„Die Städte und Dörfer entlang der Grenze wurden alle evakuiert“

Arye Shalicar und Michael Panse Foto: Privat


In unserem Gespräch erzählte mir Michael Panse (CDU) von seinen Eindrücken in Israel ein gutes halbes Jahr nach Beginn des Krieges und wie er mit dem israelischen Armeesprecher sprach an einem für Arye Shalicar eher schlechten Tag. Die große Liebe zu dem Land in Nahost und eine enorme Menge an Wissen zur Geschichte und zur Situation Israels bestimmten die ausführlichen Erzählungen von Michael Panse. Die Begeisterung für ein Land, das er schon 20mal bereist hat und das ihn schon seit den frühen 90er Jahren fasziniert, möchte Michael Panse gern mit so vielen Menschen wie möglich teilen.

Am 8. Oktober letztes Jahres war in Erfurt eine Bürgerreise mit 40 Teilnehmern nach Haifa, einer Partnerstadt der Thüringer Landeshauptstadt geplant. Michael Panse als Stadtratsvorsitzender, Andreas Bausewein als Oberbürgermeister und auch viele ganz normale Bürger sollten dabei sein. Aber am 7. Oktober kamen die ersten Meldungen aus Israel… Und die Reise wurde abgesagt. Die beiden Politiker Bausewein und Panse hängten spontan am nächsten Tag eine Israelfahne am Rathaus auf und wenige Tage später gab es die erste Kundgebung für Israel in Erfurt. Der stellvertretende Vorsitzende des Zentralrates der Juden Abraham Lehrer sagte bei dieser Kundgebung, an der mehrere Hundert Menschen teilnahmen: „Bleiben Sie solidarisch, aber bleiben Sie auch solidarisch, wenn in den nächsten Wochen die Bilder kippen und wenn es Bilder auch von Toten in Gaza gibt, weil das, was jetzt passiert, wie wir versuchen unsere Geiseln freizubekommen, wird zu toten Menschen führen. Es wird zu einer Situation führen, die schwer erträglich ist“. Sich zu Israel zu bekennen, wird mittlerweile zunehmend schwieriger in unserem Land. Erfurt zeigt sich jedoch nach wie vor solidarisch mit Israel, kürzlich fanden die jüdisch-israelischen Kulturtage statt. Wobei es bei einigen Veranstaltungen leider nur unter Polizeischutz möglich war, diese durchzuführen. Michael Panse hält regelmäßig Vorträge in ganz Thüringen über die Situation in Israel und klärt auch über die historischen Zusammenhänge auf, die zu dem Nahost-Konflikt führten, wie er heute besteht. Dieser Konflikt hat sich zu einem Krieg ausgeweitet, der wie kein anderer Krieg enorm viel Aufmerksamkeit in der Weltöffentlichkeit bekommt.

Michael Panse fuhr schließlich allein nach Israel, weil er Sehnsucht nach dem Land hatte und, um zu schauen, wie die Lage heute in dem Land ist, welches er so gut kennt und auch um sich mit seinen Freunden dort zu treffen. Eine Woche über Ostern dauerte die Reise. Er berichtete mir, dass vom eigentlichen Kriegsgeschehen im Gazastreifen und im Norden kaum etwas zu merken ist, die Geiseln aber überall Thema sind. Schon auf dem Flughafen hängen ihre Bilder. In Tel Aviv geht das Leben weiter, junge Menschen tanzen und vergnügen sich am Strand… Auf dem großen Platz im Zentrum der Stadt erinnern die Angehörigen der Geiseln rund um die Uhr an ihre Liebsten. Es gibt Kunstinstallationen, den bekannten “gedeckten Tisch“, an dem niemand isst. Dort finden auch regelmäßig Kundgebungen und Demonstrationen statt. Die Sicherheitsvorkehrungen sind, so wie immer in Israel. Für Panse nichts Ungewöhnliches und er hatte auch das Glück, dass er auf dieser Reise keinen Raketenalarm erleben musste.

