltens ein:
erstens Argumentieren, wo Menschen sich noch nicht deutlich menschenfeindlich verhalten und für einen Austausch erreichbar sind; zweitens negative soziale Sanktionen, wenn Leute sich eben doch deutlich benachteiligend verhalten – denn solches Verhalten soll zum Schutz der Diskriminierten eingedämmt werden;
drittens sehr wohl auch Verbote, wenn Menschen durch diskriminierendes Verhalten in ihren Menschen- und Bürgerrechten verletzt werden – in unseren Gesetzen realisiert durch die Paragrafen gegen Beleidigung, Volksverhetzung usw. im Strafgesetzbuch, durch das Antidiskriminerungsgesetz, das Diskriminierung in bestimmten Lebenssituationen verbietet, usw.
Das alles sind in einer Demokratie völlig legitime Maßnahmen – und ja, auch die Verbote, die die Meinungsfreiheit einschränken, wenn damit selbst Grundrechte geschützt werden.
Aber von all dem sagt der Artikel, dass es nichts bringen würde, und stellt es als irgendwie illegitim dar. Dann ist aber meine Frage: Wie soll man denn sonst gegen menschenfeindliche Ideologien kämpfen?
(Zumal noch jeder Anti-Woke-Kämpfer irgendwelche anderen negativ bewerteten Dinge hat, gegen die er diese Mittel dann auf einmal voll OK findet.)

Mein zweiter Einwand: „Woke“ ist in der öffentichen Debatte schon lange nicht mehr hauptsächlich eine Eigenbezeichnung, mit der seine Anhänger den Kampf gegen Diskriminerungen positiv bezeichnen würden. (1) Es ist vielmehr weit überwiegend ein Wort zur Gegnermarkierung geworden, eine Sammelbezeichnung für alles, was der jeweilige Autor bzw. die jeweilige Autorin gerade im Spektrum des „Irgendwie-gegen-Diskriminierung-Seins“ doof findet. Da wird kaum je differenziert argumentiert, welche spezifischen Meinungen, Haltungen, Handlungen in diesem Spektrum nun konkret nicht mehr OK sind und warum, sondern es wird alles, was der jeweilige Autor bzw. die jeweilige Autorin bei dem Thema „falsch“ findet, in einen Sack gesteckt und mit dem großen Knüppel „woke“ draufgehauen. Und dieser Knüppel spart dann auch meistens die Argumentation ein, warum eine bestimmte Sache nicht mehr in Ordnung ist.
Wie hier im Artikel: Am Anfang wird gesagt, dass Kampf gegen Diskriminierungen richtig und notwendige wäre; am Ende geht es gegen eine angebliche „kleine Schwester einer Tugenddiktatur und gegen „Fanatiker, Antreiber, parteiliche Lautsprecher und bezahlte Experten“ (2). Aber wo genau die Grenze ist, an welcher Stelle es nicht mehr in Ordnung ist, wird nicht gesagt. Es kann in einem allgemeinen Rundumschlag m.E. gegen die sog. „Wokeness“ auch nicht gesagt werden.

Und damit mein dritter Einwand: Mit einem solchen allgemeinen Einwand gegen die sog. Wokeness reiht man sich bei denen ein, die den Kampf gegen Diskriminierungen auch ganz allgemein falsch finden. Dann ist man bei den MAGA-Jüngern aus den USA und den hiesigen Rechtsextremisten, die Diskrimiinerung super finden und deswegen Antidiskriminierung verteufeln, CSDs verhindern wollen, Frauen in die Küche und Migranten raus haben wollen etc. Bestenfalls steht man zusammen mit denen, die früheren Zeiten hinterhertrauern, in denen es Frauen, LSBTIQ-Menschen, Migranten etc. auch irgendwie geben durfte, das Maß der „Normalität“ aber der weiße, heterosexuelle Mann in Machtpositionen (daher meistens alt) war (vgl. die Rezension zum Buch von Norbert Bolz neulich in diesem Blog). (3)
Das sind diejenigen, die am lautesten gege Wokeness schreien, und denen es gerade recht kommt, wenn man nicht differenziert gegen konkrete Fehlentwicklungen und Übertreibungen beim Kampf gegen Diskriminierungen argumentiert, sondern ein unbestimmtes „Woke“ als Gegner darstellt. Denn diese Leute wollen eben nicht differenzieren, sondern sind gegen jeden Kampf gegen Diskriminierung. Und diese Leute stärkt man daher, wenn man genauso undifferenziert gegen eine unklare „Wokeness“ Stellung bezieht.

