7

Die Elenden: Wenn sich die Freunde abwenden

Die Zeit-Redakteurin Anna Mayr hat ein Buch über das Leben in Armut geschrieben. Sie weiß, wie sich das anfühlt.

Für die meisten Menschen ist Armut ein abstrakter Begriff, über den sich gut streiten lässt: Ist arm, wer unterhalb eines gewissen Einkommensdurchschnitt liegt oder ist man nur arm, wenn man sich  nicht leisten kann, Grundbedürfnisse wie wohnen, essen und medizinische Versorgung zu befriedigen? Aber wie es sich anfühlt, arm zu sein, wie der Alltag von Armen aussieht, wie es ist, den ständigen Druck der Arbeitsagentur aushalten zu müssen, kaputte Schuhe zu haben, an der Klassenfahrt nicht teilnehmen zu können und wegen der Kleidung, die man trägt, ausgelacht zu werden, das werden auch von den Lesern dieses Blogs nur wenige wissen.

Anna Mayr weiß es. Die heutige Zeit-Redakteurin, die einige ihrer Texte vor Jahren auch in diesem Blog veröffentlichte , wuchs im Ruhrgebiet in einer der für die Region typischen Städte aus: Nicht groß, nicht klein, irgendwie dazwischen, beliebig, den Namen der Stadt nenne Mayr nicht.  Ihre Eltern sind Langzeitarbeitslose. Beide haben Abitur, die Mutter hat studiert, bis sie schwanger wurde. Es sind gute Eltern, sie lieben ihre Kinder und vermitteln ihnen Werte wie Bildung, Anstand und Toleranz. Aber sie sind arm, haben meistens keine Arbeit, werden in sinnlose Qualifikationsmaßnahmen gesteckt oder haben nur ab und an kleine Jobs.

Anna Mayr beschreibt in ihrem Buch „Die Elenden“, wie das Leben in ihrer Familie ablief, wie sie als Kind unter der Armut litt und wie sich diese Erfahrung bis heute auf sie auswirkt, wie unerträglich ihr die Sprüche von Kollegen und Bekannten sind, die von „Hartz-IV-Nazis“ reden, die über Flüchtlinge herziehen oder Artikel über Arme schreiben, aber das nur aus der Perspektive der Sozialarbeiter tun. In den Medien kommen die Armen selbst kaum zu Wort, auch wenn es um Armut geht, wie Mayr am Beispiel der Talkshow Anne Will zeigt:

„Ich recherchierte also selbst und fand heraus, dass es in zwölf Jahren fünf Sendungen mit dem Begriff »Hartz IV« im Titel gegeben hatte. Eingeladen waren: ein FAZ-Journalist, eine Arbeitsvermittlerin, die Chefin eines Zeitarbeitsunternehmens, Robert Habeck (Grüne), Hubertus Heil (SPD), Lars Klingbeil (SPD), Jens Spahn (CDU), Sarah Wagenknecht (Linke), ein Start-up-Unternehmer, eine Unternehmensberaterin, zwei ehemalige Hartz-IV-Empfängerinnen, eine Anwältin, der Chef eines Jobcenters, Ottmar Schreiner (SPD), Frank Steffel (CDU), Cem Özdemir (Grüne), Markus Söder (CSU), der ehemalige Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln, Günther Wallraff, die Leiterin der Dresdner Tafel, Ursula von der Leyen (CDU), Klaus Ernst (Linke), der Präsident des Industrieverbands, ein Pfarrer und Jan Fleischhauer. Ja, richtig: kein einziger Mensch, der von Hartz IV lebt.“

Mayr beschreibt die Folgen von Armut: Freunde wenden sich ab, man kann am sozialen Leben nicht mehr teilhaben, nicht in eine Kneipe gehen, in Urlaub fahren. Sie beschreibt ein Leben, das oft trostlos ist, denn in unserer Gesellschaft ist man, was man arbeitet. Auch wem es selbst nicht gut geht, zehrt davon, noch immer besser zu sein, als jemand der nicht arbeitet. Es zeigt ihm, dass er normal ist. Für Mayr ist das eine wichtige Funktion der Armen in der Gesellschaft.

