Die freie Szene im freien Fall 

Prinzregenttheater Foto: Prinzregenttheater Lizenz: CC BY-SA 4.0

„Applaus ist das Brot des Künstlers“ Dem Journalisten Johannes Gross wird dieses Zitat zugeschrieben. Zur Zeit der Bonner Republik war er u.a. Moderator der Bonner Runde im ZDF. Zudem Publizist und später noch Vorstandsmitglied des Gruner+Jahr Verlages. Mit diesem, durchaus missverständlichem, Satz wollte er zum Ausdruck bringen, dass er sich immer sehr erfreut an guten Kritiken seiner Werke, jedoch nie in der Lage sein wird, damit sein täglich Brot zu erwerben. Mehr als eine Anerkennung ist der Applaus also nicht. Von unserem Gastautor Alexander Sandman.

Natürlich wertvoll. Um nicht Gefahr zu laufen auch nur eine Künstlergattung zu vergessen, konzentriere ich mich auf die Kunstform Musik. Einfach weil ich hier auf Erfahrungswerte zurückgreifen kann, die bestimmt auch bei anderen Gattungen vorkommen, ich jedoch nicht wirklich beurteilen kann. Dies sei mir hoffentlich verziehen.

Jeder Künstler wünscht sich nach einem Konzert nichts sehnlicher als ein donnernder Applaus, gar Standing Ovaitions. Es gibt nicht schöneres als nach einem Gig in den Backstage zurückzukehren und mit den Jungs und Mädels auf den Erfolg anzustoßen. Das gilt für alle Beteiligten, denn ein Konzert lebt nicht nur von einzelnen Musikern.

Lange bevor sie die Bühne betreten, haben viele andere selbige vorbereitet. Grafiker haben entsprechend Plakate oder Werbung in den sozialen Medien entworfen und platziert. Texter haben knackige Worte gefunden, die weitere Aufmerksamkeit generieren. Die Techniker haben die Band mit Mikros bestückt, die Bühne ausgeleuchtet, denn Auge und Ohr wollen so perfekt wie möglich einen Moment genießen, der nie wieder reproduzierbar ist, denn jedes Konzert ist ein Unikat.

Das alles mündet dann beim Veranstalter. Sie sind die, die alles zusammenbringen, die dafür sorgen, das letzten Endes, der Künstler den ersten und nur für sie bestimmten und wohlverdienten Happen Brot verzehren können. Der Zweite folgt dann im Office, wenn die Gage gezahlt wird, die schlussendlich die Zuschauer erwirtschaftet haben.

Das Leben der Symbiosen

Ein großer symbiotischer Kreislauf musste also in Gang gesetzt werden, damit ein jeder der Beteiligten am Ende in der Lage sein wird, das tägliche Brot zu bestreiten. So ist es aber überall in der Wirtschaft, in der Gesellschaft. Selbst die derzeit unter enormen Druck stehenden Menschen im Gesundheitswesen, der Lebensmittel- und Zulieferindustrie unterliegen einem Kreislauf. Am deutlichsten wird dies zur Zeit, wo wir händeringend nach einer 1-Cent-Ware verlangen, ausreichenden Atemschutzmasken.

Ohne die Arbeit all derjenigen zu schmälern, die derzeit an ihre Grenzen gehen um Leben zu retten, ein jeder, der zum Gelingen der Gesellschaft beiträgt, darf sich als systemrelevant betrachten. Zu Recht verlangen diese Menschen eine gerechte Bezahlung und verzichten gerne auf den symbolischen Applaus am Abend oder die Kerze auf der Fensterbank. Denn Applaus ist weder das Brot der Künstler noch das Brot der Pfleger, Ärzte, Kassierer und allen anderen.

Applaus ist nur ein Symbol. Eine Geste, die weder Mut noch Engagement erfordert. Sie zu spenden ist gratis für jeden, den Spender und den Empfänger.

