
Das Mitte-Links-Spektrum hat sich kulturell von Teilen der Gesellschaft entfernt. Von unserem Gastautor Holger Marcks
Es hat sich ein neues Narrativ im Diskurs über Polarisierung etabliert. Vor allem im linken Lager erzählt man sich nun öfter, die Polarisierung der Gesellschaft sei nicht so ausgeprägt wie oft behauptet. Das ist zumindest die Botschaft, mit der ab 2023 das Buch Triggerpunkte von Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser häufig rezipiert wurde. Auch Polarisierung von Nils Kumkar, erst letzten Sommer veröffentlicht, wird gern mit ihr versehen. Die Story lautet in etwa: Die Bevölkerung sei real (gemeint ist: bei den Einstellungen) gar nicht so gespalten; es gäbe aber Themen, wo die Emotionen eskalierten. Diese »gefühlte Polarisierung«, wie es Mau & Co. nennen, überdecke also, dass es in vielen Bereichen einen gewissen Konsens gäbe. Bei Kumkar kommt noch die »kommunikative Polarisierung« hinzu. Gesellschaft werde demnach auch durch Kommunikation gespalten. Zum Beispiel durch Akteure, die Diskurse entsachlichen und Konflikte durch Emotionalisierung, Moralisierung und Dichotomisierung zuspitzen. Polarisierung werde sozusagen auch herbeigeredet.
Das ist nicht unbedingt falsch. Aber auch nur halbrichtig. Denn in der Polarisierungsforschung – und die sollte für Wissenschaftler der Bezugspunkt sein – ist es schon lange Usus, dass auf der Einstellungsebene oft keine große Spaltung vorliegt. Nur macht man dort »reale« Polarisierung weniger an polaren Einstellungen fest. Immerhin sind plurale bis konfligierende Meinungen in einer vitalen Demokratie sogar wünschenswert. Problematisch wird es hingegen, wo sich Akteurscluster bilden, die sich als Feinde behandeln, politische Verständigung erschweren und damit letztlich auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt strapazieren. Anders gesagt: Genau solche emotionalen und kommunikativen Dynamiken sind reale Polarisierung. Und wie sie zustande kommen, auch wenn die Einstellungen gar nicht so gespalten sind, das ist ja gerade das zentrale Puzzle der Polarisierungsforschung. Mit gefühlter und kommunikativer Polarisierung lässt sich ein Teil davon erklären. Ohne weiteren Kontext aber können die Konzepte Probleme der Polarisierung verblenden.
So spinnen einige die Botschaft von der Scheinpolarisierung dahin weiter, dass es hierzulande vor allem oder ausschließlich die AfD sei, die spalte. Das ist bequem. So muss man sich selbst nicht hinterfragen. Spalter, das sind stets die anderen. Dabei ist es (natürlich) komplizierter. Nehmen wir etwa das Triggerthema Migration, das für die AfD-Erfolge zentral ist. Da sind die Einstellungen in der Bevölkerung ja deswegen relativ ungespalten, weil es eine große Mehrheit gibt, die – mehr oder weniger – eine Revision der Migrationspolitik wünscht. Es ist hier, bei diesem Thema, eine linke Minderheit, die harte Grenzen im Diskurs zieht. Das kann man moralisch gutheißen, ist – technisch betrachtet – aber kommunikative Polarisierung. Und die hat Folgen. Zum Beispiel, dass sich durch die Grenzziehungen der common ground nicht im politischen Überbau abbildet – zum Nutzen der AfD. Ist es da wirklich klug, eine Art Gegenpolarisierung einzufordern, wie es Kumkar tut? Oder ist nicht doch Depolarisierung das Gebot der Stunde, wie BaWü-Wahlsieger Cem Özdemir meint?
Kumkar vs. Özdemir: Spalten oder einen?
