Digitalgipfel: Unabhängigkeit ist nicht mehr als ein frommer Wunsch Europas

Commodore PET Foto: Rama Lizenz: CC BY-SA 2.0 fr


Heute lädt die Bundesregierung zu einem Digitalgipfel ein. Europa soll unabhängiger von US-Technologie werden. Ein frommer Wunsch, denn an dieser Abhängigkeit sind die Europäer selbst schuld.

Die große Mehrheit der Bevölkerung sieht Deutschlands digitale Abhängigkeit vom Ausland mit wachsender Besorgnis: 96 Prozent der Befragten äußern aktuell Sorge über die starke Abhängigkeit vom Ausland im Bereich Digitalisierung. Für 65 Prozent ist diese sogar ebenso bedrohlich wie militärische Risiken. Entsprechend deutlich fällt die Forderung nach politischem Handeln aus: 97 Prozent erwarten von der Bundesregierung verstärkte Maßnahmen zur Sicherung der digitalen Souveränität. Das zeigt eine repräsentative Umfrage des Digitalverbands Bitkom unter mehr als 1 000 Personen ab 16 Jahren in Deutschland. Zwei Drittel (69 Prozent) wünschen sich mehr digitale Geräte, Technologien und Services aus Deutschland und Europa. Besonders groß ist das Misstrauen gegenüber China (46 Prozent), den USA als Herkunftsland vertrauen 28 Prozent der Befragten nur „sehr gering“ oder „gar nicht“, 19 Prozent „eher gering“.

Neu ist das Thema nicht. Schon der letzte Wirtschaftsminister unter Angela Merkel, Peter Altmaier (CDU), wollte mit der Altmaier-Cloud Deutschland IT-Souveränität erhöhen. Als Tiger gesprungen, landete er als Bettvorleger: 2019 gestartet, sollte Gaia-X schnell ein europäisches Projekt werden. Es geriet zu einem Flop: Ohne US-Unternehmen wie Palantir, Amazon, Google und Microsoft war es nicht einmal theoretisch umzusetzen. Nachdem Hunderte Millionen an Subventionen flossen, gilt Gaia-X heute als tot.

Nun soll das Rad größer gedreht werden: Cloud-Dienste, KI, Office-Software – und wenn es nach dem Willen der Bürger geht, auch PCs und Smartphones – sollen häufiger aus europäischer Produktion stammen. Ein frommer Wunsch.

In den 80er-Jahren lief auf meinem AtariST das in Deutschland entwickelte Programm „StarWriter“. Es war besser als die damalige Standardsoftware „1. Word Plus“. Das sah auch der Workstation-Hersteller SUN so, dessen Chef Scott McNeely damals mit dem wunderbaren Satz „Ich würde meinen Kindern lieber Drogen geben als DOS“ die Herzen vieler Nerds eroberte.

Seit damals hat sich viel verändert: SUN wurde von Oracle gekauft, MS-DOS von Windows abgelöst und McNeely ist heute Beauftragter der Alternative Golf Association. Doch eines blieb gleich: Deutsche Start-ups werden weder von europäischen Unternehmen finanziert noch gekauft. 80 Prozent der Start-ups mit einer Bewertung über 25 Millionen Euro werden nach einem Bericht der FAZ von außereuropäischen Investoren übernommen. Das Interesse von deutschen und europäischen Unternehmen an den digitalen Eigengewächsen ist mit „gering“ noch freundlich beschrieben.

Es gibt weder für Smartphones noch für Computer relevante Betriebssysteme aus Europa; es gibt auch keine bedeutenden europäischen Hersteller für Computer und Smartphones. Es gibt auch keine europäische Alternative zur Sicherheitssoftware Palantir. In europäische Alternativen wurde nie in ausreichendem Maße investiert. Nur Teile von Palantirs Aufgaben können von europäischen Herstellern übernommen werden.

Ja, es gibt Open-Source-Lösungen: Linux als Betriebssystem oder Libre als Office-Lösung. Einige Bundesländer wie Niedersachsen wollen sie häufiger einsetzen. Für die meisten Aufgaben, für die Microsoft Office genutzt wird, kann man auch Libre einsetzen. Noch. Denn in den kommenden Jahren wird sich Office radikal wandeln. Schon heute ist mit dem auf ChatGPT basierenden Copiloten KI in die Software integriert – aber das ist erst der Anfang. Microsoft hat sich mit dem DeepMind-Mitgründer Mustafa Suleyman einen der Stars der KI-Szene an Bord geholt. Suleyman wird für Microsoft kein großes Large Language Model wie ChatGPT, Claude oder Llama entwickeln – das hat er schon in seiner Zeit bei Google getan –, aber er wird KI-Lösungen entwickeln, die eng mit Office verschmelzen. Das Office des Jahres 2028 wird sich radikal von dem heutigen unterscheiden. Libre hat keinen Suleyman, und das einzige Large Language Model aus Europa, Mistral, will sich aus guten Gründen nicht in den Wettbewerb mit ChatGPT, dem chinesischen DeepSeek oder Google Gemini stürzen, sondern konzentriert sich auf unternehmensnahe Lösungen, wie Gründer Arthur Mensch dem Spiegel erklärte: „Um passende KI-Systeme zu entwickeln, können sie sich den KI-Anbieter einfach ins Haus holen und gemeinsam Lösungen bauen. Das ist der Weg, den wir mit Mistral gehen.“ Und wie bei europäischen Start-ups üblich, kommen die meisten Investoren aus den USA: Andreessen Horowitz, Salesforce, Lightspeed Venture Partners, der ehemalige Google-Chef Eric Schmidt und Microsoft, auf deren Azure-Servern auch Mistral läuft.

Europa ist keine digitale Wüste: Das britische Unternehmen ARM hat das Design für nahezu alle modernen Smartphone-Chips und die Silicon-Prozessoren, die in Apples Computern laufen, entworfen. Das niederländische Unternehmen ASML ist der weltweit größte Anbieter von Lithographiesystemen für die Halbleiterindustrie. Ohne seine Maschinen lassen sich moderne Chips nicht herstellen. Und SAP, eines der weltweit wertvollsten 30 Unternehmen, ist führend bei der Entwicklung von Software zur Abwicklung sämtlicher Geschäftsprozesse eines Unternehmens – wie Buchführung, Controlling, Vertrieb, Einkauf, Produktion, Lagerhaltung, Transport und Personalwesen. Dazu kommt noch Spotify – übrigens die einzige europäische Software, die auf meinem iMac läuft.

Doch das sind Ausnahmen. Europa gefällt sich darin, Standards und Regeln festzulegen, pathetisch von digitaler Ethik zu reden und bürokratische Monster wie den AI Act und die Datenschutz-Grundverordnung zu beschließen. Doch es gibt weder einen Kapitalmarkt, der mit dem der USA vergleichbar ist, noch ausreichend Unternehmen, die in hiesige Start-ups investieren. Im weltweiten digitalen Ökosystem – ob bei Hardware oder Software – spielt Europa eine Nebenrolle. Daran wird auch kein Gipfel etwas ändern. Mehr Geld, weniger Regeln und mehr Mut wären dafür nötig. Wer glaubt, dass es so kommt? Eben …

 

 

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