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Die B3E Story 9 – Die Rolle der Bochumer Stadtverwaltung

Neue Leute haben es im Umgang mit einer städtischen Bürokratie immer schwer. Auch heute noch. Erst recht, wenn sie jung und unkonventionell sind, ja eventuell sogar als subversiv gelten. Alle drei Eigenschaften trafen auf Leo Bauer , aber auch auf die Mehrzahl seiner bislang schon beschriebenen und in den weiteren Folgen noch zu beschreibenden Mitpioniere zu. Heute würde man sie „dynamische Jungunternehmer“ oder noch treffender „Kreative“ nennen und vielleicht entsprechend goutieren. Damals allerdings waren Unternehmer per se alt und seriös und in der Gastronomie waren sie zudem mehrheitlich einfallslos.

Das gleiche galt für den damaligen Leiter des Ordnungsamtes, der für eben diesen Wirtschaftssektor zuständig war und die so wichtigen Konzessionen erteilte. So war die erste Phase der Entstehung des Bermudadreiecks vor allem für Leo Bauer mit Steinen gepflastert, und auch die später in das Dreieck strebende Gastronomengeneration sollte noch erhebliche Kämpfe mit der Stadt Bochum auszutragen haben. Zuerst einmal galt es jedoch, das Misstrauen der Verwaltung zu überwinden und seine Disziplin und Liquidität unter Beweis zu stellen. Auch musste um jede Veränderung,  jede Innovation – zum Teil bis heute – gekämpft werden.

Die 60er Jahren waren für die Gastronomie eine schwierige Zeit. Das Fernsehen und das Flaschenbier hatten ihren gesellschaftlichen Durchmarsch begonnen und den Kneipen zunehmend ihre Treffpunktfunktion genommen. Die Jüngeren wiederum, die nach neuen  Formen der Unterhaltung und der Kommunikation suchten, standen den herkömmlichen Lokalen skeptisch bis fremd gegenüber, was umgekehrt auch für deren Wirte galt. Lange Haare waren nicht gerne gesehen, und auch die Vorstellung, dass „Negermusik“ aus der Jukebox klingen könnte, befremdete nicht wenige konservative Gastronomen.

Auch die rechtliche Lage war schwierig. Dichterlesungen, Kunsthappenings und Live-Musik, erst recht, wenn sie von mehr als einer Person und laut gemacht wurde, bedurften der besonderen Genehmigung, und um diese musste immer wieder neu gerungen werden. Zugleich aber waren solche Events überlebenswichtig, da das damals noch stark kulturinteressierte Publikum ohne sie schnell weg blieb. Kultur war aber auch für Leute wie Leo Bauer ein erhebliches Druckmittel der Ordnungsverwaltung gegenüber. Das Gleiche galt auch für die im Bermudadreieck von Leo Bauer eingeführte Außengastronomie. In Deutschland war Außengastronomie in den Innenstädten nahezu unbekannt. Sie war eine Domäne von Ausflugs- und Gartenlokalen, die zumeist in reizvoller Umgebung lagen und nicht an einem kahlen Platz in der Innenstadt.

Das war in Italien anders: „Ich war“, erinnert er sich, „fasziniert von der Lebendigkeit der italienischen Städte im Sommer. Dort spielte sich das Leben auf der Straße ab. Bei uns hingegen saßen alle auch bei strahlendem Sonnenschein in den Kneipen. Das wollte ich ändern. Schon 1974 begann ich, Stühle vor den Treffpunkt zu stellen. Das kam bei den Gästen nach eine kurzen Gewöhnungsphase gut an. Als dann der Konrad-Adenauer-Platz 1979 fertig gestellt worden war, haben wir innerhalb kurzer Zeit mehrere hundert Sitzplätze auf dem Konrad-Adenauer-Platz geschaffen.“

War schon die Lautstärke innerhalb von Lokalen ein Problem, das auch die Nachbarschaft schnell in Wallung versetze, so galt dies erst recht für die Außenbestuhlung. Wurde diese auch noch um Open-Air-Veranstaltungen ergänzt, war eine geradezu unendliche Reihe an Vorschriften und Regelungen zu beachten, für die es in der Anfangsphase oft noch gar keine gesetzliche Grundlage gab.Alle, denen die von Bauer eingeschlagene Richtung nicht gefiel – und das waren zur damaligen Zeit viele – hatten also zahlreiche formale Möglichkeiten, Open-Air-Kneipen zu schließen, ohne offen über die dahinter stehende grundsätzliche Abneigung reden zu müssen.