»Wir sollten uns trauen zu polarisieren. Sonst tun es die anderen«. Kumkars Aufforderung zum »produktiven« Spalten klingt mutig. Ein bisschen kontraintuitiv. Für manche wohl auch radikal. Denn bisher galt Polarisierung als schlecht. Und jetzt soll das okay oder gar wünschenswert sein? In Wirklichkeit aber ist die Frage obsolet. Denn das Postulat ist nur eine Affirmation dessen, was ohnehin passiert. Linkerseits beteiligt man sich ja schon rege am Lagerkampf. Das nimmt auch Özdemir an, der die Gegenthese zu Kumkar liefert: »Wirklich radikal ist heute, wer die Menschen zusammenbringt; gehört wird dagegen, wer die Polarisierung mit noch mehr Polarisierung beantwortet.« Mit diesen Worten ließ der Grünenpolitiker sein geplantes Buch Übertreibt nicht! bewerben: eine offenbar von Barack Obama inspirierte Kritik der Wokeness. Einst für 2025 angekündigt, sollte es nie erscheinen. Die Aussage deckt sich aber mit Befunden der digitalen Konfliktforschung: In Zeiten sozialer Medien gewinnen Vereinfacher, Moralisierer und Emotionalisierer aller Couleur an Wirkungsmacht.
Zweierlei ist also richtig: Ja, große Teile der Gesellschaft sind vermittelnder eingestellt sind, als es die politische Öffentlichkeit anzeigt; und ja, die Auseinandersetzungen werden da oft unversöhnlich geführt. Es liegt nahe, dass diese falsche Blockbildung, die den Facetten des Meinungsspektrums nicht gerecht wird, aufzuspalten ist. Für eine Ausdifferenzierung braucht es Streit über Interessen, Ziele, Programme, Strategien. Da hat Kumkar recht. Jedoch – und da steht der Soziologe Kopf – muss das mehr den Streit mit dem »Wir« als mit dem »Anderen« meinen. Denn das Dichotome, für das Polarisierung steht, konstituiert sich vor allem über milieuinternen Konformitätsdruck. Im digitalen Kontext werden die Diskurse der jeweiligen Teilöffentlichkeiten eben von denen geprägt, die sich über Empörung profilieren. Sie geben vor, was als opportun gilt; abweichende, differenzierende und vermittelnde Stimmen werden schnell sanktioniert. Es sind die Einpeitscher und Tugendwächter in den jeweils eigenen Reihen, die die Grautöne eliminieren und uns in Lager zwingen.
Menschen zusammenzubringen, erfordert daher Brüche: Man muss die Spalter spalten. Das ist die Dialektik der Depolarisierung. Und um sie strategisch produktiv zu gestalten, muss man zunächst einmal verstehen, wo die falschen Brücken stehen, die zu sprengen sind, und die falschen Brüche liegen, die zu kitten sind. Ein Problem, das hierbei selbst in den akademischen Diskursen kaum eine Rolle spielt, ist das der »kulturellen Repräsentationslücke«, wie es der Soziologe Laurenz Guenther nennt. Sie ist zentral, um zu erklären, wie sich relativ konsensuale Einstellungen in politische Polarisierung übersetzen. Erstaunlicherweise spielt sie in den (akademischen) Diskursen des linken Lagers, das den elektoralen Rechtsruck beklagt, kaum eine Rolle. Und das obwohl sich dieses Problem um Fragen der sozialen Klasse dreht. Dass sich Linke, die sich eigentlich als Champion der Klassenanalyse sehen, darum wenig scheren, hat wiederum sehr viel damit zu tun, dass man damit auch die eigene Rolle in den Herrschaftsverhältnissen reflektieren müsste. Aber von vorne…
Folgen des Linksrucks: Die kulturelle Repräsentationslücke
Zu den Schutzbehauptungen linker Identität heute gehört etwa die Vorstellung, die rechten Erfolge basierten auf einem »radikalisierten Konservatismus«, wie es Natascha Strobl nennt. Das ist zum Teil auch richtig; der erste große Boost der AfD, so zwischen 2013 und 2017, stütze sich durchaus auf den rechten Rand der Unionsanhänger. Gleichwohl aber war die Zunahme rechtsextremer Einstellungen in den vergangenen zehn Jahren keineswegs so stark, wie es der elektorale Rechtsruck vermuten lässt. Mehr noch: Man kann durchaus plausibel argumentieren, dass sich in der jüngeren Geschichte das linke bzw. liberale Meinungscluster mehr von der Mitte wegbewegt hat als das rechte. Das zeigte etwa ein Forscherteam um David J. Young jüngst am Beispiel der USA. Es bestätigt damit einen weit verbreiteten Eindruck, der in einem bekannten Meme des Woke-Kritikers Colin Wright verewigt wurde. Linkerseits wurde und wird es oft als rechtes Narrativ abgetan. Nicht zuletzt auch, weil es zu den Lieblingserzählungen des bei Linken verhassten Elon Musk gehört.