Deswegen mein Appell: Wenn man einerseits im Prinzip auch gegen menschenfeindliche Haltungen wie Rassismus, Sexismus usw. ist (wie erfreulicherweise der Autor am Anfang des Artikels), aber andererseits auch Übertreibungen, Fehlentwicklungen, Irrläufer dieses an sich richtigen Kampfes sieht: Dann sollte man auf diese idiotischen, undifferenzierten, nur zur Feindmarkierung taugenden Begriffe „woke“/“Wokeness“ einfach verzichten. Man sollte besser genau diese Dinge, die man falsch und übertrieben findet, spezifisch, konkret und begründet kritisieren. Das ist viel mühsamer, als allgemein ein „Woke ist schlecht“ rauszuhauen, ja. Aber es sollte doch gehen, oder? Denn dann hat man doch die konkreten Argumente, oder nicht?

————————————–

(1) Experiment zum Beleg: Man gehe zum Verzeichnis lieferbarer Bücher und gebe als Suchwort „woke“ ein. Die Ergebnisse sind fast auschließlich Bücher, die sich gegen diese konstruierte Phänomen richten – ansonsten fand ich nur ein merkwürdiges schwedisches Buch, das allgemein (gar nicht bei den üblichen Themen) verschwörungstheoretisch aussah, ein paar Romane, in denen im Titel jemand „aufgewacht“, und dann Wok-Kochbücher.

(2) Nebenbemerkung: Seit wann ist es irgendwie verdächtig, für irgendetwas Experte zu sein und damit Geld zu verdienen? Zumal es ja offensichtlich kein Problem ist, wenn zahlreiche Leute mit dem Kampf gegen Wokeness Geld verdienen, durch die genannten zahlreichen Bücher, durch Medienauftritte oder durch das Erlangen politischer Positionen auf dieser Schiene.

(3) Nur in dieser Hinsicht, nämlich als traditionelle Normalität, wird der „alte, weiße Mann“ i.d. R. angegriffen: Nicht als solcher – denn man kann nichts dafür, alt, weiß nund männlich zu sein -, sondern als jemand, der doe angebliche „Normalität“ repräsentiert, von der alles andere Abweichung sei.

paule t.
paule t.
1 Monat zuvor

@ Arnold Voss:

Ich finde es erst mal schon mal gut, dass wir bei diesem hochemotionalen Thema zivilisiert diskutieren. Ebenso, dass Sie es – wie ich schon positiv angemerkt habe – auch der von Ihnen kritisierten sog. „Wokeness“ zumindest eine positive Grundintention der Antidiskriminierung zuschreiben (wenn ich Sie richtig verstehe), was ja schon nicht selbstverständlich ist.

Trotzdem finde ich Ihren Grundansatz problematisch. Sie schreiben:

Woke ist für mich […] eine reale politische Bewegung die dabei ist zu scheitern.

Schon das halte ich für eine fehlerhafte Wahrnehmung der Wirklichkeit. Ich kann keine solche, auch nur annähernd kohärente „woke“ Bewegung erkennen: Welche Institutionen, Vereine, Veranstaltungen sollen das sein, die diese Bewegung bilden? Welche Personen stehen für diese Bewegung? Welche benennbaren Ziele soll diese angebliche Bewegung haben, mit welchem Thema beschäftigt sie sich? Welche Bevölkerungsgruppen sollen Träger dieser Bewegung sein? Welche Ideen stehen hinter dieser Bewegung? Das alles bleibt für eine angebliche „woke Bewegung“ merkwürdig unbestimmt bzw. ist schlicht nicht vorhanden.

