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“Die Online-Medien nicht widerstandsfrei räumen!”

Kämpfer für gute Wissensvermittlung: Johannes Hinrich von Borstel (Foto: Nadine Städtner)

Man nennt es alternative Fakten – oder auch einfach Schwurbelei und Lügen: die Abwendung von Wissenschaft und Wahrheit. Gerade in den Sozialen Medien und online generell sind die Esoschwurbler besonders laut. Der neue Blog die-erde-ist-keine-scheibe.de will hier etwas dagegen setzen. Publizist und Mediziner Johannes Hinrich von Borstel („Herzrasen kann man nicht mähen“) sprach mit uns über sein neues Projekt.

Sebastian Bartoschek (SB): Johannes, woher könnte Dich unser Leser bisher kennen?

Johannes Hinrich von Borstel (JHB):  Ich bin in den letzten Jahren auf vielen Science-Slams unterwegs gewesen und habe ein populärwissenschaftliches Unterhaltungsbuch zum menschlichen Herzen geschrieben. Das war so erfolgreich, dass ich damit häufiger im Fernsehen, im Radio und auf der Spiegel-Bestsellerliste war.

SB: Aha. Also ein Mainstream-Mediziner?

JHB: Das würde ich nicht sagen. Ich glaube, dass die Art der Wissensvermittlung verbunden mit Unterhaltung nicht unbedingt als Mainstream-Medizin bezeichnet werden kann. Ich wünschte, dem wäre so. Ich glaube, weil diese Art der Wissensvermittlung eben nicht so “mainstreamig” ist, erfreut sie sich so großer Beliebtheit. Sie füllt eine Lücke, die sich zwischen Unterhaltung und klassischer Schulmedizin aufgetan hat.

SB: Wieso fällt es seriöser Wissenschaft immer noch so schwer, sich ansprechend und verständlich darzustellen?

JHB: Ich vermute, dass die Ursache dafür darin liegen könnte, dass Präsentationsmethoden einen zu geringen Stellenwert einnehmen. Eigentlich sehr schade, gerade in Deutschland, wo doch wirklich spannende und tagesaktuelle Forschung stattfindet. Doch kenne ich es selbst aus der Uni. Meist besteht der Unterricht aus Frontalvorträgen in denen in schwarzer Schrift auf weißem Grund stundenlang Fakten und Ergebnisse präsentiert werden. Dabei zuzuhören ist nicht nur kräftezehrend, sondern auch nicht sonderlich effektiv. Das vermute ich zumindest. In der Uni hat man seine Zuhörer dennoch sicher, handelt es sich doch um Pflichtveranstaltungen. Die Aufmerksamkeit von fachfremden Zuhörern hingegen muss man sich erarbeiten. Wie auf einem Science-Slam. Das Publikum kommt mit dem Wunsch, unterhalten zu werden und etwas zu lernen oder Spannendes zu erfahren. Ich denke, dass man auch sehr trockenes Wissen unterhaltsam und spannend verpacken kann. Und das das eine große Baustelle im universitären Betrieb ist, da die Angst der Vortragenden, “die Aura der eigenen Intellektualität” zu verspielen sehr groß ist.

SB: Es gibt aber auch all die Esoschwurbler, die Impftrolle, die Abgehängten. Die kommen nicht zum Science-Slam. Wie kriegen wir die?

JHB: Auch die kommen zu einem Science-Slam. Ich habe schon die spannendsten Gespräche auf Science-Slams mit Menschen geführt, die das Vertrauen in die Schulmedizin verloren haben. Und die große Frage, “Wie kriegen wir die?”, versuche ich mir selbst noch zu beantworten. Meine Erfahrung aus solchen Gesprächen sagt mir, dass es sich um Menschen handelt, die sich oft abgehängt und ausgenutzt fühlen. Ist daraus eine Art “Eso-Fundamentalismus” erwachsen, ist das Kind schon so gut wie in den Brunnen gefallen. Was man allerdings machen sollte: Nie aufhören zu versuchen, auch solche Menschen an dem Punkt abzuholen, wo sie stehen. Zu versuchen, Sachverhalte so verständlich und auf die notwendigsten Inhalte runtergebrachten zu erklären, sodass sie von jedem verstanden werden können. Aus diesem Wissen können Menschen unheimlich viel machen. Und wenn es, wie in meinem Buch um Herzgesundheit geht, dann kann man eigentlich nur versuchen, Wissen zu vermitteln und darauf zu hoffen, dass aus diesem Wissen eine intrinsische Motivation erwächst, etwas zu ändern. Selbst gemachte Regeln, das kennt jeder von sich, werden nämlich lieber befolgt, als Regeln, die andere sich für einen ausgedacht haben.

SB: Und die-erde-ist-keine-scheibe.de will auf dem Weg dahin helfen? Oder was ist das für´n Blog?

JHB: Genau. Dieser Blog ist ein Zeichen, dass man das Feld der Online-Medien nicht widerstandsfrei räumen sollte. Wir versuchen mit wissenschaftlich fundierten, aber auch unterhaltsamen Artikeln ein gesundes Gegengewicht zu Gruppen, wie “Impfen-Nein Danke!”, Neo-Druiden, Reichsbürgern und einfachen Scharlatanen zu liefern. Da, wo Text nicht mehr hilft, kann es auch mal ein Comic sein. Wie knacken wir die Filterblase? Ehrlich gesagt: Keine Ahnung. Meine Antwort darauf kann nur simpel ausfallen. Weitermachen, weiterschreiben und immer ein offenes Ohr haben und sich um hohe Verbreitung bemühen.

SB: Wer steht hinter dem Blog?

JHB: Der Blog ist die Idee von Dr. Peter Teuschel, einem Freund und Autorenkollegen von mir, der in München als Psychiater arbeitet. Vor der Gründung nahm er Kontakt zu mir auf, stellte mir dieses Vorhaben vor und rannte damit bei mir offene Türen ein.

SB: Glaubst Du echt, dass so ein Blog was reißen kann?

JHB: Ich glaube, dass so ein Blog einen guten Start für ein solches Projekt darstellt. Ansonsten ist die Hoffnung bekanntlichermaßen das, was zuletzt stirbt. Ich glaube, dass dieser Blog in dem Moment seine Aufgabe erfüllt hat, in dem er nur einem unentschlossenen Leser einen Stimulus zu mehr Vernunft vermitteln konnte.

JHB: Ich drücke die Daumen. Vielen Dank für dieses Gespräch!

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2 Kommentare zu ““Die Online-Medien nicht widerstandsfrei räumen!”

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