Meme nach den Thesen des Evolutionsbiologen und Woke-Kritikers Colin Wright
Dabei ist diese Story keineswegs ein Märchen. Wer die linke Ideen- und Bewegungsgeschichte mitgeschnitten hat, weiß, dass viele Konzepte, die heute den Diskurs im Mitte-Links-Spektrum prägen, noch Anfang der 2010er Jahre der linken Szene vorbehalten waren. Queerfeministische und postkoloniale Ideen, zum Beispiel, waren, wie Identitätspolitik generell, nicht mal bei den Grünen oder der Linkspartei so stilprägend für die politische Kultur, geschweige denn bei der SPD. Auch im akademischen Betrieb hatten diese Ansätze weniger Einfluss. Überhaupt waren Antifa und Antira schmutzige Handarbeit, die vor allem von der radikalen Linken geleistet wurde. Nun, wo Zeichen und Rituale gegen Rechtsextremismus selbst im biederen Mainstream des Bildungsbürgertums zum guten Ton gehören, ist das anders. Ein »progressiver« Shift bis hinein in die Union lässt sich nicht leugnen. Man kann das ja auch gut finden und – einige machen das sogar – als Fortschritt verteidigen. Die Frage ist doch vielmehr, welche Dynamiken aus dieser Art Linksruck resultierten.
Wichtig ist: Dieser Shift war vor allem ein kultureller. Das untermauert die Studie Guenthers, der ein Symptom dieser Verschiebung herausschält. Demnach seien die politischen Repräsentanten in vielen Fragen gar nicht so ein Mismatch mit dem Bevölkerungswillen. Gerade aber in kulturellen Fragen seien sie durchschnittlich linker bzw. liberaler als die Wähler. Dadurch entstünde jene kulturelle Repräsentationslücke, die Kräfte von Rechtsaußen erfolgreich füllen können. Die Tragweite dieses Problems ist nicht zu unterschätzen. Denn gerade kulturelle Fragen werden als besonders alltagsprägend empfunden; und weil sie die politische Kultur von Akteuren prägen, leiten sie auch ihre politische Praxis insgesamt an. Bedenkt man ferner, dass man die kulturelle Repräsentationslücke auch dem Medien- und Kulturbetrieb attestierten kann, dessen soziale Zusammensetzung zweifellos linkslastig ist, lässt sich erahnen, wie sich die »kognitiven Asymmetrien« gestalten, die Veith Selk als maßgeblich für die Repräsentationskrise ausmacht.
Der Elefant im Raum: Linke als Malocherschreck
Gewiss, manche Themen vertragen mehr Polarität. Über Fragen der sozialen Ungleichheit, der ökonomischen Gegensätze, ja der Sozial- und Wirtschaftsordnung wurde früher schon mehr gestritten, ohne dass es die Demokratie zerrissen hätte. Tatsächlich gibt es bei den Einstellungen auch eine relativ breite Basis für eine andere Wohlstandsverteilung. Hier sind es Konservative und Liberale, die eine gewisse Repräsentationslücke erzeugen. In kulturellen Fragen wird diese aber vor allem und ungleich stärker von links gerissen, mit der Folge, dass das linke Lager die Gruppen auf Distanz zu sich bringt, die an einer sozialen Agenda Interesse haben könnten. Politische Anschlussfähigkeit ist nun mal durch kulturelle Resonanzfähigkeit bedingt. Vor allem: Wenn Politik und Medien den Eindruck vermitteln, dass weit verbreitete Einstellungen zu gesellschaftlichen Kernfragen nicht vertretbar seien, dann kippt Polarisierung ins Vertikale. Die kulturelle Repräsentationslücke wird so zur Herrschaftsfrage. Umso mehr gilt das, wenn dabei auch Klassenaspekte zum Tragen kommen.