Was ich sehe, sind vielmehr verschiedene Bewegungen: z.B. die antirassistische Bewegung, die feministische Bewegung, die LSBTIQ-Bewegung, die Umweltbewegung (bei letzterer dürfte aber schon unklar sein, ob sie von vielen als „woke“ wahrgenommen wird oder nicht).

Bei diesen einzelnen Bewegungen kann ich meine Fragen konkret beantworten. Bei der antirassistischen Bewegung gibt es zB einerseits (jetzt auf die USA bezogen) zahlreiche schon lange bestehende Bürgerrechtsorganisationen; es gibt als neuere Teilbewegung die „Black Lives Matter“ Bewegung; es gibt ein klar benennbares Thema, nämlich die rassistische Diskriminierung nicht-weißer Bevölkerungsgruppen; als Veranstaltungen gibt es anlassbezogene Demonstrationen ebenso wie wiederkehrende Tage wie den Martin-Luther-King-Day oder den Black History Month; als Ziel Maßnahmen gegen diese Diskriminierung; als Studienfelder und Theorien in diesem Zusammenhang die Black Studies u.a., die u.a. die Critical Race, aber auch andere, teils widersprechende Ideen hervorgebracht haben; usw. usf.

Ähnlich die LSBTIQ-Bewegung: Es gibt Vereine wie in Deutschland den LSVD+ u.v.a.; es gibt die CSDs als regelmäßige Veranstaltungen; man kann auch einigermaßen konkrete Ziele ausmachen; usw.

Durch diese konkret beschreibbaren Dinge sind diese Bewegungen also als solche existent, auch wenn sie natürlich in sich sehr vielfältig und zum Teil auch widersprüchlich sind. Beispiele wären die Spaltung der Frauenbewegung und der Leseben- und Schwulenbewegung über den Umgang mit der Transgenderbewegung. Trotzdem sind sie aber als Bewegungen erkennbar.

Bei Teilen dieser Bewegungen wurde „woke“ wohl ursprünglich als Schlagwort für eine wünschenswerte, gegen Diskriminereung wachsame Haltung verwendet. Diese Wortverwendung konstituiert aber noch keine Bewegung.

Eine „woke Bewegung“, bei der vergleichbare Dinge gegeben wären, gibt es dagegen schlicht nicht. Allenfalls gibt es Berührungspunkte zwischen bestimmten Beeegungen dadurch, dass es in Selbstwahrnehmung fortschrittliche Bewegungen gegen „traditionelle Diskriminierungen“ sind, und sich eintelne Personen in verschiedenen Bewegungen engagieren.
Das macht „woke“ aber noch nicht selbst zu einer Bewegung, denn genauso wie Berührungspunkte gibt es auch Widersprüche zwischen den Bewegungen: Teile antirassistischer Bewegungen können in anderer Hinsicht strunzkonservativ sein; minoritäre Teile der Frauenbewegung sind so harsch gegen die Transbewegung eingestellt, dass sie sich dafür mit konservativen Abtreibungsgegnern und Befürwortern „traditioneller Familienmodelle“ (= „Frauen an den Herd“) verbünden; usw.

Deswegen halte ich Ihr Ziel, das Thema „allgemein“ zu behandeln, für per se fehlgeleitet – denn „das Thema“, die angebliche „woke“ Bewegung existiert mMn in der Realität schlicht nicht, sondern nur als Konstruktion durch Addition verschiedener Bewegungen oder Teilen solcher Bewegungen. Und diese Addition passiert mE fast ausschließlich durch die Gegner dieser (Teil-)Bewegungen. Und sie ist dann immer ausgerichtet darauf, diese Bewegungen einfach durch die Etikettierung als „woke“ schlecht zu machen und durch absichtlich undifferenziertes Vorgehen insgesamt zu bekämpfen.
Dabei geraten differenziertere Positionen, als die ich Ihre Position anerkenne, unter die Räder. Das Spiel der gezielten Ent-Sachlichung beherrschen die Rechtspopulisten, die wirklichen Feinde der Aufklärung nämlich einfach besser. Und der unsachliche, wirklichkeitsfremde und entdifferenzierende Charakter des Begriffs „Wokeness“ spielt ihnen dabei in die Hände.