Sichtlich bewegt erzählte Michael Panse mir von seinem Gespräch mit Arye Shalicar, dem Sprecher der IDF, der israelischen Armee. Die beiden verbindet eine langjähre Freundschafft. Ich wusste aus seinem Podcast, dass dieser Tag, als Michael Panse ihn besucht hat, für den Armeesprecher sehr hart war. Er war am Tiefpunkt . Die politischen Entscheidungen, die verzerrte mediale Berichterstattung über Israel und die extrem harten persönlichen Anfeindungen machten ihm an diesem Tag besonders zu schaffen. Da Michael Panse ein guter Freund von Arye Shalicar ist, kann er nachvollziehen, wie hart die Situation für ihn und seine Familie sein muss. Die Beschimpfungen aus dem Internet, die Beleidigungen und Bedrohungen, die ihn und seine Familie betreffen, gehen nicht spurlos an ihm vorüber. Das lange Gespräch mit seinem Freund und die netten Aufmerksamkeiten aus Deutschland haben Arye dann aber doch etwas aufgemuntert. Die evangelische Freikirche in Erfurt hatte Michael Panse Geschenke und auch eine Videobotschaft für ihn mitgegeben, über die er sich sehr gefreut hat. Oft wird Michael Panse gefragt, ob er denn keine Angst hätte, nach Israel zu fahren. Aber, weil er dort Freunde hat, die auch keine Angst haben, weil sie ja dort leben müssen, macht es ihm nichts aus. Bedrohungslagen sind die Israelis gewohnt, so auch Michaels langjährige Freundin in Tel Aviv, die gerade hochschwanger ist. Das Leben muss weiter gehen in Israel…

Von Tel Aviv ist Panse dann weiter nach Haifa gefahren, um sich dort mit dem neu gewählten Bürgermeister Yona Yahav zu treffen. Das Gespräch mit ihm machte ihn dann doch etwas nachdenklich. Es gibt eine reelle Angst vor der Eskalation im Norden durch einen Angriff der Hisbollah. Bisher gab es nur gegenseitigen Beschuss ca. 5-10 km ins Landesinnere, die Möglichkeit über längere Distanzen nach Israel hineinzuschießen, hätte der Libanon als sehr hochgerüstetes Land. Die Hisbollah hat die Mittel dazu und nach dem Ramadan könnte sich die Situation tatsächlich zuspitzen. Der Krieg an der Libanon-Israel-Front könnte sich ausweiten. Vor allem die Evakuierung der großen Städte, die dann nötig wäre, macht große Sorgen. Zurzeit gibt es etwa 80000 Flüchtlinge in Israel. Die Städte und Dörfer entlang der Grenze wurden alle evakuiert, die Häuser dort stehen leer und man darf nur selten in sein eigenes Haus zurück. Die Menschen leben alle in Hotels, die voll mit Binnenflüchtlingen sind, die natürlich auch versorgt werden müssen. Die Menschen können ihrer Arbeit nicht nachgehen, die Kinder müssen zur Schule gehen… Das muss alles organisiert werden. Viele Kibbuzbewohner, die am 7. Oktober von dem Massaker besonders betroffen waren, wollen wieder zurück in ihre Häuser, aber das ist zurzeit nicht möglich. Besonders schmerzhaft ist es, dass gerade die Bewohner der Kibbuzim, dieser Kollektivsiedlungen mit gemeinsamem Eigentum und basisdemokratischen Strukturen, die es im ländlichen Israel gibt, auf Versöhnung und Verständigung mit den Palästinensern hingearbeitet haben. In den Kibbuzim arbeiteten viele Palästinenser aus dem Gazastreifen. Leider haben viele auch spioniert und der Hamas für ihren Angriff Lagepläne, Standorte von Videokameras und detaillierte Informationen zur Lebensweise der Kibbuzbewohner geliefert. Die Bewohner des Gazastreifens, die zum Arbeiten kamen, waren leider nicht auf Frieden aus.