Im Prinzip ist die kulturelle Repräsentationslücke der Elefant im diskursiven Raum der Polarisierung. Denn sie legt den soziokulturellen Charakter des Rechtsrucks offen – und doch wird kaum darüber geredet, was sie ist, wie sie zustande kommt und was sie bewirkt. Die Ursachen und Dynamiken der politischen Polarisierung bleiben so unverstanden. Dass dabei vor allem das linke Lager den Kopf einzieht, ist umso bemerkenswerter, als die Klassenaspekte jedem Linken mit etwas Bourdieu-Erfahrung ins Auge springen müssten. Gewiss, rechte Erfolge haben viele Ursachen. Was da alles zusammenkommt, darüber lässt sich ausführlich streiten. Kein Zweifel sollte es aber geben, dass sie mit starken Veränderungen im Wahlverhalten der unteren Klassen einhergehen. Der große Zuwachs der AfD etwa, der sie von einer Zehnprozentpartei zu einem Machtaspiranten vor allem im Osten machte, geht nämlich weniger auf »radikalisierte Konservative« zurück als auf Arbeiter und Arbeitslose, die vorher stärker links wählten. Die Zahlen sprechen für sich. Rechnen wir sie durch:
Fasst man Linkspartei, SPD und Grüne als linkes Lager zusammen, sehen wir, dass bei der Bundestagswahl 2009 die Linksbindung jener sozialen Gruppen noch stark war: 49 bzw. 56 Prozent wählten hier links, bei 46 Prozent insgesamt. Man überperformte bei Arbeitern und Arbeitslosen also. Zumindest gilt das für die SPD und insbesondere die Linkspartei. Denn die Grünen unterperformten schon damals. Die 7/9 Punkte bei elf Prozent sind für eine bildungsbürgerliche Partei aber ein beachtlicher Wert. Bis 2021 sinken die Werte stetig; mit 39/51 Punkten bei 46 Prozent bleibt die Bindung aber stabil. Dann, 2025, sind es nur noch 25/34 Punkte bei 37 Prozent. Die AfD wiederum sorgt mit einer Overperformance (38/34 Punkte bei 21 Prozent) für ein soziopolitisches Beben. Denn 2021 und 2017 lag man bei 21/17 bzw. 21/21, 2013 gar nur bei 6/3 Punkten. Im Osten ist die Verschiebung noch drastischer. Da hatte einst die Linkspartei – 29 Prozent der Oststimmen in 2009 – große Teile beider Gruppen gebunden. Heute ist bei ihnen die AfD hegemonialer, als es die Linke je war.

Anteil der Wähler unter Arbeitern und Arbeitslosen bei Bundestagswahlen nach Partei
Gefangen in der Pfadabhängigkeit: Immer tiefer in die Krise
Es ist nicht so, dass diese Entwicklung nicht gesehen würde. Dass etwa die Linkspartei stärker soziale Kämpfe betont, soll dem ja Rechnung tragen. Genau damit lenkt man aber vom Elefanten im Raum ab. Denn die Studienlage zeigt deutlich, dass die politische Spaltung der Milieus weniger ökonomischen als kulturellen bzw. habituellen Aspekten folgt. Davon zeugt nicht nur die kulturelle Repräsentationslücke, sondern auch ein klassenförmiger common sense divide: milieuspezifische Vorstellungen davon, was als selbstverständlich gilt. Dass AfD-Repräsentanten das Arbeitermilieu mehr abbilden als andere Parteien, passt dazu. Und ebenso, dass die Linkspartei 2025 dort erstmals unterperformte – trotz Klassenkampfrhetorik. Der sogenannte Kulturkampf vernebelt eben nicht soziale Konflikte, sondern ist Ausdruck davon. Das heißt: Die Milieus, die linke Politik heute repräsentieren, stehen im kulturellen Konflikt mit den unteren Klassen. Die einst linksgebundene Basis für eine klassenpolitische Agenda wird so gespalten – und damit neues Potential für rechte Anschlüsse freigesetzt.
Man kann also plausibel argumentieren, dass das linke Lager eine treibende Rolle beim Rechtsruck spielt. Gerade in kulturellen Fragen betreibt es eine polarisierende Kommunikation, die zum Ausschluss geläufiger Einstellungen vor allem der unteren Klassen führt. Es sind vorpolitische Konflikte, die unter der Oberfläche gären, aber das Feld des Politischen umso nachhaltiger neuordnen. Wie bei einer tektonischen Verschiebung lässt die aufsteigende Hitze eine neue Kruste entstehen, die zwei Segmente auseinanderdrückt. Oder anders gesagt: Die Grauzone wird vom linken Resonanzraum abgetrennt und den Strömungen hin zur Blauzone überlassen. Das linke Playbook, also die progressiven Gewissheiten und Routinen, ergänzen sich somit gut mit dem Playbook der extremen Rechten. Man könnte es auch, mit der Sprache der Systemtherapie, einen »Problemtanz« nennen: Auf die rechtsextremen Erfolge reagiert das linke Lager so, dass diese auch noch verstärkt werden. Man will das Problem also mit einer Denkweise lösen, die das Problem miterzeugt hat.
