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ECCE: “Meckern ist einfach, machen ist König”

Bernd Fesel, ECCE

Christian Heiko Spließ hat sich nebenan auf Xtranews mit ECCE beschäftigt, die Berichterstattung dieses Blogs zu dem Thema kritisiert und einige Fragen aufgeworfen. Hier meine Antwort an Christian.

Christian Heiko Spließ hat sich in  kritisch mit dem European Center for Creative Economy (ECCE) auseinandergesetzt. In vielem stimme ich ihm zu. Natürlich hat Christian recht, wenn er schreibt:

Das ECCE als Kreativquartier-Organisationszentrale für die Städte des Ruhrgebiets? Wie naiv sind die Herren da oben eigentlich? Haben die nicht gemerkt, dass das Kulturhauptstadtjahr überhaupt keinen Effekt für das Zusammenwachsen oder die Zusammenarbeit der Städte gebracht hat? Es heißt zwar Metropole Ruhr, aber innerhalb dieser Metropole kochen die Dörfer immer noch ihre eigenen Süppchen. Schön auch der Konjunktiv an dieser Stelle – Städte können, könnten sich ja beteiligen. Werden diese aber nicht tun. Schließlich könnte man ja in ihre Kompetenzen eingreifen. Nein, das ist so typisch Beamtendenke: Erstmal machen wir was Zentrales und später informieren wir alle, dass die jetzt da ans Zentrale melden müssen.

Aber  ein paar Dinge sehe ich anders als Christian und da dieses Blog auch einmal direkt angesprochen wurde, will ich auch etwas zu dem Thema schreiben:

Während die Ruhrbarone, die eh schon seit jeher konsequent gegen das ECCE waren – andererseits dürfen sie sich aber auch fragen lassen, wo ihr grandioser Gegenentwurf zum ECCE ist, meckern ist einfach, machen ist König –  löst die Meldung gemischte Gefühle aus.

Es gibt keinen Gegenentwurf. Warum auch? Das Ruhrgebiet hat eine regionale Wirtschaftsförderung (WMR). Warum soll man für eine Branche eine gesonderte Institution schaffen? Und wenn, warum dann jemanden wie Bernd Fesel an die Spitze setzen, der zu den Themen Wirtschaft und Immobilien niemals mehr als heiße Luft abgesondert hat? Ich kennen keinen Wirtschaftsförderer  oder Unternehmer im Ruhrgebiet, der ihn, wenn die Mikrofone ausgeschaltet sind, für voll nimmt. Gorny ist beim Land verbrannt – ECCE kann also schon mit den vorhandenen Führungskräften nicht reüssieren.

Dann doch lieber bestehende Strukturen stärken und ausbauen. Das ist schlicht und ergreifend effektiver. Beispiel: Bei der WMR gibt es Leute, die sich mit dem Thema Immobilien und Stadtentwicklung beschäftigen. Kompetenzen, die ECCE nie hatte. Ein Grund, warum das Immobilienprojekt von ECCE, bei dem Kreativen Räume vermittelt werden sollten, ein Rohrkrepierer war: Es gab bei ihnen niemanden, der sich mit dem Thema auskannte. Die WMR hätte so etwas – vielleicht – besser hinbekommen. Wie? Man hätte ja mal mit Immoscout über eine Kooperation reden können, anstatt  eine eigene Datenbank zu programmieren, die fast, aber nie ganz fertig wurde. Eine Frage ist aber auch: Hat die Kreativwirtschaft im Ruhrgebiet überhaupt das Potential, das einen solchen Aufwand rechtfertigt? Ich glaube nicht – und fände es sinnvoller, Kreative zu unterstützen, in denen man ihnen größere Freiräume – auch im Sinne von Immobilien – einräumt und mal etwas an der Toleranz im Ruhrgebiet arbeitet. Das hat viel mit Politik und Bewusstsein und wenig mit Wirtschaftsförderung zu tun.

Ohne das ECCE wäre das Dortmunder U wahrscheinlich nicht mehr vorhanden – schließlich war das Bauwerk vor dem Umbau ja in einem desolaten Zustand. Kleiner Pluspunkt, aber immerhin.