Keiner hat gemerkt, was da hochkommt aus Gaza. 2019 nachdem 3 Jugendliche entführt und ermordet wurden, wollte Netanjahu dort “aufräumen“ und die Hamas zerstören, was offensichtlich nicht gelungen ist. Denn nach 5 Jahren waren sie wieder hoch gerüstet und konnten den verheerenden Angriff am 7. Oktober durchführen. Es fehlte an “menschlichen Informationen“, wie Arye Shalicar sich diesbezüglich ausdrückte. Es gab zu wenig Informanten vor Ort, weil es in Gaza für sie unglaublich gefährlich war. Drohnenaufnahmen sind eben nicht alles. Das Massaker war lange geplant. Es gab nie die Absicht sich in irgendeiner Form zu verständigen oder zu einem friedlichen Miteinander zu kommen. Nach Meinung von  Panse bleibt es wohl auch erstmal ein dauerhafter Konflikt. Eine Lösung für die Zeit nach dem Krieg ist absolut nicht in Sicht. Die Armee wird nicht in Gaza bleiben können, da dies auf Dauer zu verlustreich sein wird. Es müsste in Gaza eine Autorität geben, die den Aufbau organisiert, Verwaltungsstrukturen installiert und das Leben strukturiert, eher autokratisch, da eine Demokratie dort nicht funktionieren kann. Arye Shalicar denkt, es könnte eventuell die palästinensische Autonomiebehörde übernehmen, derzeit hat sie jedoch keinerlei Rückhalt für diese Aufgabe. Denn es müsste eine wirkliche Autorität sein und nicht nur eine Marionettenregierung. Es besteht die Gefahr, dass sich die einzelnen Gruppen und Organisationen auch untereinander bekämpfen. Es braucht also eine Art Diktatur sein, die dort in Gaza installiert wird, weil demokratische Verhältnisse dort momentan gar nicht möglich sind. Eine weitere Macht, die die Führung in Gaza nach dem Krieg übernehmen könnte, wäre Katar. Allerdings ist es schwer vorstellbar, dass die Kataris dort 10000de an Menschen hinschicken um eine Verwaltung, Polizei und Strukturen aufzubauen. Keiner beschäftigt sich damit. Die IDF muss irgendwann aus Gaza raus. Vielleicht bleibt sie noch so lange bis jemand anderes dort die Führung übernimmt. Die Weltöffentlichkeit ruft ständig zu Waffenstillstand auf – doch was dann? Entweder die Hamas übernimmt wieder das Ruder oder Gaza wird im Chaos versinken. An beidem hat Israel kein Interesse und auch die Weltgemeinschaft sollte endlich erkennen, dass der Weg einer Zweistaatenlösung nicht von Israel abhängt und momentan völlig ausgeschlossen ist.

Michael Panse meint auch in diesem Zusammenhang macht die UN den gleichen Fehler wie 1947. Wenn keiner zuständig ist, gibt es permanent Streit, auch damals hat die UN keine Truppen gesandt, keine Pufferzone eingerichtet und Israel musste sich allein gegen die arabischen Staaten verteidigen. Wie also soll das funktionieren? Die Israelis wissen, wenn sie den ersten Krieg verloren haben, gibt es kein Israel mehr. Denn die Feinde wollen sie vernichten. Das steht ja auch in der Hamas-Charta. Einige Islamisten so auch die Hamas gehen sogar noch weiter. Sie wollen die Juden komplett vernichten überall auf der Welt. Das erklärt ein Stück weit auch die Härte und das Durchhaltevermögen der Israelis. Der Einsatz der IDF gilt als alternativlos, denn in Israel weiß man, sie können sich auf niemanden verlassen in der Welt nur auf sich selbst.