Gratismut

Bei allem gespendeten Gratismut geht im Moment eine Gattung den Bach runter, die in Zeiten wie diesen gerne Mut spenden darf, wenn sie am Abend vom Balkon oder via Videobotschaften ihrer Kunst freien Lauf lassen. Freilich hilft es den wenigsten, denn sehr viele Musiker sind in ihrer Existenz bedroht.

Musiker waren u.a. die ersten Betroffenen von Corona. Bereits Anfang März fing der Markt der Musiker an zusammenzubrechen. Eine Veranstaltung nach der anderen wurde abgesagt. Und damit wurden innerhalb weniger Tage, die Umsatzmöglichkeiten einer ganzen Branche auf unbestimmte Zeit eliminiert.

Jedoch müssen wir genauer hinschauen, denn Musik ist nicht gleich Musik und Veranstaltung nicht gleich Veranstaltung. Deutschland rühmt sich ob ihrer großartigen Kulturlandschaft. Jedoch sollte hier eine klare Trennlinie gezogen werden, nämlich die zwischen der staatlich geförderten und der freien Szene.

Dies sind zwei vollkommen unterschiedliche paar Schuhe, die nicht im geringsten etwas miteinander zu tun haben. Bund, Länder und Kommunen geben jährlich rund 9 Milliarden Euro für die deutsche Kulturlandschaft aus. Das hört sich grandios an. Ist es auch. In 81 deutschen Städten gibt es 84 Opernhäuser – alle mit eigenem Ensemble. Weltweit gibt es rund 560 davon, was bedeutet, das jedes siebte Opernhaus in Deutschland steht. Alle Achtung, aber darauf kommen wir noch zurück.

Im Jahr 2011 erstellte die Kölner Industrie- und Handelskammer eine Studie zur Kölner Kulturlandschaft und kam zu folgendem Ergebnis. Rund 90% der öffentlichen Gelder für Kultur erhielten die städtischem Institutionen, wie Oper, Theater, Sinfonieorchester und Museen. Jedoch wurden rund 55% aller Events in der Stadt von der freien Szene veranstaltet, also jenen die sich um die 10% des Kulturetats kloppen müssen.

Die Exit Strategie

Diverse Politiker in Bund und Ländern sprechen schon jetzt davon, dass es wahrscheinlich nicht so schnell gehen wird, wieder in den normalen Turnus zu schalten. Am Beispiel des Fußballs lässt sich dies verdeutlichen. Die Bundesliga muss umgehend in den Spielmodus zurückkehren, um nicht in den Konkurs zu schlittern. Dafür würde man sogar Geisterspiele in Kauf nehmen. Denn auch der DFL ist klar, dass es nach dem 1. Mai – einem angedeutetem Zeitpunkt – keine Spiele in vollen Arenen geben wird.

Was aber lässt sich daraus schließen? Wenn es keine Events mit 50.000 Zuschauern geben kann, kann es auch keine mit 5.000 oder mit 500 geben. Selbst mit 50 Zuschauern ist die Gefahr der ansteigenden Kurve groß genug. Denn dann kann es ja nicht nur eine geben, sondern hunderte, tausende, zehntausende täglich in ganz Deutschland.

Ergo wird auch die Eventbranche weiter die Füße stillhalten müssen! Wie lange soll das andauern? Bis September? Silvester? Schon jetzt ist der Sommer mit all seinen Festivals und Stadtfesten dahin. Da mag Rock am Ring zwar noch guter Hoffnung sein, aber es wird nicht stattfinden, da bin ich mir sicher.

Der Unterschied im Kulturgut

Kommen wir zurück auf den Unterschied zwischen der staatlich geförderten und der freien Kulturszene. Erstere werden die Coronakrise relativ unbeschadet überleben. Ob ein Opernhaus am 1. Mai oder an Silvester 2020 wieder den Spielbetrieb aufnimmt ist im Prinzip egal. Der überwiegende Teil der Mitarbeiter sind Angestellte.