Es ließe sich soziologisch ausführlich erklären, warum Organisationen oft nicht dazulernen, auf Krisen mit einem Mehr von dem Gewohnten antworten und genau damit die Krisen verschärfen. An dieser Stelle soll genügen, dieses Problem als »Pfadabhängigkeit« zu benennen. Damit ist gemeint, dass Akteursgruppen ihre Steuerungsfähigkeit durch frühere Entscheidungen so prägen, dass alternative Problemlösungen verblendet sind. Sie finden dann keine guten Antworten auf Probleme, selbst wenn sie bekannt sind. Denn die Beteiligten sind gefangen in Gewissheiten, die für die Gruppenidentität zentral sind, eingemauert in Strukturen, Prozesse und Machtverhältnisse, die dafür sorgen, dass abweichende Denkweisen Widerstände auslösen und Reformversuche hohe Kosten verlangen. Anders gesagt: Diejenigen, die vielleicht wüssten, wie man etwa die SPD aus der Krise führt, können in der Partei – sofern sie (noch) Mitglied sind – gar nicht zu Einfluss gelangen. Denn dafür müssten sie der Denkweise entsprechen, die in die Krise geführt hat. Ein Catch 22.
Distinktionsbedürfnisse: Identitätspolitik als Herrschaftstechnik
Die Ursachen für die Pfadabhängigkeit, die das linke Lager immer weiter in die Krise führen, sind vielfältig und gehen weit zurück. In der jüngeren Geschichte definitiv prägend wirkte aber die Ausbreitung identitätspolitischer Konzepte im bildungsbürgerlichen Mainstream, die in den 2010er Jahren vonstattenging. Sie erfolgte zeitgleich mit einer richtungsweisenden Debatte in der radikalen Linken, der diese Konzepte vorher weitestgehend vorbehalten waren. Der französische Soziologe Didier Eribon hatte damals eine Debatte darüber ausgelöst, inwiefern linke Identitätspolitik die Arbeiter vergraule. Allerdings fanden die Stimmen wenig Gehör, die schon damals auf die politisch-kulturelle Dimension dieser Frage hinwiesen – und darauf, dass sich hier zunehmend ein Konflikt zwischen sozialen Milieus auftut, der durch die moralische Klammer einer progressiven Identität verblendet würde. Es setzten sich schließlich diejenigen durch, die meinten, Klassenpolitik und Identitätspolitik stünden nicht im Widerspruch oder gehörten gar zusammen.
Für die Szenelinke, die schon damals trotz Klassenkampfrhetorik nix mit den Arbeitern zu tun hatte, machte das keinen Unterschied. Auch nicht für die Grünen, mit deren bildungsbürgerlicher Wählerschaft die woken Kulturtechniken kompatibel sind. Ihre Ausbreitung in Linkspartei und SPD wirkte aber verheerend. Wie schon die Szenelinke konterkarierte man damit jegliche soziale Programmatik, die auf die unteren Klassen zielt. Denn der daraus folgende kulturelle Konflikt hat gleich mehrere Dimensionen. Zum einen liegt man bei den kulturellen Themen an sich über Kreuz mit den Zielgruppen, wollen diese den vermeintlich progressiven Vorstellungen doch partout nicht folgen. Zum anderen steht Identitätspolitik auch für einen Modus, der das (kommunikative) Handeln in allen Themenfeldern prägt. Immerhin wurde sie einst von der Neuen Linken aus einer kulturrevolutionären Logik heraus etabliert: Gesellschaft sollte (auch) im Alltag verändert werden, durch sprach- und verhaltenspolitische Techniken – und einige Regeln, wer wo definitionsmächtig sprechen darf.
