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Die EstNische (6): Lauter Gefahren*

Ich lebe gefährlich in der Stadt an der See. Ich leuchte nicht, wenn es dunkel wird. An mir baumelt keine Reflektorscheibe. Dabei ist das Pflicht. Ich haste durch die Straßen, drücke mich in Hauseingänge, bleibe am liebsten gleich zuhause aus Angst vor der Patrouille. Was, wenn ich auffliege?

„Junger Mann, wo haben wir denn unseren Reflektor gelassen?“ – „Hab keinen, Herr Wachtmeister“ – „So könnenwirse aber nich frei herumlaufen lassen, dann kommense gleich mit aufs Revier!“

Und das auf Estnisch. Eine Erfahrung, die ich nicht unbedingt machen möchte.

Das gilt auch fürs Häuser fotografieren. Hatte neulich diesen Einfall, den verfallenden Holzhäusern Estlands ein Denkmal zu setzen. Am besten mit Plattenkamera. Zum Sonnenaufgang vor das Haus stellen, vorher Probeaufnahmen, Belichtungsmesser, dann nur noch den richtigen Tag abpassen mit wolkenverhangenem konturlosen Himmel. Becher reloaded im Osten. Problem – woher weiß ich, dass die Häuser wirklich unbewohnt sind und nicht plötzlich ein kurzhaariger Angehöriger einer nationalen Minderheit meine Arbeit auffällt. Was, wenn er Dima heißt oder Wladi oder Serg. Oder sein Boss. Oder der Boss seines Bosses?

Im Ausland lauern Gefahren an jeder Ecke. Zum Beispiel Esten zu sagen, das sie nicht Singen können. Dass es sich zumindest nicht so schön anhört. In unseren Ohren. Esten würden das nicht verstehen. Sie haben die „Singende Revolution“ gemacht. Haben die Sowjetrussen aus ihrem Land vertrieben, friedlich, mit Menschenketten, mit Kumbaya und dem Songfestival im Olympiastadion von 1980. Hunderttausende stimmten die Nationalhymne an. Eine rührend schöne Geschichte – das Problem: die Musik, die mir im Radio oder Fernsehen begegnet. Coverbands, die uralte internationale Hits nachspielen mit schlecht gestimmten, mies gespielten Instrumentalteilen und knödelig rausgepresstem Gebrüll.

Ich denke dann, die Esten können besser kochen als singen. Wir saßen in diesem fensterlosen Dorfkrug im Nationalpark. Wir waren die einzigen Gäste, blieben lange sitzen. Die junge Kellnerin hinter der Theke trug Tracht, surfte im Internet und ließ dazu einen Mix estnischer Lieder auf uns los, der unglaublich war. Betrunkene Volkssänger am Schifferklavier waren die Höhepunkte, der Rest klang wie Tony Marschall.

Wir hatten schon Mittags dort gegessen, weit und breit gibt es keinen anderen Gasthof. Wir aßen ausgezeichnete Fischsuppe, Pfannkuchen, Himbeerkonfiture und in Ei ausgebackene Heeringsfilets mit Stampfkartoffeln und ließen dazu krachschlechte Folks-, Schlager- und Popmusik über uns ergehen. Die Frau hinter der Theke blieb ungerührt, sie muss schwerhölrig sein oder die Musik springt nur per Bewegungsmelder an, wenn sich Wanderer dem Lokal nähern. Trotzdem ein entsetzlicher Arbeitsplatz.

Horst Köhler war hier mal zu Besuch in dem Dorfkrug von Altja. Das Foto (bundespraesident.de) zeigt ihn zusammen mit dem estnischen Ex-Ministerpräsidenten, sie haben im Dauerregen die Mittsommernacht gefeiert. Köhler hatte wieder diese weit aufgerissenen Augen, als ob er vor irgendetwas Angst hatte. Neben der Theke hängt einer dieser übergroßen Hüte, die der aus dem Amt geschiedenen Bundespräsident gerne auf dem Kopf hatte. Vielleicht flüchtete er aus der Gastwirtschaft, ließ seinen Hut zurück, nur um dieser Musik zu entkommen.

Vielleicht war es auch mit der „Singenden Revolution“ ganz anders. Wieder Altja, 1987, Esten feiern die Mittsommernacht am Lagerfeuer, es regnet, sie wollen die Unabhängigkeit, in Russland herrscht Tauwetter. Sie schweigen. Dann sagt einer: „Vielleicht können wir singen!?“ – „Singen? Weshalb Singen? Wir können doch gar nicht singen“, grummelt es im Chor der Unabhängigkeitsbewegung.

„Eben.“

* 2010, Ruhrgebiet ist fast vorüber. Das nächste Ding heisst Tallinn 2011, Geschichten von der See. Und ich bin dabei. Mit Geschichten von der See, der Stadt und diesem überhaupt ziemlich seltsamen Land am nordöstlichen Rande Europas.

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