Anna Mayrs Buch ist eine Mischung als persönlicher Erfahrungen, der Beschreibung von Unsicherheiten, die sie bis heute prägen und gleichzeitig eine gut recherchierte Analyse des Begriffs Armut, seiner Entwicklung und Bedeutung für die Gesellschaft. Minutiös beschreibt sie, wie sich die Politik in langen Sitzungen auf das HartzIV-Programm einigte, dessen zahlreiche Repressionen im Konzept der von Peter Hartz geleiteten Kommission überhaupt nicht vorkamen.

Sie rechnet vor, dass um Armut herum eine blühende Industrie entstanden ist: „In Deutschland arbeiteten im Jahr 2018 insgesamt 235.000 Menschen in der Kinder- und Jugendhilfe. Streetworker, Heimerzieher, Sozialarbeiter — der Arbeitsmarkt für solche Berufe wächst immer weiter. 51 Milliarden Euro wurden in dem Jahr in diesem Bereich ausgegeben — im Vergleich zu 30 Milliarden Euro für Hartz IV.“ und lehnt dann Vorstellungen wie der nach einem Bedingungslosen Grundeinkommen ebenso ab wie die um sich greifende Verherrlichung des Verzichts: „Jede Forderung nach »weniger« ist eine Forderung, die vor allem denen schadet, die sowieso schon wenig haben. Die Forderung nach autofreien Städten etwa richtet sich gegen alle, für die innenstadtnahes Wohnen zu teuer ist — während die Bewohner der Innenstädte es sich leisten können, Maut-Gebühren zu bezahlen, oder sogar eine Sondergenehmigung für Anwohner bekommen. Eine CO2-Steuer ist den Superreichen egal, für die Mittelschicht wäre sie vielleicht ein Anreiz, mehr vegetarische Produkte zu kaufen — für die Armen ist sie ein Fleischverbot.“

Anna Mayr fordert, dass den Menschen der Druck genommen wird, will, dass wer arm ist, mehr Geld bekommt. Sie orientiert sich dabei am Steuerfreibetrag von 9168 Euro im Jahr – pro Person und auch für Kinder. Sie sich sicher, viele würden dann, wenn sie nicht mehr in Angst leben würden, Jobs annehmen oder sich engagieren. Und Betrüger? Klar, die würde es auch geben: „Eine freie Gesellschaft muss aber davon ausgehen, dass es Betrug geben wird, genau wie Hotels davon ausgehen, dass Handtücher gestohlen werden, und Städte davon ausgehen, dass Menschen bei Rot über Ampeln gehen. In unserer Gesellschaft basiert so vieles auf Vertrauen. Warum vertraut das Jobcenter meinen Eltern dann nicht, wenn sie sagen, dass sie kein Geld haben, sondern lässt sie alle ihre Kontoauszüge einreichen, seit Jahrzehnten schon? Warum vertraute das Jobcenter mir nicht, als ich Abitur machte, sondern ließ mich alle paar Monate eine Schulbescheinigung vorzeigen? Die Antwort ist einfach: Weil die Armen von Erwerb und Konsum und Arbeit ausgeschlossen sind, sollen sie auch vom Lügen ausgeschlossen sein.“

Anna Mayr ist eine wirklich herausragende Autorin. Von der ersten bis zur letzten Zeile ist dieses Buch grandios geschrieben. Es spricht den Verstand ebenso an wie das Gefühl, hat man es einmal in der Hand, kann man es nicht mehr weglegen. Für mich ist „Die Elenden“ das Buch dieses Sommers.

Anna Mayr: Die Elenden
Hanser, 20 Euro

RuhrBarone-Logo

7 Kommentare zu “Die Elenden: Wenn sich die Freunde abwenden

  • #1
    puck

    Das Allerschlimmste an Hartz IV ist nicht, mit 430 EUR im Monat auszukommen – obwohl das hart genug ist und eine Katastrophe, wenn man vielleicht gerade die Schuhe neu besohlen lassen muss, weil das ein Loch ins Budget reißt, das leider nicht ausgeglichen werden kann durch Einsparungen an anderer Stelle, weil ALLES finanziell auf Kante genäht ist.
    Es sind auch nicht unbedingt die Berater im Jobcenter, die nach meiner Erfahrung nicht – wie oft kolportiert – darauf aus sind, andere zu drangsalieren wenn sich grad mal so die Möglichkeit ergibt.

