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“Die Kraft des Moers-Festivals besteht darin, dass wir unberechenbar sind.“

Vula Viel Foto: Michael Grundhever Lizenz: Copyright

Kein gewöhnlicher Anblick in Fit-For-Fun-Deutschland: Ein grün umrandetes „Rauchen erlaubt“ hängt über der Schnapstheke. Bilder von Tito, karierte Tischdecken. Ausgeschenkt wird Slivovic in Massen, schwergewichtige Musiker an Geige, Gitarre und Casio-Keyboard spielen serbische Traditionals. Balkan-Hochzeit? Nicht ganz. Von unserem Gastautor Matthias Hesse.

Ein freundlicher rothaariger Saxophonist gesellt sich von Zeit zu Zeit ins Yugo-Klischee und improvisiert gemeinsam mit der Band. Sehr viel Seele ist da auf jeden Fall im Spiel, sein Instrument klingt rauchig und wunderbar leicht. кафана (kafana) heißt das Projekt. Es ist halb drei Uhr nachts, und die Menschentraube vor dem kleinen Zelt am Rande des Moers Festival 2019 ist noch lange nicht bedient.

Der Saxophonist heißt Hayden Chisholm, gebürtig aus Neuseeland, zur Zeit Wahl-Belgrader. Er war mal Improviser in Residence in der niederrheinischen 100.000-Einwohnerstadt, die sich jedes Jahr zu Pfingsten in einen Magneten für Fans experimenteller Musik verwandelt. Während seiner Zeit in Deutschland hat er die bemerkenswerte Doku „Sound Of Heimat“ gedreht, die der Frage nachgeht, warum Deutsche ihre Volksmusik nicht leiden können. Mittlerweile geht spürt er südosteuropäischen Musiktraditionen nach, und das bringt er dem Publikum nicht nur in dieser Absturznacht zu Ohren, sondern auch mit einer tollen Konzert auf der großen Bühne in der ausverkauften Festivalhalle.

Überhaupt: Rote Fäden gibt es viele im üppigen Programm der diesjährigen Auflage des Moers Festivals (manch einem Kritiker auch zu viele), aber das Ding mit den Traditionen ist eine ziemlich auffällige Konstante. Musikalisch ohnehin: Die Bandbreite von folkloristischen Ausgrabungen, fettem High-End-Jazz wie er sich gehört (z.B. Joshua Redman mit WDR BigBand und Musikfabrik NRW) bis hin zu den blutjungen Rotzlöffeln von Black Midi, die ihren noise so spielen, als hätten sie das Genre erfunden – immer wieder setzen sich viele der eingeladenen Künstlerinnen und Künstler musikalisch mit dem auseinander, was vor ihnen war und dem, was noch wird. Und während es bei einem so traditionsreichen Festival nicht ausbleibt, daß am Bühnenrand auch viel von früher geredet wird, werden oben (von einer Projektband mit dem etwas sperrigen Namen Dokistaplerkidz) Kompositionen von Kindern und Jugendlichen gespielt, die zum Glück noch zu jung sind für Nostalgie.

Ein heiß diskutiertes Thema abseits der Musik: Über die gesamten vier Tage steht ein hölzerner Panzer auf der Bühne. Wenn seine Luke sich öffnet, schaut jedesmal ein unterschiedlicher Kopf heraus, der den nächsten Act ankündigt. Die Köpfe gehören nicht nur dem inner circle aus Organisatoren, Musikerinnen und Musikern – auch Festivalfans, Politikerinnen und ganz normale Menschen aus der Stadt quetschen sich durch die Luke. Ein Bild mit Aussage: Eine Stadtgesellschaft, die sich angesichts ihres größten kulturellen Aushängeschilds seit beinahe 50 Jahren immer zerstritten und gespalten gezeigt hat, stellt sich mittlerweile gemeinsam an die Avantgardistische Front.

Martialische Metaphern also. Dazu ein dickes Programmbuch, das seine Acts in einer Art Hyper-Marketing-Sprech aus der Consulting-Hölle als Konsumgüter auf den Markt wirft. Auch das omnipräsente Motto der 2019-Ausgabe „Strengt euch an“ klingt nicht so sehr nach dem Hippie-Event, das Moers wohl mal gewesen ist. Irritationen – damit hat das Festivalteam nicht gegeizt. Vielleicht weil es in Zeiten erstarkender Nationalisten und zunehmenden Angriffen auf Kunst- und Meinungsfreiheit nicht wirklich reicht, ein bißchen Friede, Freude, Free Jazz über die Zielgruppe zu gießen? Dann wären sich zwar alle einig und könnten entspannt in den Festivalsommer 2019 cruisen – aber sicher tun die kontroversen Diskussionen, die Panzer und Programm im Publikum provozierten, unbedingt not. (Echte Waffen gab es nämlich nirgendwo – die übliche hochgerüstete Polizei war nirgends zu sehen, außerdem waren die Securitys ziemlich freundlich.) Und am Ende ist Moers ja doch vor allem ein musikalisches Großereignis, und Hippies waren auch genug da.

Das Exklusivprojekt Global Improvisers Orchestra beispielsweise bringt nicht bloß irgendwie Musikerinnen und Musiker aus unterschiedlichsten Ecken der Erde zusammen. Die musikalischen Gegensätze sind hier Welten voneinander entfernt: Hla Myaing aus Myanmar am traditionellen Pat Waing, der Belgier Pieter Theuns an der barocken Theorbe, der weißrussische Akkordeonist Yegor Zabelov, der Ruhrpott-Saxophon-Malocher Jan Klare (The Dorf) sowie Andrea Taeggi (Elektronik), Luke Stewart (Bass), Valentin Garvie (Trompete), Owen Gardner (Gitarre) und die tolle Schlagzeugerin Mariá Portugal aus São Paulo ringen auf der Bühne um eine gemeinsame musikalische Sprache. Behutsam, manchmal überraschend harmonisch. Es arbeiten sich Soli heraus, Reibung entsteht, manchmal knirscht es im Gebälk. Routiniert abgeliefert wird da nichts, und es will auch nicht alles auf Anhieb gelingen. Die Hingabe der Improvierenden kommt aber dann in einem atemlosen Offbeat-Galopp zusammen und mündet in eine anrührende, basslastige Meditation. Glücksgefühle. Dieser unwiederholbaren Musik beim Entstehen, beim Suchen, Kämpfen und Siegen zuschauen und zuhören zu können, ist ein beglückendes Erlebnis und entläßt ein begeistertes Publikum.

“Die Kraft des Moers Festivals besteht darin, dass wir unberechenbar sind. Wir sind alles außer Mainstream,“ so Festivalleiter Tim Isfort. Das und die Fülle der Acts und Spielorte werden jede Besucherin, jeden Besucher mit anderen Entdeckungen, Enttäuschungen, Erlebnissen entlassen haben. In meinem Fall wären das der Gitarrist und Performer Julien Deprez, Trondheim Voices und die belgische Formation MDC III. Was darüber hinaus von Dauer zu sein scheint, ist der amtliche Kater aus dem kafana, aus der vergangenen Nacht. Живели!

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