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Die Schule brennt – Und hier sind die Brandherde

Klassenzimmer einer Grundschule Foto: DALIBRI Lizenz: CC BY-SA 3.0

Dies ist ein Auszug aus „Die Schule brennt“ von Carsten Tergast. Der Journalist und Buchautor hat 2018 den Quereinstieg in den Schuldienst gewagt und ist bald darauf wieder ausgestiegen. Seitdem recherchiert der Vater zweier schulpflichtiger Kinder zum Thema Schule und Bildungssystem. Das Ergebnis seiner Recherchen und seiner eigenen Erfahrungen als Lehrer für Deutsch und Geschichte sind die Grundlage für die Überlegungen in „Die Schule brennt“. Im hier vorliegenden Auszug geht es um die Hauptbrandherde und darum, wie diese zusammenhängen.

Was waren wir froh, als im Mai/Juni 2021 endlich wieder Präsenzunterricht angesagt war. Seit Dezember 2020 waren die Kinder nicht mehr in der Schule gewesen, und der andauernde Distanzunterricht mit seinen Videokonferenzen, ständigen Mails, Aufgabenstellungen und Feedback via Lernplattform im Netz ging an die Substanz aller Beteiligten. Doch kaum schien sich so etwas wie der gewohnte Rhythmus wieder einzustellen, tauchten auch die alten Probleme wieder auf. Trotz »Präsenzunterricht« an der Schule waren die Kinder nämlich erstaunlich oft wieder daheim präsent. Grund: Unterrichtsausfall in erheblicher Menge. Ein Problem, das im Homeschooling quasi ausradiert worden war und jetzt plötzlich wieder zum Vorschein kam. Und nicht zuletzt eines der kleinen unscheinbaren Probleme, die zeigen, warum es so knirscht im Gebälk, warum es brennt. Digitalisierung und hochgerühmte Unterrichtsmethoden sind eben wirkungslos, wenn der Unterricht gar nicht erst stattfindet. Beim Thema Schulausfall spielen vor allem Lehrergesundheit und Personalmangel eine Rolle, um das in den Griff zu bekommen, müsste also an verschiedenen Schrauben gedreht werden. Das Thema Schule und Bildung wird heute jedoch überwiegend monokausal angegangen. Da wird dann ein Problemfeld rausgepickt und als ursächlich für die Krise präsentiert, wie eingangs bereits am Beispiel der Digitalisierung beschrieben. Was dabei verdrängt oder vergessen wird: Ohne einen ganzheitlichen Ansatz lässt sich kaum ein Problem wirklich lösen. So wie die Medizin mit der Entdeckung der Psychosomatik erst nach und nach verstanden hat, dass physische und psychische Gesundheit immer Hand in Hand gehen, so werden auch die Akteure im Bildungswesen verstehen müssen, dass dieses nur gesunden kann, wenn an verschiedenen Stellschrauben gleichzeitig gedreht wird und die gegenseitige Beeinflussung dabei im Blick bleibt. Werfen wir einen Blick darauf, an welchen Stellen die Flammen des brennenden Gebäudes besonders hochschlagen.

 

  • Digitalisierung: Ein Problem, das auf zwei großen Ebenen gärt. Da ist zum einen die generelle digitale Infrastruktur in Deutschland, in der abseits der großen Zentren mit schnellen Datenautobahnen immer noch Internetgeschwindigkeiten wie auf einem Feldweg herrschen und außerdem längst nicht alle Haushalte mit Kindern halbwegs optimal mit Verbindungen und mit Endgeräten ausgestattet sind. Und da ist zum anderen das Problem der technischen Ausstattung von Schulen: schnelle Internetzugänge, Hardware auf Schulseite wie Whiteboards, mobile Endgeräte und vor allem auch eine Sache, die gern vergessen wird: Personalkapazitäten für die Wartung und den reibungslosen Betrieb der IT-Ausstattung. Im Grunde bräuchte jede Schule mittlerweile mindestens einen eigenen hauptamtlichen IT-Betreuer in Vollzeit, der bei Bedarf von Lehrkräften unterstützt werden könnte, die entsprechende Fortbildungen von ihrem Dienstherrn finanziert bekommen haben. Derzeit läuft die IT-Pflege an vielen Schulen immer noch nach dem Zufallsprinzip. Der Lehrer, der sich sowieso auch privat »immer schon mit Computern beschäftigt« hat, wird eingeteilt, um sich um diese lästige Aufgabe zu kümmern. Selbstverständlich zusätzlich zu seinen normalen Verpflichtungen als Lehrperson.