    Das wirklich Schlimme sind die Bemerkungen, die man sich so anhören muss.
    Das wirklich Schlimme ist das Gefühl, dass eine Jalousie runterrattert, wenn man zugibt, dass man von Harzt4 lebt oder aufstockt.
    Das wirklich Schlimme ist die Verachtung, die einem entgegenschlägt, besonders von Leuten, die sich selbst als "links" und "fortschrittlich" verorten.

  • #2
    Yilmaz

    @puck:

    "Es sind auch nicht unbedingt die Berater im Jobcenter, die nach meiner Erfahrung nicht – wie oft kolportiert – darauf aus sind, andere zu drangsalieren wenn sich grad mal so die Möglichkeit ergibt."

    Da hab ich leider andere schlechte Erfahrungen gemacht.

  • #3
    GMS

    Der einzige Sender im Fernsehen, in denen arme Leute halbwegs mit Respekt begegnet wird, ist leider RTL2. Es mag ja sein, dass es hinter den Kulissen dort so zugeht wie im Rest der Gesellschaft. Schaut man sich jedoch die Sendungen an, sieht man zwar Leute die den meisten hier fremd erscheinen mögen und die Dinge anders tun/sehen als das man selber tut oder für richtig hält. Es kommt aber kein Ton aus dem Off der sie abwertet, belehrt oder sich über sie lustig macht (wie bei ALLEN! anderen). Das Verächtlich machen erledigen dann die Intelligenz- und Empathieverweiger in den asozialen Medien.
    Und zur Klarstellung, ich bin kein kein Freund von dem was dort gesendet wird, und würde es nicht Hotels mit beschränktzem Angebot an Programmen gegeben hätte, hätte ich das vermutlich auch nie bemerkt.

  • #4
    Walter Stach

    Puck,

    ja,
    leider ist das so mit der Verachtung von Menschen durch andere, weil diese sich für "’was Besseren" halten -wegen ihrer Bildung, wegen ihres wirtschaftlich-finanziellen Status, wegen ihrer kulturellen Neigungen/Vorlieben, wegen…..

    Das ist alltägliche Diskriminierung, die jedoch als solche in der Gesellschaft nicht benannt wird , weil "man" sich ihrer nicht bewußt ist, sich ihrer nicht bewußt zu machen fähig und willens zu sein scheint..

    Und Diskriminierung dieser Art wird tagtäglich nicht nur gegenüber Harzt IV Bezieher praktiziert, sondern ebenso z.B. gegenüber Mindestlohnempfängern, gegen Kleinstrentner , u.a. wenn sie alsFlachensammler unterwegs sind, gegenüber Mietern, die sich nur eine kleine Sozialwohnung in einem "probleamtischen Quartier" leisten können gegenüber Obdachlosen, gegenüber…

    Puck,
    ich habe hier bei den Ruhrbaronen vor einigen Tagen ‘mal wieder die Frage aufgeworfen -wie unzählige Male in den letzten Jahren-, ob dieses nach meiner Wahrnehmung in den letzten Jahren wachsende diskriminierende Verhalten -verbal, nonverbal-zu tun haben könnte mit dem Verlust eines Grundwertes menschlichen Miteinanders, nämlich mit dem Verschwinden von Respekt gegenüber jedermann. Respekt ist -zumindest für mich- ein Grundwert für das Miteinander von Menschen, die sich den Prinzipen der Freiheit und der Gleichheit aller auf der Basis des Prinzip der Menschenwürde verpflichtet fühlen.
    Leider, leider gibt es offenkundig keinen Bedarf , zB.im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Diskriminierung von Hartz IV Empfängern. die Frage nach dem von mir festgestellten Verlust von Respekt näher zu bedenken, um sie danach zu diskutieren -das Warum, die Folgen-.