Die Palästinenser, die von linken Gruppen so gern instrumentalisiert werden und mit deren hübschen Tuch man sich als Antiimperialist gerne schmückt und sich auf der guten Seite wähnt, will keiner haben. Weder die Ägypter noch andere arabische Staaten wollen diese Menschen im Land haben, denn diese Menschen sind seit fast 20 Jahren indoktriniert und radikalisiert und wegen ihrer Perspektivlosigkeit extrem gefährlich nicht nur für Israel. Auch Europa wird sich hüten die Palästinenser aus Gaza aufzunehmen. Das Leben ist für sie trostlos, das Durchschnittsalter liegt bei 17 Jahren. Schon vor Jahren hat man mitbekommen, dass die Jugend dort indoktriniert wird. Schulbücher, die von der EU bezahlt wurden, riefen zum Hass gegen die Juden auf. „Da ist auch eine ganze Generation zum Hass erzogen worden“ Michael Panse meint, die Menschen haben keine Zukunftsperspektive. Märtyrer zu sein, ist in Gaza ganz normal. Die Unruhe wird solange bleiben bis die Menschen in Gaza irgendeine Perspektive für die Zukunft haben. Bis dahin steht weiterhin die militärische Stärke der IDF gegen die Terrorkämpfe und die Terroranschläge der Palästinenser. Die Hoffnung der Hamas, dass die Anrainerstaaten mit in den Krieg einsteigen, wurde bislang zum Glück nicht erfüllt, denn Syrien und die Hisbollah halten sich momentan weitgehend raus. Mit anderen Nachbarländern hat Israel Frieden geschlossen z.B. mit Jordanien. Auch zu Ägypten bestehen gute Verhältnisse. Ein Friedensvertrag mit Saudi-Arabien war geplant. Die Gefahr, die da aus Gaza drohte, wurde von den Israelis allerdings völlig unterschätzt. Michael Panse berichtet auch von einer Begegnung 2019, als er mit einer Politikerdelegation den stellvertretenden Mossadchef traf. Er schätzte die Lage damals so ein: „vor Gaza haben wir keine Angst, wir schicken da 3 Bataillone der IDF durch, die sind in 10 Tagen einmal durchs Land gegangen, es gibt zwar 10tausende Tote und Empörung weltweit, aber Angst haben wir nicht.“ Damals hatte man Angst vor Syrien, das den Korridor für den Iran aufmachen könnte und mit der größeren Reichweite seiner Raketen große israelische Städte angegriffen werden. Er verwies auf den Zaun zu Gaza und die Überwachung und hielt alles für sicher. So dachte man vor 5 Jahren. Was für eine Fehleinschätzung…

Man konnte sich nicht vorstellen konnte, dass Tausende Menschen solche schrecklichen Taten zu begehen bereit waren „… die Letzten, die so durch Dörfer gegangen sind, das waren die Einsatzgruppen der SS in Russland“ so Panse. Es ist ein etwas unsachlicher Vergleich, aber so wie die Alliierten Deutschland entnazifizierten, ist auch Israel bemüht Gaza zu entnazifizieren. Die Region muss komplett entwaffnet werden, damit der 7. Oktober nie wieder passiert.  Aber heute ist eine andere Zeit. Jeder tote Palästinenser ist ein Märtyrer und zieht neue potenzielle Märtyrer nach sich. Der Schock, dass die Geheimdienste und ihre hochgerüstete Armee so versagt haben, sitzt tief.

Eine Zweistaatenlösung hält Panse derzeit für ausgeschlossen, so wie die meisten Israelis im Übrigen auch. Land für Frieden hat in Gaza nicht funktioniert. Obwohl es seit 2005 keinen Juden mehr in Gaza gab und man die Region hätte entwickeln können, ist es zu einer Terrorhochburg ausgebaut worden. Und die Israelis haben nicht erkannt, wie drastisch sich die Indoktrination der Bevölkerung auswirkt. Die Hamas will Israel vernichten und benutzt ihre Bevölkerung nicht nur als Schutzschild, sondern hat sie systematisch in Verzweiflung und Perspektivlosigkeit gebracht. Der Gazastreifen wurde seit fast 20 Jahren nur für diesen Krieg heute umstrukturiert. Ganz bewusst wurde verhindert, dass es Perspektiven in Gaza gibt, dass eine Industrie und eine funktionierende Wirtschaft dort entstehen. Am Ende sind die riesigen Summen an Hilfsgeldern nur in den Bau von militärischen Einrichtungen und in die Rüstung geflossen statt in eine lebenswerte Region. Investoren konnten sich nicht niederlassen, weil die Situation zu unruhig, die politische Lage zu instabil war und weil die Hamas das auch nicht wollte. Die Hamas wollte nicht, dass es den Leuten so geht, wie beispielsweise den Menschen in Bethlehem, Jericho oder in anderen Teilen der Westbank, wo es auch Palästinenser gibt, die durchaus zufrieden leben, die auch etwas zu verlieren haben und mit einer Zweistaatenlösung klarkommen könnten. Da Michael Panse bei früheren Reisen auch mit vielen Palästinensern ins Gespräch kam und er sich auch kritische Stimmen anhörte, kann er beurteilen, dass es dort Menschen gibt, die so denken. Aber die sind momentan eher ruhig. Im Gazastreifen lebt jeder gefährlich, der sich für Versöhnung ausspricht und sagt, wir könnten auch Frieden schließen. Zurzeit ist eine Zweistaatenlösung undenkbar. Unverständlich, dass die Welt dies aber immer von Israel verlangt, obwohl es von der palästinensischen Seite her nahezu aussichtlos ist, auch weil es keine greifbaren Autoritäten in den Palästinensergebieten gibt.