Der ehemalige Dortmunder OB Langemeyer wollte das U zu einem Museum umbauen und nichts anderes ist das U heute. “Kreativwirtschaft” war einfach nur das Label, dass er dem Projekt geben musste, um an Fördermittel zu kommen. Das geschah alles deutlich vor der Gründung von ECCE  und war im Kern nichts anderes als ein Betrug, denn mit Kreativwirtschaft hat das U nichts zu tun. Im Umfeld hat sich auch diese Branche nicht angesiedelt – dort sind jetzt Versicherungen.

Eines hat das ECCE mit Sicherheit erreicht. Medienaufmerksamkeit für das Thema Kreativquartiere per se. Das ist nichts Schlechtes.

Sollte dass so gewesen sein, war es eine sehr teure Pressearbeit: Mehrere Millionen für ein paar Artikel und TV-Berichte? Effektivität geht anders. Aber das Thema Kreativquartiere zeigt, wie kompromisslerisch und inkompetent ECCE ist: Es sind viel zu viele und die meisten haben keine Chance. Anstatt sich auf drei Quartiere zu beschränken und dort konzentriert zu arbeiten, lies man  Wildwuchs zu. In Dortmund hätte man sich auf das Kreuz/Klinikviertel oder – mutiger – auf die Nordstadt konzentrieren können. In Essen auf Rüttenscheid und in Bochum auf das Umfeld des Bermudadreiecks. Vielleicht noch Duisburg Ruhrort – dass wars dann aber auch. Als Kreative im vergangenen Jahr Häuser besetzt haben, um auf  ihre Raumnot hinzuweisen, kam von ECCE nur heiße Luft. Für das Geld, das ECCE in den kommenden drei Jahren bekommt, kann man übrigens in günstigen Quartieren wie der Dortmund Nordstadt so viele Immobilien erwerben, dass dieses Problem gelöst werden könnte.

Noch was zum Lab: Man spürt, dass es von Leuten entwickelt wurde, die von Medien keine Ahnung haben. So wie dort kann man Texte nicht präsentieren. Ich kenne  keine Seite, die so unbeholfen daherkommt, wie das Lab. Das Grundkonzept und das Layout sind schon so schlecht, so wenig am Nutzer orientiert, das die Inhalte kaum zur Geltung kommen. Die Agentur von Gornys Kumpel Boros hat damit gezeigt, dass sie so etwas schlicht  nicht kann. Und dass es bei ECCE schon zu Beginn niemanden gab, der die Kompetenz hatte, die Agentur bei ihrer Arbeit zu anzuleiten. Dann traten die Lab-Macher am Anfang auch noch so arrogant auf, dass die Reaktionen auf das Lab – nicht nur von uns – keine wirkliche Überraschung waren. Ich erinnere mich noch sehr gut an ein Treffen für Leute, die beim Lab mitmachen wollten. Es waren neben mir auch noch ein paar andere Autoren von uns dabei. Als einer der Verantwortlichen später freudestrahlend auf mich zukam und mir sagte, wie toll er es findet, dass ein Paar von den Ruhrbaronen  beim Lab mitmachen würden, denn damit würden sich die Ruhrbarone ja wohl kannibalisieren – genau dieses Wort ist gefallen –  war mir klar: Hier sucht niemand der Kooperation  mit den  Akteuren vor Ort. Arrogant war man auch den künftigen Autoren gegenüber: Über den Umgang mit denen habe ich damals einen Text geschrieben und dann auch die Reaktion der Lab-Macher auf meine Kritik vorgestellt.

Das Lab hatte sehr hohe Ansprüche und konnte sie nie erfüllen. Erinnern wir uns doch einmal:

„ 2010lab.com – Die digitale Kreativstadt Ruhr Bei diesem Projekt geht es darum, eine IP-TV Plattform zu entwerfen bzw. zu programmieren, die neue zeitgenössische Kunst, Kultur und Kreativität vermittelt, ihre ökonomischen Auswirkungen auf die zukünftige Entwicklung urbaner Ballungsräume debattiert und zugleich auch selbst eine neue digitale Kunst- bzw. Kommunikationsform ist. Auch für das Projekt Kulturhauptstadt sind dies zentrale und spannende Fragen, weil sie dem Aspekt der Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit Nachdruck verleihen. Es ist offensichtlich, dass für den zukünftigen ökonomischen wie identifikatorischen Erfolg der Metropole Ruhr Kommunikation und Vernetzung grundlegende Voraussetzungen sind. Ohne das passende (digitale) Medium fehlt nicht nur der Kulturhauptstadt, sondern auch der Kultur und Kreativität insgesamt der kommunikative Keilriemen, der Ideen, Kreativität und Content in Kommunikation, Ökonomie und Identität umsetzt.“

Wer die Klappe so weit aufreisst, sollte liefern – oder Asche auf sein Haupt streuen…

Noch eins: Um die Leute, die ihren Job verlieren, tut es mir leid. ich hoffe, sie kommen woanders unter.