Aber selbst wenn es solche Kräfte innerhalb und außerhalb der Bochumer Verwaltung und Politik nicht gegeben hätte, mussten die Verantwortlichen in der Stadtverwaltung lernen, nicht nur mit ausgesprochen ungewohnten Persönlichkeiten, sondern auch mit fachlich äußerst schwierigen Aufgaben umzugehen. Das gleiche galt für die Pioniere des Bermudadreiecks. Sie hatten am Anfang wenig Ahnung von den gesetzlichen Grundlagen ihrer Arbeit und noch weniger Erfahrung im Umgang mit Verwaltungsbeamten und Lokalpolitikern.

Leo Bauer war allerdings noch am besten von allen für diese Konflikte gerüstet. Er hatte sein Betriebswirtschaftsstudium abgeschlossen und vor seiner ersten offiziell eigenen Gaststätte schon lange Zeit praktische Erfahrungen gesammelt.
Nur so konnte er gegenüber der städtischen Bürokratie auch die Eisbrecher- und Vorreiterfunktion für diejenigen übernehmen, die ihm später ins Engelbert-Viertel folgten. Bauer bildete sozusagen die  Speerspitze und benötigte deshalb auch das meiste Verhandlungsgeschick und die größte Verhandlungshärte.Dass dabei die – manchmal sehr laut geführten – Gespräche aus gutem Grunde meistens hinter verschlossen Türen stattfanden, entsprach einerseits seinem Charakter, gab ihm aber andererseits schon sehr früh den Nimbus des undurchdringlichen „Paten des Bermudadreiecks“.

Bauers Glück war, dass er ab 1978 auf Seiten des Ordnungsamtes einen Ansprechpartner hatte, der Gastronomen nicht blockieren sondern unterstützen wollte: Den für Gaststättenkonzessionierung zuständigen Gruppenleiter Rolf Nuhn. Nuhn galt in der gesamten Verwaltung nicht nur als fachlich exzellenter Experte auf seinem Gebiet, sondern auch als „engagiert“, was aus dem Verwaltungsdeutsch ins reale Leben übersetzt drei Dinge über ihn aussagt: Er arbeitete mehr als die anderen, er hatte auch noch Freude daran, und genau deswegen waren die Kollegen ihm gegenüber misstrauisch.

Leo Bauer dagegen hatte endlich jemanden als Gegenüber, der ihn und sein Anliegen verstand und bereit war, seine Innovation auch innerhalb der eher skeptischen Vorgesetzten und Kollegen zu vertreten. Nuhn selbst konnte zwar aufgrund seiner Position keine endgültigen Entscheidungen fällen, aber er konnte Vorschläge unterbreiten und den Entscheidungsprozess beeinflussen. Ja, er ging sogar so weit, dem Antragsteller bei seinen Anträgen selbst behilflich zu sein, um deren positiver Bescheidung eine zusätzliche Stütze zu geben.

Dies tat er aber nicht nur bei Leo Bauer und anderen Gastronomen sondern auch bei den Besitzern von Spielcasinos. Nuhn stand zu Unrecht im Ruf, bestechlich zu sein. Die Vorwürfe wurden während eines langjährigen Prozesses komplett fallen gelassen. Eine unvorsichtige Bemerkung einem Freund gegenüber, die als Warnung vor einer Polizeiaktion gewertet wurde, brachte Nuhn in Untersuchungshaft, ein Disziplinarverfahren und die Versetzung in die Kämmerei ein. Für Nuhn, für den das Ordnungsamt sein Leben war, ein harter Schlag.

Auch über Bauer gab es entsprechende Geschichten und er selbst wusste natürlich davon.„Um den Erfolg rankten sich natürlich schon früh zahlreiche Gerüchte“, so Bauer, „auch, dass ich des Öfteren mit Bestechungen meine Ziele erreicht hätte. Das ist natürlich Unsinn. Ich habe mich mit den Behörden oft gestritten – das tue ich bis heute, aber ich habe nie jemanden bestochen. Wenn ich so etwas getan hätte, wäre ich vielleicht auch schneller erfolgreich gewesen, wäre aber schon längst nicht mehr im Geschäft.“  Er der mit Nuhn mittlerweile befreundet war, hatte auf jeden Fall seinen Hauptansprechpartner in der Verwaltung verloren.