In der Westbank ist es momentan relativ ruhig. Michael Panse ist auf seinem Weg nach Jerusalem sogar durch die Jordansenke an Jericho vorbei, also durch die teilautonomen Gebiete, gefahren und es ist soweit nichts passiert. Momentan können aber keine touristischen oder auch politischen Reisegruppen nach Israel, auch wegen der offiziellen Reisewarnung. Der Tourismus ist komplett zum Erliegen gekommen. Zu Ostern war kaum jemand in der Kirche, normalerweise sind die Kirchen in Jerusalem komplett voll. In den Hotels ist keiner außer den Tausenden Binnengeflüchteten. Der Krieg ist allgegenwärtig. Zu sehen ist er zwar nicht im Land aber in den Köpfen und in jedem Gespräch kommt man unweigerlich auf den Krieg zu sprechen. Einzelne Reisende wie Panse, die nach Israel kommen, um ihre Solidarität zu bekunden, sind gern gesehen. Die Israelis freuen sich über jede Art von Unterstützung aus dem Ausland.

Die Hauptstadt der Israelis ist Jerusalem. Für die meisten Länder ist es nach wie vor Tel Aviv. Die Botschaften sind im Prinzip bis auf die amerikanische Botschaft auch alle noch dort. In Jerusalem ist gar kein Platz dafür, so Micheal Panse. Als Donald Trump in einer seiner skurrilen Entscheidungen die Botschaft dorthin verlegte, war das eher ein symbolischer Akt. In Jerusalem ist aber der Sitz der einheimischen Regierung, der Knesset und der Ministerien. Zwischen Tel Aviv und Jerusalem fährt man jetzt mit der neuen Eisenbahnstrecke eine Dreiviertelstunde. Jerusalem ist extrem religiös gemischt, jedes Viertel ist an den Türfarben erkennen: jüdisch, muslimisch, christlich – blau, grün, grau. Man merkt sofort, wenn man in einem anderen Viertel ist. Es gibt andere Waren, andere Kleidung, andere Sprachen. In Jerusalem wird wohl dauerhaft eine besondere Situation bestehen. Die Stadt ist unteilbar, aber da so viele Gläubige dort ihre Heiligtümer haben, immer stark umkämpft. Günstig wäre es wahrscheinlich, wenn es international kontrolliert würde.