RuhrBarone-Logo

11 Kommentare zu “ECCE: “Meckern ist einfach, machen ist König”

  • #1
    kettman

    Es geht doch wohl vorwiegend darum, dass hier einige Leutchen die sich erhofft haben als Social- Media- Manager Kohle machen zu können, an ihren hohen Erwartungen kleben geblieben sind. Jetzt, wo sich die Erwartungen in eine Kreativzone Ruhr in Luft auflösen, gehen natürlich Fell, Illusionen und anderes die Wupper hinunter :-).
    Auch wenn man uns weismachen will, das die Restrukturierung des Ruhrgebietes, weg von der Schwerindustrie hin zur Dienstleistungsgesellschaft Sinn macht. Es bleibt Blödsinn. Was zurückbleibt sind Absahner, Mitnahmeeffekte, die den einfachen Leuten schlicht gar nichts gebracht haben.
    Stattdessen gibt es viel salbungsvolles dummes „intellektuelles“ Geschwafel, nicht nur bei den Ruhrbaronen, sondern auch bei X-tranews. Ist einfach nur Stinklangweilig was ihr da bringt, ewig das gleiche. Lobbyarbeit für eine immer ekelhafter werdende SPD. Herumhacken auf Sauerland, die Xte Doku über die gestolperten Loveparadler……
    Ihr seid weder anders als die alten Medien, noch bringt ihr Neues, und wenn man sich die „Qualität“ anschaut. Naja Schwamm drüber ;-).

  • #2
    Walter Stach

    Wenn “man” nicht mehr weiter weiß….. Nein, dann gründet “man” keinen neuen Arbeitskreis oder gar einen “Sonderausschuß” beim RVR. In der Regel muß das Rad nicht neu erfunden werden, wenn es bei uns im Ruhrgebiet ein Problem gibt, hier im Bereich Kreativwirtschaft. Erfahrungen in einem interkommunalen Vergleich sammeln – Ruhrgebiet – Berlin, London,Paris u.a., sich am Erfolgreichen orientieren und dann das Ziel vorgeben, das Erfolgreiche nicht nur kopieren, sondern es noch besser machen zu wollen. Auch wenn das Ruhrgebiet sich in manchem, u.a. kommunal/regional in seiner jetzigen Verfassung von Berlin,London, Paris substantiell unterscheidet, ändert das nichts daran, am Beispiel anderer lernen zu können und lernen zu wollen, dh.”man” macht sich sachkundig, wie die sog. Kreativwirtschaft in anderen europäischen Metropolen verstanden, wie sie dort definiert wird ,was dort “läuft”, welche Probleme es gibt bzw. gegeben hat und wie “man” sie löst oder zu lösen versucht.Ich bin sicher, nach einem solchen interkommunalen Vergleich läßt sich im Ruhrgebiet fundierter diskutieren als derzeit, nicht nur über bisher gemachte Fehler, sondern auch darüber, wie es “am besten” weitergehen könnte.Ein derartiger Vergleich bringt nichts, wenn die genannten Metropolen z.B. einmal besucht und dabei Informationen gesammelt werden. Ein interkommunaler Vergleich “Kreativwirtschaft im Ruhrgebiet, Kreativwirtschaft in London pp.” wäre professionell zu organisieren! Kann das der RVR leisten? Ich meine, das kann er nicht.Könnte das eine Aufgabe für den Innitativkreis sein? Läßt sich dafür ein Sponsor finden? Ein solche vergleichende Untersuchung kostet Einiges! Sollte es bereits ein solchen interkommunalen europaweiten Vergleich vor “Gründung” des ECCE gegeben haben, dann bitte ich um Nachsicht für meine Anregung.Ich habe dann etwas verpaßt. Oder ist in der Umsetzung der Erkenntnisse aus einem interkommunalen europaweiten Vergleich etwas schief gelaufen, z.B. mit der “Gründung” des ECCE, mit seiner Organisation, mit seinen Aufgaben, mit seinen Ressourcen-auch personeller Art!