Auch dazu noch ein Beispiel um die Absurdität auch dieser Branche etwas zu verdeutlichen. Ich habe mir vor rund 10 Jahren mal die Mühe gemacht einen differenzierten Blick hinter deren Kulissen zu werfen. Damals beschäftigten die

Bühnen der Stadt Köln (Oper und Theater) rund 700 Mitarbeiter, aber kaum Künstler. Allein die Schneiderei war mit rund 80 Personen besetzt. Die meisten Solisten – Sänger und Schauspieler – bekamen Honorarverträge.

Kommen wir zurück zum Wiedereinstieg. Die Oper kann also, ziemlich egal wann, wieder mit dem Betrieb beginnen. Etwaige Probenarbeiten lassen wir mal außen vor. So gut wie jeder Solist wird sofort wieder parat stehen auftreten können. In der Zwischenzeit werden sie wohl von ihren Verträgen geschützt und wahrscheinlich wird auch kaum ein Haus diese derzeit auflösen und/oder nicht verlängern, denn die Ungewissheit bleibt auch hier. Wann geht es weiter.

Da die Zuschauereinnahmen in diesen Häusern in der Regel 30 bis 35% des Haushaltes ausmachen, werden sich die Verluste in Grenzen halten, da zum einen auch hier das Kurzarbeitergeld angewendet wird und zudem die Investitionen in Bauten, Kostüme, etc. kaum vorhanden sind.

Die freie Szene im freien Fall 

Davon kann die Freie Szene nur träumen. Wer also kein Engagement oder Honorarvertrag mit einer staatlich geförderten Institution hat, der bleibt auf der Strecke. Das gilt auch für die unzähligen freien Kulturbetriebe. Diese sind in der Regel mit einer ganz heißen Nadel gestrickt. Die meisten kommen nicht in den Genuss einer städtischen Förderung oder zumindest einer anteiligen.

Und jetzt beginnt wieder der Kreislauf. Wie lange werden diese Clubs, Livebühnen und freien Veranstalter in diesem erzwungenen Ruhestand überleben können? Auch dort arbeiten unzählige Menschen, die auf Einnahmen angewiesen sind. Kaum ein solches Haus hat Festanstellungen. Mal abgesehen von den Leitern der Einrichtungen, die aber meist auch irgendwie im Unternehmen drin hängen, gehört das Servicepersonal in der eigenen Gastro oder auch der Techniker, Grafiker und alle jene, die eingangs bereits beschrieben wurden zum freien Personal. Kein Gig, kein Job, keine Kohle.

Ich allein weiß von tausende Menschen, die allein in dieser Branche arbeiten, die sich in vielen erfolgreichen Jahren damit eine Existenz aufgebaut haben, die hart arbeiten und sich zudem noch jede Menge Klugschwätzer anhören müssen und deren Leben nun akut gefährdet ist.

Für den Moment hat der Staat eine Hilfe ausgelotet, die ausreicht, das Gröbste zu stemmen. Das Frühjahr ist bereits verloren. Keiner dieser Gigs wird auch nur halbwegs entschädigt werden können mit einer Verschiebung auf unbestimmte Zeit. Und der Sommer ist akut gefährdet. Diese Umsätze sind verloren und werden auch von einem weiteren Hilfspaket nicht aufgefangen werden können.

Das traurige Fazit!

Dies war lediglich eine – unvollständige – Beschreibung der Sparte Livemusik. In den Bereichen Theater, Literatur, Bildende Kunst, Fotografie, Kabarett, Comedy, Digitale Medien und Werbung, Design, Kunsthandwerk, Veranstaltungstechnik und weiteren Gewerben sieht es genauso düster aus.

Letztendlich wird es darauf hinauslaufen, dass ganz viel schweigend und schämend den Weg zum Jobcenter antreten müssen und dort wartet nur noch Hartz 4, denn Homeoffice oder die Verlagerung in den Open Space des Worldwideweb wird auch hier nicht helfen.

Zum Abschluss darf ich nur inständig hoffen, dass ich mit meiner Prognose vollkommen verkehrt liege.

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