Ich fragte Michael Panse auch nach der Situation der Araber und Christen im Land. Die Araber sind eigentlich ganz zufrieden in Israel, einige dienen sogar in der IDF. Was den Krieg in Gaza betrifft, gehen sie eher in Deckung. Viele haben Verwandte in Gaza. Sie fühlen sich als Israelis, positionieren sich nicht aber nicht öffentlich. Auf früheren Reisen sprach  Panse auch mit den Arabern in den Palästinensergebieten z.B. in Hebron oder Ramallah. Dort berichteten ihm z.B. auch Studenten von dem Unrecht, dass sie nicht reisen können, weil sie keinen Pass haben usw. Aber er sprach auch von einem Taxifahrer in Bethlehem, der eigentlich relativ zufrieden lebt, die Kinder können studieren und durch den Tourismus hatte er sein Auskommen. Zurzeit sind Gespräche mit den Palästinensern vor Ort nicht möglich. Auch vom illegalen Siedlungsbau erzählte Panse. Die israelische Regierung baut dort ganze Städte mit 30000 Menschen. Unwahrscheinlich, dass sie diese wieder räumen werden. Andererseits ist so eine kleine Stadt nur von Wüste umgeben. Man streitet sich um Staub. Um diese Wüste müsste man sich nicht streiten. Aber es ist ein Politikum. Da offiziell das Land den Palästinensern gehört, pocht man darauf. Es ist formal besetztes Gebiet. Man kann solche Gegenden entwickeln, aber da alles besetzt ist, ist der Siedlungsbau illegal.

Für die Christen ist es schon immer schwierig in Israel. Es ist eine sehr winzige Minderheit und kaum noch Leute leben dort. Es gibt u.a. einige Gastarbeiter aus Indien. In Nazaret leben arabisch sprechende Christen. Dann gibt es noch das armenische Viertel in Jerusalem und die Christen, die sich um die heiligen Stätten in Jerusalem kümmern. Auch in Gaza gibt es zwei christliche Gemeinden. Sie stehen wegen des Krieges und wegen der Hamas sehr unter Druck und man bekommt kaum Kontakt zu ihnen, höchstens per E-Mail. Ein- oder Ausreisen von und nach Gaza sind zurzeit nicht erlaubt. Die Mönche, die die heiligen Stätten in Jerusalem pflegen, haben die Befürchtung, dass sie in ein christliches Disneyland verwandelt werden und sie dann nur noch für Touristen dort sind. Schon jetzt gibt es kaum eigenes religiöses Leben, keine Gemeinden. Ohne die Touris sind die Gottesdienste leer. Jetzt wo der Tourismus nahezu zum Erliegen gekommen ist, sind nur noch ganz wenige Leute beim Gottesdienst dabei. Auch gibt es Anfeindungen von orthodoxen Juden gegen die christlichen Gemeinden. Es gibt auch etliche deutsche Christen im Heiligen Land, die die heiligen Stätten aber auch Schulen, Krankenhäuser u.a. Einrichtungen in Jerusalem betreuen.

Panse war dann am Ostersonntag abends auch in Jerusalem bei einer Demonstration für die Freilassung der Geiseln um die Knesset herum dabei. Diese war sehr eindrucksvoll mit über 100000 Menschen, die nahezu alle mit Israelfahne und den gelben Schleifen mit der Aufschrift “Bring them home“ unterwegs waren. Er bekam auch gleich ein Israel-Fähnchen zugesteckt. Auch, wenn Netanjahu stark in der Kritik steht und sehr unbeliebt ist, ist die Gesellschaft durch den Krieg stark zusammengerückt. Einigkeit herrscht unter den Israelis, wenn es darum geht, die Hamas zu zerstören und die Geiseln dort rauszuholen. Auch stehen die meisten Israelis hinter der gewissen Härte mit der die IDF vorgehen muss.  Panse spricht in diesem Zusammenhang auch von gezielten Tötungen von Terroristen durch die IDF. In Deutschland wäre diese Härte des Vorgehens schwer nachvollziehbar. Trotz einer Spaltung in der israelischen Gesellschaft eint das Land das unvorstellbare Leid des 7.Oktober, die Sorge um die Geiseln aber auch ihr Überlebenswillen. Es geht um nichts Geringeres als das Bestehen des einzigen jüdischen Staates auf der Welt. Auch gibt es eine große Solidarität unter den Israelis mit den Binnengeflüchteten sowie den Opfern und Angehörigen des 7. Oktober. Es werden Esspakete gepackt, Blut wird gespendet und in anderer Form geholfen. Die Geflüchteten dürfen in den ansonsten fast leeren Hotels wohnen. Das ist für die Israelis selbstverständlich. Das Land hält zusammen. Es ist ein kollektives Leid. Bei 1500 Toten und 10 Mio. Einwohner Israels kennt jeder irgendjemand, der am 7. Oktober betroffen war. Die Demonstration in Jerusalem war von den Teilnehmern her sehr breit gefächert. Von ganz links bis ganz rechts war alles dabei.