Bei Identitätspolitik geht es nicht bloß um Themen, sondern vor allem um eine politische Kultur. Und da ihre Techniken einst in Ermangelung einer Arbeiterbasis entwickelt wurden, sollte es nicht verwundern, dass sie eher vom Habitus des Bildungsbürgertums geprägt wurden, aus dem sich linke Subkultur ab 1968 vorwiegend rekrutierte. Mit dem Spillover auf den bildungsbürgerlichen Mainstream, bis hinein in den Kultur- und Medienbetrieb, verlor sie dann endgültig ihren rebellischen Charakter. Dass Wokeness hauptsächlich von relativ privilegierten Milieus getragen wird, ist allseits bekannt. Es sollte daher außer Zweifel stehen, dass hier mindestens Fragen der sozialen Distinktion eine Rolle spielen. Immerhin diente Identitätspolitik schon in der linken Szene als Werkzeug zur Unterscheidung von »guten« und »bösen« Genossen – und für Machtspiele, Ausschlüsse und Spaltungen. Dass sie, einmal auf die breite Gesellschaft skaliert, dann auch als Herrschaftstechnik bestimmter Milieus fungieren kann, sollte sich eigentlich von selbst verstehen.
Ein Lager gegen das Lagerdenken: Die Dialektik der Depolarisierung
Durch harte Grenzziehungen, also kommunikative Polarisierung, war es den progressiven Milieus länger möglich, manche Normen dominant zu machen, denen es an Rückhalt in der berüchtigten Normalbevölkerung mangelt. Der Preis dafür ist besagte Repräsentationslücke, die im Westen bei der SPD und im Osten bei der Linkspartei eingeschlagen hat. Darüber soll auch nicht hinwegtäuschen, dass Letztere rund um die Bundestagswahl erstarken konnte. Der Erfolg basiert vor allem auf linksgrünen Jungwählern. Es ist erwartbar, dass der woke Einschlag unter den Neumitgliedern die kulturelle Distanz zu den unteren Klassen noch vergrößern wird – allem sozialpolitischem Populismus zum Trotz. Ähnliches gilt für die SPD. Noch bindet sie Teile dieses Milieus, aber diese Beziehung hängt an einem dünnen Faden. Wie keine andere Partei handelt sie in kulturellen Fragen gegen den Willen ihrer (verbliebenen) Wählerschaft. Eine programmatische Neuausrichtung, egal welcher Art, wird den Trend nicht umkehren, wenn es keine kulturelle Wende gibt.
Dass es auch Alternativen zu diesem Playbook gibt, zeigt ausgerechnet ein Experiment aus den grünen Reihen. Mit Özdemir gewann jüngst jemand in beeindruckender Weise die Wahlen in Baden-Württemberg, der erklärtermaßen auf Depolarisierung abzielt und dafür – ganz dialektisch – auch Momente der Spaltung erzeugt. Insbesondere gegenüber der politischen Kultur der Wokeness, für die seine »Schwesterpartei« im Bund besonders steht. Sein Erfolg scheint vieles zu bestätigen, was die Polarisierungsforschung andeutet. Zum Beispiel, dass es eine Art leise Mehrheit gibt, die wir ob der digitalen Schreihälse, die die politische Atmosphäre prägen, oft vergessen. Viele Menschen sind gar nicht so involviert in die hysterischen Freund-Feind-Dynamiken auf Social Media und vertreten in vielen Fragen Mittelpositionen bzw. changieren in Sachfragen zwischen verschiedenen Parteien. Sie, die vermittelnden Meinungen, sind es, die politisch und medial unterrepräsentiert sind. Es liegt nahe, dass hier ein großer Bedarf nach Politikern besteht, die versprechen, Brücken zu bauen, emotional abzurüsten, Sachfragen zu fokussieren – und die Spalter in die Schranken weisen.
Strategische Depolarisierung verleiht einem Lager gegen das Lagerdenken Kontur – und entblößt so, wer die Polarisierer sind. Wenn etwa Linke in Özdemir oder auch Boris Palmer gleich rechte oder gar völkische Dämonen sehen, dann offenbart das ein höchst dichotomes Denken. Denn objektiv handelt es sich hier um Politiker mit lagerübergreifend hohen Zustimmungswerten, die etwa beim Triggerthema Migration eine Mittelposition einnehmen – wie auch der Großteil der Bevölkerung. Sie sind in vielen Fragen repräsentativ für den gesellschaftlichen common ground, der sich in Politik und Medien derzeit nur unzureichend abbildet. Wer sie angreift, rückt sich bei vielen ins Abseits. Das gilt auch für Angriffe von rechts. So führte Özdemirs Wahlsieg durchaus zu Streit im rechten Lager. Denn dass der Grünenpolitiker für Wokeness & Co. und für Islam oder gar Islamisierung stünde, ist ein Vorwurf, der selbst bei Grünenhassern Widerspruch erzeugt. Zu glaubwürdig ist Özdemir mit seiner Distanzierung von den linken Kulturkämpfern, als dass so eine Dichotomisierung verfängt.