Doch er bekam einen neuen. Jochen Mentzen, einer von Nuhns schärfsten Kritikern im Amt, übernahm den Sachbereich und später sogar die Leitung des gesamten Ordnungsamtes.Für die weitere Entwicklung des Bermudadreiecks änderte das jedoch nur wenig. Rolf Nuhn war der Förderer aus der Nähe, aus zuviel Nähe wohlmöglich.Jochen Mentzen wurde dagegen der Förderer aus der Distanz. Er gehörte nicht nur der gleichen Generation wie die Macher des B3Es an, er hatte trotz seiner Kritik an Nuhns Vorgehensweise mittlerweile auch erkannt, was im Engelbertviertel wirklich vonstatten ging: Die Re-Urbanisierung und Italienisierung seiner Heimatstadt mit Ausstrahlung auf das gesamte Ruhrgebiet und darüber hinaus. Auch was die Steuereinnahmen betraf, war das Viertel zu einer neuen, nicht zu unterschätzenden und anhaltenden Quelle für die Stadt geworden, eine Art regionales „Silicon Valley der Gastronomie“.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich jedoch das von Bauer und Rolf Nuhn entwickelte und gepflegte System der Konfliktvermeidung bereits etabliert: „Wir haben z.B. dafür gesorgt“, erinnert sich Bauer, „dass unsere eigenen Mitarbeiter oder Starlight-Express-Akteure in die Wohnungen im Quartier zogen und so darauf geachtet, dass es keinen Ärger mit Nachbarn geben konnte.“ Aber auch mit Charme wurde gearbeitet. So besuchte Bauer regelmäßig eine betagte Mieterin im Bermudadreieck, brachte Kuchen und Blumen mit und warb so bei der alten Dame um Verständnis für diese komischen jungen Leute, die immer so viel Krach machten. Später gabe es für potentielle Lärmkläger sogar das systematische Angebot für eine Alternativwohnung bei der städtischen Wohnungsbaugesellschaft.

In den 90er Jahren wuchsen dann die privaten  Interessen der Bermudagastronomen  mit den öffentlichen Interessen zusammen. Das Bermudadreieck war in gewisser Weise zum öffentlichen Fördergebiet geworden  – allerdings ohne direkte Subventionen. Dies wäre in Anbetracht der dort boomenden Geschäfte auch kaum politisch durchzusetzen gewesen. Dass man jedoch frei werdende öffentliche Gebäude und Ladenlokale – wenn auch nach langen Diskussionen – teilweise direkt den angestammten Bermuda-Clans zur Vermietung anbot, dass man gemeinsam erkannte Fehlnutzungen wie den 1998 geplanten Umbau des Lueg-Hauses zum am Ballermanngeschmack orientierten Entertainment-Center gemeinsam verhinderte, gehörte zum guten Ton und entsprach dem, was man heute als Public-Private-Partnership bezeichnen würde.

Gegen Ende der 90er Jahre wurde dann das Zusammenspiel im neu gegründeten „Arbeitskreis Bermudadreieck“ ganz offiziell. Hier siaßen seitdem regelmäßig Vertreter nicht nur der Stadtverwaltung und Gastronomie sondern auch andere Gewerbetreibende des Viertels gemeinsam mit der IHK zu Bochum an einem Tisch.Zu einer weiteren Stufe der permanenten Kooperation sollte es dann im neuen Jahrtausend kommen. Dazu mehr in einem späteren Kapitel.

Mehr zu dem Thema:

Teil 1: Die B3E-Story – oder wie das Bochumer Szeneviertel namens Bermudadreieck entstanden ist

Teil 2: Die B3E-Story 2: Entstanden aus dem Nichts?

Teil 3: Die B3E-Story Teil 3- Vom proletarischen Moltkeviertel zur Bochumer Studentenbewegung

Teil 6: Die B3E-Story 6 – Vom Club Liberitas zum Mandragora

Teil 7: Die B3E-Story Teil 7: Vom Appel zum Sachs

Teil 8: Die B3E-Story 8 – Die 80ger Jahre und die Entstehung der Szenemagazine

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