Torsun von Egotronic: „Ich bin grad nicht in der Lage, Partytexte zu schreiben“

Egotronic (Bild: Bastian Bochinski)

Egotronic haben ein neues Album veröffentlicht, es heißt „Keine Argumente“. Warum das so ist und warum es in der jetzigen Zeit schwer fällt, Partylieder zu machen, haben wir Torsun, den Gründer und das Aushängeschild von Egotronic, gefragt.

Ruhrbarone: Noch mehr Punk (Rod González von den Ärzten hat euer Album gemischt) und noch weniger Elektro. Was macht Punk für euch aktuell so viel attraktiver als Elektro?

Torsun: Als ich die Egotronic-Platte „Macht keinen Lärm“ eingespielt hatte, hatte ich das Gefühl, das Genre des rein elektronischen Elektropunks nach meinen Möglichkeiten durchgespielt zu haben. Es war sogar schon so, dass auf der Platte in zwei Songs Gitarren zum Einsatz kamen, weil es mir mittlerweile zu wenig war, nur mit Synthesizern zu hantieren. Mein Anspruch an mich selbst war für Egotronic außerdem immer, das keine Platte so wie ihr Vorgänger klingen sollte, weshalb sich natürlich die Frage stellte, was als nächstes kommen könnte. So ergab es sich, dass die elektronischen Drums dran glauben mussten und so weiter. Ich beschloss, den Elektropunk mit Schwerpunkt Elektro in Elektropunk mit Schwerpunkt Punk zu transformieren. Der vorläufige Höhepunkt dieser Transformation ist mit „Keine Argumente!“ erreicht. Die Platte hat allerdings sogar wieder mehr elektronische Elemente als ihr Vorgänger.

Das neue Album heißt „Keine Argumente“. Habt ihr kein Bock mehr auf Diskussionen? 

Natürlich wird im Privatleben auch weiterhin diskutiert. Ein Song ist aber nicht das richtige Medium um komplexe Sachverhalte zu erklären. Zu was er aber taugt, ist, damit Stellung zu beziehen. Genau das haben wir mit diesem Album getan. Und zwar weit mehr als bei allen vorherigen Alben. 

Ihr spielt dieses Jahr zum ersten Mal bei Rock am Ring. Warum scheint ihr mit Punk bei den großen Festivals jetzt besser anzukommen als mit Elektro? Auch wenn natürlich klar ist, dass Rock am Ring primär ein Rock- und kein Elektro-Festival ist.

Die meisten großen Festivals bespielten wir zu Beginn noch mit rein elektronischem Setup und später dann in der Punk-Formation. Ob wir nun zu RAR und RIP (Rock am Ring und Rock im Park, Anmerkung der Redaktion) eingeladen wurden, weil wir jetzt rockiger geworden sind, weiß ich gar nicht. So oder so: Auf jeden Fall geil, das auch mal gemacht zu haben.

Die Texte sind auf dem neuen Album deutlich häufiger politisch als auf den Alben davor. Kann man in der jetzigen Situation keine Party-Lieder mehr machen?

Kann man gewiss, aber ich bin grad nicht in der Lage, Partytexte zu schreiben, weil das einfach weit weniger mit meiner Lebensrealität zu tun hat, als zum Beispiel zu Lustprinzip-Zeiten. Die Songs und vor allem die Texte handeln immer von dem, was mich gerade am meisten beschäftigt.

Viele Lieder wie „Hallo Provinz“, „Odenwald“ oder „Die Angst vor dem Schmerz“ sind stark autobiographisch geprägt. Viel es dir schwer, solche Inhalte in deinen Texten zu thematisieren?

Überhaupt nicht. Weil ich mich so am besten ausdrücken kann, begann ich überhaupt damit, Musik zu machen. In Songs fiel es mir immer am leichtesten, auch komplizierte, emotionale Sachverhalte zu verhandeln. Das ist bis heute so geblieben.

„Ihr wollt Arbeit, ich will schlafen“ heißt einer eurer neuen Songs. Ist für euch eure Musik keine Arbeit? Euer Tourkalender ist ja ziemlich voll..

Du hast schon recht damit, dass das auch Arbeit ist. Deshalb will ich manchmal sogar lieber schlafen, als aufzutreten. Allerdings ist Musik für mich der beste Job der Welt und vermutlich der einzige, für den ich mich überhaupt motivieren konnte. Bei allem anderen war nämlich die Verweigerung meine erste Maxime.

„Ihr seid scheiß Deutsche“ und „Nie wieder Deutschland, ich mein es wie ich’s sage“. Wofür steht Deutschland für dich? Und glaubst du nicht, dass Dinge wie „Deutschland verrecke“ und ähnliche Parolen heute nur noch als Plattitüde wahrgenommen wird?

Deutschland ist die stärkste Kraft in einem Europa, das auf Abgrenzung setzt und an dessen Außengrenzen letztes Jahr tausende von Menschen ums Leben kamen. Deutschland braucht nichtmal Rechtspopulisten an der Macht, um das Asylrecht zu zerstören, in Kriegsgebiete abzuschieben, die Grundlagen für einen Polizeistaat zu schaffen und gleichzeitig solche Dinge in anderen Ländern anzuprangern, nein: All das erledigt hier die Mitte. Dass währenddessen die Komprimierung einer radikalen Gegenposition in einer Parole als „Plattitüde“ abgetan wird, spricht jedenfalls Bände über die Gesellschaft.

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