    "Als Gegenüber" -wörtlich und bildlich- von HartzIV Beziehern, Mindestlohnempfängern, Kleinstrentnern, Sozialmietern- erlebe ich tagtäglich, daß es "beiden Seiten" -also auch mir-
    guttut, wenn man sich grüßt, begrüßt, sich nach dem Befinden erkundigt, über Sport/Poltik redet, wenn "man" im Alltag zeigt, daß Menschen als solche von anderen respektiert und ge-/be -achtet werden,, unabhängig von ihrem Status, von ihrem sozialen/kulturellen Verhalten ……..

    Puck,
    es ist also ganz einfach -es kostet ja auch nichts- ,dem von Ihnen -für jedermann nachvollziebar- als "wirklich schlimm " bezeichneten Zustand eines HartzIV Empfängers zu begegnen; grundsätzlichen Respekt dem Mitmenschen gegenüber vorausgesetzt.

    Puck,
    eine Klarstellung, da ich davon ausgehe, ansonsten bewußt fehlinterpretiert zu werden:
    Ich habe mich geäußert, weil durch Sie eine "wirklich schlimme" Diskriminierung eines HartzIV Empfängers beschrieben wurde und ich bei der Gelegenheit meine Meinung wiederholen wollte, nach der auch diese Diskriminierung zutun hat mit dem Verlust (mit-)menschlichen Respektes als Grundwert unserer Gesellschaft.

    Es geht mir hier nicht um eine Bewertung des HartzIV – Systems im allgemeinen oder im besonderen um eine Bewertung der derzeitigen Höhe der Hartz-IV Bezüge durch mich. Also auch nicht darum, ob die vor einigen Tagen publizierte Anhebung um rd.7 € monatlich ab..(.?) einschließlich ihrer durchweg positiven Begleitmusik in den Medien nicht als Hohn gegenüber HartzIV-Beziehern empfunden werden kann -nicht nur durch diese, sondern z.B. auch durch mich.

  • #5
    puck

    @Yilmaz
    Da scheint es große Unterschiede von Jobcenter zu Jobcenter zu geben, ich kenne auch andere Berichte aus anderen Städten. Ich könnte mir vorstellen, das hängt auch davon ab, wie die Leitung der jeweiligen Jobcenter aussieht, wenn die Mitarbeiter selbst dauernd Druck vom Chef bekommen ist die Stimmung allgemein mies – und wird weiter gegeben…

  • #6
    sneaking_beauty

    Habe mich gerade gewundert, wie es zu dem Wunder kommt, dass auf den Ruhrbaronen Empathie mit ärmeren Menschen gezeigt wird. Aber mit den beiden Passagen wurde es mir dann klar:

    "Sie rechnet vor, dass um Armut herum eine blühende Industrie entstanden ist"
    "…und lehnt dann Vorstellungen wie der nach einem Bedingungslosen Grundeinkommen (…) ab"

    Ich weiß, dass Liberale den Gedanken irre finden, aber jene erwähnten 235.000 Menschen in der Kinder- und Jugendhilfe (nicht sonderlich viel bei einer Bevölkerungszahl von 80 Millionen) müssen sich auch über Wasser halten, Familien ernähren, Miete bezahlen, usw. Gleiches gilt übrigens für alle Menschen, die in einer staatlichen Beschäftigung tätig sind. Dieses kindisch-liberale "Der pöhse Sozialstaat" ist abgesichts immer mehr Kürzungen in dem Sektor ideologisch oder einfach nur lächerlich.

    Und Ihr könnt mich gerne vom Gegenteil überzeugen, aber am Grundeinkommen werden wir mittelfristig nicht vorbeikommen, wenn das mit der Digitalisierung weiter so grassiert. Bislang sind davon die Unterschichten mehr betroffen als Leute aus dem Dunstkreis von Herrn Laurin, aber irgendwann wird es auch in seiner Schicht ankommen – spätestens wenn SteuerberaterInnen immer mehr von Software ersetzt werden.

  • #7
    Arnold Voss

    @ sneaking beauty
    Nichts gegen das Grundeinkommen, wenn es denn für alle bezahlbar wäre. Aber nach deiner Logik wäre es besser, wenn es noch mehr Arme gäbe, so dass noch mehr Menschen in der Armutshilfe und – Betreuung Arbeit finden würden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.