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Ein weiterer Punkt:

Die gewachsenen Meinungen und Einstellungen von Menschen kann man – wenn überhaupt – nur ändern, wenn man nicht über sie, sondern mit ihnen redet. In dem man ihnen vor allem zuhört und ihnen ersteinmal nichts unterstellt. Am besten geht das, wenn man zumindest Teile ihres Alltags mit ihnen teilt. Am Arbeitsplatz, im Verein, in der Gemeinde usw.

Das ist als Ratschlag zum Umgang mit Mitmenschen im eigenen Lebensumfeld sehr weise.
Aber er funktioniert erstens nur gegenüber den Mitmenschen, die dazu selbst bereit sind. Das heißt: Mit wem man vernünftig, gegenseitig respektvoll und wertschätzend sprechen kann, mit dem sollte man das im alltäglichen Leben auch tun. Das ist in vielen Fällen aber einfach nicht gegeben. Ich habe es oft genug erlebt, dass Leute schon allein dann in Angriffshaltung gehen, wenn ich zB gendere, Wörter wie „cis/trans“ benutze o.dgl. oder solchen Sprachgebrauch schon vorbeugend, ohne irgendeinen Anlass, abwerten. Wie soll ich „mit“ solchen Leuten sprechen statt „über“ sie, wenn die schon auf meinen bloßen Sprachgebrauch aggressiv reagieren, ohne dass ich sie irgendwie kritisiert hätte?

Zweitens ist das im öffentichen Bereich schon etwas anderes. Da ist es mE doch völlig legitim, Sachen zur Diskussion zu stellen und seine eigene Meinung dazu zu sagen. Also wenn Leute in der öffentlichen Diskussion zB meinen, dass man das Wort „Zigeuner“ nicht mehr benutzen sollte, weil es traditionell beleidigend und rassistisch ist, dann ist das eine Meinungsäußerung, die einfach als solche zu respektieren ist. Es gibt aber nun mal eine nicht geringe Anzahl von Schneeflöckchen aus den jeweils nicht-diskriminerten Bevölkerungsteilen (um die schlimme, besonders schneeflöckchen-triggernde Gruppenbezeichnung für den Teil der Bevölkerung, der in all diesen DIngen nicht diskriminiert ist, zu vermeiden), der schon solche schlichten Meinungsäußerungen überhaupt nicht verträgt.

Und drittens ist diese Mahnung zwar an sich nicht verkehrt – aber doch wohl für die gesamte Bevölkerung. Sie richten sie dagegen spezifisch an die sog. „Woken“, als ob spezifisch diese Leute – wen immer genau Sie sich darunter vorstellen – ein Problem damit hätten, „nicht über [… andere Menschen], sondern mit ihnen“ zu sprechen. Aber ist das wirklich ein Verhalten, das hauptsächlich Leute haben, die feministisch, antirassistisch, lsbtiq-freundlich o.Ä. unterwegs sind? Oder ist das nicht viel stärker ein Problem anderer Leute, die Minderheiten gegenüber feindlich eingestellt sind, oder auch der ganz banalen Mehrheitsgesellschaft?
Meines Erachtens ist es eine geradezu absurde Umkehrung der Verhältnisse, den Leuten, die gegen Diskriminerung sind, vorzuhalten, dass sie „nicht über [… andere Menschen], sondern mit ihnen“ sprechen sollten – während es genau das ist, was Menschen aus diskriminierten Gruppen ständig erleben.

Und auch mit dieser Fehladressierung dieser ganz allgemein nicht falschen und sicher gut gemeinten Mahnung spielen Sie mMn einfach denjenigen in die Hände, die ganz bewusst Minderheiten diskrimienieren wollen.

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