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Die B3E-Story Teil 3- Vom proletarischen Moltkeviertel zur Bochumer Studentenbewegung

Nein, Bochum war zu dieser Zeit keine Kneipenstadt. Es fehlten die Bohémiens, die Müßiggänger und Studenten, die traditionell auch unter der Woche Cafébetreibern und Kneipenwirten ein gesichertes Auskommen bescheren. Blickt man allerdings weiter zurück, dann stellt man fest, dass es in Bochum schon einmal ein großes Gastronomieviertel gab:  Das Moltkeplatz-Viertel. Um die Jahrhundertwende war zwischen dem heutigen Bermudadreieck und dem noch heute existierendem Rotlichtviertel am damaligen Moltkeplatz und heutigen Springerplatz, wohl auf Grund der unmittelbaren Nähe zum Bochumer Verein und seinen Tausenden von Beschäftigten, in jedem zweiten Haus eine Gaststätte zu finden.

Das Abend- und Nachtleben auf und um diesen Platz, über das es leider so gut wie keine Dokumente gibt, war wahrscheinlich proletarisch gefärbt. Auf Grund der beengten Wohnverhältnisse und dem Kostgängerwesen der damaligen Zeit kann jedoch davon ausgegangen werden, dass die Kneipen des Moltkeplatz-Viertels gerade für die jüngeren Arbeiter eine Art zweites Zuhause und der Alkoholkonsum enorm war.Aus Studien über Arbeiterkneipen zur Jahrhundertwende in Duisburg  ist bekannt, dass Brandwein noch vor Bier das bevorzugte Getränk war und aus Fässern gezapft wurde. Große Gaststätten brachten es auf einen Durchsatz von mehreren 100 Litern am Tag.

Die damaligen Trinkgewohnheiten und die oft elende soziale Situation blieben nicht folgenlos. Die damals in Bochum erscheinende Zeitung „Märkischer Sprecher“ erwähnte im gesamten Bochumer Raum fast täglich Schlägereien und immer wieder Auseinandersetzungen mit dem Messer, ja sogar vereinzelt auch Pistolenschüsse aus dem Wirtshausmilieu. Das Moltkeplatz-Viertel wird auf Grund seiner Kneipendichte auch hierbei führend gewesen sein. Durch den Untergang des klassischen Ruhrgebietsproletariats konnte in der Nachkriegszeit aber kein neues Moltke-Viertel entstehen. Diese Ära war ein für allemal vorbei.

Allerdings zeigte der proletarische Vorgänger des Bermudadreiecks schon damals, dass Industriestadt und Urbanität keineswegs im Widerspruch standen, dass letztere aber auch nicht ohne soziale Auseinandersetzungen und abweichendes Verhalten zu haben ist. Bis sich aber aus den Resten des alten Bahnhofsviertels das heutige Bermudadreieck etablieren konnte, mussten sich erst einmal neue Szenen und neue Milieus in Bochum und dem Ruhrgebiet bilden.

Die Region war noch reich in jenen Jahren – und ungebildet. Arbeitslosigkeit gab es, zumindest am Anfang, nicht. Die Städte waren damit beschäftigt, ansiedlungswillige Unternehmen abzuwimmeln, damit die jungen Leute auch weiterhin unter Tage oder im Stahlwerk arbeiteten. Das Land wurde, gut zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, immer noch aufgebaut und brauchte die Industrieproduktion des Ruhrgebietes dringender denn je. Die Zerstörungen des Krieges waren immer noch präsent – sowohl im Stadtbild Bochums  als auch in den Köpfen und Herzen seiner Bewohner. Und
es gab auch im Ruhrgebiet einen Generationenkonflikt, wie man ihn sich heute kaum noch vorstellen kann: Die Älteren waren noch geprägt durch die Nazizeit, oftmals autoritär, verbittert über die Niederlage, auf der Suche nach Bestätigung.

Der wirtschaftliche Wiederaufstieg Deutschlands sorgte für ein „Wir sind wieder wer“-Gefühl und wurde als Bestätigung der traditionellen Werte gesehen: Disziplin, Autoritätshörigkeit, Verzicht. Und dann war da die Nachkriegsgeneration. Sie waren nicht nur in einer Demokratie aufgewachsen, sondern auch mit der Kultur des Westens: Rock´n´Roll, Jazz und später Beat waren die Soundtracks ihrer Jugend – und für die Eltern schlicht „Negermusik“, Zeichen einer drohenden Überfremdung, gegen die es zu kämpfen galt. Und die Alten kämpften oft: Gegen die oben genannte Musik, gegen Entenschwanzfrisuren und lange Haare, Petticoats und Röhrenjeans, James Dean, Elvis Presley, Hollywood und Film Noir.

Das alte Deutschland war im Begriff, unterzugehen – und es wehrte sich dagegen mit Prügelstrafe, und z.B. Freddy Quinns Hit „Wir“,  dessen Refrain an Eindeutigkeit nicht zu überbieten war: „Wer will nicht mit Gammlern verwechselt werden? WIR! Wer sorgt sich um den Frieden auf Erden? WIR! Ihr lungert herum in Parks und in Gassen, wer kann eure sinnlose Faulheit nicht fassen? WIR! WIR! WIR“. Aber auch die Heimatfilme der 50er und 60er Jahre sprachen eine deutliche Sprache. Wer das restaurative System deutlich kritisierte musste sogar mit staatlicher Zensur rechnen.

Vieles, was heute kaum jemanden aufregen würde, sorgte damals also für Ärger. Jazzclubs wie der kommende Bochumer Club Liberitas zum Beispiel, Free Jazz, Ausstellungen mit moderner Kunst. All das war wirklich subversiv – es sollte subversiv sein und wurde so wahrgenommen. Im Ruhrgebiet war alles noch ein wenig härter als in Berlin, Frankfurt oder Hamburg. Ab 1965 kamen dann mit der Aufnahme des Lehrbetriebes an der Ruhr-Universität vermehrt  Studenten auch nach Bochum, fanden dort allerdings kaum etwas vor, was man als studentisches Leben bezeichnen konnte. Aber die jungen Leute alleine reichten nicht, um ein Kneipenviertel entstehen zu lassen. Ein solches Viertel brauchte auch die Anführer und Organisatoren, die es zusammenführen und jene Orte schafften, nach denen das studentische Publikum verlangte. Die Stadt wurde zwar nicht zum Zentrum der Studentenrevolte, wie z.B. Berlin. Aber eine kleine, hoch aktive Kulturszene begann sich herauszubilden.

Das sorgte für Unverständnis bei den meisten Bürgern und auch bei den Politikern. Kultur war etwas Schönes, das auf einen Sockel gestellt und bewundert wurde – nichts, was man selbst mitgestaltet. Kultur kam von oben und nicht von unten. Das sollte sich in den kommenden Jahren ändern, aber die Anfänge dieser Entwicklung hatten mit Widerständen zu kämpfen, die man sich heute kaum mehr vorstellen kann. Und so wurde ein kleiner Jazzclub ein Politikum – ebenso wie lange Haare und die unkonventionellen Verhaltensweisen seiner Macher und Besucher.

Mehr:

Teil 1: Die B3E-Story – oder wie das Bochumer Szeneviertel namens Bermudadreieck entstanden ist

Teil 2: Die B3E-Story 2: Entstanden aus dem Nichts?

 

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18 Kommentare zu “Die B3E-Story Teil 3- Vom proletarischen Moltkeviertel zur Bochumer Studentenbewegung

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