 

  • Veränderungen des Verhaltens auf Schülerseite: Ein Dauerthema, das immer wieder zu heftigen Debatten führt und dessen Beurteilung sehr abhängig davon ist, welche Mode gerade im Umgang mit Kindern und Jugendlichen im Allgemeinen und mit Schülern im Speziellen en vogue ist. Während die einen aus dem Klagen über respektlose und lernunwillige Schüler gar nicht mehr herauskommen, preisen andere die offene und engagierte Schülergeneration von heute. Der Witz dabei: Beide Seiten sprechen über die gleichen Schüler. Das Thema ist auch deshalb so sensibel, weil ein steigender Anteil sowohl von Lehrern als auch von Eltern jeden Hinweis auf solche Verhaltensauffälligkeiten stets als Kritik an der eigenen Person interpretiert. Das führt dazu, dass die Diskussion häufig entweder gar nicht geführt wird oder mit so hoher Emotionalität, dass sie ganz schnell aus dem Ruder läuft und sich in unsinnigen gegenseitigen Beschuldigungen erschöpft. Fakt ist: Hier lohnt ein genauer Blick vor dem Hintergrund entwicklungspsychologischer und gesellschaftlicher Fakten.

 

  • Veränderungen des Verhaltens auf Elternseite: Wer Lehrer mit Erfolg auf die Palme bringen will, sollte das Thema »Elternverhalten« anschneiden. Wohl jeder einzelne Lehrer hat seine »Lieblingsmutter« oder seinen »Lieblingsvater«, bei denen der Eingang einer Mail im Postfach oder die Telefonnummer im Display ausreicht, um den Tag zu vermiesen. Während die einen Erziehungsberechtigten sich gar nicht kümmern, schwirren auf der anderen Seite die modernen Helikoptereltern um die Köpfe ihres Nachwuchses und würden sich am liebsten selbst auf die Schulbank setzen. Beides behindert die Entwicklung des Schülers und trägt auf eigene Weise zu Problemen in der Schule bei. Die Punkte »Schülerverhalten« und »Elternverhalten« gehören dabei unbedingt zusammen, da ein Großteil des Schülerverhaltens durch die Art und Weise bestimmt wird, wie im Elternhaus miteinander umgegangen wird.

 

  • Veränderungen der Lehrmethodik und der Rolle des Lehrers: Lehrer fühlen sich bisweilen eher als Versuchskaninchen denn als Agierende in ihrem Beruf. Aus den Elfenbeintürmen der Erziehungswissenschaft und Pädagogik an den Universitäten kommen mit schöner Regelmäßigkeit neue Methoden und Konzepte, mit denen der Erfolg im Unterricht garantiert werden soll. Häufig genug drängt sich dabei allerdings der Eindruck auf, dass diejenigen, die diese Konzepte entwickelt haben, zuletzt vor sehr langer Zeit Schülern oder überhaupt auch nur Kindern in freier Wildbahn begegnet sind. Gerade junge Lehrer, die sich frisch durch Studium und Referendariat gekämpft haben, sind auffallend häufig sehr unkritisch gegenüber den Inhalten der eigenen Ausbildung. Da wird mit großer Begeisterung jedes noch so absurde Methodenexperiment an den hilflosen Schülern ausprobiert, schlicht, weil es neu und modern erscheint. Allerdings ist hier auch die Struktur der Ausbildung selbst ein Grund für diese Absurditäten, da von den Referendaren häufig verlangt wird, eine gelernte Methode konsequent, vor allem in den Prüfungsstunden, durchzuziehen. Für Kritik und Widerstand ist da kein Platz, die Ernüchterung folgt dann häufig erst nach einigen Jahren Berufserfahrung.