Ausweitung der Grauzone: Politisch-kulturelle Perestroika gefragt
Also ja, mehr Streit im linken Lager ist nötig. Er sorgt für strategische und programmatische Ausdifferenzierung – und damit auch, das ist der Clou, zu Brüchen rechterseits. Indem mehr Raum für die Grauzone zugelassen wird, entsteht auch Abstand zur Blauzone. Damit aber eine Politik à la Özdemir auch nennenswerte Zahlen von AfD-Wählern zurückgewinnen kann, muss noch einiges mehr passieren. Gerade mit der grünen Partei hat der schwäbische Grenzgänger ja den institutionalisierten Malocherschreck am Bein. Es sollte daher nicht verwundern, dass auch Özdemir bei den unteren Klassen unterperformte, trotz Rekordwerten zu seiner Person. Die Grünen zu wählen, das geht vielen von ihnen dann doch zu weit. Dennoch ist Özdemirs Leistung nicht zu unterschätzen. 18 Prozent der Arbeiter zu erreichen, ist für die Grünen beachtlich. Überhaupt ist es keineswegs selbstverständlich, dass sie die Stimmen vom letzten Kretschmann-Sieg weitestgehend halten und kaum an die AfD abgeben mussten. Zumal die Rechtaußenpartei zwischenzeitlich in den Umfragen noch besser dastand.
Für den sozialen Zusammenhalt wäre es – gerade mit Blick auf globale Krisen – wichtig, dass die Grünen ihre klassistische Funktion überwinden. Nicht nur, weil die soziokulturellen Fliehkräfte zwischen grünen und blauen Wählern den politischen Möglichkeitsraum verengen. Auch braucht es linkerseits ein Backup für die unteren Klassen, als deren Partner die SPD auszufallen droht (die Linkspartei ja sowieso). Die Klassenförmigkeit der politischen Polarisierung ist auf Dauer weder für die Demokratie aushaltbar, noch ist so linke Politik überhaupt möglich. Oder will man diese in Zukunft mit den Reichen durchsetzen? Wenn die AfD zunehmend die unteren Klassen bindet, wird es eben zur Notwendigkeit linker Politik, diese Wähler zurückzuholen. Auch eine ökologische Wende, wie sie die Grünen begehren, ist ohne deren Unterstützung illusorisch. Diese liegt aber aufgrund der kulturellen Entfremdung in weiter Ferne. Um aus dem Problemtanz auszusteigen, der diese Distanz erzeugt, braucht es zunächst eine politisch-kulturelle Perestroika im linken Lager.
Das betrifft vor allem die Grünen. Sie haben, neben der Linkspartei, die stärksten Kulturpolarisierer. Zugleich macht der von ihnen ausgehende Konformitätsdruck den nötigen Bruch aber schwierig. Das zaghafte Hinterfragen der linksgrünen Lehrerhaftigkeit, wie etwa von Ricarda Lang oder Felix Banaszak zu hören, ist das Maximum an Kritik, das ihre kollektive Identität verträgt. Und selbst wenn man den Streit wagen würde, um Özdemirs Pfad zu folgen, fehlt es an Glaubwürdigkeit. Bei den unteren Klassen werden auf absehbare Zeit nur Politiker resonanzfähig sein, die den linken Kulturkämpfern Paroli geboten haben. Genau die sind – dank der Polarisierer – aber selten bzw. einflusslos im linken Lager. Es werden daher vor allem Kritiken zu hören sein, die die eigenen Gewissheiten nicht erschüttern. Zum Beispiel, dass man die einfachen Leute politisch-ökonomisch vernachlässigt habe, wie es Philipp Türmer seiner SPD vorhält. So wahrt man die progressive Identität. Und muss nicht hinterfragen, warum man etwas repräsentiert mit dem man die Arbeiterklasse jagen kann.
Holger Marcks ist Radikalisierungs- und Polarisierungsforscher. Er ist Co-Autor u.a. von „Digitaler Faschismus. Die sozialen Medien als Motor des Rechtsextremismus“ (Dudenverlag, 2020). In „Zurück nach vorn. Ein sozialrepublikanisches Panorama“ (Alibri Verlag, 2025) schreibt er mit Felix Zimmermann über den Zusammenhang von linker und parlamentarischer Repräsentationskrise.