Meine Frage, ob es Israel schwächt, dass es so viele innenpolitische Reibereien gibt, bejahte Michael Panse. „Netanjau wird das politisch nicht überleben. Es sind schon Ministerpräsidenten wegen kleinerer Fehler zurückgetreten.“ Es gibt Forderungen für Neuwahlen im Herbst auch, wenn der Oppositionsführer Benny Gantz zurzeit im Kriegskabinett sitzt. In Israel besteht eine ähnliche politische Spaltung wie in den USA, ca. 50% rechts stehen ca. 50% links gegenüber. Wobei die Ultraorthodoxen für die rechte Regierung Netanjahus das Zünglein an der Waage sind. Ihre Privilegien sind hochumstritten und müssten eigentlich abgeschafft werden. Demgegenüber steht Links eine äußerst zerstrittene Sozialdemokratie, die aber zurzeit auf der Straße sehr laut ist. Auch, wenn es immer viel Streit um die Regierung gibt, der Einsatz in Gaza wird von den allermeisten Israelis als alternativlos angesehen. Es geht um die Existenz ihres Landes und die Existenz ihres Volkes.

Leider hat Israel aber den Informationskrieg um Gaza wohl längst verloren. Warum sonst entscheiden unsere Politiker weiter Unsummen an Spendengelder an die Terrorunterstützer UNWRA zu zahlen? Politiker leben von der Stimmung und die ist gekippt. Die Medien kehren sich immer mehr ab von Israel. Außer Welt und Bild steht niemand mehr von den großen Medien stabil an der Seite Israels. Renommierte vor allem linke Zeitungen wie SZ, Zeit, Spiegel oder auch teilweise der öffentlich-rechtliche Rundfunk betreiben zuweilen eine Täter-Opfer-Umkehr, die an Zynismus kaum zu überbieten ist. Die Rechnung der Hamas geht hier leider auf, denn Israel schaden die Bilder von toten Kindern. Auch wenn sie auf das Konto der Hamas gehen, gelingt es immer wieder Israel hier die Schuld zu zuweisen. Israel gilt zudem als der Stärkere und man möchte lieber auf Seite des Schwächeren stehen. Das ist im Übrigen auch die typische Denke der antiimperialistischen Linken. Was aber über allem steht, ist ein weltweiter tief verwurzelter Antisemitismus. Denn nur dadurch ist es zu erklären, wie die Welt Israel unter Druck setzt. Die Hamas hofft darauf ihr Informationskrieg, den sie klar gewonnen hat, wird dazu führen, dass die Weltgemeinschaft sich komplett gegen Israel stellt, keine Waffen mehr liefert und Israel gezwungen sein wird, sich zurückzuziehen. Die Hamas hofft, so auch den echten Krieg gewinnen. Aber was dann? Wenn Israel jetzt aus Gaza rausgehen würde, wäre der Krieg nicht vorbei, spätestens nach ein paar Jahren ginge er wieder los, weil es das erklärte Ziel der Hamas ist, alle Juden zu vernichten.

Panse findet es befremdlich, wenn jemand zur derzeitigen Situation in Israel „aus der Ferne seinen Senf dazugibt“. Er selbst war nun schon 20mal in Israel und will und kann keine schlauen Ratschläge geben. Er kritisiert andere Politiker, die das tun. Sowohl bei den Israelis als auch bei den Palästinensern kommt das schlecht an. Michael Panse traut niemanden zu, der nicht vor Ort ist, die abschließende Kompetenz zu einer Lösung für diesen Konflikt zu finden.

In folgendem Reisebericht sind über 500 Bilder von der Israel-Reise zu finden:
https://michael-panse.de/2024/04/03/ostern-in-israel-in-schwierigen-zeiten/

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