 

  • Gesellschaftliche Rahmenveränderungen: Gesellschaften wandeln sich. Nicht jeder Wandel jedoch ist einer zum Besseren. Schule als Bestandteil des Systems Gesellschaft spiegelt den Wandel wider. Alle Vorgenannten – Schüler, Lehrer und sonstige Einflussnehmende auf dieses System – tragen dazu bei, wie Schule funktioniert, was sie vermitteln und wie sie dieses bewerkstelligen soll. Darüber hinaus wirkt Schule auch selbst in die Gesellschaft hinein, wenn die in einem zunehmend kaputten System groß gewordenen Jugendlichen in die Studien- und Arbeitswelt treten.

 

  • Stellenwert von Schule und Bildung in der Gesellschaft: Welchen Sinn erfüllt Schule in unserer Gesellschaft? Wie definieren wir Bildung und welchen Beitrag kann Schule leisten, um aus den Schülern frei denkende und handelnde Individuen zu machen, die gleichzeitig die sozialen Kompetenzen entwickeln, um in Frieden mit ihren Mitmenschen leben zu können? Um hier eine Antwort zu finden, wird sich ein Kapitel des Buches mit dem Begriff der Freiheit auseinandersetzen, da mir dieses »Bildungsziel« derzeit nicht ausreichend im Fokus zu stehen scheint. Abgestellt wird dabei in diesem Buch auf die staatliche Regelschule, die für den größten Teil der Schüler und Eltern immer noch das ist, was unter »Schule« verstanden wird und damit die Lebens- und Schulrealität der großen Mehrheit definiert. Natürlich gibt es diverse alternative Ansätze mit Schulen in freier Trägerschaft und mit speziellen pädagogischen Grundierungen. Auch diese gehören zum System Schule, und sie kämpfen zum Teil mit den gleichen Problemen, die hier beschrieben werden. Gleichwohl sind die Rahmenbedingungen dort, ganz wertfrei, in der Regel anders, wodurch auch anders reagiert werden kann. Das staatliche Schulsystem jedoch unterliegt von Flensburg bis Oberammergau, von Görlitz bis Aachen den gleichen Grundproblemen. Diese treten, föderalismusbedingt, in manchen Bundesländern stärker zutage als in anderen, überall jedoch sind sie verantwortlich für den hier diagnostizierten Brand des Systems. Zugegeben, eine gewissermaßen ganzheitlich-psychosomatische Analyse des Schul- und Bildungssystems ist im Rahmen dieses Buches utopisch. Dennoch soll deutlich werden, dass es keine nachhaltigen Lösungen geben wird, ohne die Wechselwirkungen der einzelnen Bereiche untereinander zu berücksichtigen. Diese Tatsache verkennen sowohl diejenigen, für die eine gute IT-Infrastruktur jedes Problem zu lösen scheint, wie auch die, die ausschließlich in den immer schwieriger werdenden Kindern den Knackpunkt sehen, und auch die, die beklagen, dass klassische Bildung einen immer niedrigeren Stellenwert hat. Das alles spielt eine Rolle als Brandbeschleuniger. Die Probleme einzeln anzugehen, ist jedoch, als wenn man bei einem Hausbrand nur das Wohnzimmer zu löschen versuchte, während rundherum alles weiterbrennt und das Wohnzimmer schließlich mit vernichtet.

Carsten Tergast: Die Schule brennt. Ein Lehrer sucht Auswege aus einem kaputten System, Ecowin Verlag, 200 Seiten, 24 Euro. Ab dem 26.8. überall erhältlich, wo es Bücher gibt.

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