  • #3
    Matthes

    Leicht Offtopic: Ich kann nicht nachvollziehen, warum du im Zusammenhang mit potentiellen “Kreativquartieren” immer wieder Rüttenscheid und das Kreuzviertel nennst. Schöne Ecken, klar, aber eben auch (für Ruhrgebietsverhältnisse) bereits komplett durchgentrifiziert. Wohn- und Arbeitsräume für ‘n Appel und ‘n Ei in zentraler, schon irgendwie charmanter aber nach bürgerlichen Maßstäben “runtergekommener” Lage werden die kreativen Existenzgründer da kaum finden. Da passt die Nordstadt wirklich besser, oder z.B. in Bochum das Viertel rund um die Rottstraße. Was mich freut, aber auch wundert, ist, dass in Ruhrort so viel passiert, denn eigentlich hätte ich gute ÖPNV-Anbindung (im Idealfall ein fußläufiger Bahnhof an der RE1/S1-Strecke) auch als Killer-Kriterium erachtet, und wer schon mal nach Mitternacht ohne Taxigeld aus Ruhrort wegkommen wollte, weiß, dass DAS dort nicht gegeben ist…

  • #4
    Jens

    Besonders witzig ist natürlich der Vergleich zwanzig20.de mit 2010lab.tv – ein privates Projekt mit Kosten von ca. 6,- Euro pro Jahr (also die Domainkosten) mit einem Projekt zu vergleichen, das ein vielfach höheres Budget hat ist ja schon fast sauerland-esk.

  • #5
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Matthes: In Rüttenscheid haben sich nun einmal schon etliche Unternehmen aus dieser Branche angesiedelt. Das ist einfach das Zentrum. Gleiches gilt für das Kreuzviertel: Auch da gibt es in Ansätzen einen passenden Branchenmix. Warum sollte eine Agentur nach Dinslaken gehen? Für Kreative mit wenig Geld sind die Nordstadt und die Gegend ums Bermudadreieck sicher die erste Wahl im Ruhrgebiet. Ruhrort finde ich spannend, aber mir fehlt der Glaube an den Erfolg.

  • #6
    J.K.

    @Stefan Nur mal so: Fragst Du auch uns Anwohner von Rüttenscheid mal, bevor Du uns qua permanenter Expertise zur endgültigen Gentrifizierung freigibst?

  • #7
    Matthes

    @Stefan: Was Dinslaken (und gab’s nicht auch was im Kreis Unna?) angeht, sind wir uns jedenfalls einig 😉

  • #8
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Matthes: Ja, im Kreis Unna sollten ein Künstlerdorf entstehen – auf dem Gelände des ehemaligen Aussiedlerlagers am Rand der Stadt nahe einem Industriegebiet. Zum Glück ist das Projekt schon vor 2010 gescheitert.

  • #9
    Arnold Voß

    @ Kettmann #1

    “Ist einfach nur Stinklangweilig was ihr da bringt, ewig das gleiche. Lobbyarbeit für eine immer ekelhafter werdende SPD. Herumhacken auf Sauerland, die Xte Doku über die gestolperten Loveparadler……
    Ihr seid weder anders als die alten Medien, noch bringt ihr Neues, und wenn man sich die „Qualität“ anschaut.Naja Schwamm drüber 😉 .”

    Hallo Kettann, wann schauen sie hier mal rein? Einmal im Jahr? 😉

  • #10
    Hannes

    “Warum sollte eine Agentur nach Dinslaken gehen?”

    Weil ich da geboren bin 😉

    Im Ernst: Warum sollte eine Agentur NICHT nach Dinslaken gehen, an die Schnittstelle zwischen Ruhrgebiet und Niederrhein sowie Münsterland? Oder ist in DIN schon mal eine Geschichte (schief-) gelaufen, die ich nicht mitbekommen habe? Wäre doch ein hübscher Nischenstandort.

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