Die Estnische (5): Kranke Holzhäuser*

Kassisaba ist der Katzenschwanz Tallinns, das Stadtviertel drückt sich an Altstadtring und Bahndamm. Morgens und abends erklingt ein lyrischer Tusch. Die Fanfare kommt von Band auf einem alten Stadttor und markiert Sonnenauf- und Sonnenuntergang. Leider wird die Zeit zwischen den Klängen kürzer. Fürchte ab Ende November ertönt die Fanfare, Sonne geht auf, kurz darauf wieder Fanfare, Sonne verschwindet und dann fünf Monate Schweigen. Noch ist es nicht so schlimm, aber der Winter naht unausweichlich wie der Tod. Brrr.

Laut unserer Maklerin ist Kassisaba ein tolles Viertel, hier würde sie auch gerne wohnen, sagte sie; – wenn sie nicht zuviel Geld hätte, ein zu dickes Auto, zu viele Sorgen um ihre Kinder oder um sich selbst. Aber es ist hübsch hier mit den gepflegten Holzhäusern, fast dörflichen Straßen, dem kleinen Park, der britischen Botschaft, dem Tante-Emma-Laden und einem Alkoholnahversorger namens „9-22“ im Souterrain, in den ich mich aber nicht hinein traue.

In der Idylle aus Läden, Stadthäusern, Sowjetbauten und Apartmentblöcken vermodern allerdings auch Holzhäuser in wilden Gärten. Abends klettern Obdachlose in die Bruchbauten. Stellen Joghurt ins Fenster oder ein Radio, bis die Besitzer mit Latten und Brettern anrücken, um ihre morschen Besitztümer für den Winter zu verrammeln. Holzhäuser sind wie kranke Tiere. Fehlt eine Glasscheibe, ein Rost vor dem Kellerfenster, wird das Haus verwohnt, dann verschwindet es Stück für Stück in Rucksäcken von Männern mit Brechstangen.

Unser Haus hat dünne Wände, für Brechstangen ist es zu neu und massiv. Die Haustür hat einen Code, der Hof eine automatische Pforte, die auch nicht verhinderte, dass in unserem betagten Auto seit gestern das Radio fehlt. Das Nachbarhaus wurde aus blassgrün angemaltem Holz gebaut, auf dem achteckigen Turm steckt ein Messingkreuz, durch das ein Querbalken geschlagen ist; es sieht aus wie ein schlichtes Eiskristall unterm Mikroskop, ein Vorbote.

An diesem  Stammsitz der estnischen orthodoxen Kirche sprechen sie französisch und englisch. Metropol Stephanus stammt aus dem Kongo, ein Sohn zypriotischer Flüchtlinge. Als Kongo unabhängig wurde, flüchteten die Zyprioten nach Belgien, Stephanus studierte in Brüssel, arbeitet für französische orthodoxe Gemeinden, von denen ich noch nie etwas gehört hatte, bis er den Ruf nach Tallinn erhielt. Eine französische Nonne besorgt dem Metropol von Tallinn den Haushalt, kauft ein mit einer Tasche von Super U und einem kleinen grünen Fiat mit französischem Kennzeichen.

Der Chauffeur der estnischen Kirche – die wie das ganze Estland einen langen Kampf um ihre Unabhängigkeit von Moskau, hier den Moskoviter Patriarchen, führt –  hat lockiges langes graues Haar und sieht aus wie ein orthodoxer Usbeke. Er trägt bestickte Westen, auch mal Umhänge. Wenn er allein im Auto sitzt, hört er düstere Musik von Bands, deren Namen sich mit Runenbuchstaben schreiben. Die schwarze französische Limousine fährt er mit einer Umsichtigkeit, mit der er auch die Einfahrt im Auge hat, damit nur niemand die Brechstange ansetzt. Vor dem Winter.

* 2010, Ruhrgebiet ist bald vorüber. Das nächste große Ding heisst Tallinn 2011, Geschichten von der See. Und ich bin dabei. Mit Geschichten von der See, der Stadt und diesem überhaupt ziemlich seltsamen Land am nordöstlichen Rande Europas.

Dir gefällt vielleicht auch:

6 Kommentare

  1. #2 | sõber sagt am 18. September 2010 um 21:41 Uhr

    @ Christoph Schurian

    liefer doch mal O-Ton, lass die Menschen reden:

    Französisch ja quasi normal, dafür die Geschichte von Metropol Stephanus umso exotischer …

    und Estnisch, hab ich mir sagen lassen, ist wie Finnisch: wie hört sich das an?

  2. #3 | Carolyn sagt am 24. September 2010 um 14:50 Uhr

    Feine Sache, ich werde das Abenteuer mit Begeisterung verfolgen. Nur schade ums Radio…

  3. #4 | Rob sagt am 27. September 2010 um 18:08 Uhr

    Was musst du auch im Katzenschwanz absteigen! Ach so, verstehe, damit du was zu erzählen hast. 😉

  4. #5 | Arnold Voss sagt am 27. September 2010 um 19:53 Uhr

    Christoph, wenn ich mich zu deinen Artikeln über deine neue Heimat ansonsten nicht äußere, heißt das nicht, dass ich sie uninteressant finde. Ganz im Gegenteil, ich liebe gut erzählte Geschichten vom Rande der Welt.

  5. #6 | Die EstNische (6): Lauter Gefahren* | Ruhrbarone sagt am 12. November 2010 um 14:36 Uhr

    […] gilt auch fürs Häuser fotografieren. Hatte neulich diesen Einfall, den verfallenden Holzhäusern Estlands ein Denkmal zu […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Werbung